Schellingstraße 48 - Erfahrungen mit Deutschland (Walter Kolbenhoff, 1984)

Buchcover der Erstausgabe des Romans "Schellingstraße 48" von 1984. (Fischer Taschenbuch Verlag)
Der Schriftsteller Walter Kolbenhoff (1908-1993) im Januar 1952. Foto von Felicitas Timpe (1923-2006). (Bayerische Staatsbilbiothek, Bildarchiv timp-010109)

von Irmela von der Lühe

Walter Kolbenhoffs (eigtl. Walter Hoffmann, 1908–1993) Erinnerungsbuch "Schellingstraße 48" ist eine literarische Autobiographie, aber zugleich eine zeitgeschichtliche Chronik. Es ist eine Lebenserzählung im Gewand historisch-politischer Berichterstattung. Als Serie biographischer und zeitgeschichtlicher Momentaufnahmen entsteht ein Bild vom kriegszerstörten München; von einem Haus, das zum Teil noch eine Ruine war und doch zur Oase in einer Trümmerlandschaft und für knapp zwei Jahre 1946/1947 zum Zentrum eines kulturellen und politischen Neubeginns wurde. In der Schellingstraße 48 war dem Journalisten Kolbenhoff eine Wohnung zugewiesen worden, die zum Treffpunkt von Redakteuren und Schriftstellern werden sollte. Die wichtigsten von ihnen waren aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und mit dem Aufbau einer "Neuen Zeitung" beauftragt worden, unter ihnen neben Kolbenhoff Alfred Andersch (1914–1980), Hans Werner Richter (1908–1993), Erich Kästner (1899–1974) und Hans Wallenberg (1907–1977). Als das Buch 1984 im Fischer-Verlag erschien, war es um seinen Autor freilich schon seit vielen Jahren still geworden.

Biographischer Horizont

Der 1908 in Berlin als Walter Hoffmann (1908–1993) geborene Arbeitersohn war nach einer Ausbildung zum Chemigraphen (Drucker) durch halb Europa gezogen, hatte sich mit Gelegenheitsarbeiten und als Straßensänger durchgebracht und sich nach seiner Rückkehr als Journalist und Reporter einen Namen gemacht. 1929 war er in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) eingetreten, hatte für die "Rote Fahne", aber auch für den sozialdemokratischen "Vorwärts" geschrieben und 1931 einen ersten Roman ("Der Hinterhof") veröffentlicht. Er gehörte mit Johannes R. Becher (1891-1958), Willi Bredel (1901-1964), Hans Marchwitza (1890-1965) und Anna Seghers (1900-1983) dem 1928 gegründeten "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" an; er hätte sich seinerzeit – wie es in "Schellingstraße 48" heißt – "für die Linie der Partei vierteilen" (S. 96) lassen.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme entkam er über Holland ins dänische Exil und schrieb dort in nur wenigen Wochen und auf Anraten des Psychoanalytikers Wilhelm Reich (1897–1957) seinen zweiten Roman "Untermenschen". Dabei handelt es sich um eine scharfe Abrechnung mit der Politik der KPD am Ende der Weimarer Republik. Kolbenhoff wurde daraufhin aus der Partei ausgeschlossen. Auch nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Dänemark blieb Kolbenhoff in Kopenhagen. Er hatte das Land und die Sprache lieben gelernt, verfügte über einen Pass auf den Namen Hoffmann, glaubte sich nicht gefährdet und verdiente seinen Lebensunterhalt mit "harmlose(n) Feuilletons und Features für das Radio" (S. 213). Aus Kreisen "der ziemlich starken deutschen Zelle der Partei" wurde Kolbenhoff im Jahre 1942 aufgefordert, nach Deutschland zurückzukehren, sich zur "Rekrutenausbildung" zu melden und sich innerhalb der Wehrmacht am subversiven Kampf gegen Adolf Hitler (1889-1945) zu beteiligen. "Was auch immer die Kommunistische Partei mit mir bezweckt haben mochte, als sie mich in die Wehrmacht schickte, ich habe es überlebt" (S. 219). Kolbenhoff gelangte an die italienische Front, wurde 1944 bei Monte Cassino (Italien) von den Amerikanern gefangen genommen und kam auf diese Weise in amerikanische Kriegsgefangenenlager. Dort fungierte er als Übersetzer und Mitarbeiter der von Hans Werner Richter (1908-1993) und Alfred Andersch (1914-1980) gegründeten Lagerzeitung "Der Ruf".

Im Februar 1946 wurde er nach Deutschland entlassen, um in der amerikanischen Besatzungszone am Aufbau einer demokratischen Kultur mitzuwirken. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft war Kolbenhoff dem Typus des fanatisierten jungen deutschen Soldaten begegnet, der als sog. Werwolf in aussichtsloser Lage noch immer für den sog. Endsieg meinte kämpfen zu müssen. Seinen seelischen Verirrungen und den Verwerfungen einer brutal-sadistischen Realität sucht Kolbenhoff in seinem Roman "Von unserem Fleisch und Blut" (1947) auf die Spur zu kommen. Realistisch und episodisch ist auch der 1949 erschienene Roman "Heimkehr in die Fremde" angelegt, der zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen der später sog. Trümmerliteratur zählt. Enttäuschung und Desillusionierung, die ihn auch persönlich seinen "Glauben" an die KP hatten verlieren lassen, bilden den Hintergrund für eine scharfsichtige Diagnose totalitären Machthandelns, die Kolbenhoff in vielen seiner Romane und Erzählungen leistet.

Als freier Schriftsteller, Lektor und Übersetzer aus dem Dänischen und aus dem Englischen gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe 47, war bis zu seinem Tode 1993 Mitglied des PEN-Zentrums (PEN = Poets, Essayists, Novelists) deutscher Schriftsteller. Walter Kolbenhoff wurde mit mehreren Preisen geehrt, darunter der Tukanpreis der Landeshauptstadt München (1986) und der Günter-Eich-Preis (1990). Kolbenhoff starb 1993 in Germering (Lkr. Fürstenfeldbruck).

Inhalt

In 15 Abschnitten und einem knappen Ausblick liefert "Schellingstraße 48" eine "Art Kaleidoskop, in dem sich die Erinnerungen Kolbenhoffs wie bunte Glassplitter zu immer neuen Bildern ordnen" (S. 231). Jedem Abschnitt werden zwei oder drei Zitate aus der 1980 erschienenen "Chronik der Stadt München" vorangestellt; sie enthalten Zahlen-und Faktenmaterial, aber auch lokale und überregionale Nachrichten und illustrieren teils assoziativ, teils faktisch die Atmosphäre in München und andernorts in Deutschland zwischen Januar 1945 und Juni 1948; das Leben in einer Trümmer-Wüste, in der Hunger und Obdachlosigkeit, Flüchtlingselend und Hoffnungslosigkeit herrschten; in der die Geschäfte des Schwarzmarkts blühten, die alliierte Besatzungspolitik auf scharfe Kritik stieß und die Anstrengungen für einen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wiederaufbau das "totale Vergessen" beförderten.

Komposition und Erzählweise des Buches zielen nicht auf geschichtsdidaktische Ermahnungen, nicht einmal auf historische Rekonstruktion; sie zielen auf Anschaulichkeit und atmosphärische Verdichtung. Deswegen erzählt Kolbenhoff nicht in chronologischer Reihenfolge; weder die Zitate aus zeitgenössischen Zeitungsberichten noch seine eigene Lebenserzählung folgen der Chronologie. Das Wiedersehen mit München nach der Freilassung aus amerikanischer Gefangenschaft, die Begegnung mit Alfred Andersch, Hans Wallenberg (1907-1977) und Erich Kästner (1899-1974) stehen am Anfang. Eingelagert werden die Erzählungen aus amerikanischer Gefangenschaft, die Berichte aus der eigenen Exilzeit, die Herkunft aus proletarischen Verhältnissen, die Konflikte im Elternhaus, die ersten Erfahrungen als junger Journalist, Begegnungen mit den "Größen" der kommunistischen Bewegung vor 1933, schließlich die Erlebnisse beim Parteiausschlussverfahren in Kopenhagen.

Kolbenhoff bilanziert all dies nicht in Form einer geschlossenen, klar geordneten Erzählung, sondern episodisch, anekdotisch und doch stets präzise und reflektiert. Die eigentliche Erzählgegenwart bilden die knapp zwei Jahre, als er mit seiner Frau in der Schellingstraße 48 lebte, als Mitarbeiter der "Neuen Zeitung" Reportagen und Berichte schrieb und in der ihm glücklich zugewiesenen Wohnung Kollegen und Freunde aus der Redaktion und der späteren Gruppe 47 beherbergte. Als Aufbruch und Neubeginn, als große berufliche und persönliche Chance und schließlich als Start in eine eigene Karriere als Schriftsteller erlebte Kolbenhoff die beiden ersten Nachkriegsjahre in München. Die "Erfahrungen mit Deutschland", die der aus dem Exil und der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Autor in "Schellingstraße 48" schildert, gelten einer Gegenwart extremer Gegensätze, in der Kolbenhoff selbst sich zu orientieren, die er retrospektiv besser zu verstehen versucht. Es betrifft aber zugleich die enttäuschten Hoffnungen, die vertanen Chancen, die Kontinuität von mentalen und politischen Einstellungen: "Zuweilen fühlte ich mich wie jemand, der einen unbekannten Erdteil durchstreift und dabei immer Neues entdeckt" (S. 74).

Die eigene Lebensgeschichte in Berlin, als Vagabund in Europa, im Exil und als Parteigänger der KPD wird in diesen Rahmen scheinbar zufällig eingebettet; anspielungsreich umrahmt durch ein Porträt des Freundes und eigenwilligen Psychoanalytikers Wilhelm Reich (1897-1957), durch Beispiele aus der eigenen journalistischen Arbeit, Erlebnisse beim Ersten Schriftstellerkongress 1947 in Berlin, schließlich durch politische Beobachtungen im beginnenden Kalten Krieg, der auch das Ende der "Neuen Zeitung" und damit des Lebens in der Schellingstraße 48 brachte. Es war ein vorhersehbares, aber doch abruptes Ende, für das eine veränderte Politik der amerikanischen Militärbehörden verantwortlich war. Unter Hans Wallenberg hatte es "Die Neue Zeitung" mit einer Auflage von 2,5 Mio. auf "Weltniveau" gebracht. Ohne "ideologische Scheuklappen" arbeiteten unter seiner Ägide Journalisten, die allesamt "phantasievolle Individualisten" (S. 231) waren, im beginnenden Kalten Krieg freilich als "zu rot" (S. 232) galten. Im September 1947 wurde Wallenberg zum Rücktritt gezwungen; die "Neue Zeitung" sollte zu einem "Hausorgan der amerikanischen Militärregierung" werden. Neben Walter Kolbenhoff reagierten auch Gustav René Hocke (1908-1985), Hildegard Brücher (FDP, 1921-2016), Lotte Stuart und drei weitere Redakteure mit "regelrechten Kündigungsschreiben" (S. 232).

Publikation und Verbreitung

Als Kolbenhoffs "Erfahrungen mit Deutschland" 1984 erschienen, wurde "Schellingstraße 48" als einprägsame autobiographische Schilderung der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit durchaus gelobt; die "scheinbare Kunstlosigkeit", der "virtuose Wechsel der Zeitebenen", schließlich die atmosphärische Verdichtung bei gleichzeitig lapidarer Erzählweise trafen auf positive Resonanz (Hans Schwab-Felisch [1918-1989] in "Merkur", 39/1985); im Spannungsfeld von "Erinnern und Verdrängen" (Helmut Peitsch [geb. 1948] in "Deutsche Volkszeitung/die Tat", 5.10.1984) sah man die Autobiographie angesiedelt; als Vergegenwärtigung geglückter Versuche und versäumter Chancen am Vorabend des Kalten Krieges wurde "Schellingstraße 48" gelesen.

Trotz einer zweiten Auflage 1988 gerieten der Autor und seine Autobiographie alsbald wieder in Vergessenheit. Ein Neudruck erfolgte 2008 in der Reihe "München erlesen" der Süddeutschen Zeitung (SZ).

Literarische Bedeutung

"Schellingstraße 48" ist weit mehr als der autobiographische Rechenschaftsbericht eines einstmals überzeugten Kommunisten. Zwar finden sich Motive und Überlegungen, wie man sie aus den großen Texten der sog. Renegaten kennt, von Arthur Koestler (1905-1983) und Manès Sperber (1905-1984), von André Malraux (1901-1976) und Ignazio Silone (1900-1978). Der literarischen Auseinandersetzung mit seinem politischen Denken entstammt "Schellingstraße 48" indes keineswegs, und auch die früheren Romane Kolbenhoffs sind primär literarische Zeitgeschichte und nicht persönliche Bekenntnisse. Der Untertitel "Erfahrungen in Deutschland" ist Programm, denn ein aufmerksam-sensibler Erzähler spricht, indem er von sich spricht, von einer Epoche, von zeitgeschichtlichen Zäsuren und ihrer fortdauernden Brisanz. Nicht weil er sich selbst so wichtig nähme, erzählt er von ihnen, sondern weil die Zeitumstände dies retrospektiv erfordern.

Auch wenn die außergewöhnlichen Umstände das Leben Walter Kolbenhoffs als großen Roman erscheinen lassen, so gilt das Anliegen des Autors und seiner Ich-Erzähler keineswegs der Singularität des privaten Erlebens in schweren Zeiten, sondern der Spezifik historisch-gesellschaftlicher Konstellationen in Folge und in Fortsetzung schwerer Zeiten. Insofern ist Kolbenhoff im anspruchsvollsten Wortsinne ein literarischer Chronist aus der Frühgeschichte der Bundesrepublik, speziell jener Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit, für die man literatur-und kulturgeschichtlich gern den Begriff "Stunde Null" oder auch "Kahlschlag" verwendet.

Rezeption von Werk und Autor

Bereits im Umfeld der ersten Tagung der Gruppe 47 im September 1947 am Bannwaldsee im Allgäu hatte sich Walter Kolbenhoff in einer Kontroverse mit Wolfdietrich Schnurre (1920-1989) für eine "eingreifende Kunst" und gegen Surrealismus und "magischen Realismus" ausgesprochen. An dieser Auffassung hat er festgehalten, nach einer "Sprache dieser Zeit" gesucht und damit publizistisch wie literarisch die Tradition der "Neuen Sachlichkeit" mit ihrem Plädoyer für eine Literatur des "Ja oder Nein" zu den "Probleme(n), die uns direkt angehen" fortgeführt.

Literatur

  • Werner Brand, Der Schriftsteller als Anwalt der Armen und Unterdrückten. Zu Leben und Werk Walter Kolbenhoffs, Frankfurt am Main u. a. 1991. (zugleich Dissertation, Universität Mainz, 1990)
  • Dietz-Rüdiger Moser, Walter Kolbenhoff, in: Ders., Neues Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945, München 1990, 380f.
  • Hans Werner Richter, Im Etablissement der Schmetterlinge. 21 Porträts aus der Gruppe 47, München 1986.
  • Hans Schwab-Felisch, Vor und nach ’45. Zwei Zeitgenossenschaften: Walter Kolbenhoff und Dieter Wellershoff, in: Merkur 39 (435), 1985, 430–434.
  • Harro Zimmermann, Walter Kolbenhoff in: Munzinger Online/KLG-Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur online. (Stand: 2006)

Quellen

  • Nachlass Walter Kolbenhoffs im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Externe Links

Artikel über Walter Kolbenhoff im Munzinger Online (abgerufen am 15.09.2017)

Walter Hoffmann

Empfohlene Zitierweise

Irmela von der Lühe, Kolbenhoff, Walter: Schellingstraße 48 - Erfahrungen mit Deutschland, 1984, publiziert am 02.05.2018; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Schellingstraße_48_-_Erfahrungen_mit_Deutschland_(Walter_Kolbenhoff,_1984)> (26.05.2018)