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Annales ducum Boiariae (Johannes Aventinus, 1521)

Aus Historisches Lexikon Bayerns

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von Alois Schmid

Sieben Bücher umfassendes Hauptwerk des Abensberger Geschichtsschreibers Johannes Aventinus (1477-1534), das die Geschichte Bayerns von der Frühzeit bis zum Ausgang des Mittelalters darstellt. Die zwischen 1519 und 1521 entstandenen Annales ducum Boiariae zeichnen sich durch eine bis zum Zeitpunkt seiner Abfassung nie da gewesene Fülle an Quellen aus, die sich der Autor aus Archiven, Bibliotheken und Klöstern in ganz Bayern erschloss. Das Werk, das zu Lebzeiten Aventinus' nicht zur Publikation kam, prägte die Geschichtsschreibung in Deutschland nachhaltig.

Biogramm des Verfassers

Epitaph von Johannes Aventinus in St. Emmeram. (Foto: Peter Ferstl, Stadt Regensburg, d819-76099)

Johannes Turmair wurde 1477 in der Stadt Abensberg, damals Vorort der gleichnamigen Reichsherrschaft Abensberg, geboren. In späteren Jahren führte er die latinisierte Bezeichnung seiner Heimatstadt, Aventinus, als Humanistennamen.

Von der Abensberger Geistlichkeit wurde der Wirtssohn auf eine Klerikerlaufbahn vorbereitet. Doch wandte er sich nach einem ungewöhnlich profunden Studiengang (Ingolstadt, Wien, Krakau, Paris) dem humanistisch geprägten Münchner Herzogshof zu, wo er nach früher Tätigkeit als Prinzenerzieher 1517 zum amtlichen Landeshistoriographen ernannt wurde. Ein Leben lang stand Johannes Aventinus im Dienst der Münchener Wittelsbacher. In seinen Anfangsjahren verfasste er mehrere kleinere Schriften zu wichtigen Klöstern und Städten in Bayern (Oetting, Scheyern, Ranshofen, Passau), in der Spätzeit traten die großen Projekte der Epoche des Humanismus (Universalchronik, Germania illustrata) in den Vordergrund. Dazwischen verfasste er als Hauptwerke im Auftrag seiner Dienstherren die Landeschronik zwei Fassungen. Durch wegweisende Schriften verschaffte er sich zudem Bedeutung in anderen Disziplinen (Musik, Mathematik, vor allem lateinische Grammatik). Darüberhinaus wurde der Universalgelehrte vom Hof auch zu besonderen Einsätzen, etwa zur Universitätsreform, herangezogen.

Im Rahmen der konfessionellen Entwicklung geriet er in Konflikt mit der landesherrlichen Politik, der ihn 1528 sogar für elf Tage ins Gefängnis brachte. Aus Sorge um seine persönliche Sicherheit hielt er in ganz Deutschland Umschau nach einem ungefährdeten Aufenthaltsort. Seine letzten Jahre verbrachte er in der freien Reichsstadt Regensburg, wo der 57jährige, ein Leben lang auf der Suche nach der echten Religion, als Leidtragender der elementaren Kirchenkonflikte in unübersehbarer Verbitterung 1534 verstarb.

Entstehung

Seit der Übernahme in die Dienste des Münchner Herzogshofes trug sich Aventinus mit dem Gedanken, eine umfassende Geschichte seines Heimatlandes Bayern anzufertigen. Während des Jahrzehnts als Prinzenerzieher von 1508 bis 1517 hat er den Plan kontinuierlich verfolgt. Gezielt begann er, Quellen zusammenzutragen. Einen ersten Anlauf zur Ausführung des Planes unternahm er mit den 'Kleinen Annalen' bereits im Jahre 1511. Mit seiner Ernennung zum Landeshistoriographen erhielt das persönliche Vorhaben einen amtlichen Charakter. Die Erwartungen und die Förderung der Landesherren verliehen den Arbeiten einen deutlichen Auftrieb. Zwei Herzogsmandate vom 8. März und 8. November 1517 öffneten ihm die Bibliotheken und Archive des Landes für systematische Quellenstudien. Dazu unternahm der Historiograph in den Jahren 1517/18 eine Forschungsreise, die ihn vor allem zu Klöstern in Ober- und Niederbayern führte (Iter Bavaricum). Sein 'Hauskalender' weist insgesamt 106 Stationen nach. Die damals angefertigte Materialsammlung mit sehr bedeutenden Abschriften ist zumindest teilweise erhalten.

Iter Bavaricum des Aventinus 1517/1518
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1517 (gelb) und 1518 (blau) von Aventinus aufgesuchte Orte

Nach dieser gründlichen Vorbereitung zog sich Aventinus Anfang 1519 in seine Vaterstadt Abensberg zur Ausarbeitung zurück. Nach sehr konzentrierter Arbeit konnte er bereits Ende Mai 1521 die Erstfassung abschließen. In den Folgemonaten unterzog er sie noch einmal einer Überarbeitung, um den fest geplanten alsbaldigen Druck vorzubereiten. Eine 'Erste Skizze' kündigte das Vorhaben auf dem Buchmarkt schon 1519 an. Im Frühjahr 1522 veröffentlichte Aventinus beim Nürnberger Buchdrucker Friedrich Peypus einen ausführlicheren 'Kurzen Auszug', um Interesse zu wecken.

Inhalt

Die Darstellung ist, vielleicht in Anlehnung an die heilige Zahl, in sieben Bücher gegliedert.

Deren erstes behandelt die Frühgeschichte, die in einen universalhistorischen Kontext eingebaut wurde. Es reicht von den biblischen Anfängen der Menschheit bis zu Julius Caesar (100‒44 v. Chr.) als erstem Kaiser der Römer. In dieser in ungewöhnlicher Breite ausgearbeiteten Frühzeit erblickte Aventinus von Einfachheit bestimmte vorbildliche Urzustände. Sie erschienen ihm als Goldenes Zeitalter, aus dem er Normen für die Gegenwart ableitete.

Das zweite Buch setzt die Behandlung der römischen Kaiserzeit mit der Auseinandersetzung gegen die Welt der Germanen bis zu Theoderich (reg. 418-521) fort. Die kurz vorher wiederentdeckte Hauptschrift des Tacitus (gest. ca. 120) veranlasste ihn zu einem wahren Loblied auf die Germanen.

Das dritte Buch ist dem Reich der Franken bis zu Karl dem Großen (reg. 768-814, ab 800 Kaiser) gewidmet, der für Aventinus ein bayerischer Landsmann war. Dessen Auseinandersetzung mit Herzog Tassilo III. (reg. 748-788) stellte ihn vor die darstellerische Schwierigkeit, eine vermittelbare Erklärung für den Sturz des Agilolfingerherzogs zu finden.

Das vierte Buch ist den späten Karolingern bis zum Beginn der Ottonenzeit gewidmet und verfolgt die Problematik des Verhältnisses des Stammesherzogtums zum Reich am Beispiel der Liutpoldinger weiter.

Das fünfte Buch stellt die Epoche der Fremdherrscher in Bayern von Otto I. (reg. 936-973, ab 962 Kaiser) bis zum Investiturstreit vor, der gänzlich aus der Sicht Heinrichs IV. (reg. 1056-1105, ab 1084 Kaiser) dargestellt wird.

Dieser Abschnitt erfährt im sechsten Buch mit dem Jahrhundert der ungeliebten Welfen seine Fortsetzung.

Die Darstellung mündet schließlich im siebten Buch in die Epoche der Wittelsbacher, die als Höhepunkt der bayerischen Geschichte dargestellt wird. Nach Karl dem Großen wird ein zweiter Gipfelpunkt mit Ludwig dem Bayern (reg. 1314-1347, ab 1328 Kaiser) erreicht, dessen Kaiserkrone dem regierten Land den höchsten Glanz vermittelt. Seine Regierungszeit wird mit begeisterten Urteilen in ungewöhnlicher Breite geschildert. Am ehesten hier wird die bayerische Geschichte eng mit der Reichsgeschichte verknüpft. Die Darstellung endet mit dem Tod Herzog Albrechts III. (reg. 1438-1460). Der Nachfolger Albrecht IV. (reg. 1460-1508) stellt die Verbindung zu Aventinus eigenen Zeit her.

Deren Behandlung wird einer eigenen Darstellung vorbehalten, die jedoch nicht mehr zustande kam.

Die Sprache

Aventinus hat die Urfassung seiner Darstellung der bayerischen Geschichte in lateinischer Sprache geschrieben. Sie ist auch in seiner Sicht das Hauptwerk, das sich an die gelehrte Welt wendet. Dementsprechend ist es in einem Humanistenlatein abgefasst, das höchsten Ansprüchen gerecht wird. Der niveauvolle Sprachduktus steht in der Tradition der 'Germania' des Tacitus und weist auf die Bewegung des aufkommenden Tacitismus in Deutschland voraus. Er trägt die Darstellung der Annales ducum Boiariae, die zum Kernbestand der neulateinischen Literatur in Deutschland gerechnet werden.

Die Handschriften

Anmerkungen und Zusätze Aventinus' in der Handschrift des zweiten Buchs der Annales ducum Boiariae, 4v. (Bayerische Staatsbilbiothek, Clm 283)

Zu diesem Hauptwerk Aventinus‘ liegen mehrere Handschriften vor. Deren wichtigste ist die Reinschrift, die in sechs Folianten in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird (Clm 282-287). Dieser gehen voraus drei Bruchstücke mit vielen Einschüben, Nachträgen und Korrekturen, die ebenfalls dem Verfasser der Texte zugeschrieben werden. Diese Arbeitsunterlagen sind in einem Sammelcodex der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart (Cod. hist. fol. 404) und einer weiteren Sammelhandschrift der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (19. 22 fol.) überliefert. Hierher gehört weiterhin ein in den 1960er Jahren aufgefundenes Fragment in der Staatlichen Bibliothek Regensburg (IP/Bav. 1621). Wann und unter welchen Umständen diese Teile auseinandergerissen wurden und wie sie an ihre späteren Überlieferungsorte gelangten, ist unbekannt.

Von der Reinschrift wurde unter persönlicher Aufsicht des Verfassers in Abensberg vom Passauer Berufsschreiber Magister Stephan Gartner zur Vorlage am Münchner Herzogshof 1525 eine vollständige Abschrift angefertigt. Das repräsentative Vorzeigeexemplar wurde zum Nachweis der erbrachten Dienstleistung eingereicht. Wegen letzter Verbesserungen von Aventinus Hand liegt hier das Exemplar letzter Hand vor. Die Codices sind auf nachvollziehbarem Wege in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart gelandet (Cod. Hist. fol. 407 a-g).

Die Annales ducum Boiariae sind also in zwei vollständigen Reinschriften überliefert, die beide von Aventinus selbst autorisiert sind, wobei den in München überlieferten Handschriften der Vorrang der autographen Reinschrift zuzuerkennen ist. Dazu kommen drei Fragmente mit Vorstudien zum Endtext ebenfalls von der Hand des Verfassers. Insofern steht hier eine vorzügliche Textgrundlage zur Verfügung.

Die Publikationsgeschichte

Von Anfang an war zur Selbstdarstellung des Herzogshofes die Publikation der Landeschronik angedacht. Dementsprechend wurde von den Landesherren die Gartner-Abschrift als Druckvorlage in Auftrag gegeben. Der als sehr hochrangiger Zensor eingesetzte Ingolstädter Professor Hieronymus Ziegler (1514-1562) gab das Manuskript aber nicht zum Druck frei. Es stieß am Hof aus zwei Gründen auf Widerstand. Zum einen wurden politische Bedenken angemeldet. Aventinus berichtete aus der Perspektive von Reich und Kaiser. Dadurch gerieten seine Urteile oftmals in Widerspruch zur Politik der Landesherren, die sich in den 1520er Jahren zur antihabsburgischen Opposition im Reich bekannten. Zum anderen übte der Abensberger scharfe Kritik an den religiösen Zuständen seiner Gegenwart und sprach sich mehrfach im Sinne der Reformatoren aus. Damit trat er in Gegensatz zur romorientierten Kirchenpolitik der Landesherrschaft. Aus diesen zwei Gründen versagte der Herzogshof das erforderliche Imprimatur. Zu Lebzeiten von Aventinus gelangten die Annales ducum Boiariae nicht zum Druck.

Erst zwei Jahrzehnte nach seinem Tod konnte sich der junge Herzog Albrecht V. (reg. 1550-1579) in einer Phase vorübergehender Lockerung des konfessionspolitischen Kurses zur Veröffentlichung entschließen. Freilich erfolgte diese in einer bereinigten Form. Die editio purgata von 1554 bei Samuel Weißenhorn in der Universitätsstadt Ingolstadt unterdrückte missliebige Passagen, die der Zensor im erhaltenen Prüfexemplar vorgegeben hatte. Nur in dieser gekürzten Version waren die Annales ducum Boiariae in der Frühen Neuzeit in Bayern verfügbar. Sie wurde mit Begeisterung für jede größere Bibliothek angeschafft. Außerhalb Bayerns wusste man um den editorischen Missstand. In Leipzig brachte der Hallenser Universalgelehrte Nikolaus Hieronymus Gundling (1671-1729) 1710 die unzensierte Fassung zum Druck.

In Bayern bot erstmals die Akademieausgabe Sigmund Riezlers (1843-1927) von 1882/84 den vollständigen Text. Sie wurde auf der Grundlage der beiden von Aventinus autorisierten Handschriften (München, Clm 282-287 und Stuttgart Cod. Hist. fol. 407 a-g) hergestellt und bietet seitdem die maßgebliche Edition. Aus ihr wurden oftmals ausgewählte Kapitel im Nachdruck in Anthologien übernommen. Doch wurde für derartige Sonderdrucke ungleich häufiger die deutschsprachige Fassung in Gestalt der 'Bayerischen Chronik' herangezogen.

Das Geschichtsbewusstsein

In Bezug auf das Geschichtsdenken steht Aventinus noch sehr in mittelalterlicher Tradition. Es ist stark rückwärtsgewandt und an den Vorstellungen der Heilsgeschichte ausgerichtet. Die Bibel gibt den Gesamtrahmen des Weltenlaufes vor. Die göttliche Vorsehung bestimmt das Geschehen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Leben. Geschichte wird als Gericht begriffen, mit dem der allmächtigen Weltenlenker das Gute belohnt und das Böse bestraft. Ihm verdanken die christlichen Herrscher die Einsetzung in ihre Ämter. Über deren Ausführung müssten sie dereinst vor dem Richterstuhl Gottes Rechenschaft ablegen. Aus dem Gottesgnadentum der Regenten ergibt sich die Gehorsamspflicht der Untertanen. Auflehnung, Erhebung oder gar Revolution werden gleichermaßen als Unrecht und Sünde zurückgewiesen. Die gottgegebene Ständeordnung ist von allen anzuerkennen. Das gilt bis hinauf zu den Fürsten gegenüber dem Kaiser, der als Stellvertreter Gottes für die Aufrechterhaltung der Weltordnung Sorge zu tragen hat. Wenn diese einerseits von außen durch die Osmanen, andererseits im Inneren durch den Widerstand der Reichsstände ernsthaft gefährdet wird, droht der Weltuntergang. Diese Befürchtung begründet in der Epoche einen tiefen Pessimismus. Ihm kann am ehesten durch die konsequente Orientierung am Vorbild der alten Germanen einschließlich der Bajuwaren und des Urchristentums entgegengetreten werden. Von deren Idealen hat sich die Gegenwart weit entfernt.

Die Annales ducum Boiariae stehen voll im Bann des deutschen Frühnationalismus, in den der bayerische Patriotismus eingebettet wird. Auch die Bajuwarenfürsten seien oftmals musterhafte Landesherrn gewesen. Diese Erkenntnisse seien aus der Historie als entscheidende moralische Lehren zu ziehen. Der Geschichte wird eine wichtige Funktion als historia magistra vitae für die Gestaltung einer gedeihlichen Gegenwart und auch Zukunft zugeschrieben. Trotz der deutlichen Kirchenkritik erkennt Aventinus der Konfessionsfrage in den Annales ducum Boiariae bei weitem noch nicht die Bedeutung zu wie in späteren Schriften, weil er im Bemühen um die wahre Religion (vera religio) noch immer von der Wahrung der Einheit der Kirche ausgeht.

Die historische Methode

Die Annales ducum Boiariae sind für die Untersuchung der Arbeitsweise Aventinus die optimale Grundlage, weil er hier genauere Angaben zu den beigezogenen Quellen und der Art ihrer Benützung einbaute. Gerade diese Schrift belegt seinen Beitrag zur Weiterentwicklung der historischen Arbeitstechnik. Sie macht ihn zu einem der Begründer der quellenbasierten und methodenorientierten Geschichtswissenschaft der Neuzeit.

Innovativ ist sein Umgang mit den Zeugnissen der Vergangenheit. Durch seine systematische Sammeltätigkeit hat Aventinus die Quellenbasis geradezu sprunghaft ausgeweitet. Seine gezielte Suche in der gesamten Fläche des Landes war zwar nicht völlig neu; so sind auch einzelne Zeitgenossen verfahren. Aber die Fülle der Neuentdeckungen ist einzigartig. Das gilt vor allem für die bayerische, aber auch die deutsche und selbst die römische Geschichte. Darunter befinden sich Dokumente von herausragender Bedeutung. Nie ist in der Quellenkenntnis in Bayern ein größerer Sprung gemacht worden.

Von Aventinus angefertigte Abschrift einer Inschrift auf einem Epitaph, das Lucius Olpius Occa für sich und seine Angehörigen errichten hat lassen, Aventini adversariorum tomus II, 13 r. (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 967)

Neu ist die Öffnung des Blickes über die berichtenden Zeugnisse der Annalen, Chroniken und Viten hinaus auf das dokumentarische Schrifttum der Urkunden, Rechtsquellen oder Verwaltungsunterlagen. Doch fanden auch Erzählstoffe der mündlichen Tradition wie Mythen und Sagen Berücksichtigung. Ebenfalls wurden sprachliche und volkskundliche Befunde einbezogen. Entscheidend ist die Ausweitung des Quellenbegriffs über die schriftliche Überlieferung hinaus auf Sachquellen wie Bauten, Münzen, Inschriftentafeln, Wappensteine, Gemälde. Selbst Geländebefunde wie der Limes fanden nun erstmals Beachtung. Aventinus bekannte sich damit zur Systematik der Quellen mit den Großgruppen der Texte, Gegenstände und Tatsachen.

Zu deren Bearbeitung entwickelte er Prinzipien der Quellenkritik. Er erkannte den Gattungen unterschiedliche Aussagekraft zu, indem er die Parteilichkeit der erzählenden Chronisten von der nüchternen Aussage der Dokumente abhob. Großen Nachdruck legte er auf das Kriterium des Alters und suchte gezielt nach möglichst zeitgleichen Belegen. Weiterhin bemühte er sich mit ungewöhnlichem Einsatz immer um dem Geschehen örtlich nahestehende Zeugnisse. Wenn Zeit und Ort in Widerspruch gerieten, gab er überraschend oft letzterem den Vorzug. So stützt er bei der Schilderung der Anfänge der Stadt Aichach hauptsächlich auf Mitteilungen seines in dieser Stadt gebürtigen Ingolstädter Kommilitonen Johannes Hell (Haelius) und übergeht damit die entsprechenden Einträge in den mittelalterlichen Annalen. Im Allgemeinen begann er jedoch, im fruchtbaren Austausch mit Fachkapazitäten, die ermittelten Zeugnisse nach methodischen Kriterien zu gewichten. Sie konnten in der Folgezeit weiterentwickelt werden. Aufbauend auf dieser Tatsache zählen ihn mehrere geschichtliche Grundwissenschaften wie die Archäologie, die Diplomatik, die Epigraphik, die Heraldik, die Volkskunde, die Paläographie oder die Chronologie zu ihren Wegbereitern. Auch wenn manche seiner Aussagen zwischenzeitlich als unhaltbar erwiesen sind, wird er zu den Gründungsvätern des methodisch fundierten Umganges mit den Geschichtsquellen in Deutschland gezählt.

Doch hat Aventinus über der Kritik den Darstellungsstil nicht aus dem Auge verloren. Geschichtsschreibung hat für ihn immer auch eine ästhetische Komponente und literarische Qualität. Sie muss die ermittelte Wahrheit in gut lesbarer und Interesse weckender Form darbieten. Aventinus tritt für die literarische Richtung in der europäischen Historiographie ein. Während das Geschichtsbild in manchem zurückgewandt erscheint, weist die zugrunde liegende Methodik unter starker Beeinflussung des italienischen Humanismus deutlich in die Zukunft.

Die Bayerische Chronik

In seiner Bayerischen Chronik charakterisiert Johannes Aventinus den gemeinen Mann. Titelblatt einer Ausgabe von Aventins Bayerischer Chronik aus dem Jahr 1566. (Bayerische Staatsbibliothek, Res/2 Bavar. 69)

Sofort nach Abschluss der Annales ducum Boiariae begann Aventin in Fortsetzung der Tradition der Zweisprachigkeit, aber mit deutlich verminderter Zielstrebigkeit mit der Anfertigung der in deutscher Sprache geschriebenen 'Bayerischen Chronik'. Beide Fassungen entsprechen sich in Aufbau und Inhalt, unterscheiden sich hauptsächlich im Duktus der Darbietung. Die volkssprachliche Version kennzeichnet eine der Wirkungsabsicht zuliebe verstärkte Lebendigkeit, die durch die reformatorische Bewegung verursacht wurde. So entstand keine Übersetzung, sondern weithin eine Neubearbeitung mit eigener, weit über die Historie hinausreichender Zielsetzung. Das bemerkenswerte Denkmal der frühneuhochdeutschen Sprache fand große Verbreitung.

Rezeption

Beim Blick auf die Rezeption Aventinus sind zwei Entwicklungsstränge auseinander zu halten. Die starke Wirkung in der Öffentlichkeit beruht in erster Linie auf der 'Bayerischen Chronik'. Für die Nachwirkung in der historischen Fachwelt waren die Annales ducum Boiariae das wichtigere Werk. Von ihnen ging in Deutschland auf Jahrhunderte hin ein bestimmender Einfluss auf das historische Denken und Arbeiten aus. Die von den zwei Hauptwerken vermittelten unterschiedlichen Impulse begründeten im Zusammenwirken die berechtigte Einordnung des Historiographen als "Vater der bayerischen Geschichte".

Literatur

Quellen

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Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Alois Schmid, Annales ducum Boiariae (Johannes Aventinus, 1521), publiziert am 18.05.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Annales_ducum_Boiariae_(Johannes_Aventinus,_1521)> (19.05.2026)