Seuchen (bis 1800)

von Felicitas Söhner

Schutzmedaille (Vorder- und Rückseite) gegen die Pest, die im Dreißigjährigen Krieg und vor allem 1634 in München grassierte. (Staatliche Münzsammlung München, Inventarnummer 12-1092, lizenziert durch CC BY-NC-SA 4.0) (Bavarikon)

Seuchen, gefährliche Infektionskrankheiten mit der Tendenz zur Massenausbreitung, sind in Europa seit der Jungsteinzeit belegt. Bis in die Neuzeit ist die Art der Erkrankungen allerdings oft nur mit Hilfe von Archäologie und Naturwissenschaften zu klären, weil die Schriftquellen begrifflich unscharf bleiben. Neben der Pest, die sich in Bayern seit römischer Zeit immer wieder in regionalen Ausbrüchen manifestiert, traten seit dem Mittelalter Lepra, Cholera, der „Englische Schweiß“, Fleckfieber, Ruhr, Typhus und Pocken, ab dem späten 15. Jahrhundert auch die Syphilis als Seuchen auf. Mangels Kenntnissen zum Infektionsgeschehen bestanden Gegenmaßnahmen lange in Stigmatisierung und Isolierung der Kranken, von Seiten der Bevölkerung in religiösen Ritualen (Wallfahrten, Anrufung der „Pestheiligen“), aber auch in der Suche nach Sündenböcken (z.B. Juden). Obrigkeitliche Abwehrstrategien in Gestalt von Pestmandaten, die u.a. Einreiseverbote und Quarantänevorschriften enthielten, oder Medizinalordnungen zur Ausbildung von Ärzten und Apothekern kamen erst ab Ende des 15. Jahrhunderts zum Tragen. Die größten demographischen und wirtschaftlichen Folgen hatten die Pestausbrüche im 14. und im 17. Jahrhundert, letztere in Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg.

Definition und Begriffsabgrenzung (Endemie, Epidemie, Pandemie)

Im historischen Verständnis bedeutete eine Seuche das massenhafte Auftreten einer Krankheit mit der Tendenz einer zunehmenden Verbreitung. Die moderne Infektionsmedizin versteht unter einer Seuche die „Anhäufung von gefährlichen, jedoch nicht immer kontagiösen Infektionskrankheiten in größeren und kleineren Gebieten über eine bestimmte Zeit mit der Tendenz zur Massenausbreitung“ (Rolle 2007, 25). Als typische Beispiele sind im europäischen kollektiven Gedächtnis insbesondere die Pest und die Cholera verankert.

Seuchen werden nach ihrer Ausbreitung und Entstehung folgenden Kategorien zugeordnet - oftmals besteht ein fließender Übergang:

  • Endemie: räumlich begrenzte Häufung einer Infektionskrankheit, jedoch ohne zeitliche Begrenzung (z.B. Masern in Mitteleuropa, Malaria in tropischen und subtropischen Regionen).
  • Epidemie: zeitlich und räumlich begrenzte Häufung einer Infektionskrankheit innerhalb einer menschlichen Population (z.B. Cholera in Mitteleuropa, Ebola-Ausbruch in Westafrika).
  • Pandemie: zeitlich begrenzte Häufung einer Infektionskrankheit, jedoch ohne räumliche Begrenzung (z.B. Pest, Covid-19).

Quellenlage und kritische Einordnung

Spätgotische Pestsäule in München-Fürstenried, zwischen der Siedlung Fürstenried-Ost und Olympiastraße gelegen, errichtet im Andenken an eine unbekannte Pest. Foto (Ausschnitt): Georg Fruhstorfer (1915-2003), um 1970. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv fruh-16332)

Da im Unterschied zu anderen Regionen für Süddeutschland kaum schriftliche Belege zu Seuchenereignissen in antiker und frühmittelalterlicher Zeit vorliegen, bieten archäologische Quellen und deren anthropologische und paläogenetische Auswertung (z.B. DNA-Analyse von Knochenfunden) einen wesentlichen Zugang. Als mittelalterliche Quellen können Chroniken, Steuer- und Kirchenbücher oder Pestordnungen dienen. Deren Überlieferung weist aber zumeist Lücken auf und gibt epidemiologische Ereignisse und damit einhergehende Maßnahmen und Auswirkungen meist eher ungenau wieder. So ist jeweils kritisch zu prüfen, ob die dokumentierten Daten ein korrektes und vollständiges Bild der betrachteten Geschehen bieten. Gilt das Spätmittelalter als eine an einschlägigen schriftlichen Zeugnissen noch arme Zeit, liegen ab der Frühen Neuzeit städtische Aufzeichnungen vor, die Informationen zu Epidemien enthalten, wie Ratsprotokolle, Steuerbücher oder Baumeisterrechnungen. Stadtschreiber und Chroniken berichten über Ausbrüche und Folgen von Epidemien. Daneben eröffnen Annalen von Städten und Klöstern oder deren Rechnungsbücher sowie Flugblätter einen Zugang zu lokalen und regionalen Seuchengeschehnissen. (Gasser 1595-1596; Christliche Erinnerung 1629; Stetten 1743) Über lokale Ausbrüche ansteckender Krankheiten mit hoher Mortalität finden sich Hinweise in Totenbüchern von Pfarreien wie auch in Untersuchungsbefunden in der Überlieferung von Kliniken und in Nachlässen von Medizinern.

Bei vielen historischen Seuchenbeschreibungen ist nicht genau bekannt, um welche Krankheit es sich handelte. Der Pestbegriff wurde zunächst unspezifisch für Seuchen mit hoher Mortalität verwendet und erst im 16. Jahrhundert begann man, diese begrifflich zu unterscheiden. Die historische Forschung konstatiert eine synonyme Verwendung der Begriffe „Pestilentz“, „Brechen“ und „großes Sterben“ in vormodernen Quellen. Erschwerend kommt hinzu, dass in zeitgenössischen Quellen Begrifflichkeiten auch mehrdeutig verwendet werden. So bleibt es bei den Ausführungen im Einzelfall jeweils unklar, welcher Erreger ein lokales oder regionales Seuchengeschehen ausgelöst hatte. Welche Einschnitte Seuchen wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich bedeuteten, lässt sich hingegen besser rekonstruieren.

Seuchenzüge traten immer wieder auf. Besonders in Phasen, in denen sich Umwelt oder Gesellschaft stark veränderten (Zugänge in abgeschiedene Regionen, klimatische Veränderungen, Bevölkerungsbewegungen, Vermassung, Verelendung), finden sich auch Veränderungen in der Ausbreitung und Folgenschwere von Infektionskrankheiten. So bedeuten Seuchen für soziale Gemeinschaften immer wieder neue Herausforderungen.

Vorgeschichte und Antike

Seuchen traten in Europa bereits in der Antike auf; das Wissen zu den verschiedenen Krankheitserregern ist noch recht ungenau.

Anhand von Skelettanalysen kann das Auftreten des Pesterregers in Europa etwa seit 3500 v. Chr. nachgewiesen werden. Die Existenz mehrerer Pestgräber aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit in Europa legt den Schluss nahe, dass die Pest kein lokales Phänomen war. Das älteste bekannte Pestgenom in Zentraleuropa stammt aus Gräbern in Haunstetten bei Augsburg aus der Zeit 2396 bis 2148 v. Chr. (Andreades 2020). Die Archäologie erklärt die Ausbreitung der Krankheit mit dem Aufkommen eines stabilen Siedlungssystems im Lechtal ab ca. 2500 v. Chr. und einem Anstieg der Bevölkerungsdichte. Auch die Etablierung weiträumiger Handelsnetze wird als Verbreitungsfaktor betrachtet.

Römische Grabinschriften aus Mauerkirchen (Lkr. Rosenheim) und aus Regensburg deuten auf das Auftreten einer Epidemie hin. Mit der „Antoninischen Pest“ erfasste eine Epidemie das Römische Reich um 165 bis 185 n. Chr. Die Verbreitung erfolgte wohl über militärische Bewegungen vom Nahen Osten zurück in verschiedene Militärstandorte des Römischen Imperium. Welcher Erreger das Seuchengeschehen ausgelöst hat, blieb bislang unklar.

Mittelalter (6. bis Anfang 16. Jahrhundert)

Auftreten von Seuchen (geographische und zeitliche Räume)

Grafik 1: Dokumentierte Pestausbrüche in bayerischen Städten (1350-1525). (Daten und Gestaltung: Felicitas Söhner)

Seit dem Mittelalter traten in Europa regelmäßig Seuchen auf wie Fleckfieber, Ruhr, Typhus und Pocken. Eine Krankheit, die die Bevölkerung ständig begleitete, war die Lepra. Deren enorme Zunahme ab dem späten 11. Jahrhundert wird mit den Kreuzzügen verbunden. Das Auftreten der Lepra erfuhr seinen Höhepunkt im 13. Jahrhundert, ab dem 14. Jahrhundert reduzierte es sich merklich bis zum weitestgehenden Verschwinden gegen Ende des 16. Jahrhunderts.

Als die Krankheit mit dem größten demographischen Einfluss auf die Bevölkerung Europas gilt die Pest. Zu den frühesten schriftlich dokumentierten Seuchengeschehen zählt die Justinianische Pest; diese begann im Jahr 541 in Ägypten, erreichte um 543 Vorderasien und Mitteleuropa und hielt bis 750 an.

Es ist davon auszugehen, dass sich der Erreger der Pest nach dem 8. Jahrhundert in der Region nicht erhalten hat und im Spätmittelalter wieder neu nach Europa gelangt ist. Chroniken verweisen in den Jahren 1059/60, 1092 und 1099 auf das Auftreten von Seuchenzügen im bayerischen Raum, die Benennung des Krankheitserregers bleibt dabei sehr ungenau (Wozniak 2020, 657f.).

Im 14. Jahrhundert trat die Pest in Europa erneut auf als eine Epidemie von hoher Virulenz und Mortalität. Den bayerischen Raum erreichte die Pest vermutlich über den Fernhandelsweg von Trient über den Brenner und das Inntal. Chroniken berichten 1348 vom Erscheinen des sog. Schwarzen Todes in Braunau, Mühldorf am Inn, Landshut und München (Oefele u.a. 1878, 384f.). Andere Städte wie Augsburg, Regensburg, Nürnberg und Würzburg waren in dieser ersten Phase (1348-51) kaum betroffen.

In den folgenden dreieinhalb Jahrhunderten blieb die Seuche eine ständige Bedrohung, verbreitete sich über Handelswege zu Land und zu Wasser. Oft war das Auftreten der Pest aber regional begrenzt.

In schriftlichen Dokumenten finden sich Belege von Pestausbrüchen in Bayern (siehe Grafik 1; Söhner 2022). Da im Mittelalter die Begrifflichkeiten für Infektionskrankheiten unscharf verwendet wurden, wird allerdings der sichere Nachweis eines epidemischen Auftretens erschwert.

Maßnahmen und Bewältigungsstrategien (gesellschaftlich, organisatorisch, städtebaulich)

Kirche und „Siech-Kobel” zu St. Peter in Nürnberg auf einem Kupferstich aus dem Jahr 1760. In solchen „Leprosorien“ waren die von Lepra befallenen Menschen untergebracht, versorgt wurden sie vor allem mit Almosen aus der Bevölkerung. (Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt, Inventarnummer GT/0750)
Darstellung der Lepra im 1517 erschienenen „Feldbuch der Wundarzney“ von Hans von Gersdorff (ca. 1455-1529). Die Seuche wurde auch im Hinblick auf den Verlust der bürgerlichen Existenz von Erkrankten als Prüfung Gottes verstanden, die es mit Würde zu ertragen galt. (Bayerische Staatsbibliothek, Res/2 Alch. 16#Beibd.1)

Zu den gesellschaftlichen Reaktionen auf das Auftreten von Seuchen gehörten Stigmatisierung, Isolierung und soziale Kontrolle (Jütte 2014). Tatsächlich besaß die Gesellschaft im Mittelalter außer der Isolierung von Kranken keine wirksamen Maßnahmen zur Bewältigung ansteckender Krankheiten. So wurden die von der Lepra befallenen Menschen von der Bevölkerung isoliert, sie hatten ihr Recht als Stadtbürger verloren und waren auf Almosen angewiesen. Leprahäuser, sog. Leprosorien, dienten zur Unterbringung und Kontrolle der Leprakranken.

Das Auftreten der Pest im 14. Jahrhundert stellte zugleich eine große Zäsur für die Verbreitung der Lepra dar. Die Pest verursachte zum einen den größten demographischen Einschnitt im mittelalterlichen Europa, zum anderen wirkten sich die Maßnahmen gegen sie auch auf die Verbreitung der Lepra aus.

Die Bevölkerung reagierte in ihrer Unwissenheit gegenüber der Bedrohung durch die Pest auf vielfältige Weise. Die Landbevölkerung mied die Städte zunehmend. Auf der Suche nach „Verantwortlichen“ richtete sich die Reaktion der Bevölkerung oft gegen Angehörige von Minderheiten oder gesellschaftliche Randgruppen als Sündenböcken und entlud sich in Verunglimpfung und Verfolgung. Insbesondere in schwäbischen und fränkischen Orten kam es zu Judenpogromen. In den bayerischen Teilherzogtümern wurden 1349 Juden auf ausdrückliche Weisung der Herzöge ermordet. In einzelnen Städten wie in Regensburg blieb die jüdische Gemeinde durch den Schutz des Magistrats davon verschont. Zusammenhänge zwischen dem Auftreten der Pest und Judenpogromen sind zu vermuten, aber schwer zu belegen.

Zum anderen nahmen religiöse Rituale zu; die Bevölkerung reagierte auf die überwältigenden Auswirkungen des Seuchengeschehens zunächst weniger mit sanitären Maßnahmen als mit Bittgottesdiensten, Prozessionen und Wallfahrten. Als Vermittler in der Bitte an Gott, die Seuche wieder verschwinden zu lassen, dienten insbesondere die „Pestheiligen“ St. Sebastian und St. Rochus.

Erst ab dem Ende des 15. Jahrhunderts etablierten sich obrigkeitliche Abwehrstrategien, eine auf Beratung gelehrter Medizinier basierende landesherrliche wie städtische Pestpolitik. Zunehmend häufiger und weitreichender regelten Medizinalordnungen die Ausbildung, Tätigkeiten und Vergütungen von Ärzten, Apothekern und Badern. Speziell einberufene Ärzte sollten sich um die Pestkranken kümmern, Hebammen erhielten gesonderte Bezahlung für die geburtshilfliche Versorgung und Behandlung von pestkranken Schwangeren und Müttern. Die Medizin konnte zwar keine präventiven oder therapeutischen Hilfen bieten, empfahl jedoch Mittel zur Linderung der Symptome.

Die Räte in den Städten erließen Pestmandate, später gedruckte Pestordnungen in hoher Auflage, die bei jedem Auftreten der Pest erneut veröffentlicht wurden (Pfotenhauer 2021). Zur Organisation und Durchsetzung der städtischen Pestordnung wurden Personen in Ämter bestellt. Die Pestmandate enthielten v.a. beschränkende Vorschriften wie Einreiseverbote, Restriktionen der Beherbergung und Verbote größerer Feiern sowie Quarantänebestimmungen für Erkrankte und ihre Mitbewohner (Dross 2015). Einreisende hatten mit „Gesundheitspässen“ die Herkunft aus seuchenfreien Gebieten nachzuweisen (Thießen 2015). Zu den wesentlichen gesundheitspolitischen Maßnahmen gehörte neben der Beschränkung sozialer Kontakte die Isolierung der Kranken wie der Verstorbenen. Um Ansteckung zu minimieren, wurde die Reinigung der Luft durch Räucherwerk wie die Reinhaltung der Straßen und Häuser empfohlen. Weltliche und kirchliche Institutionen richteten für Erkrankte gesonderte Häuser (Pest- oder Siechenhaus) bzw. Stationen ein.

Bestattete man zu Beginn der Pestepidemien im Mittelalter die Verstorbenen noch auf den Friedhöfen bei den Kirchen, so wurden im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert auch gegen den Widerstand der Geistlichkeit sog. Pestfriedhöfe außerhalb der Stadtmauern angelegt.

Auswirkungen von Seuchen (wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich)

Zeitzeugenberichte zur Justinianischen Pest aus dem Mittelmeerraum beschreiben hohe Todeszahlen; Historiker halten sie für eine der größten Katastrophen, die den Mittelmeerraum je betroffen hätten mit merklichen Auswirkungen auf Bevölkerungszahl, Religion, Politik, Wirtschaft und Geistesleben. Die Überlieferung berichtet von dramatischen Versorgungsengpässen, insbesondere bei Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs, da die hohe Sterblichkeit nicht zuletzt Auswirkungen auf Landwirtschaft und Handel hatte (Leven 2016).

Inwiefern die Pest im frühen Mittelalter größere Effekte im bayerischen Raum hatte, wird unterschiedlich beurteilt (Sallares 2007). Es wird davon ausgegangen, dass die ländliche Prägung und agrarische Struktur die Auswirkungen der Seuche relativiert haben könnten (Fehr 2019). Auch wird darauf verwiesen, dass die zu jener Zeit günstigen Lebensbedingungen eine vergleichsweise geringe Sterblichkeit bedingten (Harbeck, Keller 2020).

Das Auftreten der Pest ab 1347 hingegen hatte einen starken Bevölkerungsschwund zur Folge, der die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Strukturen schwer erschütterte. Im süddeutschen Raum verödeten im 14. und 15. Jahrhundert zahlreiche Höfe und Siedlungen. Die Höhe der Opferzahlen in Europa wird kontrovers diskutiert (Vasold 2003). Die Zahlen schwanken von einem Zehntel bis zu einem Drittel der Bevölkerung; es ist davon auszugehen, dass die Betroffenheit der Gebiete zeitlich und regional unterschiedlich war.

Die demographischen Verluste im Spätmittelalter waren eng mit ökonomischen Folgen verbunden. So verweisen die Quellen auf einen Rückgang im Agrarsektor, der sich auf eine sinkende Nachfrage an Nahrungsmitteln einstellen musste (Agrardepression). Nicht bewirtschaftete Flächen wurden nun als Weide genutzt oder entwickelten sich zu Brachland. Als weitere wirtschaftliche Folge sind die wegen des Menschenmangels steigenden Kosten für Löhne und damit einhergehenden höheren Produktionskosten zu sehen, wodurch sich gewerbliche Güter erheblich verteuerten. Auch gibt es Hinweise auf das Phänomen von Wucherpreisen auf Waren und Dienstleistungen, den Verfall der Leitwährung sowie massive Konflikte bei der Begleichung finanzieller Verbindlichkeiten durch die Erben (Meier 2005).

Analysen verweisen darauf, dass sich durch die Dezimierung der Bevölkerung und die dadurch bedingte Verteilung von Erbmassen auf weniger Akteure das Vermögen einzelner Familien konzentrierte. Die dadurch gesteigerte Kaufkraft einerseits, der Mangel an Handwerkern und Bauern sowie gleichzeitige Missernten andererseits führten insbesondere in den Städten zu höheren Preisen. Klare Verweise auf eine negative wirtschaftliche Entwicklung fehlen allerdings (Würth 2021, 15).

Frühe Neuzeit (Anfang 16. bis Ende 18. Jahrhundert)

Auftreten von Seuchen (geographische und zeitliche Räume)

Grafik 2: Dokumentierte Pestausbrüche in bayerischen Städten (1525-1725). (Daten und Gestaltung: Felicitas Söhner)

Zu den schwerwiegenden Seuchen, die in der Frühen Neuzeit auftraten, gehörten neben der Pest auch die Pocken, Typhus, der „Englische Schweiß“ sowie die Syphilis.

Das Auftreten der Syphilis gegen Ende des 15. Jahrhunderts traf ganz Europa schwer. Die im deutschen Sprachraum „Franzosenkrankheit“ genannte Erkrankung beeinflusste beinahe jede Sphäre des kulturellen Lebens und war wegen ihrer leichten Übertragbarkeit gefürchteter als Lepra und Pest. Es wird davon ausgegangen, dass die südamerikanische Variante der Seuche sich von der iberischen Halbinsel bis 1495 nach Mitteleuropa ausgebreitet hatte (Winkle 2005, 541). Augsburger und Memminger Chroniken berichten über die massiven Auswirkungen der Syphilis, die sich ab dieser Zeit rapide im europäischen Raum verbreitete (Fuchs 1843, 137).

Im August 1529 brach vom Hamburger Hafen ausgehend im deutschsprachigen Gebiet eine epidemische Krankheit aus, die „Englischer Schweiß“ genannt wurde. Es handelte sich um eine bis heute unbekannte, sehr ansteckende Erkrankung mit meist sehr kurzer Krankheitsdauer. Die Symptome, deren markantestes starke Schweißausbrüche waren, führten zumeist rasch zum Tod (Flood 2014). Die ursprünglich in England aufgetretene Seuche breitete sich blitzartig aus. In Augsburg fielen ihr in wenigen Wochen rund 800 Personen zum Opfer; in mehreren bayerischen Städten wird das Auftreten der Seuche berichtet. Das Erscheinen dieser Krankheit blieb im süddeutschen Raum ein einmaliges Phänomen (Horanin 2019, 29).

Das frühe 17. Jahrhundert war geprägt von religiös-politischen Auseinandersetzungen, die im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) eskalierten. Die damit einhergehenden Bevölkerungsbewegungen (Soldaten, Geflüchtete), Plünderungen und Mangelversorgung verwüsteten ganze Regionen und begünstigten die Bedingungen für Epidemien. Die Quellen verweisen auf Ausbrüche von Pest, Pocken und Typhus in mobilen Heeren wie in der mangelernährten Bevölkerung.

Während des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-14) war der bayerische Raum erneut von kriegerischen Auseinandersetzungen wie auch Pestausbrüchen betroffen. Süddeutsche Städte wie Augsburg, Kempten, Memmingen und Ulm waren von Truppen besetzt. Wieder werden Ausbrüche von Seuchen berichtet, wie die einer fieberhaften Erkrankung durch bayerisch-französische Soldaten in Memmingen, an der sowohl zivile wie militärische Personen verstarben (Huber-Sperl 1997, 682).

Trotz der lückenhaften und unscharfen Dokumentation von Seuchenereignissen in bayerischen Städten der Frühen Neuzeit lassen sich einige der Pest zuschreiben (vgl. Grafik 2). Als letzter Ausbruch gilt die Pestepidemie 1713/14 im Südosten Bayerns, v.a. in Regensburg und im Berchtesgadener Land.

Ab dem späten 17. Jahrhundert verlieren sich die Berichte über die Pest und andere schwere Seuchen in Mittel- und Westeuropa, was auf deren allgemeine Rückläufigkeit hindeutet. Die Pest trat nun eher sporadisch in einzelnen Gebieten auf; als ihr letzter größerer Ausbruch in Mitteleuropa gilt die „Große Pest von Marseille“ (1720).

Maßnahmen und Bewältigungsstrategien (gesellschaftlich, organisatorisch, städtebaulich)

Seuchenmandat Herzog Wilhelms V. (1548-1626), Herzog von Bayern 1579-1597, aus dem Jahr 1592. (Bayerische Staatsbibliothek, Kloeckeliana 23#Beibd.13)

Um der Syphilis zu begegnen, ergriffen beinahe alle größeren Städte Europas seuchenpolizeiliche Maßnahmen. Badehäuser und Bordelle wurden stark reglementiert oder komplett geschlossen. Badern, Barbieren und Chirurgen wurde es verboten, die Erkrankten zu behandeln. Um diese zu isolieren und in eigenen Hospitälern zu versorgen, richteten um 1500 zahlreiche Städte v.a. in Süddeutschland „Franzosenhäuser“ ein (Brand 2018, 16f.). Die therapeutischen Ansätze waren unklar und von empirischem Pragmatismus geprägt. Es erfolgten Behandlungsversuche mit Quecksilber und unterschiedlichen Heilpflanzen.

Für die Phasen der Pest in der Frühen Neuzeit berichten die Quellen von Handelsbeschränkungen und vom Ausfall von Märkten, Vergnügungen und starker Beschränkung bei Feierlichkeiten, wie von der Berufung zusätzlicher Totengräber und Ärzte. Entsprechend der Pestordnungen sollten Pestopfer rasch beerdigt werden; die üblichen Bestattungsriten und -feierlichkeiten wurden unterbunden und die Häuser der Verstorbenen ausgeräuchert oder gesperrt (Feldmann u.a. 2016, 11f.). Zur Isolation der zahlreichen Toten legte man eigene Pestfriedhöfe außerhalb der Stadtmauern an.

Betroffene Haushalte wurden unter Quarantäne gestellt, Häuser von Pesttoten wurden versperrt und versiegelt. Gleichzeitig richtete man außerhalb der Stadtmauern Pesthäuser ein bzw. regelte die Zuständigkeiten von Leprosenhäusern und Armenhäusern (Pfotenhauer 2021).

Weitere Maßnahmen waren Straßensperren, die Reglementierung des Bettelwesens und die Kontrolle ankommender Personen und Waren an den Stadttoren. Die Obrigkeiten erließen Anordnungen zur Reinhaltung der Straßen und der Wäsche, zu Handel und Haltung von Nutztieren und zur Entfernung von Tierkadavern und Exkrementen aus der Stadt (Dross 2015).

Analog zum Verständnis von Krankheit als göttlicher Strafe erlebten religiöse Reaktionen wie individuelle Frömmigkeit, Buße und Wallfahrten einen großen Aufschwung. Wie schon in früherer Zeit wurden „zuständige“ Heilige um Beistand und Fürsprache angerufen, z.B. St. Sebastian, St. Fiacrius und St. Rochus oder der Nothelfer St. Dionysius (Schwarzburger u.a. 2021).

Städte wie Territorialfürsten versuchten ordnend und reglementierend über ein öffentliches Gesundheitswesen zu regieren. Das wurde wie seit dem späten 15. Jahrhunert auch weiterhin durch Medizinalordnungen geregelt, die die medizinischen Berufsgruppen wie Ärzte, Apotheker, Chirurgen, Bruchschneider, Starstecher und Hebammen kontrollierten. Einberufene Stadtärzte koordinierten und überwachten die heilkundlichen Tätigkeiten im Ort, in Traktaten wurden therapeutische Konzepte empfohlen. Städtebaulich reagierten die Obrigkeiten mit der Errichtung von Krankenhäusern und dem Ausbau des Badewesens.

1592 erließ das Kurfürstentum Bayern eines der frühesten ausführlichen Seuchenmandate, das Anordnungen zur Räucherung und Säuberung von Gebäuden, Kleidung und Straßen enthielt und dem weitere Seuchenmandate folgten (Ay 1997, Tamme 2009). Gleichzeitig wies Bayern im Jahr 1618 seine Diplomaten an, mögliche Epidemien aus dem Ausland zu melden; die Berichte prüfte ab 1649 ein Kontagionsrat, ab 1770 das „Officio sanitatis“ (Hoffmeister 1997, 114ff.). Als die Pest erneut ausbrach, wurde Regensburg komplett abgeriegelt und der Immerwährende Reichstag 1713 und 1714 vorübergehend nach Augsburg verlegt (Burkhardt, Werkstetter 2005).

Auswirkungen von Seuchen (wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich)

Der Dreißigjährige Krieg hatte eklatante Auswirkungen auf die Wirtschaft, insbesondere die Landwirtschaft als Leitsektor, auf Bevölkerungszahl und -zusammensetzung (Hanke 1969, Hartinger 1976, Kießling 2005). Der süddeutsche Raum war aufgrund von unmittelbaren Kriegsfolgen, Hungersnöten und Seuchenzügen von einer hohen Sterblichkeit betroffen. Ehemals wohlhabende Städte brachen sozial und wirtschaftlich zusammen. Unterschiedliche Quellen berichten von einem massiven Rückgang der Einwohnerzahl auf ein Drittel während des Dreißigjährigen Krieges, z.B. fiel etwa jeder dritte Münchner der Pest zum Opfer (Stahleder 2005). Im ländlichen Raum sank zwischen 1632 und 1635 die Einwohnerzahl erheblich, in manchen Gebieten betrug der Bevölkerungsverlust bis zu 65 Prozent (Huber-Sperl 1997, 685). Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation starben 20 bis 45 Prozent der Einwohner (Nissen 1997, 8). Es kam immer wieder zu Wanderungsbewegungen in die entleerten Gebiete und Öden; Westmittelfranken wurde v.a. von Böhmen, Schwaben von Tirol aus wieder besiedelt. Durch die damit einhergehende abnehmende Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten sanken die Getreidepreise, gleichzeitig stiegen die Dienstbotenlöhne, was zu einem Ausbau der extensiven Viehwirtschaft führte. Auch ging das Phänomen der Landarmut zunächst zurück; insbesondere Tagelöhner und Kleinbauern profitierten von gestiegenen Löhnen und Zuerwerbsmöglichkeiten. Der durch Seuchen und Krieg verursachte Bevölkerungsrückgang nahm Druck von der landwirtschaftlichen Produktion, was sich erst wieder mit der wachsenden Bevölkerung im ausgehenden 18. Jahrhundert änderte.

Forschungsgeschichte

Gebet zur Abwendung der Pest aus dem Buch „Geistliche Apothecke voll köstlicher Präservativen wider die Erbsuchten und Pest“, veröffentlicht 1679 in München. (Bayerische Staatsbibliothek, Asc. 115#Beibd.1)

Die Geschichte der meist verheerenden Seuchenzüge lässt sich oft nur indirekt fassen. Die Geschichtsschreibung nähert sich ihr über unterschiedliche Zugänge, die sich im Lauf der Zeit wandelten.

Angesichts geringer naturwissenschaftlicher Daten diente lange Zeit die retrospektive Diagnostik als ein Zugang zum historischen Verständnis von Seuchengeschehen. Über diesen in den 1990er Jahren stark kritisierten Zugang werden Aufzeichnungen von Augenzeugen und weitere historische Schilderungen von Epidemien im Hinblick auf Epidemiologie, Symptomatik und Klinik analysiert (Probst 1994; Leven 1998; Karenberg 2004). Da in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit historisches und aktuelles Wortverständnis oft nicht deckungsgleich sind und im Rahmen der retrospektiven Diagnostik methodisch relevante Aspekte wie der Wandel von Krankheitsbildern und das Verständnis von Krankheitsursachen zumeist vernachlässigt werden, gilt dieses Konzept in der gegenwärtigen Geschichtsschreibung als unseriös (Leven 2016, 45).

Einen alternativen Zugangsweg bietet die Methodik der textkritischen Interpretation vor dem Hintergrund zeitgenössischen Wissens. Dabei werden erhaltene Zeugnisse entlang der gestellten Fragestellungen nach Form, Zweck und Inhalt der Darstellung behandelt. Im Fokus der Forschung stehen u.a. gesellschaftliche, politische und kulturelle Folgen von Epidemien (Horden 2005; Leven 2016; Meier 2005). Der Mittelalterhistoriker Neithart Bulst (1989) forderte in diesem Zusammenhang eine interdisziplinäre Perspektive; den Diskurs zur vielseitigen Herangehensweise bestimmt haben dabei Otto Ulbricht (2004) und Martin Dinges (1995). Fritz Dross (2016, 56) plädiert für einen kulturgeschichtlichen Zugang im Bewusstsein, dass die Quellen weniger als Krankheitsbeleg, sondern als Wahrnehmung von damit einhergehenden Phänomenen einzuordnen sind, also als Berichte über exzeptionelle Geschehnisse.

Die Seuchengeschichtsschreibung zur Vormoderne hat in den 1990er Jahren quantitativ und qualitativ erkennbar zugenommen und ist durch eine Vielzahl an regionalen Studien und Überblicksdarstellungen gut erfasst. (Leven 1997, 2004; Little 2007) Folgende Untersuchungen befassen sich insbesondere mit Seuchenereignissen im bayerischen Raum: Birgit Brandner (Choleraepidemie in München 1836/37), Fritz Dross (Seuchen in der frühneuzeitlichen Stadt), Mariusz Horanin (Pest in Augsburg um 1500), Konrad Müller (Pest und andere Seuchen in Memmingen), Carolin Porzelt (Pest in Nürnberg 1562-1713) und Claudia Stein (Syphilis in Augsburg).

Weitere Perspektiven bietet der Zugang zur Seuchengeschichte über die Archäologie, wenn schriftliche Quellen kaum vorhanden sind oder gänzlich fehlen. Über makroskopische Befunde können beispielsweise Fragen zu regionalen Siedlungsformen und Lebensgewohnheiten sowie Bestattungsriten gestellt werden, die wiederum Aussagen zu sozialen, wirtschaftlichen wie demographischen Entwicklungen liefern können. In jüngerer Zeit werden diese durch naturwissenschaftliche Befunde ergänzt, wie aus der historischen Klimakunde oder der Paläopathologie. Als jüngste naturwissenschaftliche Methode analysiert die Paläogenetik organische Überreste. Deren Befunde können molekularmedizinische Nachweise für Erreger liefern. Dieser Zugang hilft, die Entwicklung von Pathogenen zu verstehen und eröffnet der historischen Forschung neue Wege.

Literatur

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Felicitas Söhner, Seuchen (bis 1800), publiziert am 14.6.2022; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Seuchen_(bis_1800)> (01.10.2022)





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