Bayerische Landeschronistik

Bild eines bayerischen Herrschers in der Bayrerischen Chronik von Ulrich Füertrer (um 1430-1496) (Bayerische Staatsbibliothek).
Johannes Thurmair, genannt Aventinus (1477-1534). Stich von Theodor de Bry (1528-1598)(Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv).
Die erste Seite von Aventins "Bayrischer Chronik" die zwischen 1522 und 1533 entstand (Bayerische Staatsbibliothek).

von Stefan Dicker

Die Landeschronistik war eine historiographische Gattung des 15. Jahrhunderts, in der die Geschichte eines Landes von ihren antik-mythologischen Ursprüngen bis in die nähere Vergangenheit behandelt wurde. Die Entstehung der Landeschronistik im Spätmittelalter spiegelt das Erstarken der Territorien im Reich und die Entstehung von Landesbewusstsein wider und läuft damit parallel zur Entwicklung der reichsstädtischen Chronistik (etwa in Augsburg und Nürnberg) und der Bistumshistoriographie. Die Landeschronistik entwickelte sich in Altbayern ab Beginn des 15. Jahrhunderts und fußte wie in anderen Regionen des Reichs auf der Universalchronistik, die im Rahmen der Territorialisierung an Bedeutung verlor.

Herrschaftskontinuität als formale Grundlage der bayerischen Landeschronistik

Grundlegend für die spezifische Entwicklung der bayerischen Landeschronistik war, dass mit den Wittelsbachern eine Dynastie alleine in den bayerischen Teilherzogtümern herrschte und sich das Territorium kontinuierlich aus dem Kernland des älteren Stammesherzogtums entwickelte. Die Landeschronisten konnten die Geschichte Bayerns daher anhand der Abfolge der Fürsten darstellen, wobei sie eine Einheit von Land und Dynastie durch genealogische Fiktionen insbesondere bei Brüchen zwischen Dynastien konstruierten. Dementsprechend kompilierten die Chronisten neben klassischen historiographischen Quellen auch genealogische Überlieferungen wie etwa die Scheyerer Fürstentafel aus dem Hauskloster der Wittelsbacher. Für die Darstellung der näheren Vergangenheit konnten die Landeschronisten nicht auf ältere Chroniken zurückgreifen, sondern mussten die Darstellung selbst konzipieren und sich dabei häufig auf mündliche Überlieferung oder auf eigene Wahrnehmung stützen. Daher reichen die Landeschroniken selten bis in die Gegenwart, sondern enden meist früher. Dies bot für Abschreiber die Möglichkeit, mit eigenen, weit kritischeren Bewertungen über die Herzöge ihre Vorlagen fortzusetzen.

Die Konstruktion einer ununterbrochenen Herrschaftssukzession diente vorrangig der formalen Gestaltung; eine identitätsstiftende Wirkung beim Publikum war nicht das primäre Ziel der Autoren. Vielmehr bildete die Abfolge der Fürsten den Rahmen, in dem die Landeschronisten episodenweise die Geschichte Bayerns mit ihren individuellen moralischen Normen und Fürstenbildern beurteilten. Gerade die Werke der vier bedeutendsten bayerischen Landeschronisten – Andreas von Regensburg (vor 1393–1442/48), Hans Ebran von Wildenberg (Ende 1420er-1501/03), Ulrich Fuetrer (um 1430–1496) und Veit Arnpeck (Ende 1430er–1496) – unterscheiden sich sehr stark in ihren Kriterien, mit denen sie die Ereignisse aus Gegenwart und Vergangenheit beurteilten.

Die Abfolge der Herzöge bildete den formalen Rahmen, und einige Chronisten widmeten ihre Werke einem Fürsten. Anhand dieses Befunds schloss der französische Historiker Jean-Marie Moeglin (geb. 1955) in den 1980er Jahren, dass die bayerische Landeschronistik primär der Herrschaftslegitimation der Wittelsbacher in Bayern sowie als politische Propaganda einzelner Fürsten dienen sollte. Die Forschung zur spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung in Deutschland rezipierte diese These breit. Inzwischen gilt sie jedoch als überholt, da sie Faktoren wie den biographischen Hintergründen von Chronisten und den Eigenheiten des Mediums Chronik sowie dem hohen Aufwand beim Kompilieren und der geringen Zahl und langsamen Verbreitung der Handschriften nicht gerecht wird. Die Chronisten nutzten die Abfolge der Herzöge vielmehr, ihr jeweiliges Fürstenideal zu präsentieren, dem die zeitgenössischen Wittelsbacher allerdings kaum entsprachen.

Vorläufer der Landeschronistik in Bayern bis 1400

Nachrichten über vergangene Ereignisse in Bayern sind insbesondere durch Klosterannalen überliefert. So berichtet etwa Hermann von Niederaltaich (1201/02-1275) in seinen Annalen über viele dynastische Ereignisse aus Bayern, berücksichtigte aber genauso das säkulare und geistliche Zeitgeschehen im Reich und in Europa. Parallel dazu entstanden in den Klöstern Fürstenreihen, die die Landeschronisten im 15. Jahrhundert ausgiebig für ihre genealogischen Konstruktionen als Quellen nutzten.

Die Fokussierung auf das Kaisertum Ludwigs des Bayern (reg. 1314-1347) bestimmte im 14. Jahrhundert die Entwicklung der Geschichtsschreibung in Bayern. Die Chronisten konzentrierten sich in ihren Werken auf das Reich, während sie die Entwicklung Bayerns auch nach dem Tod des Kaisers im Jahr 1347 weitgehend außer Acht ließen.

Die Bayerischen Chroniken des Andreas von Regensburg

Im Auftrag des Ingolstädter Herzogs Ludwig des Bärtigen (reg. 1413-1447) verfasste Andreas von Regensburg, Augustiner-Chorherr in St. Mang in Stadtamhof, von 1425 bis 1428 die erste bayerische Landeschronik, und zwar sowohl in einer lateinischen als auch in einer deutschen Fassung. In seinem Werk versuchte Andreas von Regensburg, gezielt Einfluss auf seinen Auftraggeber zu nehmen, dessen Politik gegenüber seinen Vettern er in anderen Werken häufig scharf kritisierte.

Andreas von Regensburg übernahm dabei hauptsächlich Passagen aus seiner 1422 vollendeten Universalchronik. Für seinen Auftraggeber unliebsame Episoden, wie Ursache und Verlauf des Bayerischen Krieges (1420-22), verkürzte er. Neu hinzu kam ein eigens formulierter Abschnitt über den Hausvertrag von Pavia (1329), in dem er die Großzügigkeit Ludwigs des Bayern gegenüber seinen Neffen betonte. Damit wollte Andreas von Regensburg die kompromisslose Haltung seines Auftraggebers im Konflikt um das seit 1425 verwaiste Teilherzogtum Niederbayern-Straubing-Holland mit der konzilianten Haltung des bedeutenden Vorfahren kontrastieren.

Die Handschriften der Bayerischen Chroniken des Andreas fanden durch Abschriften große Verbreitung. Als Grundlage für eigene Werke benutzte sie in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts etwa Georg Hauer (1440-nach 1491). Für die folgenden Generationen bayerischer Landeschronisten waren die Werke des Augustiner-Chorherrn grundlegend.

Die formale Vervollkommnung durch Ulrich Fuetrer und Hans Ebran von Wildenberg

Die nächsten eigenständigen bayerischen Landeschroniken entstanden ein halbes Jahrhundert nach Andreas von Regensburg durch den Münchner Maler und Literaten Ulrich Fuetrer und Hans Ebran von Wildenberg. Beide verfassten ihre Werke auf Deutsch und konnten so ein breiteres Publikum erreichen. Während es in der Abfolge der bayerischen Fürsten bei Andreas von Regensburg noch Brüche gab, konnten Fuetrer und von Wildenberg diese Lücken schließen und gliederten ihre Werke stringent nach Generationen und Linien der Wittelsbacher. Mit ihnen erreichte die Landeschronistik in ihrer dynastisch-gegliederten Form um 1480 ihren Höhepunkt. Obwohl Ulrich Fuetrer und Hans Ebran von Wildenberg bei ihren Chroniken eng zusammenarbeiteten, unterscheiden sich diese sehr stark im Hinblick auf das jeweilige Fürstenbild.

Ulrich Fuetrer war am Münchner Hof durch die Neudichtung von Gralsepen bekannt, als er von Albrecht IV. (reg. 1465-1508) den Auftrag für eine bayerische Chronik erhielt. Seinen früheren literarischen Werke entsprechend, stand bei Fuetrer der heroisch-ritterliche Fürst im Mittelpunkt. Von den zeitgenössischen Fürsten hob er den Landshuter Herzog Ludwig den Reichen (reg. 1450-1479) und den pfälzischen Kurfürst Friedrich den Siegreichen (reg. 1451-1476) hervor. Seinen ursprünglich für die geistliche Laufbahn bestimmten Auftraggeber Albrecht IV. berücksichtigte er nur in den Vor- und Nachworten, da er dem Bild Fuetrers vom ritterlichen Fürsten nicht entsprach.

Hans Ebran von Wildenberg stand jahrzehntelang in Diensten der Landshuter Herzöge und war als Hofadliger mit dem Zeitgeschehen bestens vertraut. Im Gegensatz zu Ulrich Fuetrer stand bei ihm ein sittenstrenger, moralisch einwandfreier Fürst im Mittelpunkt – ein Bild, dem sein langjähriger Dienstherr Georg der Reiche nicht entsprach. In der Forschung galt der niederbayerische Adelige lange als ständischer Vertreter der Geschichtsschreibung, allerdings überwiegt in seiner Bayerischen Chronik die Perspektive als Hofadliger. Neben seinem Wissen über das Leben bei Hofe zeichnete ihn die straffe Gliederung seiner Chronik aus, weshalb statt Kopien von Textbausteinen aus älteren Werken Neuformulierungen notwendig waren.

Veit Arnpeck und die Wende zum Humanismus

Der Geistliche Veit Arnpeck aus Landshut schrieb über ein Jahrzehnt nach Ulrich Fuetrer und Hans Ebran von Wildenberg eine lateinische und deutsche Landeschronik. Er setzte im historischen Teil neue inhaltliche Akzente, indem er die Rolle der Landstände stärker betonte und auch über Ereignisse berichtete, die sich wie etwa Seuchen und Teuerungen stark auf das Leben der Bevölkerung auswirkten. Anders als seine Vorgänger hatte er keine Verbindungen zu den herzoglichen Höfen in München und Landshut. Er widmete sein Werk dem Freisinger Bischof Sixtus von Tannberg (reg. 1474-1495), mit dem er allerdings ebenfalls nicht in Kontakt stand.

Mit Veit Arnpeck begann die Entwicklung der Landeschronistik hin zur humanistischen Geschichtsschreibung. Er griff humanistische Themen und Formen auf, war jedoch methodisch noch weitgehend ein mittelalterlicher Kompilator. Angeregt durch die "De Europa" Enea Silvio Piccolominis (Papst Pius II., reg. 1458-1464) und durch die 1493 erschienene Schedelsche Weltchronik, verfasste er die erste Landesbeschreibung innerhalb einer Bayerischen Chronik. Während seine Vorgänger Bayern hauptsächlich durch die kontinuierliche Abfolge von Fürsten definierten, stellte Arnpeck das Land in den Mittelpunkt seiner Landeschronik. Nach dem Vorbild Arnpecks verfassten weitere Geistliche Landesbeschreibungen, so etwa der Benediktiner Veit von Ebersberg (gest. 1512) in seinem "Cronicon Bavarorum", einer Mischform aus Universal- und Landeschronik, sowie der Vornbacher Abt Angelus Rumpler (1460/62–1513) in den "Gestarum in Bavaria libri VI" über den Landshuter Erbfolgekrieg von 1504/05.

Am Ende der Entwicklung von der mittelalterlichen zur humanistischen Geschichtsschreibung in Bayern stand Johannes Thurmair, genannt Aventin (1477-1534). Er verfasste zwei Chroniken über Bayern, die "Annales ducum Boiariae" (1519-1521) und die "Bayerische Chronik" (1522-1533). Von ihren Vorgängern unterscheiden sich seine Werke durch die viel breitere Quellenbasis, die nicht nur historiographische Quellen, sondern auch Überreste einbezog, und durch die kritische Methode, die ein deutlicher Fortschritt gegenüber der mittelalterlichen Kompilation der Landeschronisten des 15. Jahrhunderts war.

Landeschronistik in Franken und Schwaben

Die territorialen Verhältnisse unterschieden sich in Schwaben und Franken grundlegend von den Verhältnissen in Altbayern. Statt der Herrschaft einer Dynastie waren Schwaben und Franken in kleinere Territorien und viele Reichsstädte zersplittert. Analog den territorialen Verhältnissen entwickelte sich eine reichhaltige Chronistik in den Reichsstädten wie etwa in Augsburg oder in Nürnberg, in denen die Gegenwart und die Vergangenheit der Stadt im Mittelpunkt standen. Trotz der Erinnerung an die Stammesherzogtümer spielten diese in den Werken bei weitem nicht die Rolle wie das Land in der Landeschronistik Altbayerns.

Literatur

  • Stefan Dicker, Landesbewusstsein und Zeitgeschehen. Studien zur bayerischen Chronistik des 15. Jahrhunderts (Norm und Struktur 30), Köln 2009.
  • Hubert Glaser, Wissenschaft und Bildung im Spätmittelalter, in: Andreas Kraus (Hg.)/Max Spindler (Begr.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 2. Band: Das Alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 2. Auflage 1988, 805-860.
  • Jean-Marie Moeglin, Dynastisches Bewußtsein und Geschichtsschreibung. Zum Selbstverständnis der Wittelsbacher, Habsburger und Hohenzollern im Spätmittelalter (Schriften des Historischen Kollegs. Vorträge 34), München 1993.
  • Jean-Marie Moeglin, Les ancêtres du Prince propagande politique et naissance d'une histoire nationale en Bavière au Moyen Âge, Genf 1985.
  • Michael Müller, Die Annalen und Chroniken im Herzogtum Bayern 1250-1314 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 77), München 1983.
  • Hans Patze (Hg.), Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter (Vorträge und Forschungen 31), Sigmaringen 1987.
  • Matthias Werner (Hg.), Spätmittelalterliches Landesbewusstsein in Deutschland (Vorträge und Forschungen 61), Stuttgart 2005.

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Landeschronistik, landesherrliche Historiographie, Geschichtsschreibung, Hofhistoriographie

Empfohlene Zitierweise

Stefan Dicker, Bayerische Landeschronistik, publiziert am 06.03.2013; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayerische Landeschronistik> (22.09.2017)