Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz (Lion Feuchtwanger, 1930)

Titelblatt der Erstausgabe von Lion Feuchtwanger, Erfolg, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 1930.
Titelbild von Lion Feuchtwanger, "Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz", erschienen 1930, entstanden 1925 bis 1929 in Berlin. (Münchner Stadtmuseum, Zentralbibliothek)

von Michael Stephan

Justizroman des Münchner Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1884-1958), der 1930 als erster Teil der Trilogie "Der Wartesaal" erschien. Feuchtwanger setzt sich darin kritisch mit der bayerischen Politik und Mentalität sowie mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten in München während der frühen Jahre der Weimarer Republik auseinander. Hinter vielen Romanfiguren verbergen sich Persönlichkeiten des Zeitgeschehens.

Inhalt

Der Roman erschien 1930 in zwei Bänden mit einer ungewöhnlich hohen Startauflage von 40.000 Exemplaren. Er erzählt die fiktive Geschichte eines kultivierten Münchner Kunsthistorikers, der als Direktor der staatlichen Gemäldesammlungen mit der Politik in Konflikt kommt, weil er moderne und umstrittene Kunstwerke anschafft und im Museum ausstellt. Gegen den unliebsamen Dr. Krüger wird ein Sittlichkeitsverfahren eingeleitet, vor Gericht bezichtigen ihn gekaufte Zeugen des Meineids, den er mit drei Jahren Zuchthaus büßen soll. Seine Freunde setzen alle Hebel in Bewegung, ihn zu rehabilitieren, aber sie scheitern damit. Erst einem reichen Amerikaner, der die bayerische Regierung mit einem üppigen Darlehen milde stimmt, gelingt die Revision des Urteils. Zu spät – am Morgen seiner Entlassung liegt Krüger tot in seiner Zelle...

Feuchtwanger und Bayern

Der eigentliche "Held" des Romans ist aber das Land Bayern, in dem Lion Feuchtwanger (1884-1958) diese Geschichte spielen lässt. Nicht ohne Grund trägt der Roman den Untertitel "Drei Jahre Geschichte einer Provinz". Die "Provinz" ist München und das bayerische Oberland; gemeint sind die Jahre 1921 bis 1924. Feuchtwanger gelingt eine gnadenlose Diagnose von Land und Leuten: "Die Bayern knurrten, sie wollten leben wie bisher, breit, laut, in ihrem schönen Land, mit einem bisschen Kultur, einem bisschen Musik, mit Fleisch und Bier und Weibern und oft ein Fest und am Sonntag eine Rauferei. Sie waren zufrieden, wie es war. Die Zugreisten sollten sie in Ruhe lassen, die Schlawiner, die Saupreussen, die Affen, die gselchten." Aber der Roman zeugt auch von der Liebe des Autors – in der Figur des Jacques Tüverlin, der bezeichnenderweise ebenfalls an einem "Buch Bayern" arbeitet, unschwer zu erkennen, - zu seiner Heimat: "Tüverlin erkennt genau den Menschen der Hochebene in all seinen Mängeln; allein sein Herz hängt an ihm. Er liebt diesen Menschen...". Doch diese Liebe wurde, wohl weil ihre Darstellung so desillusioniert wirkt, nicht erwidert. Nach Erscheinen des Buches holte Feuchtwanger die Wirklichkeit ein. Die Münchner Neuesten Nachrichten setzten am 7. Oktober 1930 als Titel über ihre polemische Kritik: "Ein Buch des Hasses".

Quellen des Romans

Gespeist aus eigener Anschauung und eigenen Erfahrungen, aber auch auf der Grundlage konkreter Quellenrecherchen (z. B. die sozialdemokratische "Münchener Post", vor allem aber der "Miesbacher Anzeiger") lässt Feuchtwanger mehr oder weniger deutlich verschlüsselt Orte, Personen und Ereignisse der Weimarer Republik Revue passieren. Einige Aspekte aus Feuchtwangers großartigem und facettenreichen Zeitpanorama seien hier herausgegriffen.

Anspielungen auf Orte in Bayern

An Orten ist natürlich an erster Stelle München (Wahlspruch im Roman: "Bauen, brauen, sauen") zu nennen, Feuchtwangers Geburtsort (geb. 1884), wo er bis 1925, dem Jahr seines Umzugs nach Berlin, lebte. Hier erlebte er die im Roman beschriebenen Jahre hautnah mit - im Positiven (die Wohnung von Lion und Martha Feuchtwanger [1891-1987] in der Georgenstraße war der literarische Treffpunkt Münchens) wie Negativen (schon am 5. Januar 1923 störten Nazikrawalle die Uraufführung seines Stückes "Der holländische Kaufmann" im Residenztheater). Oberammergau (im Roman "das Dorf Oberfernbach") kannte Feuchtwanger schon seit 1910, als er als junger Theaterkritiker der "Schaubühne" die Passionsspiele besuchte, in mehreren Artikeln die Geschäftstüchtigkeit der Oberammergauer brandmarkte und dabei einen Literaturstreit mit dem Schriftsteller Georg Queri (1879-1919) vom Zaun brach. Zu den Gefängnisschilderungen im Roman ("Zuchthaus Odelsberg") inspirierte Feuchtwanger das Schicksal von Erich Mühsam (1878-1934) und Ernst Toller (1893-1939) während der Festungshaft in Niederschönenfeld, vor allem aber der dortige Tod des Räterepublikaners und Landtagsabgeordneten August Hagemeister (geb. 1879) in der Haft am 16. Januar 1923, der heftige Proteste von Schriftstellern und Intellektuellen wie Thomas Mann (1875-1955) und Albert Einstein (1879-1955) hervorrief und zu einer ergebnislosen Debatte im Bayerischen Landtag führte.

Anspielungen auf Zeitgenossen

Von den Personen im Roman weisen viele Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur auf:

Bei einigen Romanfiguren, wie beim Anwalt Dr. Siegbert Geyer, standen gleich mehrere wirkliche Personen Pate (der SPD-Landtagsabgeordnete Alwin Saenger [1881-1929], der Pazifist Emil Julius Gumbel [1891-1966] und der Rechtsanwalt Dr. Max Hirschberg [1883-1964]).

Im Roman verarbeitete historische Ereignisse

Von den im Roman erkennbaren historischen Ereignissen ist der Kunstskandal um den "Entarteten Kruzifixus" von Ludwig Gies (1887-1966) anlässlich der Deutschen Gewerbeschau von 1922 zu nennen, der Fememord an Maria Sandmayer (im Roman Amalie Sandhuber) im Oktober 1920, der Mord am USPD-Landtagsabgeordneten Karl Gareis (1889-1921) am 9. Juni 1921 und der Hitlerputsch am 8./9. November 1923. Gerade das Aufkeimen des Faschismus, dieses Konglomerats von rechten, nationalistischen und völkischen Gruppierungen (Wehrverbände, Einwohnerwehren etc.), hat Feuchtwanger genau beobachtet. Die NSDAP (die "Wahrhaft Deutschen") ist noch eine Splittergruppe von vielen.

Feuchtwangers literarische Methode

Trotz dieser vermeintlich einfachen Entschlüsselung lebt der Roman von dem Wechselspiel von Fiktion und Faktizität, von historischen und fiktiven Figuren, Orten und Ereignissen. Er nimmt eine Mittelstellung zwischen politischem Tatsachenroman und fiktivem, modellhaften Gesellschaftsroman ein. Feuchtwanger geht es nicht um ein photographisch genaues Abbild der geschilderten drei Jahre. Durch die Perspektive Tüverlins, der in seinem "Buch Bayern" ebenfalls das historische Material verfremdet, gibt Feuchtwanger im Roman selbst sein poetologisches Verfahren preis: "Ich ändere Einzelheiten, die heute aktenmäßig wirklich sind, weil sie in der Distanz von fünfzig oder vielleicht schon von zwanzig Jahren unwahr werden. Es ist ein Unterschied zwischen gerichtsnotorischer Wirklichkeit und historischer Wahrheit." Und in einer dem Roman nachgestellten "Information" gibt Feuchtwanger selbst noch einmal Auskunft über sein verwendetes Stilmittel: "Kein einziger von den Menschen dieses Buches existierte aktenmäßig in der Stadt München in den Jahren 1921/24: wohl aber ihre Gesamtheit. Um die bildnishafte Wahrheit des Typus zu erreichen, musste der Autor die photographische Realität des Einzelgesichts tilgen. Das Buch 'Erfolg' gibt nicht wirkliche, sondern historische Menschen."

"Erfolg" wird Teil der "Wartesaal-Trilogie"

Dennoch hat Feuchtwanger - wenn auch aus der fiktiven Perspektive des Jahres 2000 - keinen historischen Roman geschrieben, wie man die erfolgreichen Werke "Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch" (1923) und "Jud Süß" (1925) eindeutig bezeichnen kann. Der Roman "Erfolg" war vielmehr "die erste große Zeitsatire über einen störrigen Volksstamm", so Frank Thiess (1890-1977) in seiner ausführlichen Rezension "Ein Bayernspiegel" in der Zeitschrift "Die literarische Welt" vom 17. Oktober 1930. Bei allem Respekt für Feuchtwangers literarische Leistung befürchtete er jedoch: "Es ist zu erwarten, daß ein derart scharf und kontrastreich portraitiertes Bayern nicht so viel Humor aufbringen wird wie Feuchtwanger. Am wenigsten werden die 'wahrhaft Deutschen' Ohren für sein Gelächter haben. [...]. Feuchtwanger wird gut tun, München zu verlassen." Genau ein Jahr später schloss ein antisemitischer Hetzartikel im "Völkischen Beobachter" mit der Drohung: "Nach dieser Leistung bleibt dem Löb Feuchtwanger wohl nur noch zu bescheinigen, daß er sich einen zukünftigen Emigrantenpaß reichlich verdient hat."

Im Frühjahr 1933 konnte Feuchtwanger nach einer Lesereise durch die Vereinigten Staaten nicht mehr nach Deutschland zurückkehren und ging ins Exil, zunächst nach Frankreich, später in die USA. Seine Bücher (darunter "Erfolg") wurden verboten und verbrannt, die Ludwig-Maximilians-Universität München erkannte ihm seine Doktorwürde ab, am 23. August 1933 wurde er aus Deutschland ausgebürgert, sein Haus und Vermögen beschlagnahmt. Diese persönlichen Erfahrungen spiegeln sich in den Werken "Die Geschwister Oppermann" (1933) und "Exil" (1940) wider, die zusammen mit dem Roman "Erfolg" die "Wartesaal-Trilogie" bilden. Der Inhalt aller drei Teile des Roman-Zyklus ist - wie Feuchtwanger im Nachwort zu "Exil" schreibt - "der Wiedereinbruch der Barbarei in Deutschland und ihr zeitweiliger Sieg über die Vernunft". Dieses Nachwort endet mit der Hoffnung Feuchtwangers, nach einer Zeit des Wartens das Werk mit einem Epilog "Rückkehr" schließen zu können. Doch nach 1945 gelang Feuchtwanger die Rückkehr nicht mehr - weder literarisch noch im richtigen Leben.

Literatur

  • Christian Fuhrmeister/Susanne Kienlechner, Gegenwart und Ahnung. Inwiefern war der Münchner Kunsthistoriker August Liebmann Mayer (1885-1944) ein Vorbild für die Figur des Martin Krüger in Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg" (1930)?, in: Literatur in Bayern 24 (2008), Nr. 93, 32-44.
  • Reinhart Hoffmeister, Schatten über München. Wahrheit und Wirklichkeit in Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg", München/Wien 1981.
  • Wolfgang Müller-Funk, Literatur als geschichtliches Argument. Zur ästhetischen Konzeption und Geschichtsverarbeitung Lion Feuchtwangers Romantrilogie "Der Wartesaal", Bern 1981.
  • Lydia Schmidt, Kultusminister Franz Matt (1920-1926). Schul-, Kirchen- und Kunstpolitik in Bayern nach dem Umbruch von 1918 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 126), München 2000, 290-297 [Exkurs II: Franz Matt ist nicht Franz Flaucher - Feuchtwangers Roman "Erfolg"].
  • Michael Stephan, Paul Nikolaus Cossmann und die "Münchner Neuesten Nachrichten". Ein Beitrag zu Wirklichkeit und Wahrheit in Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg" in: Literatur in Bayern 76 (2004), 24-29.
  • Reinhard Weber (Bearb.), Max Hirschberg: Jude und Demokrat. Erinnerungen eines Münchener Rechtsanwalts 1883 bis 1939, München 1998, S. 11 (Einleitung), Anm. 12 [erster Hinweis zu der aus drei Rechtsanwälten zusammengesetzten Figur des Dr. Siegbert Geyer].

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Lion Feuchtwanger

Empfohlene Zitierweise

Michael Stephan, Feuchtwanger, Lion: Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz, 1930, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Feuchtwanger, Lion: Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz, 1930> (20.07.2018)