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Kaufbeuren, Reichsstadt

König Konrad IV. bezeichnet Kaufbeuren als "vnser stat zu Buoeron". Erste deutschsprachige Königsurkunde (25. Juli 1240). (Staatsarchiv Augsburg )
Siegel der Stadt Kaufbeuren von 1329. (Stadtarchiv Kaufbeuren)
Spielstein vom Spielbrett des Hans Kels für König Ferdinand I. (reg. 1531-1564) mit der ältesten erhaltenen Stadtansicht. (KK 3427, Kunsthistorisches Museum, Wien)
Kaufbeuren um 1580. Dieses 1931 erstellte Stadtmodell basiert auf der ältesten Stadtansicht Kaufbeurens von Caspar Sichelbein (gest. 1605). (Foto: Mathias Wild)
Stadtansicht nach Ernst Tobias Hörmann (1683-1761) um 1699. (Stadtarchiv Kaufbeuren)
Markt (Kaiser-Max-Straße) mit Blick auf das 1879/81 durch einen Neubau ersetzte reichsstädtische Rathaus. Ansicht von Georg Alois Gaibler (1751-1813), 1780. (Stadtarchiv Kaufbeuren)
Kunz von der Rosen, Ratgeber Kaiser Maximilians I. (Stadtarchiv Kaufbeuren)
Jörg-Lederer-Altar in der St. Blasiuskirche von 1517/18. (Stadtarchiv Kaufbeuren)
Das reichsstädtische Spital vor 1825. (Stadtarchiv Kaufbeuren)
Stadtmauer mit St. Blasiuskirche. Fotografie vor 1914. (aus: Hans Karlinger, Alt-Bayern und Bayrisch-Schwaben, Dachau 1914, S. 62)

von Stefan Dieter

Auf der Grundlage frühmittelalterlichen Königsgutes erwachsene Stadt, die vom Textilgewerbe geprägt war. Seit dem 12./13. Jahrhundert unterstand die Stadt direkt dem Reich. Sie konnte ihre Privilegien bis ins 16. Jahrhundert kontinuierlich erweitern. Das ursprünglich größere Landterritorium schmälerten die Nachbarn der Reichsstadt, bis es im 17. Jahrhundert weitgehend seine endgültige Form erreicht hatte. Im Reformationszeitalter wurde die Stadt mehrheitlich evangelisch, führte aber in ihrem Landgebiet die reformatorische Lehre nicht ein. Der Westfälische Frieden (1648) legte für Kaufbeuren die Bikonfessionalität fest, so dass zahlreiche Konflikte entstanden, die erst mit dem Übergang an Bayern (1802/03) endeten.

Aufstieg zur Reichsstadt

Seine Gründung verdankt Kaufbeuren seiner Brückenfunktion über die Wertach sowie seiner Lage am Schnittpunkt der beiden Altstraßen von Augsburg zum Fernpass und von Memmingen zum Lechrain. Vermutlich wurde der Ort, der sich bald zu einer Marktsiedlung entwickelte, im 8. Jahrhundert als fränkischer Reichshof zur Sicherung dieses Verkehrsknotenpunktes sowie zur Steuerung der Kolonisationstätigkeit des Raumes bis zum Lech angelegt. Die erste Erwähnung des Ortsnamens fällt in das Jahr 1116 im Zusammenhang mit einer Nennung der Herren von Beuren, denen die Ansiedlung bis zu deren Aussterben im Jahr 1167 gehörte. Ansprüche des Klosters Ottobeuren scheiterten am erfolgreichen Einspruch Welfs VI. (1115/6-1191), an den der Ort nun fiel; nach dessen Tod 1191 gelangte er an die Staufer. Diese legten neben der bestehenden präurbanen Siedlung planmäßig eine Stadt mit den zwei gleich laufenden Straßenzügen des Marktes (heute: Kaiser-Max-Straße) und der Hinteren Gasse (heute: Ludwigstraße) an. Am 25. Juli 1240 bezeichnete König Konrad IV. (reg. 1250-1254) Kaufbeuren in der ersten deutschsprachigen Königsurkunde als "vnser stat zu Buoeron". Die letzte mittelalterliche Stadterweiterung fand im 14. Jahrhundert im Nordosten statt.

Nachdem die Staufer 1268 ausgestorben waren, gelangte Kaufbeuren ans Reich. Im Jahr 1286 bestätigte Rudolf von Habsburg (reg. 1273-1291) der Stadt mit dem sog. Rudolfinischen Privileg den bis dahin erreichten Grad an Selbstständigkeit und verbriefte dort übliche, der Entwicklung der Stadt dienliche Rechte und Ausnahmeregelungen. Diese waren wohl schon bisher in Geltung, wie beispielsweise das Marktrecht und Regelungen zur Belangung von Bürgern durch auswärtige Gerichte. Ludwig IV. der Bayer (reg. 1314-1347) erlaubte der Stadt 1330 den Gebrauch der Freiheiten von Memmingen. Im Laufe der Zeit gelang es dem Rat, weitere für den Status einer Reichsstadt wichtige Privilegien zu erlangen, u. a. Exemtionsprivilegien, die Verleihung des Blutbanns im Jahre 1418, Garantien, nicht verpfändet zu werden, die 1373 und 1516 erteilten Privilegien, Zoll und Ungeld erheben zu dürfen, das Judenprivileg von 1530 und das im gleichen Jahr verliehene Münzrecht.

Entstehung des Namens und reichsstädtisches Wappen

Ab dem beginnenden 14. Jahrhundert wurde es aufgrund der ökonomischen Bedeutung der Stadt üblich, dem bisher gebräuchlichen Ortsnamen "Beuren" ("zu den Häusern") die Silbe "Kauf-" voranzustellen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts setzte sich schließlich die Namensform "Kaufbeuren" ("Häuser, bei denen Handel getrieben wird") durch.

Das älteste Wappen der Stadt, ein von zwei sechszackigen Sternen begleiteter Schrägbalken, erscheint erstmals 1295 mit der Umschrift "SIGILLVM CIVITATIS BVRON" an einer Urkunde des Stifts St. Moritz in Augsburg. Diese Wappensymbole begegnen bereits um 1225 und 1287 als Siegel des Stadtammans. Ob bereits die 1167 ausgestorbenen Herren von Beuren diese Symbole geführt haben, kann nicht belegt werden. Die Farben rot für das Feld sowie gold/gelb für die Sterne und den Schrägbalken sind seit dem 15. Jahrhundert belegt. 1449 erscheint das Wappen in seiner noch heute gebräuchlichen Form mit dem halben Reichsadler auf der heraldisch rechten und dem von zwei Sternen beseiteten Schrägbalken auf der heraldisch linken Seite. Nach der Mediatisierung verschwand das Adlerwappen, da Symbole, die an die ehemalige Reichszugehörigkeit verwiesen, zunächst nicht erwünscht und seit 1818 verboten waren. 1892 tauchte es wieder im Stadtsiegel auf, bis der Stadt schließlich am 23. Juni 1926 vom Bayerischen Staatsministerium des Inneren das Wappen in seiner Form von 1449 verliehen wurde.

Das Territorium

Der Grundbestand des Kaufbeurer Territoriums ging aus dem Amtsbezirk des staufischen Reichsammanns (erstmals 1224 als "officiatus de Burun" genannt) hervor. In nachstaufischer Zeit schmolz dieser durch das Vordringen stärkerer Nachbarn, insbesondere des Hochstifts Augsburg, des Fürststifts Kempten und der Herrschaft Kemnat, zusammen. Nachdem der Rat jedoch seit dem Ende des 14. Jahrhunderts die Verfügungsgewalt über das um 1249 gegründete Spital erlangt hatte und damit die Verwaltung der spitalischen Liegenschaften beaufsichtigte, besaß die Stadt Zugriff auf dessen umfangreichen grundherrschaftlichen Besitz. Darüber hinaus konnte sie von einigen Adeligen, deren Wirtschaftskraft im späten Mittelalter nachließ, im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts Güter und Rechte erwerben. Die mehrheitlich evangelische Reichsstadt verzichtete in der Frühen Neuzeit aus Rücksicht auf die mächtigeren katholischen Nachbarn (Herzogtum Bayern, Hochstift Augsburg, Fürststift Kempten) darauf, in ihren Dörfern die Reformation einzuführen.

Abgesehen von der Veräußerung sämtlicher Rechte des Spitals in Weicht (Gde. Jengen, Lkr. Ostallgäu) im Jahre 1704 erfuhr das Territorium der Reichsstadt Kaufbeuren im 17. und 18. Jahrhundert keine größeren Veränderungen mehr. Zuletzt übte die Reichsstadt in folgenden Ortschaften die niedere und die hohe Gerichtsbarkeit aus:

In Gutenberg (Gde. Oberostendorf, Lkr. Ostallgäu), wo sich Kaufbeuren die Hochgerichtsbarkeit mit dem Hochstift Augsburg teilte, übte die Stadt zudem über das Kaufbeurer Patriziergeschlecht der Hörmann von und zu Gutenberg politischen Einfluss hinsichtlich der Gestaltung der jurisdiktionellen Verhältnisse aus.

Verfassung und Verwaltung

Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts waren in den Reichsstädten lediglich die vornehmen Geschlechter bestimmend für die städtische Politik. Danach gelang es der in den Zünften organisierten nichtpatrizischen Bürgerschaft, Anteil an der städtischen Verwaltung zu erzwingen. In Kaufbeuren kann die Entwicklung mangels Quellen nicht im einzelnen nachvollzogen werden, doch setzte sich schließlich die Zunftverfassung durch.

Zunächst stand in Kaufbeuren der Ammann als Vertreter des Königs an der Spitze des Rats, welcher seit 1315 als vom Reich anerkanntes Organ der Stadtverfassung urkundlich bezeugt ist. Allerdings wurde der Ammann bald schon durch einen Bürgermeister verdrängt, dessen erstes gesichertes Auftreten in das Jahr 1355 fällt. Neben Bürgermeister und Rat nahmen seit dieser Zeit auch die Zunftmeister (erstmals urkundlich 1392 erwähnt) an der politischen Verwaltung der Gemeinde teil. Die Wirksamkeit des Ammanns dagegen wurde v. a. auf richterliche Aufgaben beschränkt. Seit dem Jahr 1424 schließlich wurde das Amt alljährlich im Zuge der Ratswahl neu besetzt.

Zur Zeit der Zunftverfassung stellte sich das Kaufbeurer Stadtregiment folgendermaßen dar: Der Bürgermeister stand dem Rat vor, der sich daneben aus dem Ammann mit richterlichen Funktionen, den sieben Zunftmeistern sowie sechs Ratsmitgliedern, die diejenigen Zünfte vertraten, die nicht den Bürgermeister stellten, zusammensetzte. Dieser 15-köpfige Rat wurde alljährlich am 1. Mai von den Zünften gewählt. Bei wichtigen Angelegenheiten wurde der "Große Rat" einberufen. Er bestand aus dem eigentlichen Rat (der auch "Kleiner Rat" genannt wurde) und der "Gemeinde", die sich aus den elfköpfigen Leitungsgremien jeder der sieben Zünfte zusammensetzte. Das oberste Rechtsprechungsorgan innerhalb der Stadt war das 15-köpfige Stadtgericht, das sich unter dem Vorsitz des Ammanns aus jeweils zwei Vertretern der sieben Zünfte zusammensetzte, und dem die Ausübung der niederen und, seit 1418, der hohen Gerichtsbarkeit zukam.

Nachdem Kaiser Karl V. (reg. 1519-1556) im Jahr 1551 in den Reichsstädten eine Verfassungsänderung durchgesetzt hatte, um die reformationsfreundlichen Zünfte ihrer politischen Mitbestimmungsrechte zu berauben, bildeten fortan drei Bürgermeister zusammen mit zwei Mitgliedern des "Kleinen Rats" die eigentliche Regierung, den "Geheimen Rat". Dieser leitete die Geschäfte und erließ Verordnungen in enger Zusammenarbeit mit dem aus sieben Mitgliedern bestehenden Kleinen Rat; nur gelegentlich berief man den aus 14 Mitgliedern bestehenden Großen Rat ein, der auch "Gemeinde" genannt wurde. Das mit zwölf Richtern besetzte Stadtgericht leitete der Ammann. Es blieb dem Kleinen Rat als Berufungsinstanz untergeordnet. Der Geheime und der Große Rat wurden auf Lebenszeit besetzt. Nur den Kleinen Rat bestätigte man durch jährliche Wahlen, denen aufgrund der starken Verlagerung wichtiger Machtfunktionen auf den Kleinen Rat große Bedeutung zukam. Jedoch waren die Stimmen so verteilt, dass die Mitglieder des Geheimen Rats den Ausschlag gaben. De facto setzten sich damit die drei Ratsgremien aus Mitgliedern der wirtschaftlich einflussreichen Familien zusammen, die aufgrund der komplizierten Wahlbestimmungen die zu besetzenden Stellen aus ihren eigenen Reihen zu füllen vermochten – das Staatswesen war zu einer Oligarchie umstrukturiert.

Im Westfälischen Frieden (1648) wurde für Kaufbeuren keine Parität eingeführt, sondern das "Normaljahr" 1624 festgelegt, das bei Festschreibung der Bikonfessionalität die Protestanten bevorzugte. Daraus entsprangen bis zur Mediatisierung unzählige Verfassungskonflikte, die das Gemeinwesen schwer belasteten.

Wirtschaftliche und soziale Entwicklung

Nach der Einführung der Zunftverfassung um die Mitte des 14. Jahrhunderts schloss sich das bisherige Patriziat in der "Herrenzunft" zusammen, um seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss weiterhin geltend machen zu können. Daneben gab es in der Stadt sechs weitere Zünfte: die der Bäcker, Krämer, Metzger, Schmiede, Schuster und Weber. Aufgrund der starken Bevölkerungsverluste im Dreißigjährigen Krieg war die Herrenzunft nach 1630 gezwungen, sich mit der Krämerzunft zu vereinigen.

Die wichtigste Zunft der Stadt war die der Weber, lag Kaufbeuren doch in einem der Zentren der Textilherstellung im Reich. Neben der Leinenweberei (vermutlich seit 1180/90) war v. a. die Barchentproduktion von großer Bedeutung. Spätestens seit dem 14. Jahrhundert genoss die Textilherstellung Kaufbeurens überregional einen hervorragenden Ruf. 1479/83 gehörten der Weberzunft als der größten Handwerkervereinigung 25,4 % der Zunftbürger an, 1798 waren es 47,8 %. Daneben war für die Stadt das eisen- und metallverarbeitende Gewerbe von großer Bedeutung. Im ausgehenden Mittelalter fanden 16,6 % der Zunftbürger darin ihr Auskommen. Damit nahm Kaufbeuren eine Führungsposition im Vergleich zu den benachbarten Reichsstädten ein. Der Wandel der Waffentechnik brachte für die Schmiede jedoch das Ende ihrer Stellung im Wirtschaftsgefüge der Stadt: 1798 gehörten nur noch 6,7 % der Bürger ihrer Zunft an.

Für die Verbreitung der Textil- und Metallerzeugnisse sorgte der Fernhandel der Kaufleute, die der Krämerzunft angehörten. Bereits 1237 ist der Kaufbeurer Händler Albert Schleher in Bozen bezeugt. Voraussetzung dafür war die günstige Verkehrsanbindung der Stadt insbesondere in Nord-Süd-Richtung. Die Bedeutung der Groß- und Fernhandelstätigkeit der Kaufbeurer Kaufleute darf allerdings im Vergleich zu der der Nachbarstädte nicht zu hoch angesetzt werden, da der Stadt beispielsweise eine größere Handelsgesellschaft fehlte.

Die Handelsgeschäfte mit der näheren Umgebung wurden hauptsächlich auf den Wochen- und Jahrmärkten abgewickelt. Spätestens seit dem Jahr 1286 besaß Kaufbeuren das Recht, jeden Donnerstag einen Wochenmarkt abzuhalten. Dabei wurde besonders mit Getreide gehandelt, worauf die weite Verbreitung des Kaufbeurer Maßes schließen lässt. Jahrmärkte fanden zunächst am Montag nach St. Gallus, seit 1467 vor Pfingsten und um St. Leonhard statt.

Kaufbeuren zählte am Ende des 15. Jahrhunderts mit rund 2.500 Einwohnern zu den kleineren Mittelstädten des Reichs. Bis 1624 stieg die Bevölkerungszahl auf ca. 3.300 Einwohner an, sank infolge des Dreißigjährigen Kriegs auf ca. 800 im Jahr 1646 und erreichte am Vorabend der Mediatisierung rund 4.200. Bis zu den Pogromen von 1348/49 existierte eine kleine Judengemeinde; danach kam es bis zum 19. Jahrhundert zu keiner dauerhaften Ansiedlung von Juden mehr.

Politische Geschichte

Das Bemühen der Reichsstädte, ihre Rechte und Freiheiten zu sichern, führte bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zu einer relativ eigenständigen Bündnispolitik. So nahm Kaufbeuren am 1376 gegründeten Schwäbischen Städtebund ebenso teil wie am 1488 gegründeten Schwäbischen Bund. Dadurch gelang es der Stadt, schwere Belagerungen (1377 und 1388) sowie die Expansionsbestrebungen v. a. der benachbarten Wittelsbacher abzuwehren. Am Schmalkaldischen Bund (1531-1546) und an der protestantischen Union (1608-1621) nahm die Stadt nicht teil. Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde sie durch den Dreißigjährigen Krieg: Allein 1633/34 wechselte Kaufbeuren achtmal die Besatzung, 1646 zählte die Stadt nur noch 24 % der Bevölkerung von 1624. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts konnte auch Kaufbeuren nicht mehr an seine vorige Bedeutung anknüpfen und erschöpfte seine Kräfte in der Abwehr rechtlicher Übergriffe durch stärkere Nachbarn sowie in Verfassungs- und Konfessionskonflikten, die sich aus der Bikonfessionalität ergaben. Im Zuge der Mediatisierung 1802/03 gelangte die Stadt schließlich an das Kurfürstentum Bayern.

Die Beziehungen Kaufbeurens zu den jeweiligen Königen und Kaisern waren von unterschiedlicher Intensität. Besonders eng war das Verhältnis der Stadt zu Kaiser Maximilian I. (reg. 1493-1519), der zwischen 1494 und 1518 die Stadt häufig besuchte. Dazu mag auch beigetragen haben, dass sich im engeren Umkreis des Kaisers mit Kunz von der Rosen (gest. 1519) ein gebürtiger Kaufbeurer als Ratgeber und Vertrauter aufhielt.

Kirchliches und kulturelles Leben

Der zwischen 1438 und 1444 errichtete Bau der Pfarrkirche St. Martin steht auf dem Boden des ältesten Siedlungskerns der Stadt. Von diesem heute noch stehenden Bauwerk sind drei Vorgängerbauten bekannt, die mindestens ins ausgehende 10., frühe 11. Jahrhundert zurückreichen. Das Patronatsrecht über die Kirche lag zunächst in den Händen des Reiches, gelangte 1350 schenkungsweise an den Bischof von Augsburg und 1359 durch Inkorporation an die zweite Vikarie der St. Agnes-Kapelle im Dom zu Augsburg, deren Inhaber dem Augsburger Domkapitel unterstand. Im Zuge der Reformation verkaufte das Domkapitel seine Rechte an der St. Martins-Kirche 1545 an den Rat der Stadt Kaufbeuren.

Der Sozialfürsorge im Geist der christlichen Caritas war das Heilig-Geist-Spital verpflichtet, dessen Gründung um 1249 erfolgte. Seine Leitung ging nach Erlöschen des dort tätigen Konvents Ende des 14. Jahrhunderts endgültig in die Hände des Rats über, nachdem er bereits seit 1306 Pfleger bestellt hatte, die an der spitalischen Güterverwaltung beteiligt waren.

Von mehreren klösterlichen Gemeinschaften im hochmittelalterlichen Kaufbeuren existierte seit dem späten Mittelalter nur noch das Franziskanerinnenkloster im Maierhof, das auf eine Beginengemeinschaft zurückgeht, die sich um 1315 dem Dritten Orden des Hl. Franziskus anschloss; in dem Kloster wirkte im 18. Jahrhundert die 2001 heiliggesprochene Crescentia Höß (1682-1744). Daneben bereicherten mehrere Kapellen das religiöse Leben der Stadt. Von kunsthistorischer Bedeutung ist dabei die St. Blasius-Kirche mit bis heute erhaltener, rein spätgotischer Innenausstattung, die Zeugnis von der kulturellen Blüte Kaufbeurens in jener Zeit ablegt: Von der günstigen wirtschaftlichen Situation getragen, konnte sich ein reges künstlerisches Schaffen entfalten, dem v. a. die Bildhauer Jörg Lederer (um 1470 -um 1548), Hans Kels d. Ä. (1480/85 - um 1559) und Christoph Ler (gest. vor 1547), die Maler Jörg Mack (erw. 1506), Hans Has (erw. 1517-1548) und Daniel Rembold (gest. 1591) sowie der Erfinder der Radierkunst Daniel Hopfer (um 1470-1536) Ausdruck verliehen.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den kirchlichen Missständen mündete 1525 in ein Religionsgespräch, das die reformorientierte Partei für sich entscheiden konnte. Im Zuge der Niederschlagung der Bauernunruhen wurden ihre Anhänger jedoch in den Untergrund gedrängt, wo v. a. Täufer und Anhänger der Lehre Kaspar Schwenckfelds (1490-1561) wirkten. Letztere konnten 1543 sogar das Bürgermeisteramt besetzen. Auf Druck der benachbarten evangelischen Reichsstädte nahm Kaufbeuren 1545 die Confessio Augustana an. Doch verblieb in der Stadt eine einflussreiche katholische Minderheit (1623/25: 85 % evang., 15 % kath. Bürger; 1793: 58 % evang., 42 % kath. Bürger). Beide Konfessionsparteien vermochten es in der Folgezeit nicht, einen Modus Vivendi für den Bereich ihrer Stadt zu finden; vielmehr schalteten sie zur Durchsetzung der eigenen Ansprüche fortwährend andere Reichsstände ein. Dies führte schließlich dazu, dass 1604 eine kaiserliche Kommission nach heftigen Protesten des evangelischen Bevölkerungsteils den Gregorianischen Kalender oktroyierte und den Katholiken die Alleinnutzung der St. Martins-Kirche zusprach. Daraufhin errichteten die Protestanten im ehemaligen Kaiserhaus ihre Dreifaltigkeitskirche. Während des Dreißigjährigen Krieges diente Kaufbeuren als Versuchsobjekt für das 1629 in Kraft gesetzte Restitutionsedikt, was zum einen die Ausweisung des evangelischen Bevölkerungsteils zur Folge hatte, zum anderen zur Ansiedlung der Jesuiten führte. Im Laufe des Krieges konnten zwar die vertriebenen Protestanten zurückkehren, es gelang jedoch nicht, die Ansiedlung der Jesuiten rückgängig zu machen. Nach 1648 führten die weiterschwelenden konfessionellen Konflikte zu einer strikten Trennung des evangelischen und katholischen Lebens bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Bereits für das ausgehende 12. Jahrhundert ist eine höhere Schule unter der Leitung eines Weltpriesters bezeugt. Seit Anfang des 14. Jahrhunderts existierte eine Lateinschule; eine deutsche Schule ist quellenmäßig erst 1499 belegt, bestand mit Sicherheit jedoch schon länger. Die heftig geführten konfessionellen Auseinandersetzungen führten schließlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts zur Errichtung getrennter Schulen.

Quellensituation und Forschungsstand

Der Quellenbestand zur reichsstädtischen Geschichte Kaufbeurens im Stadtarchiv Kaufbeuren und im Staatsarchiv Augsburg ist, bedingt durch die Verluste in den Jahren nach der Mediatisierung, vergleichsweise schmal: Die Ratsprotokolle liegen erst seit 1543 vor; die Serie der Kanzleiprotokolle beginnt im Jahr 1528. Das älteste erhaltene Steuerbuch datiert von 1479/83 und ist lediglich als Abschrift aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Aufgrund der engen Verquickung der protestantischen Gemeinde mit der politischen Führungsschicht der Reichsstadt befinden sich im Evangelischen Kirchenarchiv weitere Quellen zur politischen Geschichte Kaufbeurens bis zur Mediatisierung sowie das Original der vom reichsstädtischen Kanzleidirektor Wolfgang Ludwig Hörmann von und zu Gutenberg im 18. Jahrhundert verfassten dreibändigen "Sammlung derer fürnehmsten Merckwürdigkeiten und Geschichten der H.R. Reichs freyen Statt Kauffbeuren". Dem Verfasser dieser chronikalischen Darstellung der Stadtgeschichte, der nach vergleichsweise modernen wissenschaftlichen Methoden arbeitete, stand das reichsstädtische Archiv noch ohne die späteren Verluste zur Verfügung, sodass viele Quellen nur durch die Zitation Hörmanns auf die Nachwelt gekommen sind.

Wichtige Forschungsergebnisse werden seit 1952 in den "Kaufbeurer Geschichtsblättern" (hg. vom Heimatverein Kaufbeuren) sowie seit 1999 in der "Kaufbeurer Schriftenreihe" (hg. von Stadtarchiv und Heimatverein Kaufbeuren) publiziert. Den aktuellen Forschungsstand spiegelt die zwischen 1999 und 2006 erschienene dreibändige Stadtgeschichte wider.

Literatur

  • Karl Alt, Reformation und Gegenreformation in der freien Reichsstadt Kaufbeuren (Einzelarbeiten aus der Kirchengeschichte Bayerns 15), München 1932.
  • Richard Dertsch, Stadt- und Landkreis Kaufbeuren (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Schwaben 3), München 1960.
  • Stefan Dieter, Die Reichsstadt Kaufbeuren in der Frühen Neuzeit. Studien zur Wirtschafts-, Sozial-, Kirchen- und Bevölkerungsgeschichte (Kaufbeurer Schriftenreihe 2), Thalhofen 2000.
  • Stefan Fischer/Stefan Dieter, "... geben zuo iren ewgenn Selenheil ...". 750 Jahre Hospitalstiftung zum Heiligen Geist in Kaufbeuren 1249-1999, Kaufbeuren 1999.
  • Fritz Junginger, Geschichte der Reichsstadt Kaufbeuren im 17. und 18. Jahrhundert, Neustadt an der Aisch 1965.
  • Jürgen Kraus u. a. (Hg.), Die Stadt Kaufbeuren. 3 Bände, Thalhofen 1999-2006. (Ausführliche Bibliographie zur Kaufbeurer Stadtgeschichte in Band 1, 266-288 und Band 3, 324-332.)
  • Helmut Lausser, Das Rudolfinische Privileg und seine Bedeutung für den Rechtsstatus der Stadt Kaufbeuren, in: Kaufbeurer Geschichtsblätter 10 (1984/86), 357-367, 406-413 und 457-467.
  • Marcus Simm, Das Rätsel von St. Martin. Archäologische Argumente, Indizien und Hypothesen zur Frühgeschichte der Stadt Kaufbeuren, in: Marcus Simm (Hg.), Das Rätsel von St. Martin (Kaufbeurer Schriftenreihe 4), Thalhofen 2002, 6-49.
  • Robert Zech, Das Stadtrecht von Kaufbeuren, Kempten 1951.
  • Eduard Zimmermann, Kaufbeurer Wappen und Zeichen, umfassend die Landkreise Kaufbeuren und Markt Oberdorf mit den anschließenden Gemeinden Wörishofen, Wiedergeltingen und Unterthingau, Kempten 1951.

Quellen

  • Richard Dertsch (Bearb.), Die Urkunden der Stadt Kaufbeuren (Stadt, Spital, Pfarrei, Kloster). 1240-1500 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte 2a/3), Augsburg 1955.
  • Stefan Dieter/Günther Pietsch (Bearb.), Die Urkunden der Stadt Kaufbeuren (Stadt, Spital, Kirchengemeinden, Kloster). 1501-1551. 2 Bände (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte 2a/14), Thalhofen 1999.
  • Helmut Lausser (Bearb.), Kompendium der Quellen zur Geschichte Kaufbeurens im Mittelalter, Thalhofen 2004ff. (auf 10 Bände angelegt; noch nicht vollständig erschienen)
  • Mirjam Zitzmann (Bearb.), Das Jahrzeitbuch des Heilig-Geist-Hospitals Kaufbeuren (Kaufbeurer Schriftenreihe 9), Thalhofen 2009.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Stefan Dieter, Kaufbeuren, Reichsstadt, publiziert am 09.11.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kaufbeuren, Reichsstadt> (13.11.2018)