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Bündische Jugend

Bundestag zur Gründung des Jungdeutschen Bundes auf Burg Lauenstein bei Kronach, 1919. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Signatur: AdJb_F1_ 48_18)

von Susanne Rappe-Weber

Als Bündische Jugend wurden die in den 1920er Jahren gegründeten Sammelbewegungen jugendlicher Männer und Frauen bezeichnet. Sie waren in Bezug auf politische Ausrichtung wie auch konfessionelle Zusammensetzung in sich jeweils relativ homogen strukturiert, insgesamt jedoch sehr heterogen. Den in der Bündischen Jugend organisierten Jugendlichen ging es darum, außerhalb von Elternhaus, Schule und Beruf ihre Freizeit selbstbestimmt zu gestalten. Wichtige Merkmale waren dabei Gruppenerlebnisse (Sport, Spiel, Singen, Musizieren) und Naturerfahrungen (Wandern, Zeltlager). Das NS-Regime tolerierte die Existenz dieser Bünde neben Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM) nicht. Nach Kriegsende und demokratischem Neuanfang gründeten sich in Westdeutschland einige Bünde neu und knüpften an ihre Tätigkeiten vor 1933 an, allerdings verloren sie durch eine allgemein vielfältigere Jugendkultur und nicht zuletzt infolge der 1968er-Bewegung an Bedeutung. Sie blieben aber weiter existent. Wichtiges Zentrum der Bündischen Jugend in Bayern war Burg Lauenstein (Lkr. Kronach).

Bündische Jugend – Sammelbezeichnung organisierter Jugendbewegungen

Adler und Falken in Pottenstein (Lkr. Bayreuth), 1921. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Signatur: AdJb: F1_80_32)
Gottesdienst in der St. Sebald-Kirche am Sonntag zum Fünften Reichsjugendtag des Jugendbundes des Gewerkschaftsbundes der Angestellten (GdA) in Nürnberg 1929. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Signatur: AdJb F1_387_050)

Allgemein zählten in der Weimarer Republik zur Bündischen Jugend Gruppierungen und -vereine, die mehr oder weniger unabhängig von größeren Verbänden wie Parteien, Gewerkschaften, Kirchen oder Sportvereinen wie auch in Abgrenzung von der staatlich-kommunalen Jugendpflege gemeinschaftliche Unternehmungen von und für junge Menschen organisierten. Das Ziel lag darin, den Jugendlichen auf dem Weg zum erwachsenen Staatsbürger Raum zur Selbsterziehung und -erfahrung in der Gruppe außerhalb der Erziehungsinstanzen Schule und Elternhaus zu ermöglichen. Davon machten nach einer Zählung von 1927 rund 4,1 Mio. Jugendliche unter 21 Jahren Gebrauch, also rund 40 % aller Jugendlichen.

In einem engeren Verständnis handelte es sich bei der Bündischen Jugend um die bürgerlich geprägten Bünde, die sich auf den Wandervogel bezogen und den Neubeginn nach 1918, orientiert an den Erfahrungen der Frontsoldaten, unter dem Eindruck des verlorenen Krieges gestalteten; dazu zählten etwa 60.000 "Bündische". Die Begriffe "Bund" und "Bündisch" verbreiteten sich über den engeren Sinn hinaus für alle nicht-formalen, an gemeinsamen Werten und Verhaltensformen orientierten, meist überregional organisierten Gruppierungen junger Menschen – die "Jugendbewegung". Verbindungen zu Jugendgruppen im europäischen Ausland bestanden in vielen Bünden; auch flossen internationale Anregungen in das Bundesleben ein. Die nicht-formale, unabhängige Konzeption der "Bünde" aber kann als deutsches Spezifikum gelten. Bis in die Gegenwart bezeichnen sich die entsprechenden Jugendorganisationen als "bündisch".

Bündische Gruppen bildeten sich auch in den bayerischen Mittel- und Großstädten, einerseits aus bereits bestehenden Wandervogel- und Pfadfindergruppen heraus, andererseits ganz neu z. B. innerhalb der katholischen und der evangelischen Kirche bzw. von dieser ausgehend, als Naturfreundejugend der Arbeiterschaft, im Jugendherbergswerk usw. Einige Burgen wurden Treff- und Mittelpunkt bestimmter Jugendbünde. So versammelten sich die "Adler und Falken" wiederholt im fränkischen Kronach mit der Burg Lauenstein (Lkr. Kronach). Für katholisch-bündische Kreise ("Quickborn") wurde die Burg Rothenfels (Lkr. Main-Spessart) zur Jugendburg. Mit der Burg Prunn verbindet sich eine bedeutende Reform des Pfadfindertums ("Neupfadfinder").

Merkmale der Bündischen Jugend

Einziehende Horde beim Bundestag des Wandervogel e. V. in Coburg am 2.-4.8.1919, Fotograf: Julius Groß. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Signatur. AdJb _F1_42_18)
Tanz und Spiele von Wandervögeln und Soldaten auf dem Marktplatz beim Bundestag des Wandervogel e. V. in Coburg, 2.-4.8.1919, Fotograf: Julius Groß. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Signatur: AdJb _F1_111_54)

Für den Neubeginn nach 1918 waren die veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen - Vereinsgründungen unterlagen keinen Beschränkungen mehr (Art. 124 Weimarer Verfassung, kurz: WRV) – und die Entfaltung des politischen Spektrums entscheidend. Zum Kennzeichen der Bündischen Jugend der Weimarer Republik wurde daher eine starke organisatorische Zersplitterung und weltanschauliche Bandbreite. Eine schlichte Wiedergründung des Wandervogels war nicht mehr möglich; in Bayern wurde ein entsprechender Versuch auf dem Gautag in Nördlingen (1919) durch Auflösung des "Wandervogel, Gau Bayern" eingestellt. Auf Reichsebene besiegelte der Wandervogel-Bundestag in Coburg (Juli 1919) das Ende dieser Bemühungen. Bestand hatten hingegen die Initiative früherer "Jungwandervögel", die 1918 die "Landsgemeinde" Bayern gründeten, in denen nicht zuletzt die zurückkehrenden "Feldwandervögel" Aufnahme fanden.

In dem engeren Kreis, einem "Kommunikationsnetzwerk" sich gegenseitig anerkennender Bünde, bildeten ideologisch "Volk" und "Nation", "Staat" und "Reich" die wichtigsten Bezugspunkte. Die meisten dieser Bünde waren völkisch-national ausgerichtet und standen politisch eher rechts: der "Deutsche Pfadfinderbund" (6.000 Mitglieder), die "Deutsche Freischar" (13.000 Mitglieder), "Adler und Falken" (6.000 Mitglieder), der "Deutsch-Nationale Jugendbund" bzw. "Großdeutsche Jugendbund" (8.000–10.000 Mitglieder), der "Jungnationale Bund" (7.000 Mitglieder) sowie diverse kleinere Bünde ("Ahrens").

Darüber hinaus wurden die "Falken" der Arbeiterjugendbewegung, evangelische Kreise wie der "Bund Deutscher Bibelkreise", der "Christdeutsche Bund", die "Neuwerk-Bewegung" und die "Christliche Pfadfinderschaft", katholisch-jugendbewegte Gründungen wie der "Quickborn", "Neudeutschland", die "Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg", die "Deutsche Jugendkraft (DJK)" und die Jüdische Jugendbewegung mit "Blau-Weiß", dem "Jungjüdischen Wanderbund", den "Kameraden" und "Kadimah" zur politisch uneinheitlichen Bündischen Jugend gezählt.

Entsprechend dieser Zersplitterung gab es auch keine gemeinsame Symbolik mehr: neben den auffliegenden Kranich des Wandervogel traten nun Runen, Lilien, Kreuze und andere Zeichen in diversen Aufmachungen und Farben. Die Abgrenzung untereinander, schon zeitgenössisch als "Vermehrung durch Spaltung" ironisch kommentiert, galt geradezu als Signum, wobei gleichzeitig der Wunsch nach einem gemeinsamen "überbündischen" Auftreten oder nach der Formierung eines übergreifenden "Hochbundes" immer neu beschworen und versucht wurde, etwa bei einem "Grenzlandtreffen der vereinigten deutschen Jugendbünde im Fichtelgebirge" 1923.

Aktivitäten

Das Spektrum der Betätigungen reichte vom wöchentlichen "Nest"-Abend über Tagesausflüge ("Fahrt") bis zur mehrtägigen Wanderung ("Großfahrt") in den Sommerferien, von der Gestaltung eigener Feste ("Sonnenwendfeier") über die Beteiligung an örtlichen Feiern bis zu überregionalen Zusammenkünften wie Gautreffen oder Bundeslagern. Landheimaufenthalte beinhalteten neben dem Aufenthalt im Freien mit Spielen und Sport (Tanz, Gymnastik, Wettbewerbe) vor allem Singen und Musizieren, (Vor-)Lesen, Basteln und Handwerken. Während der "Fahrten" wurde neben der Wanderung viel Wert auf Naturbeobachtung und gesellig-kulturelle Aktivitäten (Singen, Abkochen, Spiele) gelegt. Mehrtägige Unternehmungen bedurften der gründlichen Vorbereitung, um etwa die Anfahrt per Bahn, die Verpflegung und Unterkunft zweckmäßig und preiswert zu gestalten.

Die Bünde setzten sich aus Ortsgruppen ("Horst") bzw. Stämmen in regionalen Gauen zusammen und waren innerhalb eines Ortes, nach Geschlechtern getrennt, in Altersgruppen gegliedert. Zwar lag die Leitung des Bundes meist in der Hand älterer Führer und erwachsene Vereinsmitglieder überwachten das jeweilige Geschehen auf Ortsebene, doch trugen auf den unteren Gliederungsebenen tatsächlich junge Menschen die Verantwortung für das Gruppenleben. Über diese Aktivitäten wurde regelmäßig in eigenen Zeitschriften informiert und berichtet. Nicht nur praktische Fragen und Angelegenheiten der Bünde, sondern auch literarische, kulturelle, politisch-gesellschaftliche und philosophische Themen kamen in den Publikationen der Bünde zur Sprache. Ein differenziertes Verlagswesen etablierte sich im Umfeld der Bündischen Jugend.

Vernetzung der Bündischen

Während der "Mythos Jugend" in der Weimarer Republik vor allem als Argument in gesellschaftspolitischen Debatten genutzt wurde, um den Bruch mit überholten Rücksichtnahmen einzufordern, hielten die Bedürfnisse der Jugend tatsächlich Einzug in die Politik. Kommunale Jugendringe wurden gegründet, die Jugendfürsorge ausgeweitet. Jugendpflegerische Angebote sollten weiteren Kreisen Zugang zu den als sinnvoll erachteten Freizeitformen wie Wanderungen, Landheimaufenthalten oder Zeltlagern ermöglichen. Das Schulwandern wurde allgemeine Praxis. Dafür boten Jugendherbergen und Naturfreundehäuser, die nun in größerer Zahl errichtet wurden, entsprechende Quartiere außerhalb der Städte. Bündisch geprägte Sing- und Musiziergruppen der Jugendmusikbewegung belebten vielerorts das kulturelle Angebot. Insofern stellten die Jugendverbände allgemein und darin die Bündische Jugend auf den Gebieten der Bildung und der Gesundheitsvorsorge wichtige Partner für die Institutionen des Sozialstaates und der kommunalen Verwaltung der Weimarer Republik dar.

Gleichwohl betonte die Bündische Jugend ihre Autonomie und Selbsttätigkeit. Insbesondere die bürgerlich geprägten Bünde pflegten ein elitäres Selbstverständnis. Neue Mitglieder wurden nur unter Gleichgesinnten gewonnen, das Gruppenleben verlangte Disziplin und Einsatzbereitschaft. Freundschaft und Treue, nicht formale Vereinssatzungen, bildeten dessen Basis, ideell oder wörtlich grenzüberschreitende Unternehmungen und Wanderungen ("Fahrten") bekräftigten die Bande.

Männerbündische Vorstellungen, wonach Gemeinwesen nicht primär auf der Familie, sondern letztlich auf dem Zusammenhalt von Männern fußten, waren verbreitet und führten zur Ablehnung "gemischter" Gruppen oder Fahrten. Problematische Beziehungen zwischen älteren Führern und jüngeren Gruppenmitgliedern waren in diesem Kontext keine Seltenheit; verlässliche Zahlen, insbesondere zum sexuellen Missbrauch, liegen aber nicht vor. Mädchenbünde antizipierten im Gegenzug häufig spezifisch weibliche Geschlechterzuschreibungen und bereiteten ihre Mitglieder auf ihre künftige Rolle als Frau und Mutter vor.

Während die Führung der Großbünde von Männern dominiert wurde, verweist der 26 prozentige Anteil von Mädchen und jungen Frauen als Mitglieder auf ein anderes Gesamtbild. Die verbreitete Wahl der Ehepartner aus dem bündischen Spektrum begründete eine zunehmende Anzahl von Älteren-Gruppierungen, die sich als Lebensgemeinschaften verstanden.

Burg Lauenstein: Diskussionszentrum der Bündischen Jugend

In der Übergangsphase am Ende und nach dem Ersten Weltkrieg stellte die fränkische Burg Lauenstein ein wichtiges Diskussionszentrum dar. Zunächst hatte 1917 der Verleger Eugen Diederichs (1867–1930) aus Jena (Thüringen) führende Intellektuelle dorthin eingeladen, darunter den bekannten Soziologen Max Weber (1864–1920), aber auch Mitglieder des "Freistudentischen Bundes" in München. 1919 nutzten der "Alt-Wandervogel" sowie der neu gegründete "Jungdeutsche Bund" die Burg Lauenstein für eigene Bundestage.

Der Jungdeutsche Bund unter Frank Glatzel (1892–1958) formulierte hier das "Lauensteiner Bekenntnis" und bekannte sich darin zur wahrhaften "Volksgemeinschaft aller Deutschen" und zum völkischen Leben. Einer der Teilnehmer war der selbst ernannte Prophet, Lebensreformer, Kunsthandwerker und Wandervogel Friedrich Muck-Lamberty (eigtl. Friedrich Lamberty, 1891–1984). Zu Pfingsten 1920 kam der "Inflationsheilige" Lamberty noch einmal mit einer Gruppe von etwa 50 jungen Leuten von Hartenstein (Sachsen) im Erzgebirge über Burg Lauenstein nach Kronach. Er rief hier die Gründung der "Neuen Schar" aus und zog mit dieser weiter durch Franken und Thüringen, mit dem Ziel der "Sammlung aller jungen Menschen und Kampf für die Volksgemeinschaft gegen alles Gemeine, gegen Ausbeutung".

In der Stadt Kronach traf Mucks "Neue Schar" auf eine große Versammlung von mehr als 1.200 Wandervögel der Vorkriegsgeneration, darunter viele ehemalige "Feldwandervögel", aus unterschiedlichen Bünden kommend, die sich als Frauen und Männer in einem neuen Bund zusammenschlossen, dem "Kronacher Bund der alten Wandervögel" (nach 1928: "Bund der Wandervögel und Kronacher", nach 1930: Ausgründung des "Wandervogel Deutscher Bund" als Jüngerenbund). Ihnen ging es um die Bewahrung der Ideale des Ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner (Hessen) von 1913 im Erwachsenenleben, aber auch um gegenseitige Unterstützung, etwa in Handwerks- und Siedlungsprojekten. Der Gau Bayern des Kronacher Bundes unterhielt eine eigene Zeitschrift.

Auf einer anderen fränkischen Burg, der Burg Rothenfels am Main, baute seit 1919 der katholische Jugendbund Quickborn eine Tagungsstätte und Jugendherberge. Diese wurde seitdem mit Bildungsveranstaltungen und Tagungen, seit 1927 unter Leitung des Theologen Romano Guardini (1885–1968), zu einem Zentrum der unabhängigen katholischen Jugendbewegung.

Zusammenarbeit der Bündischen Jugend

Ein Beispiel für eine überbündische Initiative war die Gründung der "Vereinigung zum Erwerb, Wiederaufbau und Erhalt der Burg Ludwigstein bei Witzenhausen an der Werra e. V.", der es 1920 gelang, die im Nordhessischen gelegene Burg zu einem Ehrenmal der gefallenen Wandervögel und Begegnungsort der bündischen Jugend auszubauen. Auch das 1922 hier gegründete "Reichsarchiv der deutschen Jugendbewegung" erwies sich als langlebiges und erfolgreiches Projekt. (Abb.)

Einen bedeutsamen Zusammenschluss stellte die 1926 gegründete "Deutsche Freischar – Bund der Wandervögel und Pfadfinder" mit dem "Zwiespruch" als wöchentlich erscheinender Zeitschrift dar. Ausgangspunkt dafür war ein Pfadfindertreffen im August 1919. Auf der Burg Prunn bei Riedenburg im Altmühltal (Lkr. Kelheim) versammelten sich mehr als 250 Führer des Deutschen Pfadfinderbundes, um sich von der bisherigen militaristischen Prägung der Pfadfinder zu verabschieden und auf das "Prunner Gelöbnis" zu verständigen.

Die Impulse für das Neupfadfindertum, in denen das Ideal des Ritters eine wichtige Rolle spielte, kamen vom "Regensburger Kreis" um Franz Ludwig Habbel (1894–1964), Ludwig Voggenreiter (1898–1947) und Karl Sontag (1828–1900). An die Stelle stark äußerlicher Erziehungsformen setzten sie stattdessen auf die Verknüpfung pfadfinderischer Grundsätze mit einer Organisation in altersübergreifenden Stämmen und betonten die Bedeutung von Selbsterziehung und Naturverbundenheit. Mit dieser wichtigen Neuorientierung fanden die Pfadfinder Anschluss an die Wandervogel- bzw. die bündische Bewegung, die schließlich 1926 im gemeinsamen "Bund der Wandervögel und Pfadfinder" (BdWuP) mündete. Damit ging die Abwendung von dem englisch geprägten, internationalen, "scoutistischen" Pfadfindertum einher.

Die aus dem "Wandervogel" hervorgegangene "Sächsische Jungenschaft" trat mit einem Wanderprogramm hervor, zu dem ausgedehnte Fahrten bis nach Mittel- und Südosteuropa gehörten; die "Schlesische Jungenschaft" verwirklichte von ihrem Zentrum, dem Boberhaus in Löwenberg (Lwówek Slaski), aus, ein ambitioniertes Bildungs- und Arbeitslagerprogramm.


Politisierung der Bündischen Jugend

Zum Ende der Weimarer Republik verstärkte sich die Politisierung der Bündischen Jugend. In der Öffentlichkeit wurde das am zunehmend einheitlichen, paramilitärischen Auftreten in geschlossenen Formationen, etwa bei Aufmärschen oder Lagern, erkennbar. Radikal völkisch gaben sich beispielsweise die "Artamanen", die Arbeitsdienste auf Landgütern, vorwiegend in Ostpreußen, organisierten.

Der 1921 gegründete "Sudetendeutsche Wandervogel", vorher: "Deutschböhmischer Wandervogel", in der Tschechoslowakei beteiligte sich am politischen Kampf der deutschen Minderheit. Die 1929 vom charismatischen Schriftsteller Eberhard Koebel (1907–1955, bis 1934 Eberhard Köbel) gegründete "Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929" (d.j.1.11), organisierte ein straffes, aber individuelles Fahrtenleben und wartete mit Neuerungen auf, die bis heute genutzt werden: dem von der Nomadenkultur Lapplands abgeschauten, in einzelnen Bahnen transportablen Feuerzelt, der "Kohte" sowie dem praktischen Lodenanorak, Jungenschaftsjacke "Juja" genannt.

Das Ende der Bündischen Jugend im NS-Staat

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bedeutete das Ende der freien Jugendbünde. Am 17. Juni 1933 löste Reichsjugendführer Baldur von Schirach (NSDAP, 1907–1974, Reichsjugendführer 1933–1945) die zuletzt verbliebene Sammlungsgruppierung der Bündischen Jugend "Großdeutscher Bund" auf und übernahm die Führung aller Jugendverbände. Viele Jugendbünde kamen der Eingliederung durch Selbstauflösung zuvor. Die Indienstnahme der gesamten Jugend in Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM) stellte einen wichtigen Baustein in der langfristigen Kriegsvorbereitung des NS-Regimes dar.

Das Verbot und die Übermächtigung der freien bündischen Szene, die vor allem als Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht und den Auslesecharakter erlebt wurde, dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass die ideologische Ausrichtung der meisten Bünde – antidemokratisch und antirepublikanisch, antisemitisch und deutschvölkisch – kein Hemmnis für die Integration in den NS-Staat darstellte. Umgekehrt bedienten sich die Nationalsozialisten vor allem in den Anfängen aus dem großen Reservoir erprobter Angebote für die Jugendarbeit (Aufmärsche, Zeltlager, Liedgut).

Das Verbot der Bünde galt für religiöse Gruppierungen nicht unmittelbar. Die christlichen Kirchen wahrten enge Freiräume für die Jugendarbeit, die aber immer mehr auf innerkirchliche Veranstaltungen begrenzt wurden. Die evangelische Jugend wurde in die Hitlerjugend eingegliedert, durfte sich aber für kirchliche und religiöse Belange in eingeschränktem Rahmen weiterhin versammeln. Die katholischen Jugendbünde wurden aufgrund des Reichskonkordats nicht formal verboten, mussten sich aber auf rein religiöse Aktivitäten beschränken. Die jüdischen Jugendbünde waren zunächst gar nicht von dem Verbot betroffen; vielmehr erlebten sie gerade wegen der Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung noch Zulauf, bevor sie 1939 doch verboten wurden.

Die meisten ehemals Bündischen passten sich dem Nationalsozialismus an. Daher sind die vereinzelten Beispiele für jugendlichen Eigensinn und Widerstand aus bündischen Kreisen besonders bemerkenswert. Dazu zählt der politische Widerstand der Mitglieder der "Weißen Rose", Hans Scholl (1918–1943) und Sophie Scholl (1921–1943), die noch bündische Elemente innerhalb des NS-Jungvolks kennengelernt hatten. Aber auch viele Aktivitäten nonkonformen Beharrens, Aus- und Abweichens, die das Regime bis zum Ende als "bündische Umtriebe" verfolgte und nicht unter seine Kontrolle brachte, gehörten dazu. Beispiele dafür stellen die "Edelweißpiraten" im Raum Köln (Nordrhein-Westfalen), die rheinländische Jungenschaftsgruppe um Michael "Mike" Jovy (1920–1984) oder auch die proletarischen "Leipziger Meuten" dar. Sowohl auf evangelischer wie katholischer Seite, etwa um den Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg (1875–1943), riskierten Einzelne oder ganze Gruppen den Widerspruch.

Neuorganisation nach 1945

Nach 1945 bildeten sich an vielen Orten bündische Gruppen spontan, nicht zuletzt als Alternative und Fluchtmöglichkeit aus dem oft tristen Nachkriegsalltag. Daraus entwickelten sich als Neu- oder Wiedergründung Pfadfinder- oder Wandervogel-Bünde, mit denen in der Bundesrepublik häufig an Traditionen, die durch den Nationalsozialismus abgerissen waren, angeknüpft wurde. Einflussreich waren aber auch neue, demokratische Prinzipien, die beispielsweise als internationale Prägungen die Neugründung der Mädchen-Pfadfinderbünde bestimmten. Die Bündische Jugend wurde Teil einer vielteiligen, öffentlich verantworteten Jugendkultur und Jugendarbeit. Für alle Gruppen wurde das europäische Ausland nun zum erreichbaren Fahrtenziel; innerhalb der europäischen Bewegung stellten halbprivate "Grenzüberschreitungen" der jungen Generation ein Bekenntnis für einen Neuanfang in den internationalen Beziehungen dar.

Mit ihrem traditionell wirkenden Stil verloren die Bünde aber allmählich an Attraktivität; insbesondere der kulturelle Umbruch von "1968" wirkte sich nachhaltig aus. Beispielhaft dafür sind die von einer Jungenschaftsgruppe initiierten "Schwabinger Krawalle" (1962), wobei sich der bundesweite "Bund deutscher Jungenschaften" als Folge der Politisierung später auflöste (1977). Seit den 1980er Jahren ist zu beobachten, dass das zunehmende pädagogische Interesse an Umwelt- und Naturbildung und an der Etablierung verbindlicher Gemeinschaften im Jugendalter als Antwort auf die von den Medien vorangetriebene Vereinzelung junger Leute immer wieder neu das Interesse an "bündischen" Gruppenbildungen belebt. Ein Zentrum dieser Bewegung, an dem viele überbündische Gruppierungen und Aktivitäten zusammen fanden und finden, darunter der 1963 gegründete "Ring junger Bünde", stellt bis heute die "Jugendburg" Ludwigstein (Hessen) dar.

Literatur

  • Rüdiger Ahrens, Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933, Göttingen 2015.
  • Eckart Conze/Susanne Rappe-Weber (Hg.), Ludwigstein. Annäherungen an die Geschichte der Burg (Jugendbewegung und Jugendkulturen 11/2015), Göttingen 2015.
  • Ulrich G. Großmann (Hg.), Aufbruch der Jugend. Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung, Nürnberg 2013.
  • Werner Kindt (Hg.), Dokumentation der Jugendbewegung. 3. Band: Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die Bündische Zeit, Düsseldorf 1974.
  • Barbara Stambolis (Hg.), Die Jugendbewegung und ihre Wirkungen. Prägungen, Vernetzungen, gesellschaftliche Einflussnahmen, Göttingen 2015.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Jugendbewegung; Bündische

Empfohlene Zitierweise

Susanne Rappe-Weber, Bündische Jugend, publiziert am 22.08.2018; in: Historisches Lexikon Bayerns URL:<https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bündische_Jugend> (15.11.2018)