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Münchener Post

Das Geschäftshaus der Münchner Post am Wittelsbacher Platz 2 in München auf einer Aufnahme aus dem Jahre 1908. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv)
Hitlerputsch, 9. November 1923, Stoßtrupp Hitler vor dem Verlagsgebäude der Münchener Post. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Paul Hoser

Organ der Münchner Sozialdemokratie, das seit 1888 erschien und der gemäßigt reformerischen Linie des bayerischen Parteivorsitzenden Georg von Vollmar (1850-1922) folgte. Unter Chefredakteur Adolf Müller (1863-1943) entwickelte sich die Münchener Post zwischen 1896 und 1919 zu einer qualifizierten Zeitung, die innerhalb der Gesamtpartei die eigenständige bayerische Linie wahrte. In der Zeit der Weimarer Republik prangerte sie von Anfang an den Nationalsozialismus als große Gefahr an. Sie wurde nach der "Machtergreifung" verboten und erschien letztmals am 9. März 1933.

Die "Süddeutsche Post" als Vorläuferin

Die sozialdemokratische "Münchener Post" ging aus der 1869 in München gegründeten "Süddeutschen Post" hervor, die dem liberalen demokratischen Volksverein nahestand. Am 1. August 1881 ging sie in die Hände des Kaufmanns Georg Pollner über und war von da an ein Blatt der Sozialdemokratie. Eigentlicher geistiger und verlegerischer Leiter und seit 1882 auch offizieller Eigentümer war Louis Viereck (1851-1922). 1884 wurde die Zeitung verboten.

Besitzerwechsel im Jahr 1890

Am 1. April 1888 konnte Viereck schließlich als Nachfolgeorgan die "Münchener Post" herausbringen. Er geriet aber mit dem Parteivorsitzenden der bayerischen SPD, Georg von Vollmar (1850-1922), in Konflikt und musste die Redaktion verlassen. 1890 beschloss eine Parteiversammlung, die Zeitung der Partei zu übertragen. Mit dem 1. Januar 1890 ging sie an die beiden Münchner Reichstagsabgeordneten Vollmar und Georg Birk (1839-1924) über. Seitdem erschien sie täglich. Leitende Redakteure waren zeitweise einflussreiche Parteimitglieder wie Adolf Braun (1862-1929), Richard Calwer (1868-1927) und der spätere Münchner Bürgermeister Eduard Schmid (1861-1933).

Zwischen Berliner Parteizentrale und bayerischer Sonderstellung

Nach dem Ende des Sozialistengesetzes und den programmatischen Grundsatzreden Vollmars von 1891 stellte sich die "Münchener Post" endgültig in den Dienst der von der bayerischen Sozialdemokratie propagierten Reformpolitik. Seit 1. Oktober 1892 verwaltete der Berliner Louis Cohn im Auftrag der Gesamtpartei die Zeitung. Er sollte sie wirtschaftlich sanieren und als Aufpasser der Berliner Parteizentrale fungieren. Es gelang ihm, aus dem Verlag der Zeitung, der "Firma Birk & Co", ein leistungsfähiges Unternehmen zu machen. Mit seinen Versuchen, Einfluss auf die Redaktion und auf die Politik der bayerischen Sozialdemokratie zu nehmen, scheiterte Cohn allerdings. Eduard Schmid lag als Redakteur auf der Reformlinie Vollmars. 1895 delegierte Vollmar überdies seinen Vertrauten Sebastian Witti (gest. 1927) in die Redaktion, um die politische Ausrichtung in seinem Sinn sicherzustellen.

Die Redaktion unter Adolf Müller

1893 wurde Adolf Müller (1863-1943) Mitarbeiter, 1896 Leiter des Blatts. Im selben Jahr fusionierte die "Münchener Post" mit der "Augsburger Volkszeitung". Müller steuerte maßgeblich den Reformkurs Vollmars. Für den bayerischen Teil war Martin Gruber (1866-1936) verantwortlich. Die "Münchener Post" entwickelte sich nun zu einer der bedeutendsten sozialdemokratischen Zeitungen. 1910 trat Kurt Eisner (1867-1919) in die Redaktion ein, der für ein hohes Niveau von Feuilleton und Theaterkritik sorgte, allerdings neben dem dominanten Müller keinen politischen Einfluss ausüben konnte.

Zentrale Themen der Berichterstattung

Die Kritik der Münchener Post galt sozialen Missständen, Militarismus und Imperialismus. So schilderte Müller 1894 und 1895 in einer Artikelserie das blutige Einschreiten des Militärs gegen Bauern im oberpfälzischen Fuchsmühl (Lkr. Tirschenreuth) und prangerte die wirtschaftliche Situation der Landbevölkerung an.

Auch die Regierung wurde gern mit Spott bedacht. Zielscheiben waren ferner die klerikale Politik des Zentrums und die imperialistische und militaristische Politik im Reich. 1907 erregte Martin Gruber in ganz Deutschland Aufsehen, da er die brutalen Übergriffe des Kolonialpolitikers Carl Peters (1856-1918) gegen Eingeborene in Deutsch-Ostafrika aufdeckte.

Verlag und Leserschaft vor dem Ersten Weltkrieg

Lange Zeit war die "Münchener Post" auf Zuschüsse der Berliner Parteizentrale und Bankkredite angewiesen, konnte jedoch bis 1905 ihre Schulden abbezahlen. 1907 wandelte man das Unternehmen in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit 47 Gesellschaftern um. Dadurch standen 165.000 Mark für den Kauf des Verlags- und Redaktionsgebäudes am Altheimereck zur Verfügung. Im selben Jahr beschäftigte der Verlag sechs fest angestellte Redakteure und vier Mitarbeiter in der Vertriebsabteilung und der angegliederten Buchhandlung.

Die Auflage war 1890 bei ca. 8.000 und stieg bis 1914 auf geschätzte 30.000 Stück. Da die Zeitung wesentlich weniger Inserate als die bürgerlichen Blätter erhielt, war sie auf höhere Abonnementspreise angewiesen. Ihre Leser waren größtenteils die Parteimitglieder in München.

Gegensatz zwischen Adolf Müller und Kurt Eisner nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs

Bei Kriegsausbruch 1914 stellte sich Müller mit der "Münchener Post" auf die Seite von Staat und Regierung und sprach sich für die Bewilligung der Kriegskredite aus. Er ging von nun an fast ununterbrochen als offiziöser Mitarbeiter von Staats- und Reichsregierung auf Auslandsreisen. Als Kurt Eisner wenige Wochen nach Kriegsausbruch zu der Erkenntnis gelangte, dass Deutschland am Krieg die Hauptschuld trage, wurde er zum erbitterten Gegner Müllers. Er wurde von jeder Mitwirkung am politischen Teil ausgeschlossen, blieb aber bis zum Januarstreik 1918 und seiner anschließenden Verhaftung Theaterkritiker. Die Zeitung wurde im Krieg trotz scharfer Kritik an der bayerischen Regierung von der Zensur behutsam behandelt und nie verboten.

Während der Revolution von 1918/19

Als nach Eisners Ermordung im Februar 1919 der Zentralrat die Pressezensur wieder einführte, blieb die "Münchener Post" davon ausgenommen. Sie stand allerdings während der Räterepublik kurze Zeit unter Zensur. Da Adolf Müller am 19. Januar 1919 deutscher Gesandter in Bern wurde, übernahm nach einer Übergangszeit 1920 Vollmars ehemaliger Sekretär und nunmehriger Nachfolger als bayerischer Parteivorsitzender, Erhard Auer (1874-1945), die Leitung der Zeitung.

Kampf gegen Gustav von Kahr und Adolf Hitler

Unter der Ministerpräsidentschaft Gustav von Kahrs (1862-1934) stand die Münchener Post als einzige bedeutende Zeitung Münchens in schärfster Opposition zur Regierung. Kahr war für sie der Gefangene des übelsten Deutschnationalismus, der auf verfassungswidrigen Widerstand gegen das Reich hinsteuere. Sie behauptete, die zu dieser Zeit begangenen Fememorde seien die Folge amtlich geschützter Mordpropaganda.

Schon sehr früh berichtete die "Münchener Post" über die Aktivitäten der NSDAP. Adolf Hitler (1889-1945) wiederum titulierte die Zeitung als "Münchener Pest". Beide Seiten überzogen einander mit gerichtlichen Klagen. Mehrmals war das Redaktionsgebäude Zielscheibe rechtsradikaler Gewaltanschläge, so auch am Abend des Hitlerputsches vom 8. November 1923. Auch in den folgenden Jahren bekämpfte die Zeitung systematisch den Nationalsozialismus, darunter 1931 mit Aufsehen erregenden Enthüllungen über die homosexuellen Affären Ernst Röhms (1887-1934).

Als Generalstaatskommissar hatte Kahr das Blatt bereits am 29. Oktober 1923 auf unbefristete Zeit verboten, weil es Bayerns Reichstreue in Frage gestellt und ihm antisemitische Politik vorgeworfen hatte. Auch nach dem Hitlerputsch war die Zeitung bis zum 25. November 1923 verboten.

Dolchstoßprozeß 1925

1925 führten Angriffe der "Münchener Post" auf den Herausgeber der "Münchner Neuesten Nachrichten" und der "Süddeutschen Monatshefte", Paul Nikolaus Cossmann (1869-1942), zu dem Aufsehen erregenden "Dolchstoßprozeß" mit prominenten Zeugen.

Das Ende der "Münchener Post" im März 1933

Am Tag der Einsetzung des Reichskommissars Franz Xaver Ritter von Epp (1868-1947), dem 9. März 1933, verwüstete die SA die Redaktionsräume und zerstörte die Maschinen in der Druckerei. Das Verlagsvermögen wurde beschlagnahmt, die Zeitung verboten und die Redakteure eine Woche lang in Haft genommen. Die Auflage war bereits von 60.000 im Jahr 1920 auf 15.000 im Jahr 1933 gesunken.

Literatur

  • Silvia Bittencourt, A Cozinha Venenosa Um jornal Contra Hitler. A história do Münchener Post, o principal inimigo dos nazistas na imprensa, São Paulo 2013.
  • Charlotte Harrer, Die Geschichte der Münchener Tagespresse 1870-1890 (Zeitung und Leben 75), Würzburg-Aumühle 1940.
  • Paul Hoser, Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe der Münchner Tagespresse. Methoden der Pressebeeinflussung (Europäische Hochschulschriften III 447). 2 Bände, Frankfurt am Main 1990.
  • Karl Heinrich Pohl, Die Münchener Arbeiterbewegung. Sozialdemokratische Partei, freie Gewerkschaften, Staat und Gesellschaft in München 1890-1914 (Schriftenreihe der Georg-von-Vollmar-Akademie 4), München 1992.
  • Karl Heinrich Pohl, Adolf Müller. Geheimagent in Kaiserreich und Weimarer Republik, Köln 1995.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Paul Hoser, Münchener Post, publiziert am 03.07.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Münchener Post> (23.09.2018)