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Jesuiten (20. Jahrhundert)

Augustin Bea, der erste Provinzial der wiederbegründeten Oberdeutschen Provinz. (INIGO Medien GmbH)
Das Provinzialat in der Kaulbachstraße in München. Im Hintergrund die Ludwigskirche. (Inigo Medien GmbH)
Augustin Rösch, Provinzial der Jesuiten und Mitglied des Kreisauer Kreises. (Inigo Medien GmbH)

von Rita Haub

Nach der Aufhebung des Ordens 1773 und der Ausweisung der Jesuiten aus Deutschland 1872 konnte die Gesellschaft Jesu in Bayern nur kurzfristig von 1866/67 bis 1872 und dann wieder ab 1912 Fuß fassen. Die Aufhebung des Jesuitengesetzes 1917 ermöglichte nach dem Ersten Weltkrieg die erneute Gründung von Niederlassungen in Deutschland und Bayern. 1921 wurde für Süddeutschland die Oberdeutsche Provinz mit Sitz in München (Vorläufer bestanden 1556-1770, 1826-1852) wiederbegründet. Wegen Nachwuchsmangels wurden die beiden deutschen Provinzen 2004 vereinigt. Sitz des Provinzialats wurde wiederum München.

Die Vorläufer

Mit Dekret vom 7. Juni 1556, wenige Wochen vor seinem Tod, errichtete der Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola (1491-1556), für den gesamten Bereich nördlich der Alpen zwei Ordensprovinzen. Die Oberdeutsche (Süddeutsche) Provinz ("Germania superior"), deren Aufbau vor allem Petrus Canisius (1521-1597) zu verdanken ist, umfasste das gesamte südliche Deutschland als Kernbereich samt Österreich, Böhmen, Ungarn, Tirol und der Schweiz. Sitz der Provinz war zunächst Ingolstadt, ab 1612 München. Dem ersten Provinzial der Oberdeutschen Ordensprovinz folgten bis zur Aufhebung des Ordens 1773 noch 55 Provinziale.

Diese an Gebiet und Mitgliederstand größte deutsche Provinz, von der 1563 die Österreichische Provinz abgetrennt wurde, umfasste nahezu 1.000 Mitglieder und hatte 26 Kollegien, 9 Residenzen und eine Reihe von Missionsstationen. Auf politischen Druck des Kurfürstentums Bayern hin, das die landesherrliche Kirchenhoheit immer stärker ausbaute, wurden um 1770 die bayerischen Häuser in einer eigenständigen Bayerischen Provinz zusammengefasst. 1773 erlosch auch diese, als Papst Clemens XIV. (1705-1774, Papst 1769-1774) auf französischen und spanischen Druck hin den Orden aufhob.

Nach der Wiederherstellung des Jesuitenordens 1814 entstand die "Provincia Germaniae Superioris" 1826 neu. Ausschlaggebend war die von den Vätern vom Glauben Jesu gegründete Schweizer Mission. Nach der Vertreibung der Jesuiten aus der Schweiz (ab 1847/48) und deren Aufnahme in Deutschland entstand 1852 die vereinigte ober- und niederdeutsche Provinz, die 1854 in "Provincia Germaniae" umbenannt wurde. Eine Niederlassung in Bayern entstand erstmals wieder 1866/67 in Regensburg. Im Zuge des Kulturkampfes wurden 1872 mit dem Jesuitengesetz alle Ordensmitglieder aus Deutschland ausgewiesen; das Provinzialat emigrierte nach Holland.

Die Aufhebung des Jesuitengesetzes 1917

Entscheidend für die erneute Etablierung der Jesuiten in Deutschland war die Aufhebung des Verbots von 1872, die erst 1917 durch das "Gesetz betreffend die Aufhebung des Gesetzes über den Orden der Gesellschaft Jesu vom 4. Juli 1872" vom 19. April 1917 erfolgte. Schon am 8. März war Artikel 2 dieses Kulturkampfgesetzes aufgehoben worden, wodurch den Jesuiten wenigstens das Recht der Freizügigkeit innerhalb Deutschlands wiedergegeben war.

Tatsächlich hielten sich 1917 schon vor Inkrafttreten des Gesetzes 130 Jesuiten innerhalb des deutschen Reichsgebietes auf, nachdem 1895 bereits das Verbot teilweise gelockert worden war. Da jedoch bis 1917 die Errichtung eigener Niederlassungen verboten war, waren sie zumeist einzeln oder in kleinen Gruppen, die kaum mehr als vier oder fünf Patres zählten, über ganz Deutschland verteilt. In München lebten seit 1912 einige Jesuiten. 1914 siedelte die Schriftleitung der jesuitischen Monatsschrift "Stimmen aus Maria Laach" dorthin um. Die Zeitschrift erhielt bei dieser Gelegenheit den bis heute geführten Titel "Stimmen der Zeit".

Organisatorische Entwicklung der Oberdeutschen Provinz 1921-2004

Trotz der Vertreibung hatte sich die Mitgliederzahl der deutschen Provinz von 755 auf 1.207 erhöht. Diese Entwicklung und die Größe des Deutschen Reichs machte die Teilung der Provinz in eine Ober- und Niederdeutsche erforderlich.

Bereits am 13. November 1917 übernahm deshalb Rembert Richard SJ den Aufbau der Oberdeutschen Provinz für den süddeutschen Raum, die durch den Ordensgeneral Wladimir Ledochowski SJ (1866-1942) am 2. Februar 1921 errichtet wurde. Zur Zeit ihrer Gründung gehörten ihr insgesamt 608 Mitglieder an. Sitz des Provinzialats wurde München. Zum ersten Provinzial der "Provinciae Germaniae Superioris" ernannte Ledochowski am 21. August 1921 Augustin Bea SJ (1881-1968), der ab 1924 eine bedeutende Karriere an der Kurie begann (1959 Kardinal) und für die Reformen im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) eine zentrale Rolle spielte.

Zu Beginn des "Dritten Reiches" lebten über 1.200 Jesuiten in Deutschland. Sie hatten zwei Hochschulen in Pullach und Frankfurt-St. Georgen und unterhielten Gymnasien in St. Blasien, Bonn-Bad Godesberg und Berlin. Sie waren in der Jugendarbeit tätig (Bund Neudeutschland und Marianische Kongregationen). Sie hielten Volksmissionen ab, betreuten einige Pfarreien und waren durch ihre Zeitschriften "Stimmen der Zeit" und "Zeitschrift für Aszese und Mystik" und "Scholastik" sowie Publikationen ihrer Wissenschaftler im geistigen Gespräch und in der wissenschaftlichen Welt präsent.

Die nationalsozialistische Diktatur sah von Anfang an die Jesuiten als einen ihrer Hauptfeinde. Der in München wirkende Rupert Mayer SJ (1876-1945) erkannte schon früh die Gefahr des NS-Regimes und bekämpfte sie in seinen Reden und Predigten. Er trat furchtlos von der Kanzel für die Freiheit des Christentums ein. Der Kämpfer für die Kirche, für die Armen und für die Aussöhnung der Menschen wurde am 3. Mai 1987 selig gesprochen. Alfred Delp SJ (1907-1945), der seit 1939 in München tätig war, gehörte dem "Kreisauer Kreis" an, der in Opposition zum Nationalsozialismus Gedanken für eine künftige Gesellschaftsordnung entwickelte, und wurde bald zum Inspirator und Kopf dieser Widerstandsgruppe. Ebenfalls zum "Kreisauer Kreis" gehörten Pater Augustin Rösch SJ (1893-1961), der Provinzial der Oberdeutschen Provinz der Jesuiten, und Pater Lothar König SJ (1906-1946), Professor am Berchmanskolleg in Pullach. Im Zuge des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden die Mitglieder dieses Kreises verhaftet. Delp wurden seine Gedanken an eine deutsche Zukunft nach einer Niederlage des Dritten Reiches zum Verhängnis. Am 2. Februar 1945 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Zur Oberdeutschen Provinz gehörten außer Süddeutschland, Vorarlberg und der Schweiz noch Sachsen (Diözese Meißen) mit einer kleinen Niederlassung in Hoheneichen und die südbrasilianische Mission. Diese wurde am 8. Dezember 1927 als selbständige Vizeprovinz abgetrennt, Sachsen an die niederdeutsche Provinz überwiesen. Am 10. Oktober 1929 wurden der Oberdeutschen Provinz die Mission in Poona (Indien) - bis zum Weltkrieg Arbeitsgebiet der deutschen, nachher der aragonischen Provinz - mit den dort bestehenden Häusern und Ordensmitgliedern überwiesen. Die Schweiz wurde am 2. Februar 1947 selbständige Vizeprovinz. Mit dem 31. Juli 2004 wurden die Oberdeutsche und die Norddeutsche Provinz zur einen Deutschen Provinz der Jesuiten vereinigt. Sitz des Provinzialates ist München.

Niederlassungen in der "Provincia Germaniae Superioris" seit 1921
Ort Gründung weitere Entwicklung
Feldkirch 1856 als Kolleg gegründet bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben, kam 1947 zur Schweizer Provinz der Jesuiten, 1977 aufgehoben
München 1917 als Statio gegründet 1919 zum Schriftstellerhaus, bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben
Aschaffenburg 1918 als Statio gegründet 1919 Residenz, bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben
München 1920 als Residenz gegründet (Ignatiushaus) bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben
Nürnberg 1920 als Statio gegründet bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben
Rottmannshöhe 1920 als Exerzitienhaus gegründet bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben, 1964 aufgehoben
Straubing 1920 als Statio gegründet bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben, 1924 aufgehoben
Stuttgart 1920 als Statio gegründet bei der Provinzteilung 1921 der "Germ. Sup." zugeschrieben, wurde 1945 Residenz, 2004 aufgehoben
Karlsruhe 1922 als Statio gegründet 1946 Residenz, 1999 aufgehoben
München St. Michael 1923 als Residenz gegründet
Ravensburg 1923 als Residenz gegründet 1997 aufgehoben
Pullach 1925 als Collegium Maximum Philosophicum gegründet 1971 nach München verlagert
Ludwigshafen 1931 als Residenz gegründet 1947 nach Mannheim verlagert
St. Blasien 1934 als Collegium externum gegründet 1968 Residenz
Neuhausen 1952 als Noviziat gegründet 1969 nach Nürnberg verlagert
Regensburg 1953 als Statio gegründet 1973 aufgehoben
Augsburg 1954 als Residenz gegründet
Hof 1956 als Residenz + Pfarrei gegründet
Mannheim 1956 wurde das Sozialinstitut gegründet 1973 nach Ludwigshafen verlagert
Nürnberg 1960 wurde das Bischöfliche Kleinseminar gegründet
Nürnberg 1960 wurde das Caritas-Pirckheimer-Haus als Kommunität gegründet
Würzburg wurde 1967 als Statio gegründet 2008 aufgehoben
Provinziale der (Ober)Deutschen Provinz seit 1921
Name Lebensdaten Amtszeit
Augustin Bea SJ 1881-1968 18.9.1921-21.9.1924
Theobald Fritz SJ 1878-1955 21.9.1924-15.1.1928
Franz Xaver Hayler SJ 1876-1965 15.1.1928-15.8.1935
Augustin Rösch SJ 1893-1961 15.8.1936-2.2.1945
Franz Xaver Müller SJ 1897-1974 2.2.1945 -15.8.1951
Otto Faller SJ 1889-1971 15.8.1951-1.1.1957
Anton Stricker SJ 1903-1961 1.1.1957-8.8.1961
Karl Fank SJ 1906-1977 7.10.1961-1.5.1967
Heinrich Krauss SJ geb. 1922 1.5.1967-8.4.1973
Vitus Seibel SJ geb. 1935 8.4.1973-15.4.1978
Alfons Klein SJ geb. 1929 15.4.1978-15.4.1984
Hans Zwiefelhofer SJ 1932-2008 15.4.1984 -1.12.1987
Jörg Dantscher SJ geb. 1941 1.12.1987-31.7.1993
Bernd Franke SJ geb. 1948 31.7.1993-31.7.2004
Stefan Dartmann SJ geb. 1956 31.7.2004-31.8.2010
P. Stefan Kiechle SJ geb. 1960 seit 1.9.2010

Literatur

  • Bernhard Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. 4 Bände, Freiburg/München/Regensburg 1907-1928.
  • Rita Haub, Die Geschichte der Jesuiten, Düsseldorf 2007.
  • Josef Stierli, Alemania, in: Diccionario historico de la compania de Jesus. 1. Band, Rom/Madrid 2001, 45-71. (mit einer weiterführenden Bibliographie)

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Oberdeutsche Provinz

Empfohlene Zitierweise

Rita Haub, Jesuiten (20. Jahrhundert), publiziert am 15.06.2009; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Jesuiten (20. Jahrhundert)> (21.08.2018)