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Spanische Grippe, 1918/19

"Krieg, Grippe und Bolschewismus". Karikatur in der Zeitschrift "Jugend" aus dem Jahre 1919. (aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben 1919, Nr. 7, Bayerische Staatsbibliothek 4 Per. 11 i-24,1)
Artikel zur Grippe-Epidemie aus dem Münchner Generalanzeiger der Münchner Neuesten Nachrichten, Kollage nachträglich erstellt. (Münchner General-Anzeiger der Münchner Neusten Nachrichten, Nr. 559 (5.11.1918), S. 1) (Bayerische Staatsbibliothek, 2 H.un.app. 47 h-1918,10-12)

von Manfred Vasold

Die "Spanische Grippe" von 1918/19 war die verheerendste Seuche des 20. Jahrhunderts. Aufgrund des Ersten Weltkriegs, des politischen Umbruchs in Europa und der scharfen Zensur in den Krieg führenden Ländern erhielt die Pandemie jedoch nur geringe Aufmerksamkeit. Ihren Höhepunkt in Deutschland und Bayern erreichte die "Spanische Grippe" im Oktober und November 1918, kurz vor dem militärischen Zusammenbruch und der Revolution. Im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges, 1918, fegte eine verheerende Grippepandemie um die Erde. Sie tötete binnen weniger Monate weltweit mehr Menschen als der Weltkrieg, Schätzungen zufolge 20 bis 50 Millionen. Die Quellenlage ist mit Blick auf diese Seuche nicht besonders gut, denn das Interesse der Öffentlichkeit richtete sich zur Zeit ihres Auftretens vornehmlich auf die letzten Kämpfe im Westen und den sehnlichst erhofften Waffenstillstand.

Die Grippe an der Westfront

Im Frühjahr 1918 brach in Westeuropa plötzlich eine schwere Epidemie aus. Sie wurde in der spanischen Presse, unbehindert von Zensur, ziemlich freimütig behandelt, daher nannte man sie bald die "Spanische Grippe". Es handelte sich um eine foudroyant verlaufende Form der Influenza, die mit US-Soldaten, unbeabsichtigt, aus den USA über den Atlantik nach Westeuropa gekommen war. Einige Ärzte hielten damals ein Bakterium für den Erreger der Grippe, das den Namen "Haemophilus influenzae" trägt. Der tatsächliche Erreger, ein Virus, wurde erst 1933 entdeckt.

Die deutsche Armee im Westen war früher davon berührt als das rechtsrheinische Bayern. "Die Grippe griff überall stark um sich, ganz besonders schwer wurde die Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht betroffen", schrieb Erich von Ludendorff (Meine Kriegserinnerungen, 514).

Der Verlauf der Grippepandemie in Bayern

In der linksrheinischen bayerischen Pfalz trat diese Epidemie seit Mitte Juni 1918 auf. In Nordbayern zeigte sie sich erstmals kurz vor Jahresmitte 1918. Noch am 22. Juni galten die Gesundheitsverhältnisse in Nürnberg als "günstig"; Tage später brachen Menschen plötzlich auf der Straße zusammen. In den folgenden Wochen erkrankten viele in Bayern an dieser Grippe. Im warmen Sommermonat August sah es so aus, als sei die Seuche nun überwunden.

Ende September 1918 trat an der Front im Westen eine zweite Krankheitswelle in Erscheinung, sehr viel heftiger als die erste. Auch sie zog von dort über den Rhein nach Osten. In Bayern brach diese zweite Welle wiederum etwas später aus als in Frankreich, im Oktober. Binnen weniger Tage begann sie fürchterlich um sich zu greifen. "Die städtische Bevölkerung steht gegenwärtig noch mehr unter dem Eindruck der bösartigen Grippe als unter dem der großen Niederlagen" schrieb in Heidelberg der Mediävist Karl Hampe (1869-1936) unter dem 20. Oktober 1918 in sein Tagebuch (Reichert/Wolgast, Karl Hampe, 761).

Vielerorts wurden jetzt die Schulen für mehrere Wochen geschlossen, weil zahlreiche Schüler erkrankt waren. Infektionskrankheiten suchen bevorzugt junge Menschen heim, deren Immunsystem noch nicht so stark ist wie das von Erwachsenen. Weiterhin geöffnet blieben zumeist jedoch die Theater und Kinos – man wollte der Bevölkerung nicht die Stimmung verderben.

Die Grippesterblichkeit und die Folge

Diese Seuche raffte erstaunlich viele dahin, vor allem die jüngeren und die wohlgenährten Frauen. Männer waren weniger betroffen. Ältere Menschen, welche die Grippeepidemien um 1900 mitgemacht hatten, überstanden sie zumeist. Am häufigsten starben 1918/19 die 15- bis 30-Jährigen. Im Nürnberger Städtischen Krankenhaus erlagen zwischen 16. und 28. Oktober 1918 sechs (von 70) Pflegerinnen der Grippe, außerdem fünf weibliche Hausangestellte. Gewöhnlich starben in diesem großen Krankenhaus drei Kranke pro Tag, doch am 22. Okt. 1918 lagen 20 Leichen im Sektionssaal, die meisten davon Grippetote.

Die Grippesterblichkeit erreichte ihren Höhepunkt in den letzten Oktobertagen 1918. Der auffällige zeitliche Zusammenhang zu den Revolutionsereignissen legt nahe, dass die Seuche im Vorfeld des politischen Umsturzes die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung noch verstärkte.

Für 1918 vermerkt das "Statistische Jahrbuch für den Freistaat Bayern" 20.321 bayerische Zivilisten unter der Todesursache "Grippe", weitere 4.424 im folgenden Jahr, außerdem noch viele Soldaten. Man wird aber auch sehr viele der Toten, als deren Todesursache "Pneumonie" genannt wird, zu den Opfern dieser Grippepandemie zählen müssen: An Lungenentzündung starben in Bayern in den Jahren 1914 bis 1917 meist 8.000 bis 8.500 Personen pro Jahr. 1918 waren es jedoch 13.711, also über 5.000 mehr als in den Jahren davor (Stat. Jahrb. f. d. Freistaat Bayern 15, 1921, 46-47). Die Influenzapandemie von 1918/19 tötete in Bayern damit wahrscheinlich mehr als 30.000 Menschen.

Die Sterblichkeit stieg in den Kriegsjahren 1914 bis 1917 im Deutschen Reich niemals über 21,5 Promille an; aber 1918 stand sie bei 24,8 Promille. Diese zusätzliche Sterblichkeit war dem Auftreten der Grippe zuzuschreiben. Trotzdem blieb die Grippesterblichkeit mit 4 bis 5 Promille insgesamt relativ niedrig. Da die Seuche aber die gleichen Jahrgänge dezimierte, die schon im Krieg vermehrt ihr Leben eingebüßt hatten, die Jüngeren, trieb sie den Alterungsprozess der Bevölkerung noch rascher voran.

Literatur

  • Manfred Vasold, Die Grippepandemie von 1918/19 in der Stadt München, in: Oberbayerisches Archiv 127 (2003), 395-414.
  • Wilfried Witte, Erklärungsnotstand. Die Grippe-Epidemie 1918-1920 in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung Badens. 2 Bände, Diss. med. Heidelberg 2003.

Quellen

  • Erich Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914-1918, Berlin 1919.
  • Folker Reichert/Eike Wolgast (Bearb.), Karl Hampe. Kriegstagebuch 1914-1919, München 2004.
  • Statistisches Jahrbuch für den Freistaat Bayern 15, München 1921.

Weiterführende Recherche

Grippe-Pandemie, Grippe-Epidemie

Empfohlene Zitierweise

Manfred Vasold, Spanische Grippe, 1918/19, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Spanische Grippe, 1918/19> (21.06.2018)