• Versionsgeschichte

Walchenseekraftwerk

Aus Historisches Lexikon Bayerns

von Wilhelm Füßl

Nach langen Diskussionen wurde zwischen 1918 und 1924 am Walchensee (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) ein Hochdruckspeicherkraftwerk errichtet, das den natürlichen Höhenunterschied zwischen dem Walchensee und dem Kochelsee von rund 200 Metern energietechnisch nutzt. Mit dem "Walchenseekraftwerk" wurde die Grundlage für ein bayernweites Stromnetz gelegt, das Bayernwerk. Technisch wurde das Walchenseekraftwerk weltweit zum Vorbild und ökonomisch ein Erfolg für die Betreiber. Jedoch formierte sich erstmals in der jüngeren bayerischen Geschichte ein breiter Protest gegen ein technisches Großprojekt.

Standort

Höhenplan der Gesamtanlage des Walchenseekraftwerks. (Deutsches Museum, München, Archiv, CD 66788)

Das Walchenseekraftwerk mit dem Wasserschloss und seinen Rohrleitungen verbindet den Walchensee mit dem 203 Meter tiefer gelegenen Kochelsee nahe dem Ort Kochel (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen). Dieser Höhenunterschied war ideal, um durch eine Ableitung von Wasser aus dem Walchensee in ein Kraftwerk am Kochelsee große Strommengen produzieren zu können. In mehreren Phasen zwischen 1918 und 1959 wurde ein weitreichendes System zur Nutzung verschiedener Wasserkräfte im bayerischen Oberland ausgebaut.

Erste Ideen

Nahezu zeitgleich mit der Inbetriebnahme der Isarwerke bei Höllriegelskreuth (Gde. Pullach, Lkr. München) 1896, dem ersten bayerischen Überlandwerk, tauchte 1897 erstmals der Gedanke auf, den natürlichen Höhenunterschied zwischen dem Walchensee und dem Kochelsee für die Erzeugung elektrischer Energie zu nutzen. Den Antrag des Ingenieurs Huber auf Messungen und Vorarbeiten lehnte das zuständige Forstamt allerdings ab. Einen Wendepunkt bildete das Jahr 1904. Damals wurde mit Heinrich von Frauendorfer (1855–1921) ein vehementer Befürworter der Elektrifizierung der südbayerischen Staatseisenbahnen zum Verkehrsminister berufen. Im gleichen Jahr traten der hessische Oberbaurat Rudolf Schmick (1858–1934) und der Schweizer Ingenieur Jean Jaquel mit einer Eingabe an die bayerische Regierung heran, in der sie eine Konzession für die Nutzung von Wasserkräften am Walchensee beantragten. Ihr Projekt sah vor, aus der Isar Wasser in den Walchensee überzuleiten, um den Pegel des Sees zu erhöhen. Über ein Kraftwerk sollte Wasser in den tiefer gelegenen Kochelsee geleitet und so eine Leistung von rund 20.000 PS erzielt werden. Im Prinzip bildete dieser Vorschlag die Grundlage für alle späteren Walchenseeprojekte.

Der Vorstoß löste in den bayerischen Ministerien eine kontroverse Diskussion über den Wert der staatlichen Wasserkräfte aus. Hinzu kam die Einsicht darüber, dass moderne Großindustrien einen hohen Strombedarf hatten, der mit den wenig ergiebigen Kohlevorräten Bayerns nicht gedeckt werden konnte. Erstmals entschied sich die Regierung, in die Verantwortung für eine gesamtstaatliche Stromversorgung einzutreten. Als 1906 der preußische Major Feodor Maria von Donat (1847–1919) ebenfalls ein umfassendes Konzessionsgesuch zum Bau eines Kraftwerks am Walchensee mit einer Leistung von 100.000 PS und zur Errichtung zusätzlicher Stauseen im Isartal sowie zum Bau eines Rißbach- und Loisach-Stausees einreichte, entschloss sich die Staatsregierung, ein grundsätzliches Gutachten über die staatlichen Wasserkräfte und ihre Nutzung einzuholen. Die beiden Vorschläge "Schmick/Jaquel" und "Donat" für ein privatwirtschaftlich betriebenes Projekt wurden aus diesem Grund nicht weiterverfolgt.

Porträtfotografie von Oskar von Miller (1855-1934), 1907. (Digitales Porträtarchiv)

Konzeption unter Oskar von Miller

Heinrich von Frauendorfer beauftragte den Elektropionier Oskar von Miller (1855–1934) mit der Studie für einen Elektrifizierungsplan. Dessen 1904 vorgelegtes Gutachten sah vor, den Dampfbetrieb auf den Eisenbahnstrecken MünchenLindau und München–Garmisch auf Strom umzustellen. Dadurch sollten jährliche Einsparungen von rund 600.000 Mark erzielt werden. Den Strom für die Elektrifizierung der beiden Strecken sollte ein Kraftwerk am Walchensee liefern. Der gravierende Unterschied seiner Pläne zu späteren Wettbewerbsentwürfen bestand darin, dass Miller das Kraftwerk als Teil eines bayernweiten Stromnetzes, des späteren "Bayernwerks", begriff. Dieses sollte die relevanten Stromquellen zusammenfassen und die Energie flächendeckend verteilen.

Titelseite von Nikolaus Holz/Robert Thomann/Bernhard Gleichmann (Hg.), Die Kraftanlagen am Walchensee: Die preisgekrönten Entwürfe des Wettbewerbes, München und Berlin 1916. (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Bavar. 1602 wa)

In den Folgejahren war Miller mit seinem Münchner Ingenieurbüro der wichtigste Protagonist des Kraftwerkbaus am Walchensee. In den Jahren bis 1917 legte er zahlreiche Gutachten und Stellungnahmen vor (1907, 1911, 1914, 1915, 1917). Einen im Jahr 1909 von der Kommission für die Ausnützung der Wasserkräfte angeregten Wettbewerb gewann der Entwurf "Einfach und sicher" der Firmen Dyckerhoff & Widmann AG, Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg und Siemens-Schuckertwerke. Aufgrund zahlreicher Mängel wurde er allerdings nicht realisiert. Miller selbst hatte sich mit keinem eigenen Entwurf beteiligt, um weiterhin als übergeordneter, neutraler Gutachter fungieren zu können.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 veränderten sich die Grundbedingungen für das Walchenseekraftwerk- und das Bayernwerkprojekt entscheidend. Durch die für die Kriegsführung gebundenen Finanzmitteln des Staats trat das Walchenseeprojekt als ziviles Vorhaben in den Hintergrund. Zeitweise stand zu befürchten, dass es als Ganzes zu scheitern drohte. In dieser Situation erklärte sich Miller bereit, die Planung mit seinem Büro als "freiwilligen Kriegsdienst", also ohne Kosten für den Staat, weiterzubetreiben. Im Oktober 1915 legte er das Gutachten "Vorschläge des Herrn Oskar von Miller in München über den Ausbau und die Verwertung der Walchenseekraft" vor. Es beschrieb die notwendigen Projektierungsarbeiten, die technische Ausführung des Walchenseewerks, die Organisation des Bayernwerks, dessen Kraftquellen und Stromabnehmer, den berechneten Gesamtkonsum für das rechtsrheinische Bayern sowie die Anlage- und Betriebskosten und formulierte einen Vorschlag zur Verteilung des erwarteten Gewinns. Inhaltlich zielte es auf ein gesamtbayerisches Elektrizitätsnetz ab; rechtlich beinhaltete es die Trennung zwischen einem staatlich erbauten Kraftwerk am Walchensee und einem davon unabhängigen Betreiberunternehmen, dem "Bayernwerk". Letzteres sollte als gemischtwirtschaftliches Unternehmen, also durch Staat, Kommunen und Privatkapital, realisiert werden. Nach langen politischen Debatten billigte der Bayerische Landtag noch während des Kriegs am 21. Juni 1918 den Bau auf der Basis der Miller’schen Vorschläge. Um das Projekt politisch durchsetzen zu können, verzichtete Miller auf die von ihm ursprünglich geplante Überleitung des Rißbachs zur Steigerung der Wasserzufuhr am Walchensee und auf den Bau kleinerer Kraftwerke an Obernach und Niedernach. Nach der Revolution 1918 wurde Miller von der Regierung unter Kurt Eisner als Staatskommissar für das Walchenseekraftwerk und das Bayernwerk installiert. Bereits im November begannen die Bauarbeiten. Nach Auseinandersetzungen grundsätzlicher Art um seine Befugnisse und um inhaltliche Fragen trat Miller 1921 als Staatskommissar zurück.

Die bei Baubeginn zurückgestellten Maßnahmen (Überleitung des Rißbachs, zusätzliche Kraftwerke in Obernach [Lkr. Garmisch-Partenkirchen] und Niedernach [Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen]) wurden im Zuge der dramatischen Energiekrise nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1947 und 1955 nach den ursprünglichen Plänen realisiert.

Bau des Walchenseekraftwerks

In der Bauzeit zwischen 1918 und 1924 waren bis zu 2.000 Arbeiter im Einsatz, die rund 18 Millionen Arbeitsstunden leisteten. 17 Männer kamen dabei ums Leben. Die Unterbringung der Arbeiter und die Lebensmittelversorgung in der Nachkriegszeit und während der Inflation 1922/23 waren problematisch.

Zudem waren die Arbeitsbedingungen extrem schwierig. Für die tonnenschweren Transporte gab es keine geeigneten Wege, im Winter waren die Arbeitsstellen teilweise nur mit dem Schlitten zu erreichen. Der Bau hatte in einigen Abschnitten mit ungünstigeren geologischen Bedingungen zu kämpfen als erwartet. Auch die Bewetterung der Stollen mit Frischluft bereitete erhebliche Probleme. Ein Bericht von Peter Bürner, Vorstand der staatlichen Bauleitung für das Walchenseekraftwerk, aus dem Jahr 1924 liest sich wie die endlose Kette unerwarteter Schwierigkeiten. Hinzu kamen politische Streiks und schlechtes Wetter, welche die Arbeiten oft wochenlang lahmlegten. Am 26. Januar 1924 speiste das Kraftwerk erstmals Strom ins Netz ein. Durch dieses stand seitdem eine Anlage zur Verfügung, die bei Spitzenlasten schnell zusätzlichen Strom für das bayerische Elektrizitätsnetz liefern kann.

Titelblatt von Peter Bürner, Die Bauausführung des Walchenseekraftwerkes, 1924. (Deutsches Museum, München, Bibliothek)

Das System "Walchenseekraftwerk"

Prinzipiell ist es eine Verengung, nur von einem "Walchenseekraftwerk" zu sprechen, da es sich bei dem heutigen Verbund um ein komplexes und weiträumiges "Walchensee-System" mit mehreren Stauwehren, Stollen und Kanälen von Krün (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) bis zum Rißbach über die beiden Kraftwerke bei Obernach und Niedernach bis in die Nähe von Wolfratshausen (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) handelt. Das Grundprinzip beruht darauf, die erheblichen Wasserkräfte der Gegend und den Höhenunterschied zwischen dem Walchensee und dem Kochelsee energietechnisch zu nützen. Die Ingenieure hatten berechnet, dass sich mit 2,4 Kubikmeter Walchenseewasser eine Kilowattstunde Strom erzeugen lasse, während ein Flusskraftwerk meist die zwanzigfache Wassermenge für ein ähnliches Ergebnis benötigte.

Mit dem Walchensee steht ein Wasserreservoir zu Verfügung, das durch Zuflüsse vergrößert und dann entsprechend angezapft werden kann. Durch das Isarwehr bei Krün wurde ein künstlicher Stausee geschaffen und von dort der größte Teil des Isarwassers zum kleinen Sachensee bei Wallgau (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) und von dort rund vier Kilometer über einen Stollen zum Walchensee geleitet. Vor dem See treibt das Wasser die Turbinen im Obernach-Kraftwerk an, wobei ein Gefälle von rund 70 Metern ausgenützt wird. Dieses Kraftwerk ist erst seit 1955 in Betrieb, war jedoch bereits von Miller geplant worden. Auch der Rißbach dient als Wasserzufuhr für den Walchensee. Durch ein Wehr leitet man sein Wasser in den 3.647 Meter langen Grasbergstollen, es unterquert die Isar und fließt nun durch den rund 3.300 Meter langen Hochkopfstollen zum kleinen Niedernach-Kraftwerk. Hier wird ein Gefälle von 20 Metern für den Antrieb der Turbinen ausgenutzt. Das Niedernach-Kraftwerk wurde ebenfalls erst in der Nachkriegszeit erbaut und ging 1951 ans Netz. In den Rißbach-Stollen wird zusätzlich Wasser des kleinen Fischbachs und des Alpenbachs eingeleitet.

Das Ziel der Zuleitungen war und ist, dem Walchensee ständig neues Flusswasser zuzuführen, um dann an seiner Nordspitze bei Urfeld (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) möglichst große Wassermengen in den Kochelsee überleiten und für die Stromerzeugung nutzen zu können. Dabei ist das System so angelegt, dass man dem Walchensee mehr Wasser entnimmt als die Zuflüsse einspeisen. Dies führt in einigen Monaten des Jahres zu einer Absenkung der Wasseroberfläche um bis zu 6,6 Meter. Jeder Zentimeter Absenkung bringt dem Walchenseekraftwerk rund 65.000 Kilowattstunden, dem See werden dadurch maximal bis zu 110 Millionen Kubikmeter Wasser entzogen. Im Frühjahr und Sommer, wenn die Zuflüsse wieder stärker sind, soll der Seespiegel auf seinen normalen Stand gebracht werden.

Bei Urfeld wird das Walchenseewasser über ein Einlaufwerk und einen 1.200 Meter langen, 4,80 Meter hohen und 4,60 Meter breiten Stollen durch den Kesselberg zum Wasserschloss geleitet. Der Einlauf befindet sich zehn Meter unter dem Seespiegel. Im Wasserschloss befindet sich ein 17 Meter hohes Ausgleichsbecken, das 10.000 Kubikmeter Wasser speichern kann. Es dient dem Ausgleich von Druckschwankungen, die beim Anfahren oder Abstellen der Turbinen entstehen.

Über sechs Rohrbahnen stürzt das Wasser in das am Kochelsee gelegene Kraftwerk. Die genieteten Eisenrohre haben im oberen Bereich einen Durchmesser von 2,25 Metern und sind hier 10 Milimeter dick; sie verjüngen sich im Tal auf 1,85 Meter, während die Rohrwände dort 27 Milimeter stark sind, um dem hohen Druck von bis zu 28 bar standhalten zu können. Die Rohrbahn zwischen Wasserschloss und der Maschinenhalle ist 430 Meter lang. Diese drei Bereiche stammen unverändert aus der Bauzeit. Die ursprünglichen Pelton-Turbinen wurden erstmals nach 67 Jahren Betriebszeit ausgetauscht. Seit 1983 ist das Walchenseekraftwerk als Industriedenkmal geschützt.

Das heutige Maschinenhaus mit den Pelton- und Francisturbinen. (Uniper Kraftwerke)

Um bei einem eventuellen Rohrbruch das Generatorenhaus nicht zu gefährden, ist dieses etwas seitlich versetzt gebaut, sodass die Rohre davor einen Knick machen. Vier Rohre münden in vier Francisturbinen, die jeweils mit einem Drehstrom-Generator verbunden sind. Die zwei restlichen Rohre treiben vier Pelton-Freistrahlturbinen an, an die wiederum vier Einphasenstrom-Generatoren angeschlossen sind. Der Gleichstrom wird direkt in das Netz der Eisenbahn eingespeist. Von den Drehstromgeneratoren wird der Strom mit einer kleinen Spannung von 6,6 Kilovolt zum Transformatorengebäude geleitet und dort auf die Netzspannung von 110 Kilovolt transformiert.

Das in den Kochelsee geleitete Wasser fließt über dessen Auslauf in die Loisach und dann bei Beuerberg (Gde. Eurasburg, Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) in einem eigenen Kanal, dem Loisach-Isar-Kanal, in die Isar zurück.

Zum System des Walchenseekraftwerks gehört auch der 1954–1959 erbaute Sylvensteinspeicher. Er dient dem Hochwasserschutz für die am unteren Isarlauf gelegenen Kommunen. In Trockenzeiten führt er zusätzliches Wasser in die Isar, um einen konstanteren Wasserspiegel des Flusses zu gewährleisten. Die am Walchensee erzeugte Leistung war bei der Eröffnung im Januar 1924 gewaltig. Insgesamt betrug sie 124 Megawatt, davon 72 Megawatt Drehstrom und 52 Megawatt Bahnstrom. Heute werden am Walchenseekraftwerk im Jahr rund 300 Millionen Kilowattstunden gewonnen, durch die Werke in Krün, Obernach und Niedernach kommen nochmals 50,4 Millionen Kilowattstunden hinzu. Bei Volllast fließen 84 Kubikmeter Wasser in der Sekunde durch die Turbinen. Zählte die Anlage 1924/25 zu den größten Wasserkraftwerken der Welt, gehört sie nach einem Jahrhundert immerhin noch zu den größten Hochdruckspeicherkraftwerken in Deutschland.

Kritik am Projekt

Während die beteiligten Ingenieure, Politiker und Ministerialen das Walchenseekraftwerk als technische Herausforderung und ökonomische Notwendigkeit sahen und manche sogar – wie Donat – ohne Rücksicht auf Mensch und Natur für eine stärkere Seeabsenkung bis zu 16 Metern und für zusätzliche Stauseen plädierten, formierten sich früh die Kritiker des Großprojekts. So fürchteten die Fischer um ihre Fangquoten. Einwände kamen auch von den Flößern, die durch die starke Wasserabfuhr der Isar, die unterschiedlichen Flusskorrektionen und die teilweise Kanalisierung von Isar und Loisach ihre Verdienstmöglichkeiten schwinden sahen. Anwohner am Walchensee befürchteten durch die Schwankungen der Seehöhe Uferabbrüche, die betroffenen Gemeinden monierten die Gefährdung ihrer Trinkwasserversorgung durch eine Grundwasserabsenkung und sorgten sich um die Land- und Forstwirtschaft. Zur "Verhinderungslobby“ (Falter, 89) gehörten ferner bayerische Wasserkraftbesitzer, Dampflok- und Gasmotorenfabrikanten, Elektrofirmen und auch die im Wettbewerb unterlegenen Unternehmen. Die Militärführung sah eine Gefährdung des einheitlichen Eisenbahnbetriebs durch die Teilelektrifizierung in Südbayern und sorgte sich über die erhöhte Anfälligkeit der Stromleitungen durch Sabotage. Alle Interessen flossen in der Planungsphase in die Debatten beider Kammern des Bayerischen Landtags ein. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten billigte die Kammer der Abgeordneten am 21. Juni 1918 einstimmig das Walchensee- und das Bayernwerkprojekt.

Es ist bemerkenswert, dass mit dem Walchenseekraftwerk erstmals ein technisches Großprojekt mit dem Vorwurf des Naturschutzes und der Ökologie konfrontiert wurde. Die massivste Kritik kam aus der Heimatschutzbewegung. Gebündelt wurde sie in dem 1902 gegründeten Isartalverein, der in dem Münchner Architekten Gabriel von Seidl (1848–1913) seinen prominentesten Fürsprecher fand. Durch die Einbindung der Naturschützer in den 1905 einberufenen "Landesausschuss für Naturpflege", durch Zugeständnisse bei der Absenkungshöhe des Walchensees und durch den Verzicht auf die Rißbachüberführung und die Kraftanlagen bei Obernach und Niedernach konnten sie weitgehend für das Vorhaben gewonnen werden. Lediglich die Frage der Flößerei blieb für rund ein Jahrzehnt nach Baubeginn ungelöst. Die wirtschaftlichen Interessen und die politische Einflussnahme erwiesen sich letztlich als zu stark. In vielen Punkten konnte sich der Isartalverein nicht durchsetzen.

Auch 100 Jahre nach der Errichtung des Walchenseekraftwerks sind die Auswirkungen auf die Natur spürbar. Viele schon vor Baubeginn geäußerte Befürchtungen bewahrheiteten sich, so das monatelange Trockenfallen der Zuflüsse, die Verringerung des Fischbestands, das Absinken des Grundwasserspiegels, der Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge, Hangabbrüche etc. Durch den Neubau von zusätzlichen Kraftwerken im Walchenseesystem nach 1945 hat sich die Zahl der Überleitungen sogar noch erhöht. Die Eingriffe in die Natur versuchte man durch verschiedene Kompensationsmaßnahmen abzumildern. In einem wasserrechtlichen Bescheid des Landratsamts Bad Tölz von 1966 wurde eine Mindestwasserzuführung für Bad Tölz (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) festgelegt. 1990 erfolgte eine Teilrückleitung der Isar bei Krün, was zur Folge hatte, dass sich die Wasserqualität seitdem erheblich verbessert hat. Für Fische wurden verschiedene Aufstiegshilfen angelegt.

Ende März 2020 hat das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen die Nutzung der Wasserrechte fristgerecht gekündigt. Damit läuft der Bewilligungszeitraum für den heutigen Betreiber Uniper Kraftwerke GmbH, staatliche Gewässer zur Stromproduktion zu nutzen, im Jahr 2030 ab. Ein Antrag des Unternehmens zum Weiterbetrieb ist allerdings eingereicht. Zahlreiche Naturschutzverbände fordern Änderungen der Mindestwassermengen der Zuläufe, um die ökologische Funktionsfähigkeit der Isar und ihrer Zuflüsse wiederherzustellen.

Forschungsinstitut für Wasserbau und Wasserkraft

Obwohl sich Miller 1921 von seinen Posten beim Walchenseekraftwerk und Bayernwerk zurückgezogen hatte, regte er drei Jahre später eine Großversuchsanlage für Wasserbau im Obernachtal an, zwei Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Sie sollte im Gegensatz zu den bisher üblichen Modellversuchen in deutschen Fluss- und Wasserbaulaboratorien die Bedingungen und Folgen veränderter Wasserführung, das Geschiebeverhalten und die Auswirkungen auf das Grundwasser praktisch erforschen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Vorhaben des neugegründeten Instituts allerdings wenig erfolgreich. Aufsehen erregten die Versuche in Zusammenhang mit der Regulierung des Huang He in China (1930–1934). Seit 1962 ist die "Versuchsanstalt Obernach" der Technischen Universität München angegliedert.

Literatur

Quellen

Externe Links

Weiterführende Recherche

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

WIlhelm Füßl, Walchenseekraftwerk, publiziert am 11.01.2024; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Walchenseekraftwerk> (26.02.2024)