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Pfälzer Zeitung (1849-1936)

Johann Lucas Jäger, der Gründer der Pfälzer Zeitung. (aus: Pfälzische Heimatblätter 9 [1961], S. 89)
Eugen Jäger. (aus: Amtliches Handbuch der Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landtags, München 1908, S. 152)
Pfälzer Zeitung vom 18. Dezember 1923 mit Verlagshinweis auf das dreitägige Verbot der Zeitung.
Pfälzer Zeitung vom 14. Januar 1936. Thema ist die Rückgliederung des Saarlandes und die Bildung des Gaues Saarpfalz.

von Karl Scherer

1849 in Annweiler gegründete Zeitung, die 1850 den Namen "Pfälzer Zeitung" annahm. Die Zeitung lehnte den Pfälzer Aufstand von 1849 ab und wurde daher in der Reaktionszeit ab 1850 durch Regierungsstellen massiv gefördert. In den 1850er und 1860er Jahren nahm die "Pfälzer Zeitung" eine reformfreundliche und großdeutsche Position ein. Der Politik Bismarcks stand sie skeptisch bis ablehnend gegenüber. Im Kulturkampf wandelte sich ihre zuvor konfessionell neutrale Haltung in eine dezidiert katholische. Seit 1877 galt die "Pfälzer Zeitung" als Organ des Zentrums. Nach dem Ersten Weltkrieg litt sie vorübergehend unter den Schikanen pfälzischer Seperatisten und der französischen Besatzungsmacht. Ab 1933 wurde ihr Spielraum als konfessionelle Zeitung zunehmend enger, 1936 ging sie unter dem Druck der Nationalsozialisten im "Pfälzer Anzeiger" auf.

Gründung 1849

Am 4. April 1849 erschien in Annweiler die erste Ausgabe der Regionalzeitung "Der Bote aus den Vogesen". Gründer und Redakteur war der dortige Arzt Dr. Johann Lucas Jäger (1811-1874), der die Zeitung nach Rückzug des Verlegers Karl Fuckert ab Nummer zwölf vom 4. Juli 1849 im Selbstverlag herausgab. "Der Bote aus den Vogesen" bekannte sich offen zu der von der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche beschlossenen Reichsverfassung, lehnte jedoch in den Tagen des Pfälzer Aufstandes (Mai/Juni 1849) sowohl deren gewaltsame Durchsetzung als auch die "Schilderhebung der rothen Demokratie" entschieden ab. Unzureichende Finanzierung und Freischarenaktionen gefährdeten die Anfänge des liberal-konservativen Blattes, als im Juli 1849 der Deidesheimer Weingutsbesitzer und spätere nationalliberale Politiker Franz Peter Buhl (1809-1862) den Fortbestand der Zeitung finanziell sicherte und Jäger ermöglichte, die Auflage auf ca. 1.000 Exemplare und mehrere Ausgaben pro Woche zu erhöhen.

Die Pfälzer Zeitung als großdeutsches Organ 1850-1870

Zum 1. Januar 1850 wurde die Zeitung in "Vogesenbote" umbenannt und erhielt noch im gleichen Jahr ihren endgültigen Namen "Pfälzer Zeitung".

Das Blatt behielt seine politische Linie bis 1870 bei: "Großdeutsch" in der deutschen Frage, reformfreundlich auf der Grundlage der bestehenden Staats- und Gesellschaftsverhältnisse in Bayern und im Deutschen Bund, neutral in konfessionellen Dingen. Es bejahte die Politik Ludwig von der Pfordtens (1811-1880), der 1849-1859 und 1864-1866 Vorsitzender des bayerischen Ministerrats war, insbesonders die "Triasidee" (Vorstellung eines "dritten" Deutschlands zwischen Preußen und Österreich).

Konsequentes Eintreten für die "monarchischen, wahrhaft konservativen Interessen" sicherten der "Pfälzer Zeitung" die Gunst des reaktionären pfälzischen Regierungspräsidenten Gustav von Hohe (1800-1872). Hohe ließ ab Oktober 1850 sämtliche Behörden-Inserate in der "Pfälzer Zeitung" abdrucken und nötigte im Juli 1851 alle 730 pfälzischen Gemeinden zum Pflichtbezug des Blattes. Gegen diese politisch motivierte Bevorzugung, der die Zeitung eine pfalzweite Verbreitung und (bis 1866) eine gewinnbringende Monopolstellung verdankte, brachte der linksgerichtete Abgeordnete Fürst Ludwig von Oettingen-Wallerstein (1791-1870) am 25. Juni 1856 im Landtag eine Interpellation ein, der jedoch ein Erfolg versagt blieb.

Gewinne investierte Jäger in die Vergrößerung der "Pfälzer Zeitung". 1866 betrug die Auflage 3.000 Exemplare. Sie besaß nun zwei Beiblätter: das seit 1854 erscheinende "St. Johannis-Vereinsblatt", das den Bestrebungen des Vereins zum Besten der Armen dienen sollte, und seit 1. Januar 1859 das belletristische Beiblatt "Palatina", "ein Zentralorgan für das literarisch-produktive Leben der Pfalz".

Um sein Landtagsmandat (1849-1858) wahrnehmen zu können, bestellte Jäger ab 1854 wiederholt kurzfristig verantwortliche Redakteure, bevor er am 1. September 1855 Eduard Geib (1831-1886), dem späteren Leiter des Kreisarchivs in Speyer, die Redaktionsgeschäfte übertrug. Vom 1. Januar 1859 bis zum 27. Mai 1861 leiteten Jäger und Geib das Blatt gemeinsam; anschließend zeichnete Letzterer bis 4. November 1863 nochmals allein verantwortlich. Von 1864 bis zum 9. Oktober 1869 lag die Redaktion – mit zwei kurzen Unterbrechungen 1865 und 1866 - in Händen des pfälzischen Mundartdichters Karl August Woll (1834-1893). Danach redigierte Jäger sein Blatt bis zum 31. Dezember 1870 wieder selbst.

Antipreußischer Kurs seit 1859

Seit 1859 bekämpfte die "Pfälzer Zeitung" die Politik Otto von Bismarcks (1815-1898) und deren Anhänger in der Pfalz, die nationalliberal-kleindeutsche Fortschrittspartei und ihr Organ, den "Pfälzischen Kurier". Nach dem deutschen "Bruderkrieg" von 1866 sah das Blatt in der politischen Ausrichtung Bayerns auf den Norddeutschen Bund eine Gefahr für die bayerische Souveränität und ging deshalb erstmals auf kritische Distanz zu Landtag und Regierung.

Trotz ihrer betont antipreußischen Haltung feierte auch die "Pfälzer Zeitung" 1870/71 die über Frankreich errungenen Siege und begrüßte die Annexion Elsaß-Lothringens. Sie verbarg dabei aber nicht ihre Befürchtungen vor Bismarcks Einigungspolitik. Weil er diese für verhängnisvoll hielt, legte Jäger am 1. Januar 1871 die Redaktion in die Hände seines Sohnes, Dr. Eugen Jäger (1842-1926). Dieser führte das Blatt zunächst als überkonfessionelles Organ der konservativen Partei weiter und versuchte, sich mit dem Kaiserreich zu arrangieren. Auch nach des Vaters Tod (1874) und der Übernahme des Verlags und der Druckerei in Speyer behielt er diese Linie bei.

Wandel zum konfessionellen Blatt im Kulturkampf

Im Verlauf des in der Pfalz besonders heftig ausgetragenen Kulturkampfes wandelte sich die politische Haltung des Redakteurs und seines Blattes in eine ausgesprochen katholische, antiliberale, antipreußische und antiprotestantische. Im September 1877 bekannte sich Eugen Jäger offen zum Programm des (Reichstags-)Zentrums, dessen führendes Organ in der Pfalz die "Pfälzer Zeitung" wurde. Dies blieb sie trotz bescheidener Auflagehöhen (1873 - 2.400, 1881 - 3.000, 1897 - 2.350, 1913 - 2.500 Exemplare) bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Das katholische Pressewesen und die politische Sammlung der pfälzischen Katholiken erhielten durch die neue Standortbestimmung des Jägerschen Blattes belebende Impulse. Es folgte die Gründung des pfälzischen Zentrumsvereins am 22. Dezember 1881. Jäger und seine "Pfälzer Zeitung" bereiteten auch den von 12.000 Teilnehmern besuchten ersten pfälzischen Katholikentag in Neustadt am 28. Juni 1889 - "die erste planmäßige Aktion des bayerischen Volkes gegen das Staatskirchentum" (Bachem) - vor. Gleiches gilt für das Wahlbündnis, das Zentrum und Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) bei der Landtagswahl 1899 abschlossen, um die nationalliberale Dominanz in der Pfalz zu brechen. Diese Allianz hatte sich bereits bei der Reichstagswahl 1898 abgezeichnet, als die anti-nationalliberale Berichterstattung des Blattes indirekt Beihilfe leistete, dass der Sozialdemokrat Franz Josef Ehrhart (1853-1908) im Wahlkreis eins Ludwigshafen-Speyer das Mandat gewinnen konnte.

Um sich verstärkt dem Aufbau der Parteiorganisation des Zentrums in der Pfalz widmen und zugleich seine parlamentarischen Aufgaben in den Zentrumsfraktionen des Landtags und des Reichstags wahrnehmen zu können, übertrug Jäger von 1903 bis 1913 dem Zentrumspolitiker Richard Laven (1872-1918) die Schriftleitung der "Pfälzer Zeitung". Laven bereitete 1909 den von Jäger in seiner Eigenschaft als erster Vorsitzender des pfälzischen Zentrums (seit 1907) als zwingend notwendig erachteten Bündniswechsel der Partei von der SPD zum "Bund der Landwirte" (BdL) in mehreren Beiträgen vor. Er begründete ihn mit dem inzwischen bedrohlichen Anwachsen der Sozialdemokratie.

Im Ersten Weltkrieg und im Zeichen separatistischer Strömungen

Während des Ersten Weltkrieges propagierte die "Pfälzer Zeitung", vom deutschen Sieg überzeugt, noch 1917 Kriegsziele, die mit den überspannten Forderungen des Alldeutschen Verbandes nahezu identisch waren. Bis zum Kriegsende 1918 blieb das Blatt bayern- und königstreu und feierte 1916 die 100-jährige Zugehörigkeit der Pfalz zu Bayern begeistert.

Nach dem Sturz der Wittelsbachermonarchie bekundete die Zeitung weder für den revolutionären "bayerischen Volksstaat" Kurt Eisners (1867-1919, USPD) noch für die aus regulären Landtagswahlen am 12. Januar/2. Februar 1919 hervorgegangene Regierung des aus der Pfalz stammenden Sozialdemokraten Johannes Hoffmann (1867-1930) Sympathien. Vielmehr trat sie am 15. März 1919 in einem provokanten Beitrag ("Pfalz, Bayern und Reich") dafür ein, die Pfalz in eine noch zu gründende Rheinische Republik einzubeziehen. Dabei sollte von der weiteren Entwicklung im Reich, in Bayern und auf der Friedenskonferenz in Versailles abhängig sein, ob diese als selbständiger Pufferstaat oder als Bestandteil des Reiches fungieren würde. Darauf folgende heftige Angriffe in der pfälzischen Presse veranlassten Jäger – der nicht der Verfasser des Beitrags war - am 1. April 1919 zu der Präzisierung, dass keineswegs an eine Abtrennung der Pfalz vom Reich gedacht sei, vielmehr die von Frankreich gewünschte, von den Separatisten erstrebte "Freie Pfalz" ausdrücklich verworfen werde. Ein Verbleib bei Bayern wurde in diesem Zusammenhang von ihm demonstrativ nicht angesprochen.

Aufgrund dieser Haltung hatte die "Pfälzer Zeitung" in den Folgejahren wiederholt unter Repressalien von französischer und separatistischer Seite zu leiden. 1921 wurde sie erstmals für drei Tage verboten; im Dezember 1923 folgte ein weiteres, fünftägiges Verbot des Blattes, das inzwischen als offizielles Organ der im Herbst 1921 gegründeten Bayerischen Volkspartei (BVP) galt, die in der Pfalz das Zentrum beerbt hatte. Daraufhin gab die Verlagsleitung Ende Januar 1924 in einer Flugschrift bekannt, dass die Eingriffe in die Pressefreiheit den Verlag veranlasst hätten, das Erscheinen des Blattes und seiner Nebenausgaben ("Rheinisches Volksblatt", gegründet 1877, seit 1920 inhalts- und umbruchsgleich mit der "Pfälzer Zeitung", Ende 1933 mit dieser vereinigt; "Schifferstadter Zeitung"; "Germersheimer Tagblatt", gegründet 1922) solange einzustellen, bis "Gewähr gegeben sei, dass die Presse in der Pfalz völlig frei [...] ihrer Überzeugung und damit der Meinung der Leser Ausdruck geben dürfe". Da sich alle anderen pfälzischen Blätter diesem Vorgehen anschlossen, erschien in der Endphase der Separatistenherrschaft (21. Januar – 12. Februar 1924) keine Zeitung in der Pfalz.

Die Pfälzer Zeitung und der Nationalsozialismus

Früh schon wandte sich die "Pfälzer Zeitung" gegen die pfälzische Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und deren antidemokratische und antisemitische Hetze betreibendes Kampfblatt "Der Eisenhammer", was ihr Gauleiter Josef Bürckel (1895-1944) nicht vergaß. Am 10. März 1933 besetzten SA-Leute in seinem Auftrag die Verlags- und Redaktionsräume. Erst am 15. März und nach Unterzeichnung einer Erklärung, dass man sich "gegenüber der nationalen Regierung loyal verhalten und nichts unternehmen werde, was den Nationalsozialismus im Kampf gegen den Marxismus hindert", durfte das Blatt wieder erscheinen und bemühte sich fortan – "zwischen christlichem Selbstverständnis und 'nationaler Erhebung'" (Rudolf Joeckle) - um ein Arrangement mit dem NS-Regime. Dennoch wurden schon am 22. Juni 1933 der Chefredakteur - seit Eugen Jägers Tod am 7. Mai 1926 Rudolf Joeckle (gest. 1978) - und wenige Tage später auch der Verlagsleiter und Geschäftsführer des Zeitungsverlags, Alfons Krezdorn, in Schutzhaft genommen.

Danach löste eine NS-Schikane die andere ab, bis die "Pfälzer Zeitung" am 31. März 1936 ihren Lesern mitteilen musste, dass sie sich am 1. April mit einigen anderen pfälzischen Zeitungen zusammenschließe und "zur Erfüllung der ihr damit gestellten größeren Aufgabe" den Namen "Pfälzer Anzeiger" annehme. Bis Juni 1942 führte dieses von den Nationalsozialisten durch Zwangsvereinigung mehrerer Zeitungen geschaffene und regimetreu gestaltete Blatt im Untertitel noch die Bezeichnung "Pfälzer Zeitung". Dann verschwand auch diese letzte Erinnerung an das angesehene "älteste und bekannteste katholische Organ der Pfalz", das 1931 mit 4.200 Exemplaren seine größte Auflagenhöhe erreicht hatte.

Nach dem Ende der NS-Diktatur wurde die "Pfälzer Zeitung" nicht wieder begründet.

Literatur

  • Jakob Bisson, Sieben Speyrer Bischöfe und ihre Zeit 1870-1950. Beiträge zur heimatlichen Kirchengeschichte, Speyer 1956.
  • Ernst Otto Bräunche, Eugen Jäger (1842-1926), in: Hartmut Harthausen (Hg.), Pfälzer Lebensbilder. 4. Band, Speyer 1987, 223-248.
  • Ernst Otto Bräunche, Parteien und Reichstagswahlen in der Rheinpfalz von der Reichsgründung 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Eine regionale partei- und wahlhistorische Untersuchung im Vorfeld der Demokratie (Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer 68), Speyer 1982.
  • Gemeinnützige Baugenossenschaft Speyer (Hg.), Eugen Jäger und die deutsche Genossenschaftsbewegung (Schriftenreihe der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Speyer (GBS) 1), Speyer 2004.
  • Rudolf Joeckle, Die Geschichte der "Pfälzer Zeitung". Unter besonderer Berücksichtigung ihrer politischen Berichterstattung in den Jahren 1849-1870, München Diss. masch. 1954.
  • Rudolf Joeckle, Johann Lucas Jäger, in: Pfälzische Heimatblätter 9 (1961), 89-90.
  • Lorenz Wingerter, Geschichte der "Palatina", Speyer 1926.
  • Hannes Ziegler, Die Jahre der Reaktion in der Pfalz (1849-1853) nach der Mairevolution von 1849 (Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer 75), Speyer 1985.
  • Hannes Ziegler, Presse unter Druck. Die pfälzische Tagespresse unter dem Nationalsozialismus, in: Gerhard Nestler/Hannes Ziegler (Hg.), Die Pfalz unterm Hakenkreuz. Eine deutsche Provinz während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, Landau/Pfalz 1993, 197-226.

Quellen

  • Eugen Jäger, Erinnerungen aus der wilhelminischen Zeit, Augsburg 1926.
  • Eugen Jäger, Krieg und Kriegsziele (Bücher der Stunde 2), Regensburg 1917.
  • Eugen Jäger, Offener Brief an Herrn Justizrat Dr. Wadlinger in Kaiserslautern. Rheinische Republik und angebliche Bestechung der pfälzischen Abgeordenten, Speyer 1920.

Weiterführende Recherche

Der Bote aus den Vogesen: Pfälz. Volksblatt, Pfälzer Anzeiger

Empfohlene Zitierweise

Karl Scherer, Pfälzer Zeitung (1849-1936), publiziert am 28.09.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Pfälzer Zeitung (1849-1936)> (11.12.2018)