Arbeiterwohlfahrt Landesverband Bayern (AWO)

Verbandsgründerin Marie Juchacz, 1949/50. (Foto: AWO-Bundesverband)
Titelbild "Der AWO-Helfer", das Nachrichtenblatt der Arbeiterwohlfahrt, 1951. (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Die Förderlehrgänge in der Altöttinger Lehrwerkstätte erfreuten sich in den Nachkriegsjahren bayernweit großer Beliebtheit. Fotografie aus den 1950er Jahren. (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Das Erholungsheim Herzogau für Kriegsheimkehrer in der Oberpfalz, Fotografie aus den 1950er Jahren. (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Ein eigens zur Verfügung gestellter Straßenbahnwagen brachte die Kinder in Neubiberg zur Stadtranderholung, 1957. (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Aufruf zur Landessammlung des Jahres 1962. (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Werbung für den Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt, 1998. (Foto: AWO-Landesverband e. V.)
Max Peschel (1886-1969). (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Dr. Horst Schiekel. (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Hans Weinberger (1898-1976). (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Karl Herold (1921-1977). (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Bertold Kamm (geb. 1926). (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)
Seban Dönhuber (geb. 1934). (Foto: AWO Landesverband Bayern e. V.)

von Martina Mittenhuber

Die Arbeiterwohlfahrt Landesverband Bayern (AWO) wurde 1919 in Berlin als Hauptausschuss innerhalb der SPD gegründet. Ab 1920 entstanden erste Ortsvereine in Bayern, 1925 ein Landesausschuss. Schwerpunkte der Arbeit in der Zwischenkriegszeit waren Kinderfürsorge und Ernährungsversorgung, ab 1927 sogar in eigenen Einrichtungen. 1933 wurde die AWO in der NS-Volkswohlfahrt, der zweitgrößten NS-Massenorganisation, gleichgeschaltet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie als unabhängiger und selbständiger Wohlfahrtsverband wieder gegründet und entwickelte sich zu einem der größten freien Wohlfahrtsverbände in Deutschland.

Arbeiterwohlfahrt in Bayern: Solidarität statt Mitleid – die Gründungs- und Aufbauphase

Am 13. Dezember 1919 erlangte die Sozialdemokratin Marie Juchacz (1879-1956) in Berlin die Zustimmung ihrer Partei zur Gründung des "Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt" (AWO). Die Massenverelendung nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Parteiführung veranlasst, eine der Arbeiterbewegung eigene Wohlfahrtsorganisation zu gründen. Von Anfang an grenzte sich die AWO von der bürgerlichen Privatwohltätigkeit ab: Sie verstand sich nicht als Wohltätigkeitsverein, der Almosen vergibt; sie sah ihre Hauptaufgabe darin, soziale Rechtsansprüche einzufordern und Einfluss auf die staatliche und kommunale Fürsorgepolitik zu nehmen.

Die ländliche Struktur und die starke konfessionelle Prägung erschwerten den Aufbau der Organisation in Bayern. Der erste Ortsverein konstituierte sich in Nürnberg am 20. November 1920; München folgte am 22. April 1922. Auf Bezirksebene wurden die drei Organisationseinheiten Franken, Oberpfalz mit Niederbayern sowie Oberbayern mit Schwaben gegründet. Am 5. April kam der organisatorische Aufbau in Bayern mit der Gründung eines Landesausschusses mit Hubert Dolleschel als Vorsitzendem zu einem ersten Abschluss. Das frühe Engagement umfasste Kinderfürsorge und Massenspeisungen, aber bereits 1927 fiel die Entscheidung, eigene Einrichtungen zu bauen: Erziehungs- und Erholungsheime wurden errichtet, die ambulante Hauspflege eingeführt. In der Kinder- und Jugendarbeit arbeitete man mit modernen pädagogischen Konzepten nach Maria Montessori (1870-1952) oder Friedrich Fröbel (1782-1852). Intensive und breit angelegte Schulungen gehörten bald zu einem Schwerpunkt der Arbeit. Die notwendigen Mittel erbrachten Mitgliedsbeiträge, Sach- und Geldspenden, Haussammlungen sowie Lotterien. Von 1926 an erschien mit der "Arbeiterwohlfahrt" zweimal monatlich eine Verbandszeitschrift.

Repressalien und Verbot durch die Nationalsozialisten

Bereits vor der NS-Machtergreifung im Jahr 1933 versuchten die Nationalsozialisten, über verschiedene Kanäle die Arbeit der AWO zu behindern (u. a. versuchten sie auf parlamentarischem Wege die Finanzierung der AWO zu beenden). Dies gelang ihnen erst 1933 mit Verbot und Eingliederung der AWO in die NS-Volkswohlfahrt - einer Parteiorganisation, die sich v. a. mit Gesundheitsfürsorge, Vorsorgeuntersuchungen sowie der medizinischen Betreuung beschäftigte. Damit hörte die AWO de facto auf zu existieren. Noch vor Verbot und Eingliederung gründete die AWO im Februar 1933 eine Tarnorganisation, das Deutsch-Ausländische Jugendwerk, um ihre Arbeit fortführen zu können. Dem Jugendwerk standen die Schwedin Elsa Brändström (1888-1948) und Elisabeth de Morsier von der "Union Internationale de Secours aux Enfants" (UISE) in Genf vor. Gleichzeitig wurden beträchtliche Summen des AWO-Vermögens an die neue Einrichtung überwiesen und so vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahrt. Unter schwierigsten Bedingungen wurde die Arbeit soweit möglich fortgesetzt, bis 1936 aus finanziellen Gründen der Betrieb eingestellt werden musste. Viele Aktive erlitten während der NS-Diktatur Verfolgung und Konzentrationslager, wie etwa der Augsburger Stadtrat Clemens Högg (1880-1945), der Isolationshaft und Arbeitskommando nicht überlebte.

Schwieriger Neubeginn

Die Wiederaufbauarbeit innerhalb der AWO nach dem Krieg leisteten vor allem Frauen; sie knüpften mit Hilfsaktionen für Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und elternlose Kinder an die Vorkriegsaktivitäten an. Eine Diskussion um die Verbandsstruktur zog sich bis 1965 hin, bis in der AWO-Reichskonferenz in Nürnberg die Entscheidung für die Form einer Mitgliederorganisation fiel. Damit war die organisatorische, nicht aber die ideologische Trennung von der SPD vollzogen. Der Landesvorsitzende Hans Weinberger (1898-1976) baute die AWO in den 1950er Jahren zu einem in ganz Bayern aktiven und politisch einflussreichen Wohlfahrtsverband aus. Große Bauprogramme vor allem für Kinder und alte Menschen, aber auch Einzelaktionen wie die Flüchtlingshilfe nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes 1956, die Unterstützung der Betroffenen nach dem Jahrhunderthochwasser in Niederbayern oder eine Hilfsaktion für Kinder in den Elendsvierteln Kairos wurden getragen von etwa 700 hauptamtlich Beschäftigten und Tausenden von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.

Auf dem Weg zum modernen Sozialdienstleister

Die Einführung des Bundesozialhilfegesetzes im Jahre 1962 ebnete den Weg der AWO hin zum modernen Sozialdienstleister. Die weltanschauliche Begründung rückte damit in den Hintergrund. Ende der 1970er Jahre verzeichnete der Verband mehr als 102.000 Mitglieder, etwa 8.200 Helferinnen und Helfer sowie 3.500 hauptamtlich Beschäftigte. 220 Beratungsstellen hatten im Jahr 1978 knapp 53.000 Beratungen durchgeführt. Neue Konzepte der Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederwerbung sollten nun einer Überalterung der Mitgliederstruktur zuvorkommen. So wandte sich die Verbandszeitschrift "Der Helfer" zunehmend allgemeinen sozialpolitischen Themen zu, ohne die Informationsbedürfnisse der aktiven Mitglieder zu vernachlässigen. Unter dem Landesvorsitz von Karl Herold (1921-1977) verdoppelte sich die Zahl der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer; das Spendenaufkommen wuchs um 30 %. Nach dessen plötzlichem Tod trat der Nürnberger Sozialdemokrat Bertold Kamm (geb. 1926) an die Spitze des Landesverbandes.

Zentral sind die Modelleinrichtungen der AWO: Beispielsweise familiären und finanziellen Verhältnissen entsprechender Wohnraum für Alleinerziehende und Altenheime, die den Eigenheiten alter Menschen Rechnung tragen. Auch Urlaubs- und Kuraufenthalte für nicht mehr im Erwerbsleben stehende Menschen gehören zum Regelangebot.

Neue Aufgaben brachte die wachsende Einwanderungsgesellschaft: Beratungs- und Betreuungsstellen für Arbeitsmigranten und deren Familien sollten Einleben und Aufenthalt in der Bundesrepublik erleichtern sowie als Mittler zwischen den Kulturen fungieren.

Dem Prinzip der lebenslangen Weiterbildung trägt die Hans-Weinberger-Akademie Rechnung: 1981 gegründet, bietet sie an sechs bayerischen Standorten (Aschaffenburg, Augsburg, Fürth, München, Marktl a. I., Schweinfurt) Aus- und Fortbildungen sowie Studienprogramme im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens an.

Humanitäre Leitmotive und internationale Solidarität mit den Menschen in der "Dritten Welt" wurden damals von vielen aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Organisationen proklamiert. Im Februar 1982 wurden sie mit der Gründung der "Landesarbeitsgemeinschaft Bayern Entwicklungshilfe Mali" (LAG Mali e. V.) in ein konkretes Hilfsprogramm umgesetzt. Mit Sitz in Nürnberg leistet die LAG Mali e. V. mit ihren Projekten einen Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit für das Land am Rande des Sahel. Heute wird die Arbeit der AWO in Bayern von 74.000 Mitgliedern, 18.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 15.000 ehrenamtlichen Kräften getragen. Als Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege fungiert sie als Leistungsanbieter auf einem wachsenden Sozialmarkt, versteht sich aber auch als Mitgestalterin eines sozialen Bayern.

Landesvorsitzende seit Neugründung des AWO-Landesverbands

1945-1947 Max Peschel (1886-1969)
1947-1948 Horst Schieckel (geb. 1896)
1948-1969 Hans Weinberger (1898-1976)
1969-1977 Karl Herold (1921-1977)
1978-1989 Bertold Kamm (geb. 1926)
1989-2004 Seban Dönhuber (geb. 1934)
seit 2004 Thomas Beyer (geb. 1963)

Literatur

  • Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e. V. (Hg.), Helfen und gestalten. Beiträge und Daten zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt, Bonn erweiterte Neuauflage 1992.
  • Christiane Eifert, Frauenpolitik und Wohlfahrtspflege. Zur Geschichte der sozialdemokratischen "Arbeiterwohlfahrt" (Geschichte und Geschlechter 5), Frankfurt am Main/New York 1993.
  • Alto Gebhard, 70 Jahre Arbeiterwohlfahrt. Ein Rückblick auf die Gründerjahre der Arbeiterwohlfahrt in München, München 1989.
  • Josef Mančal/Heinz Münzenrieder, Freie Wohlfahrtspflege vor Ort. 70 Jahre Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Schwaben 1927-1997, Augsburg 1997.
  • Marcus Mesch, Geschichte des Jugendwerkes der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Gründungsmotive und Entwicklung des Kinder- und Jugendverbandes der AWO, Berlin 2008.
  • Martina Mittenhuber, Geschichte der Arbeiterwohlfahrt in Bayern 1919-1999, Nürnberg 1999.
  • Michael Nickl, Mensch sein heißt helfen! 60 Jahre Arbeiterwohlfahrt in Bayern, München 1979.
  • Heinz Niedrig, Die Arbeiterwohlfahrt in der Zeit von 1933 bis 1945. Spurensuche: Aufbau, Verfolgung, Verbot, Widerstand, Emigration, Marburg 2003.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Martina Mittenhuber, Arbeiterwohlfahrt Landesverband Bayern (AWO), publiziert am 24.04.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Arbeiterwohlfahrt Landesverband Bayern (AWO)> (22.09.2017)