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Volksmusik

von Manfred Seifert

Der Begriff "Volksmusik" wird klassischerweise als Sammelbegriff für die Bereiche Lied, Musik und Tanz der sog. einfachen Bevölkerung in vorwiegend traditionell-ungepflegter Ausprägung verwendet. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden darunter diffus auch der Bereich der Volksmusikpflege sowie der Bereich volkstümlicher Schlagermusik verstanden. Mit der sog. Neuen Volksmusik bedient sich ein weiteres musikalisches Genre dieses Begriffes.

Die Entdeckung bzw. Konstruktion der Volksmusik

Johann Gottfried Herder (1744-1803) schuf 1773 den Begriff "Volkslied". Kupferstich in Punktmanier von Ernst Rauch (1797-1877). (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-017857)

"Volkslied" als Ausgangspunkt vieler begrifflicher Zusammensetzungen mit "Volk" ist eine Neubildung des 18. Jahrhunderts. Die Erwähnung des laienmäßigen Singens und Tanzens unter anderen Begriffen lässt sich hingegen bis ins 1. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen. Der Dichter und Schriftsteller Johann Gottfried Herder (1744-1803) beschäftigte sich als erster im deutschen Sprachraum explizit mit Volksmusik und schuf den Begriff "Volkslied" im Jahr 1773. Dieser Begriff wurde zuerst von den Vorläufern der germanistischen und volkskundlichen Forschung aufgegriffen. Er verbreitete sich in der weiteren Entwicklung, insbesondere über das Chorwesen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und die Volksmusikpflege ab den 1920er Jahren. In der Gegenwart hat sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der vom Begriff erfassten musikalischen Sphäre weitgehend vom Volks-Begriff verabschiedet und spricht nun von populärer Musik etc., während dieser nach wie vor in Alltagssprache und Medien fest verankert ist.

Die Anfänge der Beschäftigung mit Volksmusik und ihr historischer Hintergrund

Volksmusik im Sinne von "Volkslied" wurde durch das gebildete Bürgertum in schwärmerischer Hinwendung als spezielle Musikkategorie entdeckt (1770- ca. 1815) und gepflegt. Es war dies die Zeit einer frühen nationalen Bewegung, die in Opposition zum französischen Kultureinfluss eine kulturelle Eigenständigkeit und nationale Einigung der im Flickenteppich territorialer Kleinstaaten lebenden Deutschen herbeiwünschte. Herder entwickelte für das "Volkslied" als erster ein explizites theoretisches Gebäude auf der Basis der Grundauffassung, dass sich die kulturell-gesellschaftliche Eigenart verschiedener Völker in ihrem jeweils aus dem "natürlichen" Gemüt geschöpften Liedgut als Ausdrucksform manifestiere. Im deutschen Kontext bezog man sich bald jenseits der nationalen Volksebene auf die regionale Stammesebene. Dergestalt wurde am Nachweis der regionalen Besonderheiten populärer Musikalität mehr gefeilt als auf die realen Gegebenheiten geachtet. Eine weitere Verengung der Volksmusiksammlung ergab sich durch Herders Volkslied-Kennzeichen des hohen Alters, der Schönheit sowie der allgemeinen Verbreitung in mündlicher Vermittlung bei Anonymität des Liedautors.

Forschung und Volksmusiktheorien

Je näher und wirklichkeitsorientierter sich die Forschung in der Folgezeit (zwischen 1900 und 1930) mit Volksmusik in ihrem nicht von der Pflege vereinnahmten Dasein und Vollzug bei der Bevölkerung befasste, desto deutlicher rückten Gesichtspunkte jenseits der romantischen Definition in den Vordergrund. Dies begann zunächst repertoirebezogen und stilistisch: Man erkannte, dass Volkslied und -musik nicht nur im Volk selbst produziert werden, sondern Lied- und Musikgut auch aus damals höheren Gesellschaftsschichten (vor allem dem Bürgertum) übernommen und anverwandelt wurden. Ferner identifizierte man nun auch spezifische stilistisch prägende Aufführungspraktiken bei Gesang und Instrumentalmusik, die nicht der im interessierten Bürgertum favorisierten Orientierung am Klangideal der klassischen Kunstmusik entsprachen.

Maßgeblich trug dazu ab 1903 die sogenannte Reproduktionstheorie von Eduard Hoffmann-Krayer (1864-1936) bei, die von einer kreativen Übernahme von vorbildhaftem Kulturgut aus höheren Gesellschaftsschichten ausging. Einige Jahrzehnte bestimmte seine Volksmusiktheorie diese Debatte um den "wahren" Ursprung der Volksmusik aus kreativer Übernahme versus aus passiver Übernahme (Rezeptionstheorie) versus aus eigenschöpferischem Einfall (Produktionstheorie). Diese Debatte wurde erst in den 1960er Jahren abgelöst. Die breiteste Aufnahme jenseits der Forschung fand die 1969 publizierte Theorie des Musikwissenschaftlers Ernst Klusen (1909-1988), die das Volkslied als in sog. face-to-face-Kommunikation von Primärgruppen praktiziertes Gruppenlied definiert, das auch tatsächlich in dieser Gruppe gesungen wird, dort als Gebrauchslied ein Hilfsmittel und Werkzeug der Lebensgestaltung bildet sowie beim Singen im Zuge der Rollenverteilung und Wechselbeziehungen innerhalb der Gruppe seine Struktur erhält. Jüngere Theorien verstehen die volksmusikalische Sing- und Musikpraxis als Handlungs- und Kommunikationsstruktur (Schepping, Lied- und Musikforschung 2001; Leimgruber u. a., Ewigi Liäbi 2009).

Volksmusik und politische Ideologisierung

Das Volksmusikverständnis wurde jedoch auch von den politischen Ideologien zu Anfang des 20. Jahrhunderts vereinnahmt und instrumentalisiert. Die sozialistische Ideologie fahndete im Kulturverständnis des Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) nach Liedern demokratischen Charakters bei den unterdrückten Bevölkerungsklassen (Steinitz, Deutsche Volkslieder 1954 und 1962). Und im nationalistischen und schließlich nationalsozialistischen Zugriff führten rassistische Überlegungen bei Repertoire und Stilistik zur "Säuberung" des Volksmusikverständnisses hinsichtlich der propagierten arischen Erbanlagen (Bruckbauer, Verordnete Kultur 1998; Seefelder, Instrumentalisierung 2008).

Die Aufzeichnung und Sammlung von Volksmusik in Bayern

Andreas Zaupser (1747-1795), Kupferstich in Punktmanier von Friedrich John (1769-1843) nach einem Gemälde von Joseph Georg von Edlinger (1741-1819). Zaupser zählt zu den Schriftstellern und Forschern, die sich im ausgehenden 18. Jahrhundert verschiedentlich mit dem Thema Volksmusik befassten. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-001724)

Bei der Sammlung von volksmusikalischer Überlieferung stand bis ca. 1900 das Volkslied im Zentrum, erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts widmete man sich auch dem Volkstanz und ab den 1930er Jahren schließlich der instrumentalen Volksmusik, zuerst im Kontext des Tanzens. Für Bayern datieren die frühesten Zeugnisse aus dem 15. Jahrhundert. Sie sind vorwiegend in geistlichen Liederbüchern, Instrumentaltabulaturen, musikalischen Lehrbüchern, aufklärerischer Sittenkritik sowie Bildwerken (Holzschnitten, Kupferstichen etc.) dokumentiert. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts finden Liedgut, Tänze und Instrumentalmusik im Rahmen von Reiseberichten (Lorenz von Westenrieder [1748-1829]), historisch-topografischen Landesbeschreibungen (Joseph Ritter von Hazzi, [1768-1845]) und der Sprachforschung (Andreas Zaupser [1746-1795]) Erwähnung. Aus künstlerischer Neigung und ausgestattet mit einem Musikstudium sammelte Franz Wilhelm von Ditfurth (1801-1880) Volkslieder aus Franken (1855). Gleichzeitig begannen auch Sänger und Musikanten damit, Tanzmelodien und Liedtexte als Gedächtnisstütze schriftlich zu fixieren. 1925 startete die schalltechnische Aufzeichnung von Volksmusik, seinerzeit mit phonografischen Aufnahmen (Mayer, Volksmusikforschung 1987). Inzwischen verfügen u. a. die volksmusikalischen Forschungseinrichtungen der bayerischen Bezirke sowie des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege über einen reichhaltigen Fundus an historischen und aktuellen Dokumenten zur regionalen Volksmusik in Form von handschriftlichen und gedruckten Dokumenten jenseits der Volksmusikpflege. Erwähnt werden muss auch die Forschung in Archiven und bei Gewährspersonen, die wesentliche Erkenntnisse zur volksmusikalischen Praxis seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bis in die jüngste Gegenwart erbrachte.

Zur Charakteristik tradierter Volksmusik in Bayern

Lied

Die Brüder Sebastian "Wastl" Roider (1901-1991, links) und Jakob "Jackl" Roider (1906-1975, rechts) während der Fernsehsendung "Das ist die Höhe" im Juli/August 1962. Die Roider-Brüder traten sei den 1930er Jahren einzeln oder gemeinsam auf. Jackl Roider prägte das sog. Gstanzl-Singen. Dabei handelt es sich um kurze Spottverse, die mit musikalischer Begleitung vorgetragen werden. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-007623)

Die historisch übliche Singweise in Bayern ist einstimmig oder in paralleler Zweistimmigkeit (Hauptstimme in der Regel in der Unterstimme, zum Beispiel in Franken auch in der Oberstimme) mit Bassstimme in einfacher Harmonisierung. Die Intonation war kräftig, rauh, regional mit hohem Schalldruck und im Wechsel von Brust- und Kopfstimme ausgeführt. Das Singen erfolgte weithin auswendig und nur in Ausnahmen mit Textvorlage. Klassische Singanlässe waren monotone Arbeiten, namentlich zur Textilarbeit der Frauen nach Feierabend und in der sog. Gunkelstube (= Spinnstube des Hauses), dem sich fallweise ein geselliger Ausklang mit hinzukommenden Gästen, unter Umständen mit instrumentaler Begleitung, anschloss. Gesang fand auch bei kirchlichen Anlässen statt, bei Begegnungen im freien Feld, bei Tanzveranstaltungen und Wirtshausgesellschaften. Im 19. Jahrhundert wurden die älteren Kirchensängergruppen von Chor- und Chormusikgemeinschaften abgelöst, die nun die Messfeiern allein oder als Vorsänger für die Gemeinde gestalteten. Hierüber und über das aufblühende säkulare Chorwesen verbreitete sich hochkulturelles Liedgut. Über die nationalen Wettstreite deutscher Männergesangsvereine zwischen 1899 und 1913, zu denen Kaiser Wilhelm II. (1859-1941, deutscher Kaiser 1888-1918) den Wert des Volkslieds propagierte, wurde das deutsche Kunstlied im Volksliedton insbesondere in die bürgerlichen Sozialschichten getragen. Hinsichtlich des Repertoires markieren u. a. namentlich Vierzeiler ("Gstanzl"), vielstrophige Gesänge und Jodlerformen (Allgäuer Jodler, oberbayerische "Jauchzer", waldlerische Arien) den regionalen Traditionsbestand.

Instrumentale Musik

Instrumente und Ensembles der Volksmusik jenseits der seit dem Hochmittelalter aktenkundigen Professionisten (städtische Türmer und Stadtpfeifereien, höfische Musikensembles) werden erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts solider greifbar. Damals wird eine unerwartet große Menge an örtlichen im Nebenerwerb (Taglöhner, Knechte, Hirten, Handwerker, Wirte, Lehrer, Türmer etc.) oder halbprofessionell bzw. ganzjährig herumziehender Musikanten greifbar, die einzeln oder in sog. Kumpaneien von zwei bis drei Mann zu Jahrmärkten und Kirchweihen, Hochzeiten oder anderen, mehr spontanen Tanzanlässen mit folgenden Instrumenten aufspielten: Geige, Klarinette, (Wald-)Horn, Bassgeige, diatonischem (= aus Tonanordnungen bestehend, die Tonleitern entsprechen, welche den Oktavraum in fünf Ganz- und zwei Halbtonschritte aufteilen) Hackbrett und Dudelsack, vereinzelt etwa auch Harfe, Fagott, Oboe, Schalmei, Querpfeifen, Leier, Maultrommel und Zither. Dieses instrumentale Musizieren ist für diese Zeit eine Sache von Männern, selten dagegen von Frauen (z. B. Harfe).

Instrumental markiert dieser Zeitraum den Übergang aus einer älteren Schicht von Saiten-, Holzblas- und Borduninstrumenten (sie besitzen einen Halteton, der zur Begleitung einer Melodie erklingt) hin zu Blechblas- und Harmonikainstrumenten, die sich ähnlich der 1690 erfundenen Klarinette aufgrund der Erfindung der Ventile 1813 und das Vorbild der Militärmusiken bzw. der Entwicklung von Instrumenten unter Verwendung frei schwingender Zungen von 1810 bis 1830 zu diatonischen und schließlich chromatischen Harmonikas popularisierten. Ensembles, die dem militärischen Vorbild entsprechend ausschließlich mit Blasinstrumenten besetzt waren, gewannen auf dem Lande erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend größere Bedeutung. Besonders für Franken spielten von ehemaligen Militärmusikern geleitete Blasmusikensembles eine bedeutende Rolle, wo Nachwuchsmusiker in dreijähriger Gesellenzeit ausgebildet wurden. Erst jetzt begegnen auch gedruckte und namentlich handgeschriebene Notenblätter und -hefte, wobei letztere oft nicht als Spielvorlage, sondern als Erinnerungsstütze Verwendung fanden. Im Übrigen blieb bis ins 20. Jahrhundert das auswendige Musizieren inklusive improvisatorischer Stimmführungen stilprägend für die volksmusikalische Praxis.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Zither und ab den 1870er Jahren die diatonische Harmonika als mehrstimmig erklingende Soloinstrumente zu beliebten Instrumenten. Die Spielart auch der Musikensembles nahm ihren Ausgangspunkt bei der einfachen Mehrstimmigkeit (zweistimmig) der Melodie mit nach Möglichkeit mehrstimmigem Nachschlag und Bass, zu der zum 20. Jahrhundert hin zunehmend Nebenstimmen und auch komplexere Harmonien hinzutraten. In der Intonation traten vor allem ein starker rhythmischer Nachschlag sowie eine der tänzerischen Funktion entgegenkommende Spielart des sog. dirty play hinzu. Hinsichtlich des volksmusikalischen Repertoires der genannten Ensembles und Soloinstrumente bestimmte die hauptsächliche Funktion als Tanzmusik die Auswahl, hinzu traten Liedmelodien und Märsche.

Tanz

Tänze wie Polka oder Mazurka prägen bis in die Gegenwart die Volksmusik. Titelblatt des Werkes "Ich und mein Schatten" von Carl Faust (1825-1892). Lithographie um 1878. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-027990)

Die tänzerische Überlieferung setzt mit den älteren Schreit- und Reigentanzformen ein (ab Mitte 16. Jahrhundert), ihnen schließen sich die Kontratanzformen wie die "Achter" und "Sechser" des Alpenvorlandes oder die städtische "Française" sowie die regional unterschiedlich ausgeprägten Ländler- und Dreherformen an. Der "Wiener Walzer" eroberte ab den 1820er Jahren die Tanzböden in Stadt und Land, ebenso wie "Polka" (tschechischer Ursprung) und "Mazurka" (polnischer Ursprung). Markant sind Figurentänze (z. B. "Hans Adam", "Neubairischer", "Siebenschritt", "Bauernmadel", "Neukatholischer", "Waldjäger"), die für Ober- und Niederbayern sowie die Oberpfalz früh dokumentiert sind. Niederbayern ragt darunter als besonders reichhaltige Region hervor, was allerdings auch an der Überlieferungsdichte liegen kann. Für Franken sind besonders die Tanzbeschreibungen von Hans von der Au ab den 1930er Jahren zu nennen. Eine deutsche Besonderheit sind die ehedem nur in der Oberpfalz, Niederbayern, dem südöstlichen Mittelfranken und dem böhmischen Egerland heimischen taktwechselnden Tänze in Form der Zwiefachen.

Weiterentwicklungen

Weiterentwicklungen über die oben skizzierten Charakteristiken hinaus ergaben sich noch vor 1900 über die (stadt-)bürgerliche Hinwendung zur traditionellen Volksmusik bzw. insbesondere zu einem aus Natur-romantischer Idealisierung genährten Repertoire "im Volkston" im Rahmen der dort auflebenden Hausmusikpraxis, bei der stilistisch eine Orientierung am Kunstmusikideal (an den musikalischen Meisterwerken führender Komponisten der sogenannten Wiener Klassik entwickelter Maßstab) und seiner Ästhetik vorherrschte. Hieran knüpften in Bayern Teile der Jugendbewegung, der 1924 startende Rundfunk (die "Deutsche Stunde in Bayern" übertrug ab dem Gründungsjahr "Volksmusik") sowie die ab 1929 in der Vorbereitung des ersten Oberbayerischen Preissingens 1930 in Rottach-Egern (Lkr. Miesbach) startende Volksmusikpflege an.

Die NS-Zeit unterbrach diese Entwicklung zu einer rein aus Neigung präferierten und praktizierten Freizeitmusik im öffentlichen Raum für einige Jahre. Ab November 1954 folgte das Fernsehen mit einer eigenen bayerischen Sendeanstalt – dem Bayerischen Rundfunk (BR) -, die namentlich von den 1960er bis 1990er Jahren der gepflegten Volksmusik zu prominenter Verbreitung verhalf und diese Musik für die breite Bevölkerung zum Konsumgut werden ließ. Das ab 1993 für die Öffentlichkeit geöffnete Internet hat sich in der Folge dagegen zu einer Plattform sowohl der gepflegten wie ungepflegten Volksmusik in ihrer vollen Breite entwickelt, die auch sämtlichen innovatorischen Bemühungen um eine aktualisierte Volksmusik eine Bühne gibt. In selbstverständlicher Fortführung persönlich erlebter musikalischer Überlieferung standen daneben bis in die 1990er Jahre vereinzelte Sänger und Musikanten, wie z. B. Kraudn Sepp (eigtl. Josef Bauer, 1896-1977) oder die Blaskapellen Oskar Sattler und Josef Pfeffer. Seither ist dieser Traditionsstrang aus biografischen Gründen abgerissen. Veränderte Hörgewohnheiten, musikalische Ausbildung, die Popularisierung des Klangideals der Volksmusikpflege sowie der Wandel bei Veranstaltungen mit Gesellschaftstänzen haben eine generationsübergreifende Fortführung der bis dato erlebbaren Praxis als stabilen persönlichen Musizierstil verhindert.

Der Aufstieg konzertant gebotener und als "Volksmusik" vermarkteter Musik

Das "Trio Sepp Wiedemann". Foto von Franz Kölbl (1922-2004), um 1962. Musikgruppen wie diese prägten vielfach das Bild der gepflegten Volksmusik im 20. Jahrhundert. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv ansi-003362)

Teilweise unter Aufgreifen solcher Traditionsträger, teilweise unter Rückgriff auf durch die Forschung dokumentiertes Repertoire jenseits der deutlich selektiven Indienstnahme in der Volksmusikpflege, entstanden "alternative" Gesangs- und Musikgruppen vorrangig im städtischen Milieu (im Münchner "Gasthaus Fraunhofer" ab Mitte der 1970er Jahre auftretende Gruppen, Biermösl Blosn, Bordunsszene etc.). Diese zunehmend und heute vor allem über Medien und Konzerte transportierte Aufführungsmusik in professioneller Gestaltung und deutlicher Unterstützung durch elektronische Verstärker und Soundgeneratoren nimmt bei Anleihen von Folk- und Weltmusik ihren Anfang, verbindet seit Mitte der 1980er Jahre Elemente traditioneller Volksmusik mit Blues und Rock, dann Punk, Hip-Hop und Drum and Bass (Drum 'n' Bass, kurz D'n'B), bis zu jüngeren Verbindungen etwa mit Klezmermusik und Balkan Blues.

Aufstieg oder Niedergang von "Volksmusik" in der Gegenwart?

Das Fernsehen trug ab den 1950er Jahren mit eigenen Sendungen zur gepflegten Volksmusik zu deren Verbreitung maßgeblich bei, wodurch sie zum Konsumgut breiter Bevölkerungsschichten wurde. Übertragung eines Konzerts im Fernsehen 1955. Foto von Georg Fruhstorfer (1915-2003), 1955. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv fruh-08970)

Diese vorwiegend konzertante Aufführungsmusik versteht sich als "Neue Volksmusik" und wird als solche massiv beworben. Sie strahlt allerdings nur verhalten aus auf das aktive Freizeitsingen und -musizieren breiterer Laienmusikkreise, wenngleich sie in stilistischer Hinsicht grundsätzlich anleitend wirkt – wie dies selbstverständlich die moderne internationale Unterhaltungsmusik ebenfalls und intensiver bewirkt. So haben sich besonders ab den 1950er Jahren breite Bevölkerungskreise mit "neuen" musikalischen Eindrücken bekannt gemacht, die nach Möglichkeit auch in die eigene aktive Laienpraxis zur musikalischen Feiergestaltung und Lebensbegleitung integriert worden sind. Dieser Laienpraxis kann nach heutiger forschungsbasierter Auffassung ihre vom klassischen Volksmusikbegriff anvisierte Popularität nicht abgesprochen werden.

Die Klanguniversen und Hörgewohnheiten haben sich zwar immer schon im Zuge musikalischer Entwicklungen verändert. Freilich fehlen spätestens ab den 1970er Jahren diejenigen Musikanten und Sänger, die vordem die je modernen Musikstile in das seinerzeit übliche regionale populäre Schema übergeleitet haben und damit die wesentliche Übersetzungs- und Vermittlungsebene zwischen professioneller Aufführungskultur und lebenspraktisch funktionalisierter Gebrauchskultur bildeten. Nicht zuletzt die allgemeine Zugänglichkeit zu medial konservierter und mithilfe elektrischer Soundgeneratoren geformter Musikangebote stellen weitere Hürden zu einer dem klassischen Volksmusikverständnis entsprechenden lebensweltlich und regionalkulturell anverwandelten aktiven Musikausübung jenseits professioneller Ausbildung dar, wie sie historisch jedenfalls vom 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts breit gegeben war. Solche Musik führt heute dementsprechend ein Nischendasein. Populäres Singen, Musizieren und Tanzen im Verständnis von "Volksmusik" findet vielmehr heute vor allem im lebensweltlich eingebundenen Gebrauch von industriell produzierter Unterhaltungsmusik statt, wie sie beispielsweise in Form kommerzialisierter "Volksmusik" über spezielle Sendeformate im Fernsehen ("Fest der Volksmusik" usw.) verbreitet wird.

Literatur

  • Bayerische Staatsbibliothek (Hg.), Volksmusik in Bayern. Ausgewählte Quellen und Dokumente aus sechs Jahrhunderten (Ausstellungskatalog), München 1985.
  • Maria Bruckbauer, Verordnete Kultur – Überlegungen zur Volksmusik in Bayern während der NS-Zeit, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1989 (1989), 82-91.
  • Walter Leimgruber/Alfred Messerli/Karoline Oehme (Hg.), Ewigi Liäbi. Singen bleibt populär. Tagung "Populäre Lieder. Kulturwissenschaftliche Perspektiven", 5.-6. Oktober 2007 in Basel, Münster/Basel 2009.
  • Maximilian Seefelder, Zwischen Instrumentalisierung und Liebhaberei. Volksmusikpflege und ihre Auswirkungen in Niederbayern, Regensburg 2008.
  • Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. 2 Bände, Berlin 1954 und 1962.
  • Wilhelm Schepping, Lied- und Musikforschung, in: Rolf W. Brednich (Hg.), Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie, Berlin 3. Auflage 2001, 587-616.
  • Wolfgang A. Mayer, Volksmusikforschung (Lied, Instrumentalmusik, Tanz), in: Edgar Harmening (Hg.), Wege der Volkskunde in Bayern. Ein Handbuch, München/Würzburg 1987, 365-402.

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Empfohlene Zitierweise

Manfred Seifert, Volksmusik, publiziert am 18.11.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Volksmusik> (15.12.2019)




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