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Informationstechnik-Branche (IT-Branche)

Bild eines Zuse-Großrechners, 1945 (H. Zuse/Foto: N.N.)
Eingangsbereich der Systems 2007 (Foto: Messe München)
Umsatz und tätige Personen von Unternehmen des Dienstleistungssektors 2008 nach Wirtschaftsabschnitten (Quelle: © Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, München, 2010, S. 282)

von Helmut Braun

Die IT-Branche ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in Bayern. Ihr gehören Unternehmen unterschiedlichster Größe an, die sich im weitesten Sinne mit Hard- und Software, Internet, Mobiltelefonie und der maschinellen Verwertung von Daten befassen. Durch staatliche Förderprogramme, Gründerzentren und die Verankerung der Informationstechnik im Bildungssystem unterstützt der Freistaat die weitere Entwicklung der Branche.

Definition

"IT" ist ein Akronym für "information technology", also für das, was früher "EDV" oder "elektronische Datenverarbeitung" genannt wurde. In einem weiteren, aktuellen Sinne umfasst "IT" jede (digitale) maschinelle Erzeugung, Speicherung, Erhebung, Verarbeitung und Verbreitung (auch Kontrolle) von Daten als Informationen in sämtlichen Bereichen (zum Beispiel in der Wissenschaft, in öffentlichen Verwaltungen und kommerziellen oder privaten Internet-Angeboten).

Entwicklung

Das erste praktisch eingesetzte "IT-Gerät" auf elektro-mechanischer Basis wurde vom Amerikaner Herman Hollerith (1860-1929) - dessen Vater ein Einwanderer aus der bayerischen Pfalz war - erfunden und erleichterte 1880 die amerikanische Volkszählung. Die von Hollerith gegründete Firma erhielt 1924 durch den Unternehmer Thomas J. Watson (1874-1956) den Namen "International Business Machines Corporation", kurz IBM.

Während des Zweiten Weltkriegs baute man ab 1943 in Großbritannien ein Gerät mit dem Namen "Colossus" zur Entzifferung des chiffrierten deutschen Funkverkehrs. Diese Anlage war zur Lösung der Dechiffrierarbeit fest programmiert. Bereits 1941 entwickelte Konrad Zuse (1910-1995) ein erstes vollautomatisches Gerät zur Lösung von frei programmierbaren Routinerechnungen. 1942 vergab schließlich die US-Armee den Auftrag, ein Gerät für waffentechnische Berechnungen zu entwerfen; dieses wurde 1946 als erster rein elektronischer Universalrechner "Electronic Numerical Integrator and Computer" (ENIAC) der Öffentlichkeit präsentiert. Mit dem breiteren Einsatz des Transistors gegen Ende der 1950er Jahre und der integrierten Schaltkreise (die ersten Chips) in Forschung, Industrie und Verwaltung ab Ende der 1960er Jahre wurden die früher große Räume füllenden Computer langsam kleiner und zuverlässiger. Neben ersten Festplatten dominierten allerdings noch Lochkartensteuerung und langsame Magnetbandspeicherung.

Mit der Ausbreitung des PC ("personal computer") auch im privaten Bereich ab den 1980er Jahren und dessen Vernetzung durch das Internet, aber auch mit der Mobiltelefonie und weiteren Anwendungen, wie beispielsweise "intelligenter Motorsteuerung" im Auto, der digitalen Fotografie oder diversen Chips in Ausweisdokumenten erfuhr dieser Sektor seit etwa ab 1990 einen Boom. Die Umwälzungen in der Musikindustrie durch die Methode der MP3-Komprimierung von Musikdateien gehen auf ein Forscherteam zurück, welches an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen diese platzsparende Speichermethode entwickelte.

IT-Standort Bayern

In Bayern arbeiteten laut einer ministeriellen Studie 2007/2008 über 380.000 Beschäftigte in etwa 20.000 Unternehmen in sämtlichen Größenordnungen, angefangen vom bayerischen Weltkonzern, Niederlassungen multinationaler ausländischer Großbetriebe bis zum "Ein-Mann-Betrieb". Die IT-Branche ist nicht nur zu einer Schlüsselbranche der bayerischen Wirtschaft geworden, sondern verschafft Bayern seit Jahrzehnten den Ruf, einer der bedeutendsten IT-Standorte der Welt zu sein. Folgende Großunternehmen der IT-Branche sind beispielsweise in Bayern präsent:

  • Adobe Systems GmbH
  • Alcatel-Lucent S. A.
  • Fujitsu Technology Solutions GmbH
  • Infineon Technologies AG
  • Intel GmbH Munich
  • Microsoft Deutschland GmbH
  • ORACLE Deutschland B. V. & Co. KG
  • Texas Instruments Deutschland GmbH
  • Toshiba Europe GmbH
  • Wacker-Chemie

Von 1969 an präsentierten Firmen auf der Münchner Fachmesse "Systems" Innovationen im IT-Bereich. Ein Teil dieser 2008 letztmals ausgerichteten Messe wird mit dem Schwerpunkt Informationssicherheit als "it-sa" im Nürnberger Messezentrum fortgesetzt. Neuere Messekonzepte konnten nicht an die bisherigen Erfolge anknüpfen.

Beispiel: Siemens AG

1949 verlagerte Siemens seinen Firmensitz von Berlin nach München. Der stark diversifizierte Siemens-Konzern begann Ende der 1950er Jahre im Bereich der Telegraphentechnik mit der Entwicklung digitaler Rechentechnik. Anfang der 1970er Jahre erweiterte Siemens sein IT-Engagement. In der Folgezeit stieg er in die Entwicklung von digitalen Telefonanlagen und in den Ende der 1980er Jahre schnell expandierenden Markt für Mobiltelefone ein. In Konkurrenz zu Nokia, Ericsson und Motorola war Siemens mit seinen Modellen ein Global Player in der Wachstums- und Boomphase der Mobiltelefonie. Als dieser Markt allerdings Sättigungstendenzen zeigte und immer mehr asiatische Anbieter mit technischen Neuerungen auftraten, wurde die Sparte 2005 an das taiwanesische Unternehmen BenQ verkauft. Im Herbst 2006 meldete BenQ Deutschland Insolvenz an. Es gingen mehrere Tausend Arbeitsplätze verloren; allein in München waren es etwa 1.400.

Die zuvor rein Siemens-interne IT-Abteilung wurde 1995 als Tochterunternehmen ausgegliedert und bedient seither auch externe Kunden. Seit Oktober 2010 ist die Firma unter dem Namen "Siemens IT Solutions and Services" (SIS) als selbständiges Unternehmen am Markt. Zum Juli 2011 ist ein Verkauf an die französische Firma Atos Origin geplant; zuvor sollen etwa 2.000 von 9.700 Arbeitsplätzen in Deutschland abgebaut werden.

Seit den 1950er Jahren arbeitete Siemens an der Entwicklung von Halbleitern. Dieser heftigen Nachfrage- und damit Gewinnschwankungen ausgesetzte Bereich wurde 1999 aus dem Siemens-Konzern ausgegliedert und unter dem Firmennamen "Infineon Technologies AG" mit Hauptsitz in Neubiberg bei München an die Börse gebracht. In mehreren Tranchen trennte sich die Siemens AG bis März 2006 sukzessive von allen Anteilen an dieser Aktiengesellschaft. Infineon fertigt mit weltweit etwa 25.000 Mitarbeitern (Stand 2010) Halbleiter, insbesondere aber Systemlösungen für die Automobil- und Industrieelektronik, auf IT basierende Sicherheitslösungen, verschiedenste Arten von Chipkarten, Sensoren und Kommunikationselemente. Im Jahr 2006 gliederte wiederum Infineon das ebenfalls starken konjunkturellen Schwankungen unterliegende Geschäft mit Speicherchips auf die neu gegründete Quimonda AG aus. Dieses Unternehmen mit anfänglich 12.000 Beschäftigten gehörte mit über 75 % der Anteile noch Infineon; der Rest der Anteile wurde an der New Yorker Wertpapierbörse platziert. Der rapide weltweite Preisverfall für Speicherchips führte im Januar 2009 zur Insolvenz von Quimonda. Mittlerweile wurde das Unternehmen zerschlagen; Teile der Produktionsstätten wurden verkauft.

Mit der zwischen 1990 und 1992 vollständig erfolgten Übernahme des Paderborner Computerherstellers Nixdorf entstand die "Siemens Nixdorf Informationssysteme AG" (SNI). Deren Angebot reichte vom PC über Supercomputer, Geldautomaten, Kassensysteme bis hin zu Softwarelösungen. Einige Jahre lang war SNI der größte europäische Computerkonzern, bevor 1995 zunächst der Dienstleistungs- und Softwarebereich in ein Tochterunternehmen von Siemens überführt wurde. 1998 wurde die SNI aufgelöst; die Geschäftsfelder wurden in den Siemens-Konzern eingegliedert. Bald wurde das PC-Geschäft in ein Jointventure mit dem japanischen Fujitsu-Konzern (mit dem er bereits früher zusammengearbeitet hatte) eingebracht; 2009 verkaufte Siemens schließlich das gesamte PC-Engagement an Fujitsu.

Wie beim Halbleiter-, Mobiltelefon-, PC- und IT-Dienstleistungsgeschäft erkennbar, trennte sich Siemens schnell von Sparten, die nicht mehr die geforderte Rendite erbrachten.

Beispiele: Texas-Instruments,Toshiba und Dienstleistungsanbieter

Die Texas Instruments Deutschland GmbH in Freising begann 1966 mit nur 20 Beschäftigten mit der Produktion von Dioden und entfaltete sich seither zu einem auch in Forschung und Entwicklung strategisch wichtigen Tochterunternehmen des Halbleiterproduzenten Texas Instruments (TI) in Dallas (Texas). Wegen der Ausweitung der Produktion auf andere Gebiete - wie Taschenrechner und Wafer - werden zur Zeit etwa 1.300 Mitarbeiter beschäftigt. Freising ist Sitz des Europachefs von TI.

Der japanische Elektronikkonzern Toshiba begann 1990 in seinem neuen Werk in Regensburg mit der Fertigung von hochwertigen Notebooks und PC-Teilen für den deutschen und europäischen Markt. Als das Unternehmen immer mehr unter Konkurrenzdruck kam, wurde diese Fertigung eingestellt und der Standort Regensburg zum 1. Januar 2008 zu einem Logistikzentrum für die Belieferung der Computermärkte in Europa, dem Nahen Osten und Afrika umfunktioniert.

Im Bereich der professionellen IT-Anwendung und Beratung in Bayern sollen folgende zwei Unternehmen exemplarisch erwähnt werden: Zum einen die bereits 1966 von Steuerbevollmächtigten in Nürnberg genossenschaftlich gegründete DATEV zur Lösung von Buchführungsaufgaben, zum anderen die 1981 in Nürnberg und Bayreuth gegründeten SanData-Systemhäuser mit ihren Serviceleistungen für den Kunden "rund um die IT".

Staatliche Förderung

Neben den genannten Großunternehmen ist ein Merkmal der IT-Branche die Existenz vieler kleiner und kleinster, oft hochspezialisierter Firmen, die meist als ein "Ein-Mann-Unternehmen mit einer Idee" begonnen hatten. Vielen IT-Spezialisten als Firmengründern fehlt aber oft betriebswirtschaftliches Know-how, Kapital oder auch ganz einfach ein Umfeld mit Büroausstattung. Diese sog. Start-up-Unternehmer unterstützt die Bayerische Staatsregierung durch vielfältige Förderprogramme für innovative Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im IT-Bereich, zum Beispiel mit finanziellen Zuschüssen im Rahmen des "BayTOU"-Programms. Wie sehr die IT unser Leben durchdrungen hat, zeigt auch die Tatsache, dass noch vor wenigen Jahren PC-Geräte von spezialisierten Händlern verkauft wurden, heute aber sogar hochwertige Geräte über Discounter vertrieben werden.

Um jungen Unternehmern, die oft direkt nach ihrem Studium ihre Ideen umsetzen wollen, ein professionelles Umfeld mit Gleichgesinnten und praktische Beratungshilfen zu bieten, wurden spezielle IT-Gründerzentren, auch "Inkubatoren" genannt, errichtet. Getragen werden diese Zentren meist von der jeweiligen Kommune in Kooperation mit ansässigen Hochschulen. Oft werden sie vom Land sowie mit Fördermitteln der Europäischen Union mitfinanziert. Dort finden Start-up-Unternehmen sich gegenseitig befruchtende Strukturen für ihre Arbeit und bilden damit einen sog. Cluster an Ideen und Kompetenzen. Derartige "IT-Inkubatoren" sind beispielsweise der "aiti-park" in Augsburg, der "IT-Speicher" in Regensburg, das "b-neun" in Unterföhring und das "gate" in Garching bei München. Daneben existiert der ebenfalls in Garching bei München angesiedelte IT-Cluster "BICC-NET", der den IT-Entwicklern und den Anwenderbranchen eine Plattform bietet.

IT in der bayerischen Bildungspolitik

Bereits seit den späteren 1960er Jahren wurden die bayerischen Universitäten und Fachhochschulen mit immer mehr Professuren für Informatik ausgestattet. Neben den anfänglich mehr theoretisch ausgerichteten Informatiklehrstühlen kamen im Laufe der Zeit auch vielfältige Professuren für angewandte Informatik hinzu. Beispiele für anwendungsorientierte Studienangebote sind die Wirtschaftsinformatik, die Bankinformatik, Sicherheit in der IT, Mechatronik usw. Jährlich schließen etwa 4.000 Studenten ein IT-Studium in Bayern ab. Daneben existieren vielfältigste Fort- und Weiterbildungsangebote durch die Industrie- und Handelskammern, aber auch private Anbieter.

Um bereits Jugendliche an die IT heranzuführen, jenseits von Computerspielen und Internet, ist ein an späteren beruflichen Anforderungen orientierter Umgang mit dem PC in fast allen Schulformen in Bayern ein Unterrichtsbestandteil, insbesondere an Wirtschaftsschulen und im Realschulbereich. Erste Lehrplankonzepte wurden bereits 1985 entwickelt und 1988/89 umgesetzt.

Literatur

  • Wilfried Feldenkirchen, Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen, München 2. Auflage 2003.
  • Gerd Otto/Kurt Rümmele/Hermann Jacobs, 50 Jahre Zukunft. Der Weg vom Regensburger Siemens Bauelementewerk zum Innovationsstandort der Infineon Technologies AG, Regensburg 2009.
  • Hartmut Petzold, Rechnende Maschinen. Eine historische Untersuchung ihrer Herstellung und Anwendung vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, Düsseldorf 1985.
  • Bernhard Plettner, Abenteuer Elektrotechnik. Siemens und die Entwicklung der Elektrotechnik seit 1945, München/Zürich 1994.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Software-Industrie, Computerindustrie, Informatik, Informationstechnologie

Empfohlene Zitierweise

Helmut Braun, Informationstechnik-Branche (IT-Branche), publiziert am 22.03.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Informationstechnik-Branche (IT-Branche)> (22.03.2019)