Bayernhymne

von Johannes Timmermann , Dieter J. Weiß und Bernhard von Zech-Kleber

Älteste bekannte Fassung des Öchsner-Kunz-Liedes, der nachmaligen Bayernhymne, das aus Anlass der 20-Jahr-Feier der Münchner Bürger-Sänger-Zunft am 15.12.1860 erstmals einem größeren Publikum präsentiert wurde. (Archiv der Bürger-Sänger-Zunft, München)
Michael Öchsner (1816-1893) absolvierte eine Ausbildung zum Lehrer am Lehrerbildungsseminar in Freising. Nach verschiedenen beruflichen Stationen kam er 1848 zurück in seine Geburtsstadt München. Im gleichen Jahr trat er in die Münchner Bürger-Sänger-Zunft ein. Die Aufnahme zeigt Öchsner während seiner Zeit als Lehrer in der Münchner Heilig-Geist-Schule. (Archiv der Bürger-Sänger-Zunft, München)
Konrad Max Kunz (1812-1875) war von 1855-1863 und von 1866-1867 Singmeister der Bürger-Sänger-Zunft. Schon während seines Jura-Studiums in München, das er 1837 abgebrochen hatte, verdingte er sich als Musiklehrer. Aus seiner Feder stammen neben der Melodie der Bayernhymne auch zahlreiche weitere Kompositionen. (Archiv der Bürger-Sänger-Zunft, München)

Nach der Proklamation des Königreichs Bayern wurde als Hymne zunächst die Melodie der englischen Königshymne in unterschiedlichen Textfassungen mit den Anfangsworten "Heil, unserm König, Heil" verwendet. Daneben setzte sich ab 1860/61 das von Michael Öchsner (1816-1893) verfasste und von Konrad Max Kunz (1812-1875) komponierte "Lied der Bayern" als Hymne durch. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine Diskussion über den Text; neben die Urfassung war seit 1948 eine stärker die bayerische Eigenart betonende Version des Schriftstellers Joseph Maria Lutz (1893-1972) getreten. Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU, 1905-1991, Ministerpräsident 1962-1978), der das Bayernlied offiziell als Staatshymne verwenden ließ, empfahl 1966 die dreistrophige Lutz-Fassung. Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Ministerpräsident 1978-1988) hingegen beendete am 18. Juli 1980 in einer Bekanntmachung zur Staatshymne den Streit. Seither ist eine modifizierte Version der ersten beiden Strophen von Öchsner die offizielle bayerische Hymne.

Die Königshymne

Als 1806 das Königreich Bayern proklamiert wurde, huldigten Dichter und Komponisten dem nunmehrigen König Maximilian I. Joseph (1756-1825, Kurfürst seit 1799, König seit 1806). Unter den damals verbreiteten Hymnen setzten sich die Melodie und der Instrumentalsatz der englischen Königshymne mit dem Anfang "Heil, unserm König, Heil" in verschiedenen Textfassungen durch. Bis in die NS-Zeit blieb dies für die Monarchisten die Hymne Bayerns. Eine amtliche Hymnenverordnung gab es nicht, der Text war nicht reglementiert und wurde mehrfach geändert. Lediglich für Militärmusik existierten Anweisungen, wie und bei welchen Gelegenheiten die Hymne zu spielen sei.

Entstehung der Bayernhymne

König Maximilian II. (1811-1864, König seit 1848), der sich um die Hebung des bayerischen Nationalgefühls bemühte, regte die Komposition einer eigenen Hymne für Bayern an. Er beauftragte am 14. Januar 1852 Innenminister Theodor von Zwehl (1800-1875, Innenminister 1849-1864), einen Wettbewerb für "ein bayerisches Nationallied, in welchem die alten und neuen Lande Bayerns sich spiegeln", durchzuführen. Darauf wurden mehr als 90 Vorschläge eingereicht, darunter von Joseph Hartmann Stuntz (1793-1859), Franz Lachner (1803-1890) und Christian Seidel (1832-1861) auf Texte von Leonhart Wohlmuth (1823-1889), Friedrich Beck (1806-1888) und Franz Trautmann (1813-1887). Zu Beginn der Feiern zum ersten Stadtgründungsfest Münchens 1858 sollten nach dem Willen des Königs drei dieser Entwürfe vorgetragen werden.

Die später erfolgreiche Fassung des Lehrers Michael Öchsner (1816-1893) und des Chordirigenten der Hofoper Konrad Max Kunz (1812-1875) war nicht darunter, da Öchsner mit der von ihm herausgegebenen Bayerischen Schulzeitung unter Zensur stand und zum Wettbewerb nicht zugelassen war. Die von Kunz auf einen Text von Öchsner komponierte Hymne wurde beim zwanzigjährigen Stiftungsfest der Münchner Bürger-Sänger-Zunft am 15. Dezember 1860 uraufgeführt. Kunz war seit 1855 musikalischer Leiter der Sänger-Zunft, der auch Öchsner als Mitglied angehörte. Unter der Ägide von Kunz waren deren Veranstaltungen mit über hundert aktiven Sängern gesellschaftliche Ereignisse, an denen neben Spitzen aus Staats- und Stadtverwaltung auch Mitglieder der königlichen Familie teilnahmen.

Öchsners 1860 geschaffener Ur-Text

1. Strophe 2. Strophe 3. Strophe
Gott mit dir, du Land der Bayern,
deutsche Erde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
ruhe seine Segenshand!

|: Er behüte deine Fluren,
schirme deiner Städte Bau,
und der Himmel dir erhalte seine
Farben Weiß und Blau! :|
Gott mit uns, dem Bayernvolke,
daß wir, unsrer Väter wert,
fest in Eintracht und in Friede
bauen unsers Glückes Herd;

|: daß der Freund da Hilfe finde,
wehrhaft uns der Gegner schau,
wo die Rauten-Banner wehen,
unsre Farben Weiß und Blau! :|
Gott mit ihm, dem Bayern-König,
Vater Max aus Wittelsbach!
Über seinem Hause wölbe sich
des Himmels schirmend Dach.

|: Gott erhalte uns den Herrscher,
Volkes Glück in jedem Gau,
reiner Sitte, deutscher Treue
ew'ge Farben Weiß und Blau! :|


Die Textänderungen von 1860/1861

Öchsners ursprünglicher Text repräsentierte die Stimmung in der Münchner Bürgerschaft 1859/60, als Österreich allein in den Sardinischen Krieg (Zweiter Italienischer Unabhängigkeitskrieg) eintrat. Nach der österreichischen Niederlage bei Solferino (Italien) 1859 kritisierten manche die unterlassene Hilfe für den Bundesgenossen, wie es in der zweiten Strophe angedeutet wird. In der geänderten Fassung von 1860/61 wurde die Einheit mit Deutschlands Bruderstämmen statt der unbestimmten Freunde postuliert.

Die Formulierung "Vater Max aus Wittelsbach" der dritten Strophe drückte das Vertrauen in die Person des Monarchen aus. Gerade weil Öchsner und die Bürger-Sänger-Zunft unter Zensur standen und zeitweilig polizeilich überwacht wurden, wurde aber der Text verändert und der König ideell verpflichtet, das heilige Recht des Volkes zu wahren.

Das Lied bildete unverändert ein Gebet, das Ende der ersten Strophe wurde präzisiert von "der Himmel dir erhalte" zur klaren Bitte: "Er [Gott] erhalte dir die Farben seines Himmels Weiß und Blau!"

1. Strophe 2. Strophe 3. Strophe
Gott mit Dir, du Land der Bayern,
Deutsche Erde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
ruhe Seine Segenshand!

|: Er behüte deine Fluren,
schirme deiner Städte Bau
und erhalte dir die Farben
Seines Himmels Weiß und Blau. :|
Gott mit uns, dem Bayernvolke,
dass wir unsrer Väter wert,
fest in Eintracht und in Frieden
bauen unsres Glückes Herd!

|: Dass mit Deutschlands Bruderstämmen
einig uns der Gegner schau
und den alten Ruhm bewähre
unser Banner Weiß und Blau. :|
Gott mit ihm, dem Bayer-König!
Segen über sein Geschlecht!
Denn mit seinem Volk in Frieden
wahrt Er dessen heilig Recht.

|: Gott mit ihm, dem Landesvater!
Gott mit uns in jedem Gau!
Gott mit dir, du Land der Bayern,
Deutsche Heimat Weiß und Blau! :|

Etablierung der Bayernhymne

Programm zur Verfassungsfeier der Bürger-Sänger-Zunft am 26. Mai 1862 in München mit Abdruck des Textes der Bayernhymne von Michael Öchsner. (Archiv der Bürger-Sänger-Zunft, München)

Auf die Münchner Uraufführung vom 15. Dezember 1860 folgten weitere offiziöse Anlässe, bei denen das Öchsner-Kunz-Lied aufgeführt wurde. So etablierte es sich bald als Volkshymne und fand Eingang in zahlreiche Liederbücher:

  • Am 26. Mai 1862 fand in der Münchner Westendhalle eine von Kunz mitorganisierte Feier zur Erinnerung an die bayerische Verfassung von 1818 statt. Nach der Ansprache des Landtagsabgeordneten Oskar Freiherrn von Redwitz (1823-1891) wurde das "Lied der Bayern" gesungen.
  • Während des Deutsch-Französischen Krieges fand im Dezember 1870 nach den Schlachten bei Orléans (Frankreich) in der Kathedrale Sainte-Croix d'Orléans ein Dankgottesdienst mit dem Gedenken an die Gefallenen der Bayerischen Armee statt. Zu ihren Ehren spielte die Militärmusik das "Lied der Bayern".
  • Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges und der Unterzeichnung des Friedensvertrags 1871 veranstalteten die Münchner Schulen ein Friedensfest. König Ludwig II. (1845-1886, König seit 1864) genehmigte das Programm mit den ihm vorgelegten Reden und Liedern, darunter das "Lied der Bayern". Dies war die erste offizielle Genehmigung der Hymne. Auch beim feierlichen Empfang der bayerischen Truppen auf dem Odeonsplatz stimmten Münchner Chöre in Anwesenheit des Königs das "Lied der Bayern" an.
  • Prinzregent Luitpold (1821-1912, Prinzregent seit 1886) korrigierte den ihm vorgelegten Programmentwurf für die Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag 1891 und ordnete an, dass im Eröffnungsteil die Münchner Schulkinder das "Lied der Bayern" singen sollten. Dieses Programm diente als Modell für die Festakte unter Beteiligung von Mitgliedern des Königshauses bis zum Ende der Monarchie.

Allerdings wurde der Öchsner-Text in der Prinzregentenzeit auch auf die von Joseph Haydn (1732-1809) komponierte Melodie der österreichischen Volkshymne "Gott erhalte, Gott beschütze" gesungen, die als Melodie des sogenannten Deutschlandliedes immer populärer wurde.

Der Freistaat und die NS-Zeit

Nach dem Ende der Monarchie wurde die dritte Strophe (die Königsstrophe: "Gott mit ihm, dem Bayerkönig") in den Liederbüchern getilgt. In der NS-Zeit wurde Öchsners Bayernlied zwar nicht verboten, aber bei offiziellen Anlässen nicht mehr gesungen und aus den Schulbüchern herausgenommen.

Neuanfang nach 1945

Die 1948 zugelassene Bayernpartei (BP) beschloss bei einer Tagung der erweiterten Vorstandschaft noch in ihrem Gründungsjahr, im Text des Bayernliedes alle Bezüge auf Deutschland zu tilgen. Das Lied sollte als Hymne der BP im Einsatz für die bayerische Eigenstaatlichkeit dienen. Mit der Umdichtung wurde der Dichter Joseph Maria Lutz (1893-1972) beauftragt. Ab Frühjahr 1949 verbreitete die Bayernpartei die Hymne mit dem Lutz-Text.

Textversion von Joseph Maria Lutz

1. Strophe 2. Strophe 3. Strophe
Gott mit dir, du Land der Bayern
Heimaterde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
Walte seine Segenshand.

|: Er behüte deine Fluren,
Schirme deiner Städte Bau
Und erhalte dir die Farben
Deines Himmels weiß und blau! :|
Gott mit uns, dem Bayernvolke,
wenn wir unsrer Väter wert,
stets in Eintracht und in Frieden
bauen unsres Glückes Herd;

|: Dass vom Alpenrand zum Maine
Jeder Stamm sich fest vertrau
und die Herzen freudig eine
unser Banner weiß und blau! :|
Gott mit uns und Gott mit allen,
die der Menschen heilig Recht
Treu beschützen und bewahren
Von Geschlechte zu Geschlecht.

|: Frohe Arbeit, frohes Feiern,
Reiche Ernten jedem Gau;
Gott mit dir, du Land der Bayern
Unterm Himmel weiß und blau! :|

Öchsner oder Lutz: Streit um die Textversion

Der Bayerische Landtag ersuchte am 27. November 1952 die Staatsregierung, "die Erlernung des Deutschlandliedes und des Bayernliedes für sämtliche bayerischen Schulen anzuordnen". Außerdem sollte sie beim Bayerischen Rundfunk (BR) darauf hinwirken, "daß die abendlichen Sendungen jeweils mit dem Bayernlied und der Deutschlandhymne geschlossen werden". Im Umfeld dieser Debatte wurde das Lied in Landtag und Presse als "Bayernhymne" bezeichnet. Am 3. März 1953 folgte die Staatsregierung unter Ministerpräsident Hans Ehard (CSU, 1887-1980, Ministerpräsident 1946-1954 und 1960-1962) und seinem Stellvertreter Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945-1946 und 1954-1957) dem Ersuchen des Landtags und entschied sich dabei für die ersten beiden Öchsner-Strophen in leicht modifizierter Fassung.

Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU, 1905-1991, Ministerpräsident 1962-1978) ließ 1964 die rechtlichen Rahmenbedingungen prüfen, um bei offiziellen Anlässen in Bayern neben der Hymne der Bundesrepublik auch die Bayernhymne erklingen zu lassen. In einfachen Bekanntmachungen des Ministerpräsidenten zum Gebrauch des Bayernliedes wurde sie zur offiziellen bayerischen Hymne. Beim Besuch Königin Elisabeths II. von England (geb. 1926, Königin des Vereinigten Königreichs seit 1952) 1965 wurde als Ausdruck des staatlichen Selbstverständnisses die Bayernhymne gespielt. Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU, 1894-1972, Bundespräsident 1959-1969) forderte daraufhin, beim Besuch von Gästen der Bundesrepublik in Bayern das Spielen der Bayernhymne zu unterlassen. Der Ministerpräsident wies diese Aufforderung entschieden zurück. In einer Bekanntmachung am 29. Juli 1966 empfahl Goppel als Text der Bayernhymne die dreistrophige Fassung von Lutz und nicht den ursprünglichen Text von Öchsner zu verwenden.

Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Ministerpräsident 1978-1988) proklamierte am 18. Juli 1980 das Bayernlied als Staatshymne. Durch Bekanntmachung im Bayerischen Staatsanzeiger wurde als Text eine modifizierte Version der ersten beiden Strophen von Öchsners Dichtung festgelegt (Bayerischer Staatsanzeiger Nr. 29, 18.7.1980).

Offizielle Fassung der Bekanntmachung 1980

1. Strophe 2. Strophe
Gott mit dir, du Land der Bayern,
deutsche Erde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
ruhe Seine Segenshand!

|: Er behüte deine Fluren,
schirme deiner Städte Bau
Und erhalte dir die Farben
Seines Himmels, weiß und blau! :|
Gott mit dir, dem Bayernvolke,
dass wir, uns’rer Väter wert,
fest in Eintracht und in Frieden
bauen uns’res Glückes Herd!

|: Dass mit Deutschlands Bruderstämmen
einig uns ein jeder schau
und den alten Ruhm bewähre
unser Banner, weiß und blau! :|

Im Jahr 2012 veranstaltete die Bayerische Einigung v.V./Bayerische Volksstiftung im Zusammenwirken mit der Bayerischen Staatsregierung einen Wettbewerb an allen bayerischen Schulen, um in einer neuen dritten Strophe der Bayernhymne den Europagedanken darzustellen. Aus dem Wettbewerb ging die Fassung der Staatlichen Fachoberschule und Berufsschule Bad Tölz als Sieger hervor, die bei der Verfassungsfeier am 1. Dezember 2012 im Münchner Prinzregententheater erklang: "Gott mit uns und allen Völkern, ganz in Einheit tun wir kund: In der Vielfalt liegt die Zukunft, in Europas Staatenbund. |: Freie Menschen, freies Leben, gleiches Recht für Mann und Frau! Goldne Sterne, blaue Fahne und der Himmel, weiß und blau. :|"

Über die dauerhafte Verwendung einer dritten "Europastrophe" entbrannte 2016 eine politische Debatte. Eine Abstimmung im Landtag fand nicht die benötigte Mehrheit.

Interpretation des Bayernliedes

Öchsner verfasste den Text in einfacher Sprache, damit das Lied auch von Kindern in der Schule gesungen werden konnte. Trotzdem bietet er verschiedene Interpretationsmodelle. Besonders der Begriff "deutsche Erde" bot Anlass zu Auseinandersetzungen. Öchsner und seine Zeitgenossen verstanden "Erde" als Sinnbild für den "Mutter"-Boden aller Kultur, auf dem das "Vater"-Land ordnend und den Frieden sichernd aufruht. Dieser Mutterboden sollte für alle Bewohner Bayerns im Sinne der Kulturnation deutsch sein.

Nach den Erfahrungen von zwei Weltkriegen ersetzten Lutz und die Bayernpartei diese Bezeichnung durch "Heimaterde", um Spuren eines deutschen Nationalismus zu tilgen. Erst 1980 wurde in der offiziellen Fassung die "deutsche Erde" wieder eingeführt. Auch in der zweiten Strophe werden nun "Deutschlands Bruderstämme" wieder genannt. Die Farben "Weiß und Blau" und das Banner bilden die bayerischen Staatssymbole.

Die Hymnenmusik von Kunz als Teil der Münchner Musikgeschichte

Kunz verzichtete in seinen Liedkompositionen bewusst auf Modulationen und andere musikalische Finessen, wie sie in seiner Zeit Mode wurden. Besonders verabscheute er Akkorde mit Dissonanzen ohne Auflösung und die Verwendung von Halbtonleitern statt der klassischen Oktave, was Richard Wagner (1813-1883) einführte. Kunz pflegte eine einfache, auch von ungeübten Sängern leicht zu singende Melodie, die mit ihrer Nähe zum traditionellen Kirchenlied eine kindlich-fromme, feierliche Stimmung fördert. Die Ur-Melodie des Bayernliedes hatte in den ersten Takten einen beschwingt heiteren Charakter. Bereits im Januar 1861 veränderte Kunz die Melodie etwas und gestaltete sie getragener und feierlicher. Anders als der Text blieb sie fortan unverändert.

Das musikalische Kunstwerk kommt erst in dem Vokal- und Instrumentalsatz voll zur Geltung, in den die Melodie seit ihrer Komposition eingebettet ist. Die Melodie wurde nicht im Generalbass-Stil durch einfache Akkorde harmonisiert, sondern kontrapunktisch bereichert. Mehrere selbständige Melodien werden zu Einheiten verwoben, in denen der Text verschiedene Interpretationen erfährt.

Eine kompositorische Glanzleistung bildet die Verwendung einer Imitation im Satz der Wiederholungen der Strophenschlüsse, also in der ersten Strophe dem Satz zum Text "er behüte deine Fluren, schirme deiner Städte Bau". Durch die Imitation der Melodie des Sopran im zweiten Bass gewinnen die Bitten für die Fluren und die Städte Bayerns einen intensiv flehenden Charakter.

Die Hymne als Gebet und Kirchenlied in der katholischen Kirche Bayerns

Papst Benedikt XVI. (geb. 1927 als Joseph Ratzinger, reg. 2005-2013) verabschiedete sich am Ende seines Deutschlandbesuchs am 14. September 2006 auf dem Münchner Flughafen mit einem Hinweis auf den Dichter der Bayernhymne: "Mit seinen Worten, mit den Worten unserer Hymne, die auch ein Gebet sind, möchte ich meiner Heimat gern noch einen Segenswunsch hinterlassen: Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! [...] und erhalte dir die Farben seines Himmels Weiß und Blau" (veröffentlicht im Berichtband Papst Benedikts über die Reise 2006).

Michael Öchsner selbst verstand das "Gott mit dir, du Land der Bayern" als Gebet. So konnte er während der Kulturkampfzeit eine marianische Strophe anfügen: "Heil’ge Jungfrau benedeite Gottesmutter, Königin, / sei am Thron des Weltenvaters Mutter uns und Helferin! / Unsre frommen Ahnen legten Bayerns Schutz in deine Hand, / die der Welt das Heil geboren, schirme unser Vaterland!"

Seit 2013 ist die Bayernhymne in den Diözesanhängen der meisten bayerischen Bistümer des Gebet- und Gesangbuchs "Gotteslob" fest verankert.

Literatur

  • Carl Freiherr von Gumppenberg, Geschichte der Bürger-Sänger-Zunft in München. Festgabe zum 40. Stiftungsfest, München 1880.
  • Georg Klitta, Dem Komponisten der Bayernhymne Konrad Max Kunz zum Gedächtnis, in: Schwandorfs Wahrzeichen. Jahresbericht des Karl Friedrich Gauss Gymnasiums, Schwandorf 1978, 67ff.
  • Joseph Maria Lutz, Ein Wort zur Bayernhymne, in: Bayernspiegel 1966/1, 4.
  • Robert Münster, Bayerische National- und Königshymnen von 1800 bis 1901, in: Rudolf Elvers (Hg.), Festschrift Hans Schneider zum 60. Geburtstag, München 1981, 173-189.
  • Jürgen Pohl, "Gott mit Dir, Du Land der Bayern". Bayerische Identitätskonstruktion, in: Berichte zur deutschen Landeskunde 79 (2005), 209-226.
  • Jürgen Pohl, Räumliche Aspekte der bayerischen Identitätskonstruktion dargestellt anhand der Bayernhymne, in: Wilhelm Amann (Hg.), Periphere Zentren oder zentrale Peripherien?, Heidelberg 2008, 163-180.
  • Ulrich Ragozat, Die Nationalhymnen der Welt. Ein kulturgeschichtliches Lexikon, Freiburg 1982.
  • Karl Reisert, Aus dem Leben und der Geschichte deutscher Lieder, Freiburg 1929.
  • Erich Sepp, Das Original ist besser! Die Bayernhymne in Bearbeitungen, in: Volksmusik in Bayern 1 (1999), 8-11.
  • Michael Sommer, Michael Öchsner, in: Schul-Anzeiger für Oberbayern 9 (1893), Nr. 32 u. 33.
  • Johannes Timmermann, Das erste Münchner Stadtgründungsfest vor 150 Jahren, 1858. Festprogramm, Festzug und der Wettkampf um eine Hymne für Bayern. Festschrift für die Feier "850 Jahre München" - München und seine Bürger-Sänger-Zunft am 19.6.2008 im Künstlerhaus. Mit einem Grußwort von Oberbürgermeister Christian Ude und einem Beitrag von Alt-Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel, München 2008.
  • Johannes Timmermann, Die bayerische Verfassungsfeier 1862 in München. Eine Symphonie der Religionen, mit Hymnen der katholischen, evangelischen und israelitischen Staatsbürger und mit der neuen Volkshymne "Gott mit dir, du Land der Bayern". Kompositionen von Konrad Max Kunz, München 2005.
  • Johannes Timmermann, Die Bayernhymne. Überlegungen zu ihrer gesanglich-musikalischen Gestaltung, in: Volksmusik in Bayern 16 (1999), 1-7.
  • Johannes Timmermann, Die Bayernhymne. Vergleich des Textes der Staatshymne ("deutsche Erde") mit dem Text von Lutz ("Heimaterde"), München 2010.
  • Johannes Timmermann, "Gott mit dir, du Land der Bayern ...". Wie das Lied "Für Bayern" von Öchsner und Kunz zur Bayernhymne wurde, in: Schönere Heimat 85 (1996), 201-208.
  • Johannes Timmermann, 50 Jahre Bayernhymne. "Gott mit dir, du Land der Bayern", in: Bayernspiegel 2004, 28-31.
  • Friedrich von Wiekede, Kunz, Konrad Max. Achtenswerter deutscher Tonkünstler und Komponist, in: Herrmann Mendel (Hg.), Musikalisches Konversationslexikon, Berlin 1876.

Quellen

  • Otto Boehm, Die Volkshymnen aller Staaten des Deutschen Reiches. Beiträge zu einer Geschichte über ihre Entstehung und Verbreitung, Wismar 1901.
  • Michael Öchsner, Für Bayern. Beilage, in: Bayerische Schulzeitung. 5. Band, Nr. 1, München 1861.
  • Michael Öchsner, Liederblätter. Eine Sammlung volksthümlicher Weisen für Jung und Alt (eine Sammlung von 130 ein-, zwei- und dreistimmiger Lieder, aufgenommen in das Verzeichnis der höchst empfohlenen Lehrmittel für die deutschen Schulen Bayerns), München 1862.
  • Michael Öchsner, Lieder der Heimat, für die vaterländische Jugend gesammelt, München 1880.
  • Max Zenger, "Für Bayern" (Gedicht von Michael Öchsner. In Musik gesetzt von K. M. Kunz.), in: Neue Münchner Zeitung, 16. Febr. 1862.

Externe Links


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Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Johannes Timmermann/Dieter J. Weiß/Bernhard von Zech-Kleber, Bayernhymne, publiziert am 31.5.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayernhymne> (19.10.2017)