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Politischer Aschermittwoch

Ankündigung der Aschermittwochskundgebung 1919, in: Vilshofener Tagblatt, 2.3.1919.
Der Aschermittwochsmarkt im Jahre 1963, in: Vilshofener Anzeiger, 20.3.1963. (Foto: Pressefoto Fuchs)
Joseph Baumgartner bei der BP-Großkundgebung, in: Vilshofener Anzeiger 19.2.1953. (Foto: Pressefoto Fuchs)
Karikatur über das Rededuell Baumgartner - Strauß, in: Münchner Merkur, 24.2.1955. (Archiv für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung)
Karikatur über die Auseinandersetzung zwischen Bayernpartei und CSU (Ernst Maria Lang), in: Süddeutsche Zeitung, 11.2.1970. (Archiv für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung)
"Wieder mal den Passauer Marsch geblasen!" Karikatur von Herbert Kolfhaus (1978). (Archiv für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung)
Die Nibelungenhalle in Passau, 1999. (Foto: Barbara Wasner)

von Barbara Wasner

Seit Jahrzehnten ist der Aschermittwoch nicht mehr nur religiös konnotiert, auch nicht - oder eben gerade nicht - in Bayern. Als politischer Aschermittwoch zieht er alljährlich die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit auf sich. Die Tradition einer politischen Kundgebung am Aschermittwoch geht auf eine Versammlung des Bayerischen Bauernbundes im Jahr 1919 zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Versammlungen geprägt von Rededuellen zwischen Spitzenpolitikern von Bayernpartei und CSU. Nach dem Abrutschen der Bayernpartei in die politische Bedeutungslosigkeit wandelte sich der politische Aschermittwoch mehr und mehr zu einem Schlagabtausch zwischen CSU und Oppositionsparteien über bayerische, bundes- und europapolitische Themen. Untrennbar verbunden ist die Veranstaltung mit der niederbayerischen Stadt Vilshofen, wo nicht nur der Bayerische Bauernbund die erste Veranstaltung dieser Art abgehalten, sondern sich auch lange Jahre die Hauptakteure Wortgefechte geliefert hatten. Seit einigen Jahren hat die in Niederbayern verwurzelte Veranstaltung auch eine bundesweite Ausstrahlung erfahren und wird nicht nur bundesweit genau beobachtet, sondern auch außerhalb Bayerns abgehalten.

Der politische Aschermittwoch

Der politische Aschermittwoch hat sich von einer lokalen politischen Veranstaltung zu einem breit gefächerten politischen "Event" entwickelt. Die Kundgebungen dienten ursprünglich vor allem dazu, die bäuerliche Bevölkerung über die "große Politik" zu informieren und sich deren Anhängerschaft (und Wählerstimmen) zu sichern; mit der Zeit hat diese Veranstaltung eine erhebliche Ausweitung erfahren, nicht nur räumlich. Lange Zeit blieb der politische Aschermittwoch auf den Veranstaltungsort Vilshofen (Lkr. Passau) beschränkt. Der "Umzug" der CSU-Kundgebung von Vilshofen nach Passau 1975 war gleichsam die Initialzündung zu Aschermittwochskundgebungen auch an anderen Orten der Bundesrepublik. Dies verwundert insofern, als die Veranstaltung als typisch bayerisch gilt und gerade die Bayernpartei (BP) in den Nachkriegsjahren dieses Forum stets zur Formulierung bayerisch-föderalistischer Forderungen nutzte.

Auch das Parteienspektrum, das sich am politischen Aschermittwoch beteiligt, hat sich im Laufe der Jahre erheblich ausgeweitet. Lange Zeit war der politische Aschermittwoch nur die Auseinandersetzung zwischen CSU und BP. Seit dem Umzug der CSU in die Passauer Nibelungenhalle 1975 veranstaltet die SPD ihre Kundgebungen auch aschermittwochs und nicht mehr am darauffolgenden Sonntag. Immer mehr Parteien nahmen in den Folgejahren den politischen Aschermittwoch als oftmals einziges Forum wahr, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dies galt nicht nur für die Christlich Bayerische Volkspartei (CBV), sondern zunehmend auch für die BP. Dieses vielbeachtete öffentliche Forum wurde auch von verschiedenen anderen Gruppen (etwa den Bauernverbänden) als Ort für Protestkundgebungen genutzt.

Durch die Mitwirkung verschiedenster Parteien und Gruppierungen hat sich auch die thematische Bandbreite des Aschermittwochs ausgeweitet. Früher standen vor allem ländlich-bäuerliche Interessen und bayerische Innenpolitik im Vordergrund. Die Ausweitung des Themenspektrums wurde vor allem von Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Vorsitzender der CSU 1961-1988, Ministerpräsident 1978-1988) angetrieben. Seine Vorliebe für den "politischen Rundumschlag" brachte auch bundes- und europapolitische Themen auf die Aschermittwochsagenda.

Ursprünge

Der politische Aschermittwoch geht auf das Jahr 1888 zurück, als der Bezirksbienenzüchterverein Vilshofen seine Generalversammlung abhielt. Es war die erste (politische) Versammlung am Rande des alljährlich stattfindenden Viehmarktes in Vilshofen. Der Viehmarkt bot sich als Forum für politische Kundgebungen und Versammlungen an, weil er neben zahlreichen Bauern auch viele normale Besucher anlockte. Noch 1900 berichtet das örtliche Amts- und Wochenblatt von einem besonders hohen Verkehrs- und Besucheraufkommen, das der Viehmarkt verursachte. Anfang des 20. Jahrhunderts begann jedoch allmählich der Niedergang des Viehmarktes, und politische Versammlungen wurden wegen fehlenden Publikums nicht mehr abgehalten.

Der erste politische Aschermittwoch 1919

Der erste wirklich politische Aschermittwoch fand am 5. März 1919 in den anhaltenden Wirren nach der Revolution von 1918/19 statt.

Der Bayerische Bauernbund (BB) lud am Mittag des Aschermittwochs zu einer Volksversammlung ein, nachdem er bereits vormittags eine Vertrauensmännerversammlung abgehalten hatte. Das Ringen zwischen dem "Zentralrat der Republik Bayern" und dem Landtag um die Macht in Bayern war auf dem Höhepunkt. Zwar war der BB im Landtag vertreten, er verfolgte aber das Ziel der Verwirklichung des Rätesystems. Als Redner wurden der Reichstagsabgeordnete Benedikt Bachmeier (BB, 1887-1970) und die Landtagsabgeordneten Joseph Matzeder (BB, BBM, 1860-1942) und Joseph Klarhauser (BB, BBM, 1882-1958) sowie der Delegierte des Arbeiter- und Bauernrates Leitner angekündigt. Tatsächlich traten bei der Kundgebung nur Leitner und Klarhauser an, da die anderen Redner durch die Ereignisse in München abgehalten wurden.

Zwischenkriegsjahre und Zweiter Weltkrieg

In den folgenden Jahren fanden am Aschermittwoch in Vilshofen keine politischen Versammlungen statt. Erst 1927 wurde wieder eine Kundgebung abgehalten, diesmal vom Christlichen Bauernverein, der das Ziel verfolgte, den radikalen BB zu verdrängen. Der BB verzeichnete v. a. in Niederbayern eine stark anwachsende Wählerunterstützung; seine radikale, (klein-)bäuerliche Interessen vertretende Programmatik fand hier großen Anklang. Bei der Landtagswahl 1919 erzielte der BB in Niederbayern ein Wahlergebnis von 30 % (vgl. Bergmann, Bauernbund, 61). Die Zielsetzung christlicher Bauernvereine bestand hingegen darin, diesen Einfluss des BB zurückzudrängen; eine Kundgebung in Vilshofen - im Kernland des BB gelegen - muss wohl als Teil dieser Verdrängungsstrategie betrachtet werden. Der Besucherandrang war auch bei dieser Veranstaltung groß. Die zentrale politische Forderung der Kundgebung war eine stärkere Berücksichtigung bäuerlicher Interessen durch die Regierung. 1928 hielt der Bauern- und Mittelstandsbund (BBM) eine "Aufklärungsversammlung" ab. In den folgenden Jahren bestritt wieder der Christliche Bauernverein den politischen Aschermittwoch. 1932 gab es erstmals mehr als eine Kundgebung am Aschermittwoch: neben dem Christlichen Bauernverein veranstaltete auch die Bayerische Volkspartei (BVP) eine Versammlung. Damit war auch die Konkurrenz um die höchsten Besucherzahlen eröffnet. Am 1. März 1933 hielt nicht nur der Bauern- und Mittelstandsbund eine Kundgebung ab, sondern auch KPD und NSDAP; letztere war im Hinblick auf die Besucherzahlen die erfolgreichste Partei. Nach der Gleichschaltung gab es in den folgenden Jahren nur noch Kundgebungen der NSDAP, die den politischen Aschermittwoch durch die Berichterstattung in der Wochenschau im ganzen Reich bekannt machte. Zwischen 1938 und 1945 fanden u. a. wegen des Zweiten Weltkriegs am Rande des Aschermittwochsmarktes keine politischen Veranstaltungen mehr statt.

Neuanfang nach dem Krieg

Bereits 1946 lud der Bayerische Bauernverband (BBV) zu einem "unpolitischen Treffen" ein, da die US-Militärregierung für politische Betätigungen noch keine Erlaubnis gegeben hatte. Trotzdem äußerte sich Aschermittwochsredner Alois Schlögl (BVP, CSU, 1893-1957, Generalsekretär des BBV, Gründungsmitglied der CSU) auch zu politischen Themen. 1947 fand keine Kundgebung statt.

Ab 1948 konnte wieder an die Großkundgebungen der Vorkriegszeit angeknüpft werden. Die BP bot bei ihrer Kundgebung Josef Baumgartner (CSU, BP, 1904-1964) als Redner auf, der kurz zuvor nicht nur aus der Staatsregierung, sondern auch aus der CSU ausgeschieden war. Seine Rede setzte den Grundstein für die Dauerfehde zwischen CSU und BP. Auch die CSU und die SPD hielten jeweils eine Bauernversammlung ab. 1949 fiel nicht nur der Aschermittwochsmarkt bescheiden aus, sondern auch die einzige Kundgebung, die von der BP veranstaltet wurde.

Plattform der Auseinandersetzung zwischen CSU und Bayernpartei

Die Aschermittwochskundgebungen in den 1950er und frühen 1960er Jahren waren v. a. von der Auseinandersetzung zwischen CSU und BP geprägt. Beide Parteien zielten auf ein christlich-konservatives Wählerpotenzial. Die BP konnte bei den ersten Bundestagswahlen immerhin 20,9 % der Stimmen erreichen. Dies ging zu Lasten der durch Flügelkämpfe geschwächten CSU. In den folgenden Jahren kristallisierte sich ein deutlicherer programmatischer Zuschnitt der beiden Parteien heraus: Die BP stand für eine rein katholische, bayernzentrierte, föderalistisch-separatistische Ausrichtung, während sich die CSU nach internen Auseinandersetzungen auf eine überkonfessionelle, auf Deutschland ausgerichtete, föderalistisch-bundesstaatliche Politik geeinigt hatte. Beide Parteien präsentierten sich mit ihrer jeweiligen Programmatik auch auf dem politischen Aschermittwoch. Lange Zeit hatte die BP v. a. auf den Aschermittwochskundgebungen mit ihrer Programmatik sehr großen Erfolg, der sich in den Besucherzahlen bemerkbar machte. Sie war lange Zeit die am besten besuchte politische Veranstaltung.

Zweikampf Strauß - Baumgartner

Erst ab 1953 konnte die CSU mit Franz Josef Strauß einen gewandten Kundgebungsredner aufbieten und dadurch Zuhörermassen mobilisieren. Dies stellte die beiden Parteien vor einen besonderen Wettkampf: Die Partei, die es schaffte, den größeren Saal für sich zu reservieren, konnte größere Zuhörerzahlen erwarten. Meist ging die BP aus diesem Wettstreit als Sieger hervor. Während sie ihre Kundgebung in einem Kinosaal abhalten konnte, musste sich die CSU mit dem Brauereilokal "Wolferstetter Keller" begnügen. Das Rededuell zwischen Baumgartner und Strauß machte über Jahre den Reiz des politischen Aschermittwochs aus. Mitglieder beider Parteien waren als "Spione" auf der jeweiligen Konkurrenzveranstaltung und brachten dem Sprecher der eigenen Partei kurze Berichte darüber, was vom anderen geäußert worden war. So konnte jeder Redner noch an Ort und Stelle auf Angriffe reagieren.

Die entscheidende Niederlage konnte die CSU der BP in der sog. Spielbankenaffäre zufügen. Die Landtagswahl 1966, als die BP den Einzug in den Landtag verfehlte, besiegelte den Sieg der CSU. Dennoch versuchte die BP schon 1967 wieder an die früheren Aschermittwochserfolge anzuknüpfen. In ihrer Einladung hieß es: "Diese Kundgebung muss zu einem Fanal für den unbändigen Lebens- und Siegeswillen der Bayernpartei und ihren Wiederaufstieg in Niederbayern werden. Kommt daher aus ganz Bayern mit Euren Fahnen und tragt dazu bei, die Veranstaltung zu einem großen Erfolg für die bayerische Sache zu machen!" Eine Rückkehr zu den früheren Erfolgen war der BP weder auf der landespolitischen Bühne noch bei den Aschermittwochskundgebungen beschieden.

Der politische Aschermittwoch als Politikevent

Die oben geschilderten Entwicklungen des politischen Aschermittwochs hin zu einem modernen Politikevent hatten ihren Ausgangspunkt mit dem Umzug der CSU in die Passauer Nibelungenhalle im Jahr 1975. Die Veranstaltungslokale in Vilshofen waren zu klein geworden für den Besucherandrang, den Franz Josef Strauß hervorrief. Man entschloss sich, mit der lokalen Tradition zu brechen und die Kundgebung in Passau abzuhalten.

Eine wichtige Funktion des politischen Aschermittwochs entwickelte sich erst im Laufe der Zeit: Er wurde zum Forum für alternative politische Gruppierungen und Themen. Die entsprechenden Aktionen finden stets dort statt, wo mit der größten medialen Aufmerksamkeit zu rechnen ist. Meist ist das die Veranstaltung der CSU in Passau. Die häufigsten Nutzer dieser großen Medienaufmerksamkeit sind Bauernverbände. Sie nutzen die Anwesenheit führender CSU-Politiker (bzw. auch von Bundespolitikern anderer Parteien), um ihren Interessen Ausdruck zu verleihen. Aber auch Gewerkschaften, Naturschutzverbände und andere Interessenvertretungen traten immer wieder als Demonstranten am Rande der Kundgebungen auf.

Kundgebungen der CSU

Die Aschermittwochskundgebungen dienten der CSU in ihren Anfangsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem der Auseinandersetzung mit der Bayernpartei. Von 1953 bis 1988 war Franz Josef Strauß der Aschermittwochsredner, der für enormen Zulauf sorgte und den Umzug in die Passauer Nibelungenhalle notwendig machte. Nach dem Tod von Strauß setzte die CSU zunächst auf eine "Doppelspitze" (bestehend aus Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden) beim Aschermittwoch. Erst als Edmund Stoiber (CSU, geb. 1941, Ministerpräsident 1993-2007, Vorsitzender der CSU 1999-2007) beide Ämter wieder in einer Person vereinen konnte, trat er als einziger Hauptredner seiner Partei an. Seit die BP in die Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist, ist die Kundgebung der CSU stets die bestbesuchte. Jedes Jahr werden Besucherzahlen von mindestens 7.000 gemeldet. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass zahlreiche Bustouren zu dieser Veranstaltung organisiert werden; eine Besuchergruppe reist seit 1975 jedes Jahr aus Peine (Niedersachsen) an. 2004 musste die CSU mit ihrer Kundgebung ein weiteres Mal umziehen, weil die Nibelungenhalle abgebrochen wurde. Seither findet die Veranstaltung in der Passauer Dreiländer-Halle statt.

Kundgebungen der SPD

Die Aschermittwochskundgebungen der SPD werden seit 1975 im Vilshofener "Wolferstetter Keller" veranstaltet. 1948 hatte die SPD wie die anderen Parteien am Aschermittwoch eine Kundgebung abgehalten. Dann aber ging sie dazu über, die Kundgebung an dem auf den Aschermittwoch folgenden Sonntag, also dem ersten Sonntag der Fastenzeit, abzuhalten. Als der "Wolferstetter Keller" durch den Umzug der CSU frei geworden war, übernahm die SPD nicht nur den Veranstaltungsort, sondern auch den Termin. Die SPD versteht sich seither als Wahrerin der ursprünglichen Aschermittwochstradition.

Für die SPD hat die Aschermittwochskundgebung eine wichtige innerparteiliche Funktion. Seit Jahrzehnten befindet sie sich in Bayern in der Minderheitssituation und kann auf dieser Kundgebung ihr eigenes politisches Profil zeigen. Aus diesem Grund waren lange Zeit die jeweiligen Landesvorsitzenden (oder Vorsitzenden der Landtagsfraktion) der SPD die Hauptredner. Ab 1994 begann man, den jeweiligen SPD-Bundesvorsitzenden als Kundgebungsredner nach Vilshofen zu holen. Ein besonderes Kunststück gelang der SPD am Aschermittwoch des Jahres 1999: Bei der Aschermittwochskundgebung im Vorjahr hatte die SPD versprochen, im nächsten Jahr den Bundeskanzler nach Vilshofen einzuladen (unter der Voraussetzung, dass die SPD bei der Bundestagswahl 1998 entsprechenden Erfolg hatte). Dieses Versprechen stellte die SPD vor besondere Herausforderungen: Der bisherige Veranstaltungsort bot nicht genügend Platz für die von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, geb. 1944, Bundeskanzler 1998-2005) angezogenen Besuchermassen. Aus Mangel eines größeren Saales in Vilshofen wurde kurzerhand ein (fast) fertiggestellter Supermarktneubau zur Veranstaltungshalle umfunktioniert.

Dass die Bundesvorsitzenden der SPD "Preußen" sind, wurde in Kauf genommen bzw. mit einigem argumentativen Aufwand eine bayerische Identität konstruiert - so geschehen etwa bei Kurt Beck (SPD, geb. 1949, Bundesvorsitzender der SPD 2006-2008), der aus der früher bayerischen Rheinpfalz stammt.

Kundgebungen der Bayernpartei

Die Kundgebungen der BP erfreuten sich in den Nachkriegsjahren zunächst größter Beliebtheit. Dies war v. a. auf den Redner Josef Baumgartner zurückzuführen, der nicht nur eine charismatische Persönlichkeit war, sondern auch über ein gewaltiges Redetalent verfügte. Seine Auftritte (und dadurch, dass sie den größeren Saal anmieten konnte) sorgten bei der BP für alljährlich neue Besucherrekorde. Baumgartners letzter Auftritt beim politischen Aschermittwoch war 1958, bevor er über die Spielbankenaffäre stürzte.

Die Kundgebungen seit den 1960er Jahren fanden bzw. finden nur noch im kleinen Rahmen statt. Man konkurriert nicht mehr mit den anderen Parteien, deren Kundgebungen vormittags stattfinden, sondern hält die Veranstaltung abends ab. Die Zahl der Besucher wird seither stets mit "etwa hundert" angegeben.

Kundgebungen anderer Parteien

Die Beteiligung am politischen Aschermittwoch ist auch nach 1945 zum parteiübergreifenden Phänomen geworden. 1977 begann die FDP, sich am politischen Aschermittwoch in Vilshofen zu beteiligen. Einige Jahre wurde parallel zur Vilshofener Kundgebung auch eine in Bayerbach bei Ergoldsbach (Lkr. Landshut) veranstaltet. Während dabei der Akzent der Vilshofener Veranstaltung eher auf landespolitischen Themen lag, stand in Bayerbach die Bundespolitik im Fokus. Diese Teilung bewährte sich jedoch auf Dauer nicht, und seit 1999 veranstaltet auch die FDP nur noch eine Kundgebung in Passau. Redner war stets der jeweilige Parteivorsitzende.

Die Grünen waren in ihren Anfangsjahren auf dem politischen Aschermittwoch v. a. darauf bedacht, sich von den Veranstaltungen der anderen Parteien, insbesondere der CSU, abzuheben. Statt einer Kundgebung wurde daher häufig nur eine Pressekonferenz abgehalten. Im Laufe der Zeit veränderte sich dieses Vorgehen jedoch, und es zeichnete sich auch bei den Grünen eine stärkere Personenbezogenheit am Aschermittwoch ab. Der jeweilige Bundesvorstand bzw. grüne Bundesminister waren häufige Kundgebungsredner. Um sich dennoch von den Kundgebungen der anderen Parteien abzuheben, wurden immer wieder neue Organisationsformen und Veranstaltungsorte gefunden.

Die Strategie der Linken bzw. PDS bestand ebenfalls darin, stets neue Veranstaltungsorte zu wählen, um schließlich doch zu einer gewissen Kontinuität zu finden: Als Veranstaltungsort wählten sie den Gasthof Knott in Tiefenbach bei Passau.

Besonders auffällig waren lange Zeit die Veranstaltungen der ödp. Sie machte sich den politischen Aschermittwoch als alternatives Politikforum zunutze und veranstaltete häufig neben ihrer eigenen Kundgebung ein "Kundgebungs-Happening" (z. B. als genmanipulierte Tomaten verkleidet) am Rande der CSU-Kundgebung.

Auch rechte Parteien nutzten immer wieder die hohe öffentliche Aufmerksamkeit, die der politische Aschermittwoch bietet. Die NPD veranstaltete kontinuierlich von 1979 bis 1990 Kundgebungen in Vilshofen. Hauptredner war stets der NPD-Landesvorsitzende Walter Bachmann (1923-2002). Die Kundgebungen der Republikaner fanden in Cham, Geisenhausen (Lkr. Landshut) und Osterhofen (Lkr. Deggendorf) statt. Gerade in den 1990er Jahren konnten die Republikaner regen Zulauf verzeichnen. Rund 6.000 Besucher kamen regelmäßig zu ihren Kundgebungen (diese Zahlen sind relativ verlässlich, weil die Republikaner zu ihren Kundgebungen Eintrittsgebühren verlangten und regelmäßig unter der Beobachtung von Polizei und Verfassungsschutz standen).

Erfolgsgeheimnis des politischen Aschermittwochs

Die Kundgebungsform des politischen Aschermittwochs zeigte sich im Laufe der Zeit mit verschiedenen Regierungssystemen, politischen Kulturen und Parteikonstellationen kompatibel. Im Kleinformat lässt sich an ihm politische Modernisierung ablesen: War sein Anfang noch durch Lagerkämpfe und eine enge Beschränkung auf bäuerliche Interessenlagen bestimmt, ergab sich im Laufe der Zeit eine zunehmende Ausweitung des politischen Spektrums. Auch andere Tendenzen, wie eine verstärkte Personalisierung von Politik oder die zentrale Bedeutung von medialer Inszenierung von Politik, können am Beispiel politischer Aschermittwoch deutlich nachvollzogen werden.

Literatur

  • Hannsjörg Bergmann, Der Bauernbund und der Bayerische Christliche Bauernverein 1919-1928, München 1986.
  • Anton Hochberger, Der Bayerische Bauernbund 1893-1914, München 1991.
  • Klaus Rose, 90 Jahre Faszination Politischer Aschermittwoch. 1919 veranstaltete der Bayerische Bauernbund eine Großkundgebung in Vilshofen, in: Vilshofener Jahrbuch 17 (2009), 65-90.
  • Barbara Wasner, Das Politische im Zeitalter der technischen Bilder: Die Inszenierung des Politischen Aschermittwochs, in: Rainer Born/Otto Neumaier (Hg.), Philosophie - Wissenschaft - Wirtschaft (Akten des VI. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie), Wien 2001, 741-746.
  • Barbara Wasner, Der Politische Aschermittwoch seit 1919, Passau 1999.
  • Konstanze Wolf, CSU und Bayernpartei. Ein besonderes Konkurrenzverhältnis 1948-1960, Köln 1982.

Quellen

  • Amts- und Wochenblatt für das Königliche Bezirksamt Vilshofen, 29. Dezember 1880.
  • Donau-Zeitung, 17. Februar 1953 und 4. März 1954.
  • Passauer Neue Presse, 13. Februar 1948, 13. Februar 1948, 4. März 1954, 21. Februar 1955, 16. Februar 1956, 7. März 1957, 20. Februar 1958, 12. Februar 1959.
  • Passauer Neue Presse, 3. März 1960, 16. Februar 1961, 8. März 1962, 2. Februar 1963, 13. Februar 1964, 4. März 1965, 24. Februar 1966, 9. Februar 1967, 29. Februar 1968, 20. Februar 1969.
  • Passauer Neue Presse, 12. Februar 1970, 25. Februar 1971, 17. Februar 1972, 8. März 1973, 28. Februar 1974, 13. Februar 1975, 4. März 1976, 24. Februar 1977, 9. Februar 1978, 1. März 1979.
  • Passauer Neue Presse, 21. Februar 1980, 5. März 1981, 25. Februar 1982, 17. Februar 1983, 8. März 1984, 21. Februar 1985, 3. Februar 1986, 5. März 1987, 18. Februar 1988, 9. Februar 1989.
  • Passauer Neue Presse, 1. März 1990, 14. Februar 1991, 5. März 1992, 25. Februar 1993, 17. Februar 1994, 2. März 1995, 22. Februar 1996, 13. Februar 1997, 26. Februar 1998, 18. Februar 1999.
  • Passauer Neue Presse, 9. März 2000, 1. März 2001, 14. Februar 2002, 6. März 2003, 26. Februar 2004, 1. Februar 2005, 2. März 2006, 22. Februar 2007, 7. Februar 2008, 26. Februar 2009, 18. Februar 2010.
  • Süddeutsche Zeitung, 21. Februar 1980, 5. März 1981, 25. Februar 1982, 17. Februar 1983, 8. März 1984, 21. Februar 1985, 3. Februar 1986, 5. März 1987, 18. Februar 1988, 9. Februar 1989.
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Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Barbara Wasner, Politischer Aschermittwoch, publiziert am 20.03.2013; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Politischer Aschermittwoch> (13.12.2018)