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Beziehungen zu Preußen (19. Jahrhundert)

Aus Historisches Lexikon Bayerns

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von Hans-Werner Hahn

Preußische Gesandtschaft (links im Bild) in der Prinzregentenstraße, Fotografie ca. 1910. (Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-PETT1-2850, lizenziert durch CC BY-ND 4.0)

Die bayerisch-preußischen Beziehungen im 19. Jahrhundert waren vielfältig. Auf der dynastischen Ebene gab es mehrere Eheverbindungen zwischen dem Haus Wittelsbach und den preußischen Hohenzollern. Auf der politischen Ebene standen sich nach dem Ende des Alten Reiches zunächst zwei souveräne Staaten gegenüber, die zwischen 1815 und 1866 unterschiedliche Positionen über die Entwicklung des Deutschen Bundes vertraten. Während Preußen seit 1848 seine Ansprüche auf eine Führungsrolle in Deutschland untermauerte, war die Politik Bayerns vom Festhalten an der staatlichen Souveränität geprägt. Die Bismarckschen Einigungskriege zwangen das Königreich Bayern 1871 dann in die bundesstaatliche Ordnung des Deutschen Reiches. Mit ihr traten die politischen Beziehungen zwischen Preußen als Hegemonialmacht und Bayern als zweitgrößtem Einzelstaat des Reiches in ein neues, von zahlreichen Spannungen geprägtes Stadium. Konflikte zwischen dem mehrheitlich katholischen Bayern und dem protestantisch geprägten Preußen traten im 19. Jahrhundert auch immer wieder auf dem Feld der Religionspolitik auf. Auf der anderen Seite gab es zwischen Bayern und Preußen aber im 19. Jahrhunderts auch vielfältige Formen der Kooperation. Die wirtschaftlichen Entwicklungen, die wissenschaftlichen und kulturellen Verflechtungen und der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnende Tourismus förderten die Annäherung zwischen den Gesellschaften beider Staaten. Zugleich kam es aber bei der jeweiligen Selbst- und Fremdwahrnehmung auch zur Herausbildung neuer Klischees.

Ausgangslage

Karte des Königreichs Bayern (1819-1866). Die Territorien der ehemaligen Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth (vor 1789) sind schraffiert dargestellt. (Gestaltung: Stefan Schnupp)

Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Druck Napoleons (1769-1821, 1799 bis 1804 Erster Konsul der Franz. Republik, 1804-1814/15 Kaiser der Franzosen) durchgesetzte politische Neuordnung Deutschlands hatte für Bayern und Preußen sehr unterschiedliche Folgen. Preußen verlor nach der militärischen Niederlage von 1806/07 große Teile seines Staatsgebietes und den mühsam erkämpften Status einer europäischen Großmacht. Das mit Napoleon verbündete Bayern musste im Zuge der territorialen Neuordnung zwar den Verlust der Kurpfalz sowie der Herzogtümer Jülich, Simmern und Zweibrücken hinnehmen, erzielte dagegen aber eine Arrondierung seines Staatsgebiets, zu dem nun auch die erste 1791 an Preußen gefallenen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth gehörten. Mit dem Ende des Alten Reichs gewann das zum Königreich erhobene Bayern als größter und wichtigster Staat des unter dem Protektorat Napoleons stehenden Rheinbundes auch die volle staatliche Souveränität. Ihre Bewahrung blieb fortan ein zentrales Anliegen bayerischer Politik. Dies zeigte sich zunächst im Rheinbund, wo Bayern als größter Staat der Einführung bundesstaatlicher Elemente entschieden widersprach.

Politische Beziehungen

In der Zeit des Deutschen Bundes (1815-1848/49)

Nach dem Ende Napoleons 1814/15 sah Bayern vor allem in den preußischen Machtansprüchen die größte Gefahr für seine Stellung als souveräner Staat. Das durch innere Reformen und den militärischen Sieg über Napoleon wieder erstarkte Preußen forderte auf dem Wiener Kongress von 1814/15 eine Neuordnung Deutschlands als Bundesstaat. Bayern trat von Anfang an als größter Widersacher dieser Pläne auf. Unterstützt von Österreich konnte es mit dem Deutschen Bund eine lockere staatenbündische Ordnung durchsetzen, die die einzelstaatliche Souveränität respektierte, zugleich aber auch offen schien für gemeinsame Lösungen. In der Bundespolitik setzte sich Bayern gegen alle Versuche der beiden Vormächte Österreich und Preußen zur Wehr, den Mitgestaltungsanspruch der mittleren und kleineren Staaten des Deutschen Bundes (des sog. Dritten Deutschlands) zu schmälern. Zugleich strebte Bayern als drittgrößter Staat des Deutschen Bundes innerhalb dieser Gruppe eine Führungsrolle an. Diese in unterschiedlichen Phasen betriebene Triaspolitik war letztlich wenig erfolgreich und sollte vor allem nach der Revolution von 1848/49 die Beziehungen zu Preußen belasten.

Ungeachtet mancher Spannungen, die sich vor allem auch auf dem Felde der Religionspolitik bemerkbar machten, erforderten aber schon die 1815 geschaffenen territorialen Strukturen und die aus ihnen erwachsenen staatlichen Interessen auf wichtigen Politikfeldern eine Kooperation zwischen beiden Staaten. Durch die Gebietsgewinne im westlichen und mittleren Deutschland waren Preußen und Bayern territorial Nachbarn geworden. Dabei verstärkte gerade die Inbesitznahme der linksrheinischen Pfalz durch Bayern gemeinsame Interessen. Dies betraf etwa die Frage der militärischen Sicherheit gegenüber einem wieder erstarkenden und expansiven Frankreich. Als diese Gefahr im Gefolge der französischen Julirevolution von 1830 zu wachsen schien, war Bayern sogar zu einer engeren militärpolitischen Kooperation mit Preußen bereit. Eine österreichisch-preußische Verständigung sorgte jedoch dafür, dass die Militär- und Sicherheitspolitik ausschließlich im Deutschen Bund verblieb.

Anders sah es auf dem Felde der Handelspolitik aus. Nachdem weder die Verhandlungen in der Bundesversammlung noch Bemühungen der Mittel- und Kleinstaaten zum Abbau der innerdeutschen Zoll- und Handelsschranken geführt hatten, suchte Bayern seit 1829 eine Verständigung mit Preußen. 1833 trat es einer von Preußen geführten Zollunion bei, die rasch als "Deutscher Zollverein" bezeichnet wurde. Bayern war darin zwar ein gleichberechtigter Partner Preußens. Dennoch gab es von Anfang an die Sorge, dass Preußen den Zollverein als Instrument einer Deutschlandpolitik nutzen könnte, die den bayerischen Staatsinteressen entgegenlief. Der Zollverein stärkte innerhalb der liberalen und nationalen Bewegung jene Kräfte, die sich für einen von Preußen geführten deutschen Bundesstaat aussprachen.

Als sich in der Revolution von 1848/49 eine solche Lösung abzeichnete, stieß dies bei der bayerischen Staatsführung auf Ablehnung. König Maximilian II. (1811-1864, reg. 1848-1864) verweigerte der von der Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche beschlossenen Reichsverfassung die Zustimmung, weil ihre bundesstaatlichen Ansätze und vor allem die Mitwirkung eines direkt gewählten deutschen Parlaments dem bayerischen Streben nach Eigenständigkeit zuwiderliefen.

Gegensätze in der Frage der Reform des Deutschen Bundes (1850-1866)

Obwohl preußische Truppen den in der Rheinpfalz ausbrechenden Kampf um die Reichsverfassung niederschlugen, lehnte Bayern 1849 auch eine Beteiligung an der Unionspolitik ab, mit der Preußen eine kleindeutsche Lösung unter konservativeren Vorzeichen durchsetzen wollte. Bayern unterstützte dagegen 1850 die Wiederherstellung des Deutschen Bundes als besten Garanten bayerischer Souveränität, setzte sich aber bis zum Ende des Deutschen Bundes mit großem Engagement für einen vor 1848 ausgebliebenen inneren Ausbau ein. Zum einen ging es dabei um die Vereinheitlichung der Maß-, Münz- und Gewichtsysteme und um ein einheitliches Handelsrecht. Zum anderen wollte Bayern als Führungsmacht einer neuen Triaspolitik das Gewicht der deutschen Mittel- und Kleinstaaten gegenüber Preußen und auch gegenüber Österreich stärken. Diese Ansätze scheiterten vor allem an Preußen, das die Reformversuche im Deutschen Bund blockierte. Zugleich zwang Preußen 1864 das wirtschaftlich und finanziell vom Zollverein abhängige Bayern, den auslaufenden Zollvereinsvertrag zu den preußischen Bedingungen zu verlängern und auf eine zunächst geforderte Einbeziehung Österreichs in ein deutsches Zollsystem zu verzichten. Auf der politischen Ebene unterstützte Bayern 1863 dagegen die von Österreich vorgelegten Pläne einer Bundesreform, die dem Deutschen Bund mehr Kompetenzen zum Erlass gemeinsamer Gesetze geben sollte, zugleich aber die Unverletzlichkeit und Unabhängigkeit der Einzelstaaten bekräftigte. Zudem sollte Bayern ebenso wie Preußen und Österreich als ständiges Mitglied des Bundesdirektoriums fungieren. Während der Bundesreformplan nur eine von den Landesparlamenten beschickte Versammlung vorsah, verlangte Preußen in seinem 1866 vorgelegten Reformplan ein direkt gewähltes deutsches Parlament und die Zustimmung der deutschen Einzelstaaten zu einer bundesstaatlichen Ordnung ohne Österreich. Als im Gefolge dieser Auseinandersetzungen im Juni 1866 der österreichisch-preußische Krieg ausbrach, stellte sich das Königreich Bayern auf die Seite Österreichs. Im Juli 1866 kam es zu mehreren Gefechten zwischen bayerischen und preußischen Truppen. Die von Preußen gewonnene Schlacht von Kissingen forderte am 10. Juli 1866 auf beiden Seiten hohe Opfer.

Bayern, Preußen und der Norddeutsche Bund (1866-1870)

"Nur nicht ängstlich", Karikatur von Wilhelm Scholz (1824-1893). Bismarck bereitet den süddeutschen Staaten mit dem Zollverein eine Brücke zum Norddeutschen Bund. (Abb. aus: Kladderadatsch. Humoristisch-Satrisches Wochenblatt Nr. 29 u. 30 (28. Juni 1868), 120).

Der Ausgang des Krieges von 1866 führte in den bayerisch-preußischen Beziehungen zu einer grundlegenden Verschiebung der Machtverhältnisse. Das durch Annexionen deutlich vergrößerte Preußen stieg zur Führungsmacht des neuen Norddeutschen Bundes auf und nutzte den militärischen Sieg, um die Integration der süddeutschen Staaten in einen preußisch geführten Nationalstaat anzubahnen. Die bayerischen Hoffnungen auf die Führungsrolle in einem angedachten Südbund verflogen dagegen rasch. Im Friedensvertrag vom 22. August 1866 musste Bayern die von Preußen durchgesetzte Auflösung des Deutschen Bundes anerkennen und kleinere Gebiete in der Rhön sowie die thüringische Exklave Kaulsdorf an Preußen abtreten. Zudem verpflichtete es sich in dem gleichzeitig abgeschlossenen, zunächst noch geheimen "Schutz- und Trutzbündnis", im Kriegsfalle an der Seite Preußens zu stehen. Darüber hinaus musste Bayern einen neuen Zollvereinsvertrag mit dem Norddeutschen Bund akzeptieren. Bayern verlor sein bisheriges Vetorecht und musste sich in der Handelspolitik künftig Majoritätsentscheidungen des von Preußen dominierten Zoll-Bundesrats und einem neu geschaffenen Zollparlament unterwerfen. Dies wurde von König Ludwig II. (1845-1886, reg. 1864-1886), seiner Regierung und breiten Kreisen der Öffentlichkeit als tiefer Eingriff in die bayerische Souveränität empfunden und stieß vor allem bei der sich nun formierenden Bayerischen Patriotenpartei auf entschiedenen Widerspruch.

Das Zollparlament, das sich aus dem Reichstag des Norddeutschen Bundes und Abgeordneten der süddeutschen Staaten zusammensetzte, sollte nach dem Willen Otto von Bismarcks (1815-1898) die politische Integration des Südens beschleunigen. Die im Februar 1868 nach dem allgemeinen gleichen Männerwahlrecht durchgeführten Wahlen zeigten jedoch, dass die antipreußischen Ressentiments in weiten Teilen der bayerischen Bevölkerung noch weit größer waren als die der Staatsführung. Die neu gegründete katholisch-konservativ geprägte Bayerische Patriotenpartei, die sowohl den politischen und wirtschaftlichen Liberalismus als auch das preußische Hegemoniestreben vehement kritisierte, stieg in Bayern zur stärksten innenpolitischen Kraft auf. Der bayerische Widerstand gegen eine vollständige politische Integration in einen von Preußen geführten Nationalstaat, veranlasste den preußischen Gesandten in München zu dem Vorschlag, Bayern durch eine "Euthanasia … mit sanfter Hand zum Tode zu führen". Demgegenüber plädierte Bismarck unter Hinweis auf das große Beharrungsvermögen bayerischer Staatlichkeit und die in weiten Teilen des Landes "starke Anhänglichkeit an die Dynastie" für eine vorsichtigere Politik.

Im Deutschen Reich (1871-1918)

Erst der Ausgang des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, in dem die süddeutschen Staaten an der Seite Preußens kämpften, führte zum Beitritt Bayerns in das neu gegründete Deutsche Reich. Ludwig II. trug widerwillig auf Wunsch Bismarcks dem preußischen König Wilhelm I. (1797-1888, reg. 1861-1888, seit 1871 Deutscher Kaiser) per Brief den Kaisertitel an. Zugleich gestand Bismarck dem Königreich Bayern so genannte Reservatrechte zu, durch die es sich von anderen Staaten des Deutschen Reiches deutlich abhob. Bayern führte sein Eisenbahn-, Post- und Telegrafenwesen in eigener Regie, konnte eigene Verbrauchssteuern auf Bier und Branntwein erheben und sicherte sich Sonderrechte bei den diplomatischen Beziehungen und künftigen Friedensverhandlungen. Auch auf militärischem Gebiet erhielt Bayern einen Sonderstatus. Die bayerische Armee bildete innerhalb des deutschen Heeres einen in sich geschlossenen Bestandteil mit selbständiger Verwaltung. Sie verblieb in Friedenszeiten unter dem Oberbefehl des Königs und musste nur im Kriegsfalle dem Kaiser unterstellt werden. Zugleich aber wurde die bayerische Armee in ihren Strukturen, der Ausbildung und der Ausrüstung immer mehr der preußischen angepasst.

Damit blieben zwar Grundzüge einer eigenen Staatlichkeit und ein besonderes bayerisches Staatsbewusstsein erhalten, dennoch taten sich König und große Teile der bayerischen Bevölkerung schwer mit der neuen Stellung in einem von Preußen dominierten Deutschen Reich. Ein das bayerische Landesbewusstsein überlagernder Reichspatriotismus entstand vor allem in den protestantisch geprägten Regionen Frankens und der Rheinpfalz. In Hofkreisen und besonders bei der im Landtag dominierenden Patriotenpartei wurde dagegen kritisiert, dass die Verfassung des Deutschen Reiches angesichts der preußischen Präsidialgewalt und ihrer Folgen für die praktische Politik kein "wahres Föderativverhältnis" begründe. Trotz der staatsrechtlichen Trennung zwischen Preußen und dem Reich wurde die konkrete Reichspolitik daher meist als preußische Politik wahrgenommen, zumal auch der Bundesrat, in dem Bayern neben Preußen eine hervorgehobene Stellung zugesprochen worden war, im Verfassungsgefüge des Reiches eine immer geringere Rolle spielte. Auch das zum Teil harsche Auftreten preußischer Repräsentanten rief in Bayern immer wieder das schmerzhafte Gefühl der Unterordnung unter ein von Preußen dominiertes Reich hervor. Folglich opponierte gerade die Patriotenpartei, die sich 1887 in Bayerische Zentrumspartei umbenannte, immer wieder gegen weitere Kompetenzerweiterungen des Reiches. Die bayerischen Regierungen waren nach 1871 zwar bestrebt, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren, und Bayern blieb bis zum Ersten Weltkrieg ein treuer Gliedstaat des Deutschen Reiches. Dennoch wirkten antipreußische Ressentiments fort, die sich am Ende des Krieges sogar wieder verstärken sollten.

Diplomatische Beziehungen

Sowohl in der Zeit des Deutschen Bundes als auch im Deutschen Kaiserreich kam den beiderseitigen Gesandtschaften eine große politische Bedeutung zu. Die Anfänge der preußischen Gesandtschaft in München, die zwischen 1855 und 1909 in der Türkenstraße (Palais Dürckheim) und danach in der Prinzregentenstraße ihren Sitz hatte, lagen schon im späten 18. Jahrhundert. Nach 1815 lieferten die preußischen Gesandten wichtige Information zur Bundespolitik und den innerbayerischen Verhältnissen. Sie trugen oft zur Entschärfung politischer Konflikte bei, ihr Verhalten sorgte mitunter aber auch für Unmut auf der bayerischen Seite. Dies galt besonders für die Jahre zwischen 1867 und 1888, in denen Georg von Werthern (1816-1895) als preußischer Gesandter in enger Abstimmung mit Bismarck die Integration Bayerns in das Deutsche Reich befördern sollte. Sein Auftreten und sein unterschwelliger Vorwurf mangelnder bayerischer Reichstreue riefen in Münchener Hof- und Regierungskreisen sowie in der Öffentlichkeit mehrfach Kritik hervor. Nach seiner Abberufung traten solche Verstimmungen deutlich zurück.

Auch die bayerische Gesandtschaft in Berlin, die mit Unterbrechungen ebenfalls seit dem 18. Jahrhundert bestand, bekam in der Zeit des Deutschen Bundes eine immer größere Bedeutung. Für König Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825–1848) war sie, wie alle bayerischen diplomatischen Vertretungen, Ausdruck der neu gewonnenen bayerischen Souveränität und diente dem Mitgestaltungsanspruchs in den deutschen Angelegenheiten. Beim Abschluss der Zollvereinsverträge oder bei der Eheschließung von Kronprinz Maximilian mit der preußischen Prinzessin Marie Friederike (1825-1889) spielten bayerische Gesandte eine wichtige Rolle. Auch nach der Revolution von 1848/49 hatte die mit hoch angesehenen Persönlichkeiten wie Otto von Bray-Steinburg (1807-1899) besetzte Gesandtschaft in Berlin einen hohen Stellenwert in der auf Erhaltung der Souveränität ausgerichteten bayerischen Außenpolitik. Bayern legte auch nach der Reichsgründung im Unterschied zu anderen Einzelstaaten großen Wert auf die Ausübung des eigenen Gesandtschaftsrechts bei größeren Staaten und dem Vatikan. Dies geschah jedoch unter einer "vornehmen Hegemonie" Preußens und konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Königreich Bayern nach 1871 keine wirklich eigene Außenpolitik mehr betreiben konnte. Der bayerischen Gesandtschaft in Berlin, die 1892 einen repräsentativen Bau in der Voßstrasse bezog, kam deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil der jeweilige, offiziell in Preußen akkreditierte Gesandte nicht nur die Aufgaben eines bayerischen Vertreters im Reich wahrnahm, sondern auch als stimmführender Bevollmächtigter Bayerns im Bundesrat fungierte.

Bayerische Gesandte in Berlin
Name Lebensdaten Amtszeit Bemerkung
Tobias von Faudel 1799-1805 Resident
Dinadanus Graf von Nogarola gest. 1827 1799 Sondergesandter zur Notifikation des Regierungsantritts von Kurfürst Max I. Joseph
Aloys Franz Xaver Graf von Rechberg und Rothenlöwen 1766-1849 1800 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
François Gabriel Graf von Bray-Steinburg 1765-1832 1801-1807 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Willibald Hyazinth Graf von Rechberg und Rothenlöwen 1780-1849 1801-1806; 1807-1809 Geschäftsträger
Max Emanuel Anton Graf von Freyen-Seyboldtsdorff 1777-1832 1809-1810 Geschäftsträger
Wilhelm Friedrich Josef Graf von Hertling 1758-1816 1810-1813 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Josef Graf von Rechberg und Rothenlöwen 1769-1833 1816-1825 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Friedrich Christian Johann Graf von Luxburg 1783-1856 1826-1839 Gesandter; zugleich Gesandter in Dresden (Hauptdienstsitz)
Maximilian Josef Graf von Lerchenfeld auf Köfering 1799-1859 1839-1849 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Konrad Adolf Freiherr von Malsen 1792-1867 1849-1854 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Ludwig Maximilian Graf von Montgelas 1814-1892 1854-1858 bereits 1842/43 als Legationssekretär in Berlin; ab 1854 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Otto Kamillus Hugo Gabriel Graf von Bray-Steinburg 1807-1899 1858-1860 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Ludwig Maximilian Graf von Montgelas 1814-1892 1860-1867 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Otto Kamillus Hugo Gabriel Graf von Bray-Steinburg 1807-1899 1866 Vertreter Bayerns auf dem Friedenskongress in Berlin 1866
Maximilian Joseph Freiherr Pergler von Perglas 1817-1893 1868-1877 bereits 1843-1847 Legationssekretär in Berlin; ab 1868 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister; 1868-1871 zugleich Gesandter beim Norddeutschen Bund, ab 1871 Bevollmächtigter Vertreter Bayerns im Bundesrat
Gideon Ritter von Rudhart 1833-1898 1877-1880 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister; zugleich Bevollmächtigter Vertreter Bayerns im Bundesrat
Hugo Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering 1843-1925 1880-1918 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister; zugleich Bevollmächtigter Vertreter Bayerns im Bundesrat
Preußische Gesandte in München
Name Lebensdaten Amtszeit Bemerkung
Heinrich Wilhelm Karl von Harnier 1767-1827 1795-1809 1795 Geschäftsträger, ab 1799 Resident
Johann Friedrich August von Heymann 1740-1801 1799-1801 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Johann Eustach Graf von Schlitz 1737-1821 1799 Sondergesandtschaft; 1788-1806 preuß. Gesandter am Reichstag in Regensburg
Karl August Freiherr von Hardenberg 1750-1822 1802 Sondergesandtschaft wegen Verhandlungen zum Gebietstausch
Friedrich Heinrich Freiherr von Schladen 1772-1845 1803-1808 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Heinrich Graf von der Goltz 1775-1822 1809-1813 bis 1810 Geschäftsträger, ab 1810 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Johann Emanuel von Küster 1764-1833 1814-1817 bis 1815 Interimistischer Verwalter der preußischen Mission in München, zugleich Gesandter in Stuttgart und Karlsruhe; ab 1815 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Friedrich Christian von Zastrow 1752-1830 1817-1823 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Johann Emanuel von Küster 1764-1833 1824-1833 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
August Heinrich Hermann Graf von Dönhoff-Friedrichstein 1797-1874 1833-1842 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Carl Gustav Ernst Küster 1797-1861 1842-1845 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Albrecht Alexander Graf von Bernstorff 1809-1874 1845-1848 bereits 1836/37 Legationssekretär in München; Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Theodor Heinrich Rochus von Briest Rochow 1794-1854 1845 Gesandter
Heinrich Friedrich Philipp Baron von Bockelberg 1802-1857 1848-1857 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Theodor Franz Graf von Seckendorff 1801-1858 1858 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Wilhelm Paul Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg 1817-1887 1859-1861 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Wilhelm Heinrich Ludwig Arend Graf von Perponcher-Sedlnitzky 1819-1893 1862-1863 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Harry Curt Eduard Freiherr von Arnim-Suckow 1824-1881 1863-1864 bereits 1850/51 Legationssekretär in München; Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Prinz Heinrich VII. Reuß-Köstritz 1825-1906 1864-1867 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister; Unterbrechung der Mission während Deutschem Krieg 1866
Georg Graf von Werthern-Beichlingen 1816-1895 1867-1888 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister;1869-1871 zugleich Gesandter des Norddeutschen Bundes in München
Kuno Graf zu Rantzau 1843-1917 1888-1891 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Philipp Friedrich Fürst zu Eulenburg und Hertefeld 1847-1921 1891-1894 bereits 1881-1888 Legationssekretär in München; Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Anton Graf von Monts de Mazin 1852-1930 1895-1902 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Friedrich Graf von Pourtalès 1853-1928 1902-1907 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Karl Eberhard Friedrich von Schlözer 1854-1916 1907-1910 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Karl Georg von Treutler 1858-1933 1911-1914 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister
Wilhelm Eduard Freiherr von Schoen 1851-1933 1914-1916 Gesandter
Karl Georg von Treutler 1858-1933 1916-1918 Außerordentlicher Gesandter und Bevollmächtigter Minister

Dynastische Beziehungen

Zwischen der Reformation und dem Ende des Alten Reiches hatte es keine Eheschließungen zwischen katholischen Wittelsbachern und evangelischen Hohenzollern gegeben. Dies änderte sich erst in der Zeit des Deutschen Bundes. 1823 heiratete Elisabeth von Bayern (1801-1873), eine Tochter König Max I. Joseph (1756-1825, reg. 1799-1825, seit 1806 König von Bayern) und seiner zweiten Gemahlin Caroline Friederike von Baden (1776-1841), den preußischen Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm (IV.) (1795-1861, reg. seit 1840). Der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840, reg. seit 1797) hatte die von seinem Sohn angestrebte Verbindung zunächst mit der Forderung blockiert, dass Elisabeth vor der Eheschließung zum evangelischen Glauben konvertieren müsse. Dies geschah dann aber erst sieben Jahre nach der in Berlin nach evangelischem Ritus erfolgten Trauung. Das bayerische Königshaus nahm in den konfessionellen Fragen zunächst eine tolerantere Haltung ein. Kronprinz Ludwig verband mit der von ihm befürworteten Ehe zwischen seiner Halbschwester und dem preußischen Kronprinzen vor allem die Hoffnung, den protestantischen Norden und den katholischen Süden in einem föderativ geeinten "Teutschland" enger zusammenzuführen. Auch als König legte Ludwig seinem Sohn Maximilian keine Hindernisse in den Weg, als sich dieser für eine protestantische Gemahlin aus dem Hause Hohenzollern entschied. 1842 heiratete Kronprinz Maximilian die preußische Prinzessin Marie Friederike, eine Enkelin von König Friedrich Wilhelm II. (1744-1797, reg. seit 1786), die bis zu ihrer Konversion 1874 evangelisch blieb. Die neuen familiären Beziehungen zwischen den bayerischen und preußischen Herrscherhäusern förderten gerade auf kulturellem Gebiet das Interesse an- und das Verständnis füreinander. In den 1840er Jahren wirkten sie auch mäßigend auf die konfessionellen Streitereien. Am Ende aber konnten sie im Deutschen Bund die politischen Konflikte und schließlich den Krieg zwischen beiden Staaten nicht verhindern.

Kaiser Wilhelm II. und Prinz Ludwig vor dem provisorisch untergebrachten Deutschen Museum im alten Gebäude des Bayerischen Nationalmuseum an der Maximiliansstraße, Postkarte von 1906. (Stadtarchiv München, C190661, lizenziert durch CC BY-ND 4.0)

Nach der Reichsgründung gab es keine neuen dynastischen Verbindungen. Zudem nahmen die Spannungen zwischen beiden Häusern deutlich zu. Ludwig II., selbst Sohn einer preußischen Prinzessin, entwickelte einen regelrechten Hass auf das neue Kaiserreich und war bestrebt, persönliche Begegnungen mit Mitgliedern des preußischen Königshauses zu vermeiden. Kaiser Wilhelm I. kritisierte die 1874 vollzogene Konversion von Ludwigs Mutter mit heftigen Worten und hielt einen Besuch Königin Maries in Berlin für "vorläufig nicht wünschenswert".

Unter Wilhelm II. (1859-1941, reg. 1888-1918) mehrten sich dann Vorfälle, die deutlich zeigten, wie preußische Überheblichkeit und bayerischer Selbstbehauptungsanspruch die Beziehungen zwischen den Herrscherhäusern belasteten. Als der Kaiser 1891 beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt München mit dem Satz "Suprema lex regis voluntas" seinen Vorrang gegenüber der bayerischen Monarchie zu unterstreichen schien, stieß dies in den bayerischen Hofkreisen auf heftigste Kritik. Auf der anderen Seite entrüstete sich der Hohenzollernkaiser darüber, dass im Jahre 1900 aus Anlass des Kaisergeburtstages auf Anweisung des Prinzregenten Luitpold (1821-1912) nur die Kasernen, nicht aber die anderen Staatsgebäude beflaggt wurden. Besonders schwierig gestaltete sich das Verhältnis zwischen Wilhelm II. und dem Prinzen Ludwig. Der spätere bayerische König Ludwig III. (1845-1921, Prinzregent 1912-1913, König von Bayern 1913-1918) fühlte sich mehrfach durch das Verhalten des Kaisers provoziert und betonte 1896 bei einem Festbankett in Moskau, dass Bayern nicht Vasall, sondern Verbündeter des Deutschen Kaisers sei.

Wirtschaft und Gesellschaft

Wirtschaftliche Fragen gewannen seit 1815 eine immer größere Bedeutung. Die gegenseitigen Verflechtungen erreichten mit der Industrialisierung und dem Ausbau der modernen Verkehrssysteme, insbesondere der Eisenbahn, eine ganz neue Qualität. Beide Seiten profitierten vom wachsenden Handelsaustausch, wenngleich die stärker agrarisch-mittelständisch geprägte bayerische Wirtschaft hinter der Dynamik der preußischen Industrieentwicklung zurückblieb. Im Deutschen Zollverein opponierte Bayern mehrfach gegen eine mehr freihändlerisch ausgerichtete preußische Tarifpolitik, musste sich aber am Ende angesichts wirtschaftlicher und fiskalischer Abhängigkeiten den Vorgaben Preußens fügen. Auch nach 1871 blieb der Einfluss Bayerns auf die Handelspolitik des Deutschen Reiches begrenzt. 1878/79 verhalf die Bayerische Patriotenpartei Bismarcks neuer Schutzzollpolitik zur Mehrheit. Danach zeigten sich aber wieder deutliche Interessenunterschiede zwischen preußischen Großagrariern und bayerischer Landwirtschaft.

In der gesellschaftlichen Entwicklung traten ebenfalls deutliche Unterschiede hervor, die mit abweichenden staatlichen Reformstrategien zusammenhingen. Die preußische Reformpolitik unter Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg (1750-1822) zielte mit der Gewerbefreiheit und der Judenemanzipation auf eine möglichst rasche Freisetzung neuer gesellschaftlicher Kräfte. Trotz mancher gegenläufiger Tendenzen setzte sich dieser wirtschaftsliberale Ansatz im 19. Jahrhundert weiter fort und förderte eine dynamische Entwicklung, die Preußen als Staat des Fortschritts und der Modernität erscheinen ließ. Demgegenüber betrieb Bayern eine vorsichtigere Reformpolitik, die mehr Rücksicht auf gewachsene Strukturen nahm und die agrarisch-mittelständisch geprägte Gesellschaft nicht schutzlos den neuen kapitalistischen Marktkräften aussetzen wollte (z. B. in Fragen der Ansässigmachung und Gewerbefreiheit). Dies bremste die wirtschaftliche Dynamik und blockierte etwa auch die Aufstiegschancen jüdischer Familien, die teilweise aus Franken in preußische Städte wie Erfurt auswanderten. Inwieweit der bayerische Weg in die Moderne gerade im Vergleich zu Preußen sozialverträglichere Züge aufwies, ist in der Forschung umstritten. Festzuhalten ist aber, dass die Abneigung vieler Bayern gegen den mächtigen Staat im Norden auch als sozialkonservativ geprägte Abwehrhaltung gegen die mit Preußen assoziierte dynamische Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung zu sehen ist.

Religion

Ein weiterer Konfliktherd, der vor allem im Vormärz die Beziehungen beider Staaten belastete, betraf die konfessionellen Verhältnisse. Bayern und Preußen wiesen hier keine homogenen Strukturen auf, waren aber im Zuge der inneren Reformen zunächst bestrebt, durch eine tolerante Politik konfessionellen Streit zu vermeiden. Mit dem Bedeutungsgewinn, den die Religion nach 1815 wieder erfuhr, wuchsen aber nicht nur die konfessionellen Spannungen innerhalb Preußens und Bayerns. Sie wirkten sich vor allem in den 1830er Jahren auch auf die politischen Beziehungen zwischen beiden Staaten aus. König Ludwig I. sah das mehrheitlich katholische Bayern als Schutzmacht der deutschen Katholiken. Umgekehrt verstand sich der preußische König Friedrich Wilhelm III. als Protektor der evangelischen Seite, nicht zuletzt des "evangelischen Frankenlands", dessen Freiräume durch die gezielte Förderung katholischer Interessen und Ansprüche beschnitten wurden. Als in Preußen 1837 der so genannte Mischehenstreit eskalierte, bei dem es um die Konfession von Kindern aus gemischtkonfessionellen Ehen ging, stieß das preußische Vorgehen gegen die katholische Kirche vor allem in der bayerischen Presse, aber auch bei der Regierung auf so heftige Kritik, dass sich Preußen beim Bundestag beschwerte. Am Ende trug aber gerade der bayerische König Ludwig I. gemeinsam mit dem preußischen Thronfolger Friedrich Wilhelm IV. dazu bei, den Streit durch Kompromisse zu entschärfen. In der Folgezeit traten die konfessionellen Konfliktpunkte in den Beziehungen zwischen Bayern und Preußen zurück. Die von Bismarck und den Liberalen in den 1870er Jahren in Preußen und im Reich erlassenen Gesetze gegen die katholische Kirche (Kulturkampf) verstärkten aber in weiten Teilen Bayerns die antipreußischen Ressentiments.

Kultur und Alltagsleben

Heinrich von Sybel (1817-1895), von 1856 bis 1861 Professor für Geschichte an der Universität München zählte zu den von Maximilian II. berufenen norddeutschen Gelehrten. Gravur nach einem Gemälde von Julius Roeting (1822-1896). (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-023234)

Im kulturellen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich verdichteten sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die wechselseitigen Verflechtungen zwischen Bayern und Preußen. Dies zeigte sich etwa 1859 bei der von König Maximilian II. gegründeten "Commission für deutsche Geschichte und Quellenforschung bei der königl. Academie der Wissenschaften" (die spätere Historische Kommission bei bayerischen Akademie der Wissenschaften), in der unter dem Vorsitz des führenden preußischen Historikers Leopold von Ranke (1795-1886) Historiker aus Bayern, Preußen und anderen deutschen Staaten zusammenarbeiteten. Allerdings schlug sich das aus der politischen und wirtschaftlichen Dominanz erwachsende preußische Überlegenheitsgefühl auch in den Bereichen Kultur und Wissenschaft deutlich nieder. So berief König Maximilian II. zahlreiche norddeutsche Gelehrte, Künstler und Literaten nach München, um schneller Anschluss an moderne Entwicklungen zu finden. Das Wirken dieser so genannten Nordlichter verstärkte wiederum besonders im katholischen Umfeld antipreußische Ressentiments. Überhaupt nahmen im 19. Jahrhundert die negativen wechselseitigen Zuschreibungen zunächst einmal deutlich zu. Viele Bayern sahen in Preußen einen obrigkeitsstaatlichen Militärstaat, der andere unterjochen wollte, und sprachen abwertend von den "Saupreißn". Preußische Beamte spotteten über die gesellschaftliche Rückständigkeit der Bayern und die "halbwilde Gebirgsbevölkerung". Mit dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wachsenden Tourismus und anderen Begegnungen setzten sich zwar auf beiden Seiten differenziertere Wahrnehmungen durch. München erfuhr in Norddeutschland als Stadt der Kunst, der Sinnlichkeit und der Lebensfreude eine wachsende Wertschätzung. Auch die Faszination der Alpenwelt zog immer mehr Norddeutsche in ihren Bann und weckte das Interesse an der dortigen Lebenswelt. Dennoch sollten die wechselseitigen Vorurteile nicht verschwinden, sondern wirkten auch im 20. Jahrhundert fort.

Literatur

  • Dieter Albrecht, König Ludwig von Bayern und Bismarck, in: Historische Zeitschrift 270 (2000), 39-64.
  • Irmgard von Barton gen. von Stedman, Die preußische Gesandtschaft in München als Instrument der Reichspolitik in Bayern von den Anfängen der Reichsgründung bis zu Bismarcks Entlassung (Miscellanea Bavarica Monacensia 2), München 1967.
  • Michael Doeberl, Bayern und die Bismarcksche Reichsgründung, München/Berlin 1925.
  • Johannes Erichsen u. Evamaria Brockhoff  (Hg.), Bayern & Preußen & Bayerns Preußen. Schlaglichter auf eine historische Beziehung, Augsburg 1999.
  • Angelika Fox, Die wirtschaftliche Integration Bayerns in das Zweite Deutsche Kaiserreich. Studien zu den wirtschaftspolitischen Spielräumen eines deutschen Mittelstaates zwischen 1862 und 1875 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 131), München 2001.
  • Heinz Gollwitzer, Ludwig I. von Bayern. Königtum im Vormärz. Eine politische Biographie, München 1986.
  • Wolf D. Gruner, Die süddeutschen Staaten, das Ende des Deutschen Bundes und der steinige Weg in das deutsche Kaiserreich (1864-1871), in: Winfried Heinemann/Lothar Höbelt/Ulrich Lappenküper (Hg.), Der preußisch-österreichische Krieg 1866, Paderborn 2017, 241-301.
  • Wolf D. Gruner,  Süddeutsche Geschichtslandschaften zwischen regionaler, gesamtstaatlicher und europäischer Integration (1789–1993), Teil VI. 1871-1919, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 157 (2021), 109-190.
  • Oliver Haardt, Bismarcks ewiger Bund. Eine neue Geschichte des Deutschen Kaiserreichs, Darmstadt 2020.
  • Hans-Werner Hahn, Georg von Werthern als preußischer Gesandter am bayerischen Hof, in: Zeitschrift für Thüringische Geschichte, Bd. 68, 2014, 167-188.
  • Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. IV./1: Das neue Bayern 1800-1970, begründet von Max Spindler, hrsg. von Andreas Kraus, München 1979.
  • Friedrich Hartmannsgruber, Die Bayerische Patriotenpartei 1868-1887 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 82) , München 1986.
  • Hans-Michael Körner, Geschichte des Königreichs Bayern, München 2006.
  • Hans-Michael Körner, Staat und Geschichte im Königreich Bayern 1806-1918 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 98), München 1992.
  • Marita Krauss, Herrschaftspraxis in Bayern und Preußen im 19. Jahrhundert. Ein historischer Vergleich (Historische Studien 21), Frankfurt a. Main 1997.
  • Heinrich Lutz, Zwischen Habsburg und Preußen. Deutschland 1815-1866 (Die Deutschen und ihre Nation 2), Berlin 1985.
  • Konrad Reisser, Bayerische Gesandte bei deutschen und ausländischen Regierungen 1871-1918. Ein Beitrag zur Geschichte der Teilsouveränität im Bismarckreich, München 1968.
  • Jochen Schmidt, Bayern und das Zollparlament. Politik und Wirtschaft in den letzten Jahren vor der Reichsgründung (1866/67-1870). Zur Strukturanalyse Bayerns im Industriezeitalter (Miscellanea Bavarica Monacensia 46), München 1973.

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Hans-Werner Hahn, Beziehungen zu Preußen (19. Jahrhundert), publiziert am 09.03.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Beziehungen_zu_Preußen_(19._Jahrhundert)> (09.03.2026)