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Vaterländische Verbände, 1918/19-1933

von Christoph Hübner

Sammelbegriff für eine Vielzahl national gesinnter Wehrverbände der Weimarer Republik, die die Revolution und zumeist auch die Republik ablehnten. Ihr Ziel war es, die Wehrhaftigkeit des Deutschen Reiches entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrags zu erhalten. In Bayern spaltete sich die "vaterländische Bewegung" in einen gemäßigt-föderalistischen und einen völkisch-radikalen Flügel auf. Die vaterländischen Verbände spielten seit dem Verbot der Einwohnerwehren 1921, insbesondere aber im Krisenjahr 1923 eine bedeutsame politische Rolle. Zum 24. März 1933 wurden alle Wehrverbände außerhalb von SA, SS und Stahlhelm aufgelöst.

Begriffsbestimmung

Der Begriff der "vaterländischen Verbände" in der Weimarer Republik ist insofern problematisch, als er eine Vielzahl teilweise sich feindlich gegenüber stehender Organisationen umfasst. Prinzipiell bezeichneten sich all jene national-"bodenständigen" Kräfte als "vaterländisch", die sich radikal vom Faktum der Revolution und zumeist auch von der Republik abgrenzen wollten. Revolution und Republik lasteten sie dem "internationalistischen Pazifismus" der linken und linksliberalen Parteien an, denen man vorwarf, seit 1917 systematisch und in Zusammenarbeit mit dem feindlichen Ausland die deutsche Wehrwilligkeit und Wehrfähigkeit zermürbt zu haben.

Von daher versteht sich auch die zweite Komponente im Denken der gesamten "vaterländischen Bewegung", die Betonung der Erhaltung der deutschen Wehrhaftigkeit entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrags als einziges Mittel, Deutschland vor der "Zersetzung" durch die internationalen Kräfte der "Hochfinanz" wie auch des "Bolschewismus" zu retten. Viele der vaterländischen Verbände sahen daher die zumeist geheime, weil illegale praktische Wehrarbeit als ihre vornehmste Pflicht an. Daneben existierten aber auch reine Schulungs- und Propagandaorganisationen, die sich auf die politische Agitations- und Lobbyarbeit konzentrierten.

Besondere Entwicklung in Bayern: Aufspaltung der vaterländischen Bewegung

Unterhalb der übergeordneten Motive "Anti-Internationalismus" und "Anti-Pazifismus" spaltete sich die vaterländische Bewegung in Bayern bald auf in einen gemäßigten, föderalistischen, "weiß-blauen" Flügel um den Bund Bayern und Reich und den Bayerischen Heimat- und Königsbund und einen zunehmend völkisch-radikalen "schwarz-weiß-roten" Flügel um NSDAP, Bund Oberland und kleinere Bünde. Insgesamt lassen sich in der Entwicklung der vaterländischen Verbände in Bayern drei Phasen unterscheiden.

Die erste Phase: Mobilisierung 1919 bis 1923/24

Dr. Otto Pittinger (1878-1926) um 1921. (Foto von GAlighieri3 lizensiert durch CC BY-SA 4.0 via [Wikimedia Commons])
Hans Ritter von Seißer (1874-1973). (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-4128)
Aufmarsch der vaterländischen Verbände am 23.Mai 1923 auf dem Münchner Oberwiesenfeld. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-6545)

Die Wurzeln der vaterländischen Verbände als Organisationsform liegen in Bayern wie anderswo in der Einwohnerwehrbewegung der Jahre 1919/20. Unter deren Dach sammelten sich mit staatlicher Unterstützung alle antirevolutionären "vaterländischen" Kräfte, aber auch von Anfang an eine Reihe von Personen und Organisationen, die gezielt völkisch-radikales Gedankengut in diese Massenbewegung hineinzutragen versuchten.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht im Frühjahr 1921 verfügte der Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns über 361.000 Mitglieder im ganzen Land. Im Gefolge des Kapp-Putsches von März 1920 verbotene und aufgelöste Organisationen wie die Marinebrigade Ehrhardt und das Freikorps Oberland wurden bereitwillig aufgenommen und als Tarnorganisationen fortgeführt. Sie brachten vielfach ihr radikal-völkisches Gedankengut in die Einwohnerwehren mit.

Die eigentliche Geschichte der vaterländischen Verbände begann mit deren eigenständigerem Agieren nach der von der Entente erzwungenen Auflösung der bayerischen Einwohnerwehren am 1. bzw. 21. Juni 1921. Als nämlich der Sanitätsrat Otto Pittinger (1878-1926) mit Billigung und im Auftrag der Staatsregierung und des Münchner Wehrkreiskommandos die Leitung der gesamten Wehrbewegung bei seiner zunächst geheimen Kommandostelle konzentrieren wollte, stieß er auf erhebliche Widerstände der Anführer der einzelnen Organisationen: Diese wie auch die allenthalben in den Führungspositionen vertretenen ehemaligen Berufsoffiziere verspürten wenig Neigung, sich dem "Zivilisten" Pittinger zu unterstellen.

Hinzu kam der politische Richtungsstreit: Pittinger vertrat mit seinem im Sommer 1922 offiziell gegründeten und bald auf 50.000 Mitglieder angewachsenen Bund Bayern und Reich den gemäßigten, monarchisch-föderalistischen "weiß-blauen" Kurs. Die Radikalen um Ernst Röhm (1887-1934) und General a.D. Erich Ludendorff (1865-1937) warfen ihm rasch vor, er wolle über eine Restauration der wittelsbachischen Monarchie unter Kronprinz Rupprecht (1869-1955) Bayern aus dem Reichsverband lösen und diesen somit schädigen. Ein letzter Versuch Pittingers, die vaterländische Wehrbewegung erneut zusammenzufassen, schlug fehl. Die von seinem Gefolgsmann Hermann Bauer (geb. 1884) am 11. November 1922 gegründete Vereinigung der Vaterländischen Verbände Bayerns konnte wichtige Glieder des "schwarz-weiß-roten" Lagers wie die Bünde Oberland und Wiking nicht zum Eintritt bewegen. Hitlers NSDAP trat bereits im Januar 1923 wieder aus. Mit der radikalen Gegengründung vom 4. Februar 1923, der Arbeitsgemeinschaft vaterländischer Kampfverbände unter der Führung Röhms, zerbrach die organisatorische Einheit der "vaterländischen Bewegung".

Diese internen Konflikte wurden ab Herbst 1923 nochmals zurückgestellt, als sich mit der Ernennung des alten Förderers der Wehrbewegung, Gustav von Kahr (1862-1934), zum Generalstaatskommissar die Möglichkeit andeutete, die "Ordnungszellenideologie" von 1920 doch noch umzusetzen. Das "Triumvirat" um Kahr, Otto von Lossow (1863-1938) und Hans von Seißer (1874-1973) plante, in Absprache mit dem Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt (1866-1936) die nationalen Verbände um sich zu sammeln, mit ihnen und den meuternden Teilen der bayerischen Reichswehr nach Berlin zu marschieren und dort eine "nationale Diktatur" zu errichten.

Den vaterländischen Verbänden kam in diesem Plan eine zentrale Rolle zu. Auf sie sollte sich die neue Reichsregierung als Miliz wie auch als "volkstümliches" Instrument zur Mobilisierung der Bevölkerung stützen. Dabei legte Kahr besonderen Wert auf die Einbindung der militärisch schlagkräftigen Verbände der Arbeitsgemeinschaft. Als jedoch die Vorbereitungen Kahrs im November 1923 ins Stocken kamen, weil der nötige Rückhalt norddeutscher Kräfte ausblieb, entschlossen sich die radikalen Verbände der Arbeitsgemeinschaft, den Generalstaatskommissar zum Vorgehen zu zwingen. Die daraus resultierende Aktion der Radikalen ist als gescheiterter Hitlerputsch in die Geschichte eingegangen. Die vaterländische Bewegung Bayerns zerbrach nun endgültig.

Die zweite Phase: Verfall und gescheiterte Einigungsbemühungen 1924 bis 1928/29

Die am Putsch beteiligten Verbände Oberland, Reichskriegsflagge und NSDAP erklärte Kahr noch in der Nacht zum 9. November für aufgelöst. Mit mehreren Verordnungen wurde sodann bis Januar 1924 die Entwaffnung auch aller anderen Organisationen, selbst des regierungstreuen Bundes Bayern und Reich verfügt und - was nicht selbstverständlich war - im Wesentlichen auch umgesetzt. Die verbotenen radikalen Bünde organisierten sich zwar sofort in neuen Tarn- und Ersatzorganisationen, so die Oberländer im Deutschen Schützen- und Wanderbund, die NSDAP in der Großdeutschen Volksgemeinschaft. Sie waren jedoch entscheidend geschwächt. Daran änderte auch ihre offizielle Wiederzulassung im Frühjahr 1925 nichts. Die von Röhm erneut versuchte Einigung der Völkisch-Radikalen im Frontbann erwies sich ebenfalls als kurzlebig.

Aber auch der moderate Bund Bayern und Reich konnte seine Mitglieder nicht mehr in der gewohnten Weise mobilisieren. Er gab sich im Frühjahr 1924 eine neue Verfassung, in der er sich endgültig als nationalpolitische Agitations- und Schulungsinstitution und nicht mehr als Wehrverband definierte. Trotzdem verlor der Bund seit 1924/25 massiv an Mitgliedern, Beiträge gingen kaum noch ein.

In den Jahren 1925 bis 1928 kam daher die Arbeit der vaterländischen Verbände in Bayern beinahe zum Erliegen. Auch die 1924 zur Erfassung des Adels für die monarchische Idee gegründete "Bayerntreue" erwies sich als wenig attraktiv. Allein der offen monarchistische Bayerische Heimat- und Königsbund konnte seine hohe Mitgliederzahl annähernd halten - allerdings fand auch er immer weniger Rückhalt in der Bevölkerung. Die Bereitwilligkeit, für die Beseitigung der Republik zugunsten der Monarchie oder eines autoritären Regimes Opfer zu bringen, hatte auch in Bayern rapide nachgelassen.

Die dritte Phase: Neugründungen, Verschmelzungen und erneute Mobilisierung 1928/29 bis 1933

Aufmarsch von Mitgliedern des "Stahlhelm in Bayern" im Berliner Lustgarten, vor 1933. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv, hoff-5964)

Auf Grund von Mitgliederschwund und Finanzschwäche hatte sich die Führung des immer noch größten bayerischen Verbandes Bayern und Reich im Laufe des Jahres 1927 entschlossen, Anschlussverhandlungen mit dem außerhalb Bayerns sehr erfolgreichen und vor allem finanzstarken "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" aufzunehmen. Nach schwierigen Verhandlungen zwischen dem föderalistisch-monarchischen Bund und dem norddeutsch-protestantisch-städtisch geprägten Stahlhelm fand die konstituierende Sitzung des neuen Verbandes "Stahlhelm in Bayern" erst am 22. Februar 1930 statt. Die Organisationsstruktur von Bayern und Reich sollte erhalten bleiben, der Führer des Bundes erhielt einen Sitz im Stahlhelm-Vorstand. Auch andere bayerische Organisationen wie Reichsflagge und Wiking traten unter der Zusicherung der Erhaltung ihrer autonomen Bundesstrukturen in den Stahlhelm ein.

Die Fusion sollte jedoch insbesondere dem Bund Bayern und Reich nicht zum Vorteil gereichen. Viele alte Mitglieder des Bundes Bayern und Reich kehrten nach der Vereinigung mit dem "preußischen" Stahlhelm der neuen Organisation den Rücken.

Die vom Stahlhelm Enttäuschten traten großenteils in den im Dezember 1928 neu gegründeten Bayerischen Heimatschutz ein. Initiator dieser betont föderalistischen Organisation war Georg Escherich. Auf Grund der föderalistischen Ausrichtung wurde der Verband in der Folgezeit von bedeutenden Organisationen wie den Christlichen Bauernvereinen, dem Bayerischen Heimat- und Königsbund, vom katholischen Klerus, und - mit Abstrichen aufgrund der Konkurrenzsituation - auch von der Bayernwacht der BVP unterstützt. So stieg seine Mitgliederzahl auf ca. 40.000 im Jahr 1930, während der konkurrierende Stahlhelm in Bayern kontinuierliche Verluste hinnehmen musste.

Diese wurden noch verschärft, als die katholische Kirche seit Ende 1930 offiziell ihre Gläubigen vor der "Hitlerbewegung" zu warnen begann, die ja mit dem Stahlhelm ein enges Bündnis eingegangen war und im September 1930 bei den Reichstagswahlen einen "Erdrutschwahlsieg" errungen hatte. In der erneut national aufgeheizten, bürgerkriegsähnlichen Situation der Jahre 1930 bis 1933 zeigte sich daher in Bayern neben der klassischen Konfliktlinie zwischen rechts und links auch innerhalb des rechten Spektrums ein sehr deutlicher Bruch zwischen den "Unitaristen" um NSDAP und Stahlhelm und den Föderalisten um den Bayerischen Heimatschutz, der sogar zu teilweise blutigen Auseinandersetzungen führte.

Auflösung sämtlicher Wehrverbände außerhalb von SA, SS und Stahlhelm im März 1933

Während nun innerhalb Bayerns die "weiß-blaue" Bewegung eindeutig die Oberhand behielt, gelang es den Nationalsozialisten und dem Stahlhelm, sich auf Reichsebene durchzusetzen. Nach der "Machtergreifung" begann auch in Bayern die Gleichschaltung der Wehrbewegung: Der neue Staatskommissar zur besonderen Verwendung, Ernst Röhm, erlegte am 24. März 1933 "sämtlichen Wehrverbänden außerhalb der SA, der SS und des Stahlhelm" (zit. nach Nußer, Band 1, 352) die Selbstauflösung auf. Der zu Beginn der 1920er Jahre in Bayern entstandene radikale Flügel der "vaterländischen Bewegung" war auf legalen Umwegen an sein Ziel gelangt und zögerte nicht, auch seine alten föderalistisch-konservativen Konkurrenten in Bayern aus dem Wege zu räumen.

Literatur

  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg u. a. 1969.
  • Horst G. W. Nußer, Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933. Mit einer Biographie von Forstrat Georg Escherich 1870-1941. 2 Bände, München 1973.
  • Wolfgang Zorn, Bayerns Geschichte im 20. Jahrhundert, München 1986.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Christoph Hübner, Vaterländische Verbände, 1918/19-1933, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Vaterländische_Verbände,_1918/19-1933> (20.11.2018)