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Georg-von-Vollmar-Akademie

Logo der Georg-von-Vollmar-Akademie. (Bild: Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.)

von Christl Wickert

Die Georg-von-Vollmar-Akademie e. V. ist eine Einrichtung der politischen Bildung in Kochel a.See (Lkr. Bad-Tölz-Wolfratshausen). Namensgeber ist Georg Ritter von Vollmar (SPD, 1850-1922, Vorsitzender der bayerischen SPD 1892-1918), Mitbegründer und erster Vorsitzender der bayerischen SPD. 1948 wurde die "Georg-von-Vollmar-Schule" von Waldemar Freiherr von Knoeringen (SPD, 1906-1971, Vorsitzender der bayerischen SPD 1947-1963) und Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945/46 und 1954-1957) als Parteischule gegründet. Beide waren 1945 aus dem Exil nach Bayern zurückgekehrt. Ihre Initiative folgte den sog. Reeducation-Programmen der Besatzungsmächte, um die Grundwerte einer sozialen Demokratie und die Menschenrechte für gesellschaftliches Engagement durch politische Bildung zu vermitteln.

Die Besitzer und Bewohner bis 1948

Das geschichtsträchtige Schloss Aspenstein bei Kochel a.See (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) ist seit 1948 Sitz der Georg-von-Vollmar-Akademie. Das Schloss war von 1693 bis zur Säkularisation 1803 als Erholungsheim der Mönche und später Alterssitz der Äbte des Klosters Benediktbeuern. Von 1836 bis 1936 besaß die Familie Dessauer, Nachfahren eines Aschaffenburger Papierfabrikanten jüdischer Herkunft, das Anwesen. 1936 erwarb es Baldur von Schirach (NSDAP, 1907-1974, Reichsjugendführer 1933-1945) für private Zwecke. (Bild: Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.)

Das kleine Schloss auf dem Aspenstein war von 1693 bis zur Säkularisation 1803 zunächst als Erholungsheim der Mönche und später als Alterssitz der Äbte des nahegelegenen Klosters Benediktbeuern (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) genutzt worden. Von 1836 bis 1936 gehörte das Gebäude der Familie Dessauer, Nachfahren eines Aschaffenburger Papierfabrikanten jüdischer Herkunft. Die Familie betrieb um 1870 in Kochel a.See (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) ein Kurhotel (2017: Seniorenheim "St. Annaheim"; von 1922 bis 2004 ein Kinderheim).

Die letzten Eigentümer aus der Familie Dessauer — Elsa (1878-1957) war "arischer" Herkunft und ihr Mann August (1866-1945) im NS-Rassenverständnis "Vierteljude" — verkauften das Anwesen 1936 an Baldur von Schirach (NSDAP, 1907-1974, Reichsjugendführer 1933-1945). Nach dem Tod ihres Mannes im Frühjahr 1945 zog Elsa Dessauer von München zur Familie ihrer Tochter nach Chile und stellte einen Wiedergutmachungsantrag: Schirachs hätten die vereinbarten Ratenzahlungen nach dem Erwerb des Aspensteins nicht gezahlt. Der Antrag wurde zurückgewiesen. Dessauers Anwalt, dem weder Kaufvertrag noch Zahlungsbelege vorlagen, riet seiner Mandantin von einer Klage gegen die Zurückweisung ab. Damit verfielen mögliche Ansprüche. Von 1945 bis 1948 war in den Gebäuden auf dem Aspenstein ein DP-Lager untergebracht.

Erwachsenenbildung auf dem Aspenstein

Waldemar Freiherr von Knoeringen (1906-1971). Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bayerischen Landtag von 1946 bis 1958 war maßgeblich am Aufbau der Georg-von-Vollmar-Akademie beteiligt. Abb aus: Der Kochel-Brief Nr. 7 (1954), 49. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3240 u-1/5; mit Genehmigung der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.)

Die Nachkriegsgeschichte des Hauses ist Teil der Geschichte der bayerischen SPD. Obwohl Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945/46 und 1954-1957) den Vorschlag Waldemar Freiherr von Knoeringens (SPD, 1906-1971, Vorsitzender der bayerischen SPD 1947-1963) unterstützte, ein "Sekretariat für Politische Bildung" in Bayern einzurichten, lehnte die US-Militärregierung den eingereichten Vorschlag vom 5. Juli 1946 zunächst ab. Die von Robert A. Reese (Chief Internal Affairs & Communications Division [OMGB]) an Hoegner formulierte Ablehnung erfolgte vor dem Hintergrund der noch ungeklärten Frage nach der zuständigen Aufsichtsbehörde, die Knoeringen in der Staatskanzlei sah. Offenbar bevorzugte die Militärregierung eine Aufsicht wenigstens unter direkter Beteiligung des Kultusministeriums. Daraufhin überarbeitete Knoeringen seinen Entwurf und schlug am 20. August 1946 vor, innerhalb des Kultusministeriums eine eigene Abteilung für politische Bildung einzurichten, die die unterschiedlichsten Aktivitäten bürgerschaftlicher Organisationen ganz im Sinne des Demokratiebegriffs der Militärregierung fördern und koordinieren sollte. Eine solche Konstellation, die auch der seinerzeitige Kultusminister Franz Fendt (SPD, 1892-1982, Kultusminister 1945-1946) plante, lehnte General Lucius D. Clay (1898-1978, Militärgouverneur der US-Besatzungszone 1947-1949) grundsätzlich ab, da er jegliche Beteiligung eines Ministeriums an der politischen Bildung aus der Befürchtung heraus ablehnte, es könne hier ein neues, dem einstigen Propagandaministerium ähnliches Amt entstehen.

Noch bevor die endgültige Ablehnung der Pläne Knoeringens klar wurde, stellte er Erwägungen hinsichtlich einer politischen Bildungseinrichtung innerhalb des SPD-Landessekretariats an. An Hoegner schrieb er dazu: "Ich stelle daher in Erwägung, ob es sich unter den gegebenen Umständen nicht als zweckmäßiger erweist, dass ich mich innerhalb der Partei mit der politischen Bildung unseres Funktionärskaders beschäftige. Die politische Verwirrung in den eigenen Reihen ist meiner Meinung nach in der Zunahme begriffen, und nur durch eine systematische politische Erziehung können wir zu neuer Schlagkraft kommen." (16.8.1946). Daraufhin wurde im September 1946 im Landesbüro die "Politische Bildungszentrale" gegründet, die sich vornehmlich auf politische Bildungsarbeit innerhalb der SPD im Hinblick auf die bevorstehenden Landtagswahlen im Dezember 1946 fokussierte.

Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der bayerischen SPD im Mai 1947 ging Knoeringen daran, sein bildungspolitisches Konzept umzusetzen und verfolgte die Gründung einer Parteischule auf Schloss Aspenstein, das als Standort seit Frühjahr 1946 das Interesse der bayerischen SPD besaß. Vorbildcharakter besaß für Knoeringen die britische Reeducation-Einrichtung "Wilton Park" bei Beaconsfield (England), an der er während seines Exils einige Zeit als Dozent gearbeitet hatte. 1948 wurde unter der Leitung von Knoeringen und Hoegner die "Georg-von Vollmar-Schule" auf Schloss Aspenstein als Parteischule gegründet. Bereits seit 1947 gab es in Berlin mit der August-Bebel-Schule eine in Ansätzen ähnliche Einrichtung, die allerdings für die Parteischule in Kochel nur bedingt als Vorbild herangezogen werden kann und nur bis 1951 existierte. Ziel der bayerischen SPD-Parteischule - nach der Schließung der August-Bebel-Schule war sie bundesweit die einzige feste Bildungseinrichtung der SPD - war es, eine Begegnungsstätte des "offenen Bürgerdialogs" zu sein. In Lehrgängen für SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre sowie Mandatsträger wurde Arbeitsrecht, Sozialrecht, Strafrecht, Gewerkschaftswesen, Kommunalpolitik, aber auch Geschichte der Parteien in der Demokratie und ihre besonderen Aufgaben beim Aufbau der Bundesrepublik unterrichtet.

In Kochel wurde auch auf dem Gedanken der Arbeiterbildung aufgebaut. Er hatte seine Wurzeln bereits vor dem Ersten Weltkrieg und wurde in der Weimarer Republik durch halbstaatliche Angebote wie bei der "Akademie der Arbeit", eine Kooperation zwischen dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) und der Universität Frankfurt a.Main (Hessen) ab 1922, und der "Wohlfahrtsschule" der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin seit 1928 fortgeführt. 1933 waren mit dem Verbot der SPD und der Gleichschaltung der Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände die Einrichtungen geschlossen und deren Eigentum und Vermögen eingezogen worden.

Besonders die Finanzierung und Ausstattung der Schule erwiesen sich von Beginn an als sehr schwierig. Zusätzlich zur Finanzierung durch den SPD-Landesverband beschloss der SPD-Landesparteitag deshalb 1949, dass jedes bayerische Parteimitglied über die sog. Bildungsfondsmarke (sog. Kochelzehnerl) einen Zusatzbeitrag von 10 Pfennig zu zahlen hatte. Dies galt bis 1969. Nicht zuletzt auch durch den ehrenamtlichen Einsatz vieler Münchner Jungsozialisten wurde das Gebäude renoviert und für einen Seminarbetrieb hergerichtet. Die Teilnehmer nahmen in Kauf, mit bis zu zehn Personen in einem Schlafsaal unterzukommen und eigenes Brennholz mit zu nehmen.

1951 erwarb die SPD Anwesen und Grundstück Schloss Aspenstein, das sie bislang von der bayerischen Vermögensverwaltung auf fünf Jahre gepachtet hatte, indem ein Teil des Kaufpreises gegen die Wiedergutmachungsansprüche der SPD aus Enteignungen während der NS-Zeit angerechnet wurde. Bereits 1956 konnte ein erstes und 1963 ein weiteres Bettenhaus errichtet und so die Grundlage für eine Erhöhung der Teilnehmerzahlen geschaffen werden. In den 1950er Jahren folgte sukzessive die Umstellung von mehrmonatigen Fortbildungen auf Wochenseminare, die sich jedoch noch primär an Sozialdemokraten und Gewerkschafter richteten. 1959 gab es bereits 360 private Fördermitglieder, 232 Ortsvereine und Unterbezirke der bayerischen SPD waren zudem als juristische Personen fördernde Mitglieder des Vereins. Die Falken, die Naturfreunde, Gewerkschaften und die Arbeiterwohlfahrt kamen mit ihren Veranstaltungen als Gäste nach Kochel.

So erhöhte sich zwischen 1955 und 1961 die Zahl der Teilnehmer von jährlich 500 auf 1.000. Seit 1956 wurde das Programm in Grund- und Aufbaukurse gegliedert. Vertreter der österreichischen Sozialisten oder der englischen Arbeiterpartei wurden regelmäßig auf dem Aspenstein begrüßt. Aus der Schweiz, Italien, Jugoslawien und den Niederlanden und sogar aus Indien, Ghana oder von der Universität Kyoto in Japan kamen Gruppen nach Kochel. Auch die 1971 gegründete Arbeitsgemeinschaft demokratischer Sozialisten im Alpenraum fand sich über viele Jahrzehnte immer wieder in der Vollmar-Schule zusammen.

Im Selbstverständnis der Schule als Kaderschmiede für Parteifunktionäre erfolgte der klassische Frontalunterricht. Dagegen blieb der spiritus rector Waldemar von Knoeringen der Idee einer Öffnung der Schule über die Parteigrenzen hinaus verbunden. Er unterstützte zudem wissenschaftliche Kolloquien in Kochel wie etwa 1952/53 zu den Problemen der Automation, 1954 für ein Gesetz zur Reform der Lehrerbildung oder 1956 für den Vorschlag eines Länder-Abkommens über die Gründung eines Deutschen Wissenschaftsrats.

Demokratiebildung als oberstes Ziel

Anzeige für einen Besuch der Georg-von-Vollmar-Akademie 1950. Abb aus: Der Kochel-Brief Nr.5 (1950), 43. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3240 u-1/5; mit Genehmigung der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.)

Von Anfang an war die Parteischule und später die Vollmar-Akademie der Demokratiebildung nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus verpflichtet. Ab 1950 erschien der "Kochel-Brief", eine vierteljährlich von der Vollmar-Schule herausgegebene Zeitschrift, in der politische und gesellschaftliche Grundsatzfragen aufgeworfen wurden, Diskussionsbeiträge zu lesen und Informationen über die Arbeit der Parteischule zu finden waren.

Einschneidend für die Geschichte der Vollmar-Schule und späteren Akademie wie auch der bundesdeutschen SPD war das Jahr 1959. Mit dem im Bonner Stadtteil Bad Godesberg (Nordrhein-Westfalen) beschlossenen neuen Parteiprogramm (sog. Godesberger Programm) wandelte sich die SPD u. a. mit einem Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft zu einer Volkspartei. Im Vorfeld hatte ein Kocheler Diskussionskreis in zahlreichen Treffen wesentliche Anregungen zum Entwurf des neuen Programms beigetragen. So wurden wichtige Impulse vom Aspenstein nach außen getragen.

2017 engagierten sich rund 400 externe Referenten an der Akademie mit Bildungsangeboten, die sich sowohl an den Zielen der Akademie orientierten, als auch an den Interessen und Bedürfnissen der Bürger. Schwerpunkte waren das Ehrenamt, die politische Kommunikation und Kultur, die Auseinandersetzung mit den Medien, Geschichte und Erinnerungskultur, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit, Probleme der Europäischen Union (EU) und der Globalisierung, sowie die Themen Afrika, Mittlerer und Naher Osten. Durch eine große Bandbreite an Themen und der verwendeten Lehrmethoden leistet die Akademie einen Beitrag zur Pädagogik und Didaktik der politischen Bildung.

Von der Parteischule zur Akademie

Die Innenräume von Schloss Aspenstein 1950. Abb. aus: Der Kochel-Brief Nr. 7 (1950), 74. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3240 u-1/5; mit Genehmigung der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.)

Am 19. Juli 1966 hatte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) entschieden, dass es mit dem "Grundsatz der freien und offenen Meinungs- und Willensbildung vom Volk zu den Staatsorganen" nicht vereinbar sei, "den Parteien Zuschüsse aus Haushaltsmitteln des Bundes für ihre gesamte Tätigkeit" zu gewähren. Damit konnten Parteischulen keine öffentlichen Gelder mehr für ihre Arbeit erhalten. Aus der Vollmar-Schule wurde daher per Satzungsänderung Ende 1968 der Verein "Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.", eine unabhängige, aber parteinahe Institution, die sich gleichwohl bis heute (Stand: 2019) als Mitglied der sozialdemokratischen Wertegemeinschaft versteht.

Die neue Struktur der nunmehrigen Akademie hatte zwei direkte Folgen: Neben der ohnehin nun engeren Zusammenarbeit zwischen Vollmar-Akademie und Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn waren das die Finanzierung der Akademiearbeit und das Bildungsangebot. Machten 1959 Spenden und Mitgliedsbeiträge noch rd. 20 % der Einnahmen aus, so belief sich ihr Anteil 1970 durch die veränderte Finanzierungsstruktur auf lediglich 6 %. 1970 stammten rd. 57 % der Einnahmen in Höhe von 513.000 DM (2010: 1,2 Mio. Euro) aus Zuwendungen der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die neuen Finanzierungsmöglichkeiten machten eine weitere Professionalisierung möglich, die sich im Wesentlichen durch die Anstellung mehrerer hauptamtlicher Mitarbeiter, neue Seminare sowie Seminarräume ausdrückte. Weitere wichtige Finanzierungsquellen sind Gasttagungen von Vereinen der politischen Bildung, Behörden, Berufsverbänden, Hochschulen oder Schülervertretungen. Seit 2000 unterstützt der "Förderverein der Georg-von-Vollmar-Akademie e. V." mit über 1.100 Mitgliedern (Stand: 2018) den Akademiebetrieb, insbesondere bei notwendigen Baumaßnahmen oder Modernisierungen. Die Stimmenverluste der bayerischen SPD bei den Landtagswahlen 2018 und die damit zusammenhängenden gesunkenen Zuschüsse des Freistaats für die Partei sorgten im November 2018 dafür, dass in der SPD über die Zukunft von Schloss Aspenstein als Bildungsstätte der Georg-von-Vollmar-Akademie diskutiert wurde. Eine Entscheidung über die Zukunft der Bildungsstätte steht noch aus (Stand: Februar 2019).

Die neue enge organisatorisch-inhaltliche Zusammenarbeit führte in den 1970er Jahren zu einer Öffnung der einstigen Parteischule, deren Angebot sich nicht mehr ausschließlich an Parteifunktionäre richtete. Die meisten Kursformate konnten in der Folge der neuen Finanzierungsstruktur kostenlos angeboten werden. Zielgruppe der politischen Bildungsarbeit waren auch nicht mehr nur die Parteifunktionäre, sondern die gesamte Bevölkerung.

Bildungsangebote

Impressionen aus dem Kursbetrieb der Georg-von-Vollmar-Schule 1950. Abb. aus: Der Kochel-Brief Nr. 7 (1950), 75. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3240 u-1/5; mit Genehmigung der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V.)

Mit den Umstrukturierungen wurde auch eine Phase des pädagogischen und inhaltlichen Umbruchs in der täglichen Bildungsarbeit in der Akademie eingeleitet. Weniger bestimmte der Frontalunterricht die Kurse, als vielmehr Diskussionen und Kurzreferate, in die Teilnehmende auch ihre spezifischen Interessen einbrachten.

Unter den Gasttagungen ist die des regelmäßig zusammenkommenden "Kocheler Kreises" von Wirtschaftswissenschaftlern zu erwähnen, der sich nach seinem Gründungsort benannt hat. Ein gemeinsam in der Schweiz mit dem Karl-Renner-Institut, der politischen Akademie der SPÖ, durchgeführtes Seminar zum Thema Medienpolitik führte zur Gründung einer Medienkommission der sozialistischen Parteien Europas. Die Akademie wurde Teil eines internationalen Netzwerks mit Diskussionsforen aktueller politischer Auseinandersetzungen.

Nicht nur in Kochel, auch durch Vortragsreihen mit Fachleuten aus Wissenschaft, Politik und Publizistik etwa in der Technischen Universität München (TUM) wurden Vorträge zu Themen wie "Christlicher Glaube und politische Entscheidungen" oder die "Revolution der Roboter" und nicht zuletzt Fragen nach der Aufarbeitung der NS-Verbrechen angeboten.

Nachdem Betriebsratsmitglieder bereits seit 1965 einen Anspruch auf politische und gewerkschaftliche Fortbildung innerhalb der Arbeitszeit erwirkt hatten, wurde dies im Betriebsverfassungsgesetz 1972 gesetzlich geregelt. Ab 1974 verabschiedeten alle Länder – bis auf Bayern und Sachsen - nach und nach Bildungsurlaubsgesetze. Wie ähnliche Einrichtungen profitierte auch die Vollmar-Akademie von dieser Neuerung.

Bereits 1949 hatten erstmals zwei Frauenkurse stattgefunden, daran wurde in den 1970er Jahren wieder angeknüpft. Einige Zeit war eine begleitende Kinderbetreuung möglich. Dies, insbesondere aber die Wochenendkurse trugen zu einer Steigerung des Frauenanteils in den Veranstaltungen bei (1971: 18 %; 1978: 33 %; 2010: 41 %).

Mit der Zunahme von externen Seminarleitern setzte eine methodische und inhaltliche Professionalisierung ein, indem etwa Arbeitsmaterialien für die Seminare publiziert wurden, die sich speziell an Erwachsene richteten. Bis heute (Stand: 2018) ist die Bildungsarbeit an der Akademie geprägt von der Methodenvielfalt (Wechsel zwischen Referaten und Plenumsdiskussion, Arbeitsgruppenphasen, unter Anleitung anhand von Dokumenten und speziell vorbereitete Texte mit Präsentation der Diskussionsergebnisse, Filmvorführungen und Lesungen mit vertiefenden Podiumsdiskussionen). Ziel ist die Vermittlung von Hintergründen zu gesellschaftlich relevanten Fragen, die Auseinandersetzung und Tolerierung unterschiedlicher Positionen, das Einüben gegenseitigen Zuhörens und die Befähigung der Einzelnen zum Sprechen in öffentlichen Diskussionsprozessen. Die Arbeitsunterlagen werden inzwischen direkt auf die Zielgruppen in den Seminaren nach den jeweiligen Programmen zugeschnitten. Seit 1978 gibt es eine von der Vollmar-Akademie (inzwischen überarbeitete) Wanderausstellung "Vom Untertan zum Staatsbürger — Die Geschichte der bayerischen Arbeiterbewegung seit 1848".

Themen der politischen Bildung

Zentrale Schwerpunkte der politischen Bildung sind heute (Stand: 2018):

  • Arbeit-Wirtschaft-Soziales,
  • Bildung-Kultur-Medien,
  • Engagement im Alter,
  • Frauen-/Geschlechterpolitik,
  • Geschichte und Politik,
  • Gesellschaft und Grundwerte,
  • Internationale Zusammenarbeit,
  • Kommunalpolitik,
  • Politisches Handeln,
  • Umwelt- und Alpenpolitik.

Ausgehend von der direkten Umgebung werden im Rahmen mehrtägiger Seminare (sog. Übernachtungsseminare) an der Georg-von-Vollmar-Akademie auch Exkursionen zu Museen und Orten, die mit dem jeweiligen Thema verknüpft sind, vorbereitet und durchgeführt: so nahmen bspw. die Teilnehmer eines Seminars zur Polizeigeschichte 2016 an einem Projekttag im Münchner NS-Dokumentationszentrum teil, der speziell auf die Inhalte und Teilnehmerinteressen zugeschnitten war. 2018 befasste sich ein Seminar mit Ödön von Horváth (1901-1938), das die Teilnehmer in Kooperation mit dem "Schloßmuseum Murnau" auf eine Exkursion zu Schauplätzen seines Romans "Jugend ohne Gott" (1937) führte.

Neben den sog. Übernachtungsseminaren in Kochel konnten in den letzten Jahren vermehrt Veranstaltungen in kürzeren Formaten (Podiumsdiskussionen, Workshops, Theaterstücke oder Vernissagen mit anschließender Diskussion) in ganz Bayern durchgeführt werden. Besondere Angebote existieren zudem für Schulen.

Kooperationen

Bereits seit Mitte 2016 führen die Georg-von-Vollmar-Akademie und der bayerische Landesverband der Arbeiterwohlfahrt das durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) mit insgesamt 450.000 Euro geförderte Projekt "Zusammenhalt durch Teilhabe - Integration auf Augenhöhe" durch. Das beinhaltet Bildungs-, Vernetzungs- und Beratungsangebote zu aktuellen Fragestellungen des (ehrenamtlichen) Engagements für und von geflüchteten Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Die Angebote beinhalten zum Beispiel Lehrgänge zur Interkulturellen Kommunikation, zu Freiwilligenmanagement und Partizipationsmöglichkeiten sowie Hilfe zur Selbsthilfe für Betroffene.

Die Akademie arbeitet im "Netzwerk politische Bildung Bayern" und kooperiert mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisationen, unter anderem mit Jugendorganisationen von Kirchen und Parteien oder der Internationale Jugendbegegnungsstätte in Dachau. Sie bietet in diesem Zusammenhang neben Einzelveranstaltungen (Podiumsdiskussionen, Tagungen und Schulungen) in ganz Bayern auch mehrtägige Seminare zu aktuellen und historisch relevanten Fragen in Kochel an.


Leiter der Schule bzw. der Akademie
Name Lebensdaten Amtszeit Bemerkung
Waldemar Freiherr von Knoeringen 1906-1971 1948-1971 Widerstandskämpfer in der Gruppe "Neu Beginnen" (NB), Vorsitzender der SPD in Bayern 1947-1963, Mitglied des bayerischen Landtags (MdL) 1946-1970, Mitglied des Bundestags (MdB) 1949-1951
Volkmar Gabert 1923-2003 1971-1989 MdL 1950-1978, Vorsitzender der SPD in Bayern 1963-1972
Helmut Rothemund 1929-2004 1989-1998 Jurist, MdL 1962-1992, Vorsitzender der SPD in Bayern 1977-1985
Hedda Jungfer geb. 1940 1998-2002 Psychologin, MdL 1978-1994
Ulrike Mascher geb. 1938 2002-2010 Juristin, MdB 1990-2002, Staatssekretärin beim Bundesarbeitsministerium 1998-2002
Carmen König-Rothemund geb. 1948 seit 2010 Rechtsanwältin, MdL 1978-1994

Waldemar-von-Knoeringen-Preis

Seit 1981 vergibt die Akademie alle zwei Jahre den Waldemar-von-Knoeringen-Preis für Verdienste auf den Gebieten von Politik, Wissenschaft, Journalismus und Kunst, die in der Tradition der Arbeiterbewegung und der Ziele des demokratischen Sozialismus stehen. Er ist mit 2.500 Euro dotiert. Preisträger waren bisher (Stand: März 2019):

Preisträger des Waldemar-von-Knoeringen-Preises
Jahr Name Lebensdaten Bemerkung
1981 Peter Glotz 1939-2005 Publizist, SPD-Bildungspolitiker, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Bildung und Wissenschaft 1974-1977, anschließend bis 1981 Senator für Wissenschaft und Forschung von Berlin
1983 Karl Anders 1907-1997 Journalist, bis 1933 KPD, nach der Rückkehr aus der Emigration SPD ab 1971 Mitglied der Grundwertekommission
Emil Werner 1913-1996 Journalist, Pressesprecher der SPD in Bayern und der SPD-Landtagsfraktion 1962-1977
1984 Richard Löwenthal 1908-1991 Politikwissenschaftler, Journalist, Widerstandskämpfer in der Gruppe "Neu Beginnen" (NB), nach der Rückkehr aus der Emigration SPD-Beitritt
1985 Hermann Glaser 1928-2018 Historiker, Kulturdezernent der Stadt Nürnberg 1964-1990
1986 Käte Strobel 1907-1996 SPD-Politikerin, Bundesgesundheitsministerin 1966-1969, Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit 1969-1972
1987 Dieter Hildebrandt 1927-2013 Kabarettist, Schauspieler, Mitbegründer und Mitglied der Münchner Lach- und Schießgesellschaft
1988 Hans-Jochen Vogel geb. 1926 SPD-Politiker, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Akademiker 1953-1960, Oberbürgermeister von München 1960-1972, Bundesminister 1972-1981, SPD- Parteivorsitzender 1987-1991
1989 Hans-Peter Dürr 1929-2014 Physiker, Essayist, Gründer des Vereins Global Challenges Network e. V. ("Netzwerk für weltweite Herausforderungen") 1987
1991 Volkmar Gabert 1923-2003 SPD-Politiker, Leiter der Georg-von-Vollmar-Akademie 1971-1989
1992 Helga Grebing 1930-2017 Historikerin, Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Akademiker 1953, Mitglied des Kuratoriums der Georg-von-Vollmar-Akademie
1994 Max Mannheimer 1920-2016 Kaufmann, Schriftsteller, Maler, Holocaust-Überlebender, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau 1990-2016
1996 Rudolf Scharping geb. 1947 Politikwissenschaftler, SPD-Politiker, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz 1991-1994, Bundesminister der Verteidigung 1998-2002, SPD-Bundesvorsitzender 1993-1995
1998 Georg Leber 1920-2012 SPD-Politiker, Bundesvorsitzender der IG Bau-Steine-Erden (IG BSE) 1957-1966, Bundesminister 1966-1978, Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion 1957-1983
2000 Senta Berger geb. 1941 Schauspielerin, engagierte sich 1971 für die Reform des Abtreibungsrechtes, unterstützt seit 1972 die SPD bei Wahlkämpfen, ist im Tierschutz und in der Krebshilfe aktiv
2002 Hilmar Hoffmann 1925-2018 Kulturpolitiker, Kultur- und Sozialdezernent in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) 1965-1970, Kulturdezernent in Frankfurt a.M. (Hessen) 1970-1990, Präsident des Goethe-Instituts 1993-2001
2004 Susanne Miller 1915-2008 Historikerin, nach der Emigration Mitarbeiterin beim SPD-Parteivorstand, Mitwirkung an der Vorbereitung des Godesberger Programms der SPD, Vorsitzende der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand 1982-1991, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten 1996-2008
2006 Renate Schmidt geb. 1943 SPD-Politikerin, Systemanalytikerin, Landesvorsitzende der SPD Bayern 1991-2000, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002-2005; MdB 1980-1994, MdL 1994-2002
2008 Wilhelm Ebert 1923-2017 Pädagoge, Bildungspolitiker, Präsident des Bayerischen Lehrer und Lehrerinnen Verbandes (BLLV) 1955-1963 und 1967-1984, den er 1948 neu begründete, Spiritus Rektor des Bayerischen Lehrerbildungsgesetzes 1958
2012 Jutta Allmendinger geb. 1956 Soziologin, Leitung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) seit 2007
2014 Christian Springer geb. 1964 Kabarettist, seit 2012 in der Flüchtlingshilfe aktiv
2016 Verena Bentele geb. 1982 Biathletin, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung 2014-2018, seit 2018 Präsidentin des Sozialverbandes Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands (VdK)

Literatur

  • Helga Grebing/Dietmar Süß (Hg.), Waldemar von Knoeringen 1906-1971. Ein Erneuerer der deutschen Sozialdemokratie, 1. Band: Aufsätze, herausgegeben im Auftrag der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V., Berlin 2006.
  • Josef Olbrich, Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland, Opladen/Bonn 2001.
  • Karsten Rudolph/Christl Wickert, Helga Grebing (1930-2017). Ihr Engagement in der Politischen Bildung und in der Universitätslehre, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 66 (2018), 687-693.
  • Heiko Tammena, Waldemar von Knoeringen und die politische Bildung. Die Georg-von-Vollmar-Schule/Akademie und andere Lernorte in Bayern nach 1945, Kochel 2006. (Nachdruck aus: Helga Grebing/Dietmar Süß (Hg.), Waldemar von Knoeringen, 2006, 175-200.)
  • Peter Weiß, Die Georg-von-Vollmar-Akademie. Ein Beitrag zur Institutionengeschichte in der Erwachsenenbildung, masch. Dipl. Bamberg 1982.
  • Walter Wönne, Schloß Aspenstein und seine Bewohner. Geschichten aus drei Jahrhunderten in einem bayerischen Haus, Norderstedt 2001.
  • Hannes Liebrandt (Hg.), 70 Jahre zwischen Aufklärung und Verklärung, erinnern und vergessen. Determinanten der historisch-politischen Aufklärung des Nationalsozialismus im bildungspolitischen Diskurs (im Druck).

Quellen

  • Betriebsverfassungsgesetz, in: Bundesgesetzblatt Teil 1, Nr. 2 1972.
  • Eckard Colberg, Die Erlösung der Welt durch Ferdinand Lasalle, Berlin 1969.
  • Eckard Colberg und Ursula Männle, Kleine Fibel für die politische Praxis, November 1982, 1973 erstmals erschienen in der Reihe Becksche Elementarbücher.
  • Eckard Colberg/Ursula Männle, Zur Geschäftsordnung. Die Praxis der Willensbildung. Handeln in Parteien und Organisationen, Kochel 1972, 1973 vertrieben durch die Bayerische Landeszentrale für politische Bildung.
  • Eckard Colberg (Hg.), Internationale Konferenz zu Perspektiven sozialdemokratischer Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Europa. Fachtagung der Georg-von-Vollmar-Akademie, der sozialistischen Fraktion des Europäischen Parlaments, Georg-von-Vollmar-Akademie, Kochel 1986.
  • Georg-von-Vollmar-Schule (Hg.), Der Kochel-Brief. Mitteilungsblatt der Georg von Vollmar-Schule.
  • Georg-von-Vollmar-Schule (Hg.), Kochel-Blätter.
  • Georg-von-Vollmar-Akademie e.V./Bayerischer Flüchtlingsrat (Hg.), Flucht und Asyl- Eine Bestandsaufnahme, München 2017.
  • Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. (Hg.), Extreme Rechte und Rassismus in Bayern – Eine Bestandsaufnahme und was wir dagegen tun können, München 2018 (als 2. Auflage in Erscheinung).
  • Heinz Göhler, Der demokratische Sozialismus zwischen Tradition und Fortschritt. Schulungsunterlagen, Kochel am See 1967.
  • Helga Grebing/Dietmar Süß (Hg.), Waldemar von Knoeringen 1906-1971. Ein Erneuerer der deutschen Sozialdemokratie, 2. Band: Briefe und Dokumente, herausgegeben im Auftrag der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V., Berlin 2006.

Weiterführende Recherche

Externe Links

bis 1968 Georg-von-Vollmar-Schule, Vollmar-Akademie, GVVA, Georg-von-Vollmar-Akademie, Vollmar-Akademie, Von-Vollmar-Akademie

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Empfohlene Zitierweise

Christl Wickert, Georg-von-Vollmar-Akademie, publiziert am 13.03.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Georg-von-Vollmar-Akademie (22.07.2019)