Hinweis: Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
 Mehr erfahren

Beginen

Grabstein der Regensburger Begine Leukardis von Duggendorf (gest. 1356) im Kreuzgang des dortigen Dominikanerklosters St. Blasius. (Fotografie: Hannah Hien)

von Hannah Hien

Beginen waren Frauen, die alleine oder in Gemeinschaften ein religiöses Leben außerhalb eines Klosters ohne Klausur, Ordensregel und dauerhaft bindende Gelübde führten. Von ihrem weltlichen Umfeld unterschieden sie sich vor allem durch die Verpflichtung zur Keuschheit und durch intensivierte Frömmigkeitsausübung. Das männliche Pendant dazu waren die Begarden.

Entstehung

Beginen sind erstmals im ausgehenden 12. Jahrhundert im Raum Brabant belegt. Jakob von Vitry (gest. 1240), Augustinerchorherr und später Kardinal und Bischof von Akkon, verfasste 1215 eine Vita der Maria von Oignies, der ersten namentlich bekannten Frau, die bis zu ihrem Tod zwei Jahre zuvor mit Gleichgesinnten ein Leben als Begine geführt hatte. Von hier breitete sich ihre Lebensform im Zuge der sog. religiösen Frauenbewegung schnell im Heiligen Römischen Reich aus, mit einem deutlichen Schwerpunkt in den großen Städten im Westen entlang des Rheines. Bei den ersten Gemeinschaften handelte es sich wohl zumeist um spontane Zusammenschlüsse von Frauen, die von der allgemeinen Frömmigkeitsbewegung des Hochmittelalters inspiriert waren.

Verfassung, Organisation und Lebensweise (Spätmittelalter)

Foto des Freisinger Seelhauses auf der Gred. (Stadtarchiv Freising, Fotosammlung)

Beginen bildeten keinen Orden und keine gemeinsamen festen Strukturen aus. Ihre Lebensweise konnte sich sehr stark unterscheiden. Einige Frauen lebten alleine oder mit einigen wenigen Gleichgesinnten als Einzelbeginen in ihren eigenen Häusern. Andere schlossen sich mehr oder weniger stark institutionalisierten, beständigen Gemeinschaften an, die in Bayern meist Beginen-, Schwestern-, Seel- oder (irreführenderweise) Nonnen- bzw. Ordenshäuser hießen. Im heutigen Bayern überschritt deren Größe nur selten eine Zahl von acht bis zehn Frauen, die in der Regel nur ein gemeinsames Haus bewohnten. Beginenhöfe, wie sie v. a. aus dem heutigen Belgien und den Niederlanden bekannt sind, gab es hier nicht. Vor allem ab dem 14. Jahrhundert sind teilweise Hausordnungen überliefert, die von einer zunehmenden Institutionalisierung und dem Bestreben, den Fortbestand der Gemeinschaft zu sichern, zeugen und teilweise wohl auf äußeren Druck zurückzuführen sind. Manche Häuser nahmen zur Absicherung oder aus religiösen Motiven eine Drittordensregel, häufig die franziskanische, an.

Die innere Verfassung der einzelnen Gemeinschaften konnte auch innerhalb einer Stadt stark variieren. Nahezu alle Beginenhäuser unterstanden einem Vormund, welcher aus einer geistlichen Institution, einer bürgerlichen oder patrizischen Familie, einer Einzelperson, dem Stadtrat oder einer Kombination von mehreren bestehen konnte. Seine Befugnisse reichten unterschiedlich weit. Häufig gab es in den Häusern daneben eine gewählte oder durch den Vormund ernannte Vorsteherin, auch Meisterin/magistra, Martha, Pflegerin/procuratrix, Vormundin oder Schaffnerin genannt. Bei ihrem Eintritt in ein Beginenhaus legten die Frauen nicht wie Ordensleute die drei ewig bindenden Gelübde ab. Ein Austritt war theoretisch immer möglich, ging jedoch häufig mit einem Einzug des eingebrachten Vermögens einher. Innerhalb einer Gemeinschaft konnten Beginen wohl meist über ihren Besitz verfügen. Vermögensunterschiede wurden nicht eingeebnet. Neben armen Beginen gab es äußerst wohlhabende Vertreterinnen, die teilweise aus der städtischen Oberschicht stammten. Die Haupttätigkeit der Frauen lag im Bereich der Totenmemoria und der Fürbitte für verstorbene Stifter und Wohltäter der Gemeinschaft. Zur Sicherung des Lebensunterhalts sind teilweise auch andere Beschäftigungen wie die Textilproduktion oder Krankenpflege belegt. Beginen hielten keine Klausur.

Die Beauftragung der Beginen mit dem Totengebet zeigt das Ansehen, das sie in der Bevölkerung genossen. Verfolgungen wie in Straßburg oder Basel sind in Bayern nicht belegt. Vielmehr erscheinen die Frauen als gut in die städtische Gesellschaft integriert. Von ihrem weltlichen Umfeld hoben sie sich v. a. durch das Gelübde der Keuschheit sowie über eine intensivierte Religionsausübung ab. Über ihre Spiritualität ist wenig bekannt. Mystikerinnen wie Mechthild von Magdeburg (gest. 1282), Marguerite Porete (gest. 1310) oder Juliana von Lüttich (gest. 1258) sind in Bayern nicht nachweisbar. Auch über den Bildungsgrad der Frauen lässt sich wenig sagen. Vereinzelt überlieferte Inventare bezeugen den Besitz von Büchern und lassen zumindest für einige sozial höherstehende Beginen auf Literalität schließen. Jedoch handelt es sich zumeist fast ausschließlich um deutsche Texte. In Einzelfällen erteilten Beginen Unterricht.

Entwicklung

Würzburger Ratsurkunde – Hausordnung des Würzburger Beginenhauses. (Stadtarchiv Würzburg, WRU 2422)

Ab dem 14. Jahrhundert entstanden Beginenhäuser in der Regel nicht mehr durch spontane Zusammenschlüsse, sondern durch Stiftungen. Damit einher ging eine gewisse Institutionalisierung der Gemeinschaften durch Vorschriften, die den Fortbestand der Häuser und einen sittlichen Lebenswandel der Frauen sichern sollten. Gegen Ende des Mittelalters kam es zu deutlichen Veränderungen im Beginenwesen, die sich in zwei unterschiedlichen Entwicklungsrichtungen manifestierten. In den meisten Städten ging die Zahl der Gemeinschaften stark zurück. Die wenigen bestehenden Häuser konzentrierten sich häufig in kommunaler Hand bzw. geistlicher Trägerschaft, welche nach und nach deren nun in der Regel arme Bewohnerinnen zum Krankendienst verpflichteten (vgl. Ratsbeschlüsse in Nürnberg 1462, Regensburg 1478, Würzburg 1494). Diese Funktion ließ auch in protestantischen Städten Beginengemeinschaften die Reformationszeit überdauern. In der Frühen Neuzeit wurden solche Beginenhäuser dann immer stärker zu Versorgungs- und Armenhäusern, in denen sich alte, arbeitsunfähige Frauen gegen ein geringes Geld einkaufen konnten. Als Pfründhäuser sind sie dem Spitalwesen zuzuordnen und überdauerten teilweise bis ins 19. oder gar frühe 20. Jahrhundert. Andere Gemeinschaften hingegen durchliefen im Zuge der spätmittelalterlichen Ordensreformen einen Prozess der Verklösterlichung, nahmen eine Drittordensregel an und/oder wurden zu Klöstern.

Quellen- und Archivsituation

Da Beginengemeinschaften in der Regel keine eigenen Archive ausbildeten, ist die Überlieferungslage äußerst schlecht. Selbst für Gemeinschaften, die später zu Klöstern wurden, haben sich meist nur wenige Quellen aus der unregulierten Frühzeit erhalten. In den Archiven der kommunalen oder geistlichen Vormünder finden sich vereinzelt Hausordnungen, die trotz ihres normativen Charakters Rückschlüsse über die Verfassung eines Beginenhauses zulassen. Daneben sind immer wieder einzelne Beginen oder Gemeinschaften durch urkundlich bezeugte Geschäfte, wie Kauf- und Tauschverträge, Testamente oder gerichtliche Einigungen belegt. Hinzu kommen Einträge in Nekrologien oder anderen Personenverzeichnissen und in der Spätphase die städtische Überlieferung in Form von Ratsprotokollen und -verordnungen. Viele Häuser sind nur ein einziges Mal, teilweise nur als Angrenzer eines anderen Gebäudes nachweisbar. Es ist davon auszugehen, dass es früher und deutlich mehr Beginen(häuser) gab, als heute nachzuvollziehen ist.

Beginen und Gemeinschaften im heutigen Bayern

Aufgrund der schwierigen Quellensituation und der uneinheitlichen Forschungslage kann die folgende Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Grundlage sind die bei Reichstein aufgeführten Beginen und Beginengemeinschaften. Belege, die sich sehr wahrscheinlich nicht auf Beginenhäuser beziehen, wurden hier nicht übernommen. Ebenso wenig Zisterzienserinnenklöster, die wie durchaus üblich erst wenige Jahre nach der Entstehung in den Orden inkorporiert wurden. Auch bei den aufgeführten Gemeinschaften ist ihr Status als Beginenhaus nicht immer valide belegt. Andere, neu erforschte bzw. Reichstein nicht bekannte Gemeinschaften wurden ergänzt. Das Fehlen eines Ortes muss nicht auf ein Fehlen von Beginen hindeuten. Für viele Gegenden liegen bislang keine Untersuchungen vor.

Erste Erwähnung Letzte Erwähnung Zahl der bekannten Gemeinschaften
Aschaffenburg 1285 1598 6
Aschfeld (Lkr. Main-Spessart) 1296 1428 1
Augsburg 1230/35 1807 mehr als 9
Bamberg 1296 19. Jh. ca. 29
Birkach (Lkr. Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim) 1317 1334 1
Burgwindheim (Lkr. Bamberg) 1331 evtl. 1
Cham 1353 vermutlich 1
Coburg 1348 1741 3
Detwang (Lkr. Ansbach) 1287 1399 evtl. 1
Durach (Lkr. Oberallgäu) um 1380 evtl. 1
Eichstätt 1283 1530 ca. 7
Eisenbach (Lkr. Miltenberg) Erwähnung von Beginen
Forchheim 1371 1
Freising 1461 1846 2
Gemünden (Lkr. Main-Spessart) 15. Jh. evtl. 1
Haßfurt (Lkr. Haßberge) 15. Jh. vermutlich 1
Heidingsfeld (OT Würzburg) 1294 1338 1
Hohenfeld (Kitzingen) 1422 evtl. 1
Ingolstadt 1276 1802 4-5
Kälberau (Lkr. Aschaffenburg) 1298 evtl. 1
Kaufbeuren 1261 1803/6 vermutlich 7
Kelheim 1260
Kempten 1313 1508 ca. 10
Kitzingen 1489 1
Landshut 1338 1802 2
Lindau 1239 1802 2
Marquartstein (Lkr. Traunstein) um 1320 evtl. 1
Memmingen 1490 1
Möttingen (Lkr. Donau-Ries) 1318/19 Begine
München 1284 1
Münnerstadt (Lkr. Bad Kissingen) 1284 Begine
Nördlingen (Lkr. Donau-Ries) 1243 1536 5
Nürnberg 1271 19. Jh. 23-24
Oberkirch (Lkr. Ostallgäu) 1
Offenhausen (Lkr. Neu-Ulm) 1558 Beginen
Ornbau (Lkr. Ansbach) 1310
Passau 1342 20. Jh. 5
Poppenlauer (Lkr. Bad Kissingen) evtl. 1
Randersacker (Lkr. Würzburg) 1314 1346 1-2
Regensburg 1256 1785 22-24
Reicholzried (Lkr. Oberallgäu) 1496 evtl. 1
Rothenburg ob der Tauber (Lkr. Ansbach) Ende 13. Jh. 1555 1
Scheßlitz (Lkr. Bamberg) 1478 1
Schönthal (Lkr. Cham) 1310 1368 1
Schweinfurt 1486 1
Maria Sondheim (in Arnstein, Lkr. Main-Spessart) 1297 1
Straubing 1346 2
Sulzfeld am Main (Lkr. Kitzingen) 1437 1
Tannenberg (Lkr. Weilheim-Schongau) evtl. Beginen
Tapfheim (Lkr. Donau-Ries) 1318/19 Beginen
Volkach (Lkr. Kitzingen) 1361 1422 1
Weihengäu (Lkr. Dillingen) 1240 1246 1
Würzburg 1274 1813 9-16

Begarden

Während das Beginenwesen als eine im Spätmittelalter durchaus weitverbreitete Lebensform gelten muss, gibt es nur wenige Hinweise auf Begarden. Für das Gebiet des heutigen Bayern ist nur in Würzburg eine seit 1364 im Hof Kennenkeim angesiedelte Begardengemeinschaft belegt. In Eichstätt genossen Begarden wie Beginen ab 1307 Steuerfreiheit für gewisse Geschäfte. Eine häretische Männergemeinschaft sogenannter "Williger Armer" in Bamberg hingegen muss nicht unbedingt dem Begardenwesen zugeordnet werden. In Würzburg und Eichstätt und möglicherweise in Regensburg, Cham und Einsiedel (Pfarrbezirk Nittenau) wurden darüber hinaus einzelne Männer als "Begarden" der Häresie angeklagt. Unklar ist, ob es sich tatsächlich um Begarden handelte oder ob der Begriff zumindest teilweise zur Diffamierung in Ketzerprozessen diente. Es scheint zumindest in der Wahrnehmung der Zeitgenossen eine größere Verbindung zwischen Begarden und Häresie gegeben zu haben, als dies für Beginen nachgewiesen werden kann. Aufgrund der noch schwierigeren Quellensituation sind Begarden deutlich schlechter erforscht als Beginen.

Literatur

Allgemein:

  • Frank-Michael Reichstein, Das Beginenwesen in Deutschland. Studien und Katalog (Wissenschaftliche Schriftenreihe Geschichte 9), Berlin 2001.

Zusammenfassung aller bekannten lokalhistorischen Studien zum Beginenwesen incl. „Regestensammlung“ zu den einzelnen Orten, die einen ersten Überblick verschafft, jedoch aufgrund der qualitativen Mängel zahlreicher v.a. älterer Arbeiten und aufgrund fehlender Untersuchungen zu vielen Orten kein verlässliches Gesamtbild liefert.

Neuere Untersuchungen zu bayerischen Städten:

  • Rainer Axmann, "Im Convent" (Beginen und Convente in der Stadt Coburg), in: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 32 (1987), 115-140.
  • Barbara Baumeister, Fürsorge im Schatten der Kirche - Das Hirnsche Seelhaus, in: Rolf Kießling (Hg.), St. Anna in Augsburg. Eine Kirche und ihre Gemeinde, Augsburg 2013, 77-92.
  • Barbara Baumeister, Geistliche Schwestern und fromme Bürger – die Nördlinger Seelhäuser im Spätmittelalter, in: Rieser Kulturrage 14 (2002), 193-204.
  • Nadja Bennewitz, Weibliche Lebensformen im Mittelalter. Beginen und Seelfrauen in der Reichsstadt Nürnberg. Eine Dokumentation über die religiöse Frauenbewegung des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung der Nürnberger Verhältnisse, Nürnberg 1997.
  • Helmut Flachenecker, … vnser wesen vnd wonunge an der stat ein nuwekeit ist. Zu den Begarden und Beginen im mittelalterlichen Würzburg, in: Johannes Burkhardt/Thomas Max Safley/Sabine Ullmann (Hg.), Geschichte in Räumen. Festschrift für Rolf Kießling zum 65. Geburtstag, Konstanz 2006, 199-224.
  • Hannah Hien, Das Beginenwesen in fränkischen und bayerischen Bischofsstädten (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte IX/59), Stegaurach 2013.
  • Birgit Kata, Seelhäuser im spätmittelalterlichen Kempten, in: Allgäuer Geschichtsfreund 1102 (2002), 117-140.

Weiterführende Recherche

Seelschwestern, Seelhaus, Seelhäuser

Empfohlene Zitierweise

Hannah Hien, Beginen, publiziert am 22.07.2020, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Beginen> (26.10.2020)






Haben Sie Anmerkungen zu diesem Artikel? Schreiben Sie an die Redaktion

© Historisches Lexikon Bayerns 2005 - 2020. Die Rechte an den Texten und Bildern dieses digitalen Angebots liegen, soweit nicht anders angegeben, bei der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Rechte an den anderweitig gekennzeichneten Texten und Bildern liegen bei den genannten Institutionen oder Personen. Weitere Informationen, u. a. zur Zitierweise, Weiterverlinkung oder Verwendung von Inhalten finden Sie unter www.historisches-lexikon-bayerns.de.