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Würzburg, Festung Marienberg

von Christian Leo

Perspektivischer Plan der Festung Marienberg. (© Bayerische Schlösserverwaltung, Verena Fleischmann)

Der Marienberg ist in religiöser, politischer und militärischer Hinsicht seit der Vor- und Frühgeschichte einer der bedeutendsten Zentralorte Ostfrankens, was archäologische Funde und die frühesten Schriftquellen bestätigen. Vor allem als Residenz der Würzburger Fürstbischöfe von 1229 bis 1720 war er zu deren Blütezeiten reichsweit bewundert und geschätzt. Als Landesfestung konnte er sich bis zur Entfestigung 1867 kontinuierlich an aktuelle militärische Erfordernisse anpassen. Da fast jeder Herrscher einen baulichen Beitrag leistete, ist die Siedlungs- und Befestigungsgeschichte äußerst vielschichtig und reflektiert exemplarisch nahezu alle innovativen militärtechnischen und architektonischen Entwicklungen Europas. Trotz enormer Verluste an historischer Bausubstanz im 19. und 20. Jh. stellt dieses Wahrzeichen der Region ein eminent wichtiges Baudenkmal dar.

Keltische Überreste und frühgeschichtliche Herzöge

Attische Keramik, die auf dem Marienberg gefunden wurde. Es handelt sich um Bruchstücke von attischen Krateren und Schalen, also um Trink- und Mischgefäße, wie sie in Griechenland bei festlichen Trinkgelagen verwendet wurden. Alle Scherben können auf die Zeit zwischen 530 und 480 v.Chr. datiert werden. (Fotoarchiv Museum für Franken in Würzburg, Leihgabe der Stadt Würzburg)

Strategisch bedeutend ist der Marienberg als ein Nadelöhr bei der Durchquerung des Maindreiecks, einer klassischen Durchgangslandschaft. Er befindet sich im Zentrum eines Tals, das jeder Reisende nach Überquerung des Mains passieren musste, der nach Süden und Westen gelangen wollte. Steilhänge nach drei Seiten ermöglichen eine effiziente Verteidigung. Dies betrifft die Frontseite, den Norden und Osten, sowie die Rückseite, den Südwesten. Nur im Nordwesten konnte der Marienberg über flache Anstiege erreicht werden. Hier befinden sich die Zugangstore und vorgelagerte Höfe, während die Ostseite das Zentrum der Anlage darstellt. Keltische Trockenmauern verdeutlichen, dass der Bergkamm hier durch Terrassierung künstlich zu einem Höhenplateau verbreitert wurde. Eine kontinuierliche Besiedlung seit dem 13. Jahrhundert v. Chr. lässt sich archäologisch nachweisen. Die Funde für das 4. Jahrhundert erfüllen viele Kriterien eines "keltischen Fürstensitzes": Gleich mehrere Scherben griechischer Herkunft unterstreichen die überregionale Bedeutung. Keltischen Ursprungs ist auch der Name "Wirceberg" (letztmalig 1227 so genannt), der "Jungfrauenberg", was spätere Benennungen wie "Unser Liebfrauenberg" bzw. "Marienberg" aufgreifen. Sie verweisen auf die Verehrung einer heidnischen Göttin, die ins Christliche übertragen wurde. So spricht viel für einen kontinuierlichen Übergang an die Germanen, auch wenn aussagekräftige Quellen fehlen. Ein fränkisches Herzogsgeschlecht mit großem Einfluss auf Thüringen, die sog. Hedenen, beherrschte bis ins 8. Jahrhundert das mittlere Maintal und nutzte den Marienberg als "Bollwerk und Hauptstadt von ganz Ostfranken" (Ekkehard von Aura, Vita sancti Burkardi, Zitat der Narratio einer zeitgenössischen Urkunde). Er bildete die Keimzelle der Stadt, das Alt-Würzburg, das der hl. Kilian aufsuchte und das als "Castellum Virteburch" 704 urkundlich erwähnt wird. Das Wissen über diese Epoche basiert im Schwerpunkt auf Schriftquellen, die sich kaum mehr archäologisch überprüfen lassen, da die betreffenden Kulturschichten in der Renaissance abgetragen wurden.

Das Imminakloster, die Bistumsgründung und Propstei St. Burkard

Unter dem Eindruck der christlichen Mission widmeten die Herzöge ihr Handgemahl (= standesbegründendes Stammgut) bald zur Klosteranlage um. Das Zentrum bildete die als Eigenkirche 706 errichtete Marienkirche (Anonymi Chronicon Wirzeburgense, vermutlich Lupold von Bebenburg, ca.1340). Als ältestes Gotteshaus Würzburgs ist sie ein frühchristlicher Zentralort, an dem sich die herzogliche Familie durch Kilian taufen ließ. Erste Äbtissin war Immina (gest. ca. 750), die Tochter des letzten Herzogs Hetan. Noch vor Gründung des Bistums 741/42 bot sie dem designierten Bischof Burkard (gest. 754) diese symbolträchtige Stätte an, so dass er Würzburg zum Bischofssitz machen konnte. Erste Kathedralkirche wurde die Marienkirche, in die er 743/44 die Kiliansreliquien transferieren ließ. Nach nur drei Jahren verlegte er aber das religiöse Zentrum auf die andere Mainseite. Für die Betreuung des Marienbergs stiftete er um 750 das Benediktinerkloster St. Andreas, das spätere St. Burkardsstift. Als Gründungsgut erhielten die zwölf Mönche alle Besitztümer des Imminaklosters, im Schwerpunkt den Berg selbst. Dessen Kirche erscheint 986/88 als Zentrum der Pfarrei Alt-Würzburg, die ihre Toten dort bestattete. Zu dieser Zeit wurde St. Burkard zum Patron des Klosters gemacht, was dessen Ansehen und Einkünfte steigerte. So entstand nach 1000 die Rotunde der jetzigen Marienkirche, die auf älterem Mauerwerk aufsitzt. Weitere Klosterbauten schlossen sich im Norden an. Der Zuwachs an Mönchen führte zur Gründung einer Propstei, die erstmals 1198 genannt wird.

Die mittelalterliche Höhenburg der Würzburger Bischöfe

Plan vom Fürstenbau. (Christian Leo auf Grundlage von Plänen des Hochbauamtes Würzburg)
Der Bergfried, 2015. (Foto von Lars Kimpel lizenziert durch CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

1125 waren die Befestigungen des alten Kastells unbrauchbar. So konnte der umstrittene Bischof Gebhard von Henneberg (reg. 1122-1127), den die Würzburger ausgesperrt hatten, zwar die Stadtmauern nicht überwinden, wohl aber zeitweise den Marienberg besetzen. Seine Nachfolger gerieten in die Abhängigkeit der Staufer, die ihnen zwar 1168 einen Herzogstitel verliehen, dafür aber treuen Gehorsam und teuren Reichsdienst verlangten. Als Konrad von Querfurt (reg. 1198-1202) sich gegen den Kaiser stellte, befestigte er 1201 den Marienberg. Das neue Kastell bot den Bischöfen erstmals Sicherheit und Unabhängigkeit, nachdem sie in der Stadt zuvor oft lokalen und kaiserlichen Einmischungen ausgeliefert waren. Bischof Hermann von Lobdeburg (reg. 1225-1254) baute ab 1229 den Marienberg weiter aus und siegelte fortan "bei Würzburg". Akuter Anlass war die prostaufische Bürgerschaft, die Würzburg militärisch dominierte und deren Einfluss im Interregnum wuchs. Das 1242 erstmals erwähnte "castrum beatae Mariae Virginis" betrachteten die Bürger als illegitim errichtete Bedrohung. Als ihnen 1247/48 die Gefangennahme des Bischofs glückte, war ihre wichtigste Forderung die Preisgabe des Kastells. Es richtete sich zunächst nicht aktiv als Zwingburg gegen die Bürger, sondern ist vielmehr Ausdruck zunehmender Machtkonsolidierung.

Ca. 1229 entstand der Palas mit Reichssaal, Dürnitz (= Rittersaal, Hofstube) und Freitreppe. Er setzte in der Nordostecke an die Propstei an. Südlich davon befand sich die Kemenate (= warme, zumeist beheizbare Wohnräume) des Bischofs. Weitere romanische Bauten sind ein 102,5 m tiefer Brunnen sowie der sog. Bergfried. Von zentraler Bedeutung war zudem der Wedturm beim Eingangstor und der Schoderturm von 1308 im Südosten. In dem freistehenden Donjon (= bewohnbarer Wehrturm) waren mit Archiv und Silberkammer die wichtigsten Machtinstrumente verwahrt. Mehrere Haupttürme sowie der gewaltige Baukörper mit der Grundfläche der jetzigen Hauptburg erwecken den Eindruck einer Ganerbenburg mit weiteren Wohnparteien. Sprössling einer dieser Burgmanndynastien war Bischof Otto von Wolfskeel (reg. 1333-1345). Seine militärische Expertise führte zur Verstärkung der mittelalterlichen Hochmauer durch eine vorgeschaltete niedrigere Zwingermauer. Nach Westen, der Flachseite des Berges, trennte ein künstlich angelegter tiefer Halsgraben die Hauptburg vom Vorhof. Erstmals erwähnt wird er ca. 1320 als Zielpunkt einer Quellwasserleitung aus dem benachbarten Höchberg. Die Siedlung wuchs, da die Bischöfe von 1229 bis wenigstens 1340 auf dem Marienberg residierten. Ihr Streit mit den Bürgern verschärfte sich. 1374 belagerten sie die Burg, die ihrerseits erstmals mit Kanonen die Stadt beschoss. Aus den militärischen Erfolgen schlugen die Bischöfe wenig Profit. Wesentlicher war, die materiellen Grundlagen ihrer Macht – Urkunden und Vermögen – vor Fremdkontrolle zu schützen. In dieser Hinsicht scheiterte v. a. Bischof Johann von Brunn (reg. 1411-1440): Der hochverschuldete Bischof war 1432 gezwungen, den Marienberg der Ritterschaft zu übergeben, die ihm danach systematisch die Nutzung seiner verbrieften Herrschaftsrechte erschwerte. Symbolisch sollte der Burghauptmann den zentralen Verwaltungsbau an der Nordflanke, das "Hohe Haus", in diesem Jahr als Mannlehen erhalten.

Die Landesburg des Rudolf von Scherenberg und deren Erfolg im Bauernkrieg

Ansicht des Scherenbergtors nach dem Brand von 1840 noch ohne Dächer. Holzschnitt von Thomas Bauer von 1843. (Fotoarchiv Museum für Franken in Würzburg, Inventarnummer 47008, Leihgabe der Stadt Würzburg im Museum für Franken in Würzburg)
Das Scherenbergtor mit Kiliansturm auf der Festung Marienberg in Würzburg. (© Bayerische Schlösserverwaltung)

Bischof Rudolf von Scherenberg (reg. 1466-1495) gelang es, die Pfandschaften des Hochstifts auszulösen und die volle Souveränität über die Burg zu erlangen. Entscheidend war die Aufgabe der Propstei auf dem Marienberg als Folge einer Klosterreform von 1464. Der Bischof konnte nun die Anlage als Landesburg ausbauen. So wurde ein zweistöckiger Saalbau an der Nordostecke, der evtl. als Refektorium gedient hatte, mit dem Palas verbunden. 1482 wurde der Wolfskeelring für den Gebrauch von Feuerwaffen modernisiert und das Eingangstor, ursprünglich ein Torturm, durch zwei Kanonentürme verstärkt. Eine neue Hofstube nach Süden von 1477 und ein Zeughaus im Westtrakt verweisen auf einen militärischen Ausbau der gesamten Anlage.

Orientierungsplan von ca. 1525 mit schematischer Einteilung der Gebäude. (Christian Leo)

Bischof Lorenz von Bibra (reg. 1495-1519) bemühte sich um eine repräsentative Erneuerung des Fürstenbaus. Er erweiterte die Bischofswohnung um einen Raum, indem er die Lücke zum Donjon schloss. Den gewonnenen Platz nutzte er, um neben dem Palas ein "clein Sellein" mit Standerker zu schaffen, das als Ratsstube diente. Den einstigen Reichssaal degradierte er zum Raum für Stellvertreter und Vasallen, da für wichtige Gäste ein Kaisersaal im Obergeschoss entstand. Erschlossen wurde er 1511 über eine kunstvolle Wendeltreppe.

1525 geriet die Burg in den Sog des Bauernkriegs, wobei sie einer mehrwöchigen Belagerung mit schwerem Beschuss und zwei Sturmangriffen standhielt. V. a. dank der Überlegenheit an erfahrenen Büchsenmeistern konnte ein Missverhältnis von ca. 400 Verteidigern zu 15.000 Angreifern ausgeglichen werden. Der Defensiverfolg markierte einen ersten Wendepunkt im Lager der Aufständischen, in dem sich Zwietracht, Zweifel und Frustration verbreiteten. Der Angriff auf die Landesburg war ein Akt von Hochverrat. Auch viele Stadträte standen unter Anklage und wurden auf dem Marienberg inhaftiert, unter ihnen Tilman Riemenschneider (ca. 1460-1531). Der Preis des Sieges war eine v. a. an der Nordseite schwer geschädigte Anlage. Viele Gebäude waren von Grund auf zu erneuern. So baute Bischof Melchior Zobel (reg. 1544-1558) den oberen Saal im Nordosteck zum "Weißen Saal" aus, der Wedturm wurde abgetragen. Auch der Lustgarten am Nordhang wurde erstmals befestigt. 1523 entstand dort eine Steinmauer mit Zugangstor, flankiert durch ein Rondell.

Das Renaissanceschloss des Julius Echter und sein Schicksal im 30-jährigen Krieg

Visierung der Festung Marienberg zur Zeit des Julius Echter mit zum Teil noch nicht ausgeführten Bauvorhaben. Kupferstich von Johann Leypold 1603. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)
Die Echterbastei von 1605, ursprünglich mit Brüstung, nachträglich überdacht, begrenzt von zwei Bollwerken in älterer italienischer Befestigungsmanier. (Foto von Jan, 2020 lizenziert durch CC BY-NC-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons)
Das Michaelstor, ursprünglich eine Zugbrücke, im Zentrum der Echterbastei mit der Statue des Erzengel Michael, der Luzifer stürzt, ein gegenreformatorisches Bild für den Sieg gegen den Unglauben. Photographie von 2014.(Foto von Hajotthu lizenziert durch CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)
Dem Webertor von Zittau vorgelegtes Hornwerk. Ein ähnliches Hornwerk wurde während der schwedischen Besatzungszeit 1631-1634 vor den Graben des Nordwestturms der Echterbastei platziert und ersetzte den dort zuvor errichteten Halbmond. Die Halbbastionen (Hörner) des Vorwerks richteten sich nach Norden aus, dazwischen lag ein Zugang zur Burg. Um diesen zu erreichen musste man an einer Halbbastion vorbei, die zugleich als Wachposten diente. Wegen des spitzen Winkels hieß er das "Scharfe Eck". Mit dem bastionären Ring verbunden wurden daraus die Bastionen "Cäsar", "Wer da?" sowie das Schönborntor. Mattäus Merian d. Ä. (Hg.), Theatrum Europaeum, Band 5, Frankfurt am Main 1651, Tafel 12.(Gemeinfrei über Wikimedia Commons)

Zwei verheerende Brände von 1572 und 1600 machten eine grundlegende Neugestaltung nötig. Damit wurde Bischof Julius Echter von Mespelbrunn (reg. 1573-1617) zum prägendsten Bauherrn des Schlosses, der dieses auch den Erfordernissen der Renaissance anpasste. Die Planungen leiteten Georg Robin (gest. 1592), Wolfgang Beringer und Jacob Wolff d. Ä. (1546-1612). Im neuen Glanz erstrahlte der Fürstenbau mit den Vorgängersälen und der Bischofswohnung. Komplett neu gestaltete er die Südostecke, wo sich seit 1391 die Küche befand. Über ihr entstand die Winterwohnung des Fürsten, der zweite Stock nahm seine Bibliothek auf. Ein Erker führte zur Kunstsammlung im Ostflügel. Die Kaiserzimmer wurden von dort verlegt und waren nun nordwestlich des Kaisersaals, der mit dem neu errichteten Marienturm verbunden wurde. Das gesamte Obergeschoss des Nordtraktes diente der Unterbringung von Gästen, im Westteil war das Kaiserinnengemach mit einem gewölbten sog. "schönen Saal". Den Abschluss bildete ein weiterer neuer Wohnturm, der Gabriel-, später Kiliansturm. Die Verteidigung verlagerte sich in den Vorhof, der zur Vorburg wurde. Das Gros der Geschütze nahm die Echterbastei von 1605 im Westen auf, die das Michaelstor schützte.

Wehrtechnisch überholt wurde die Anlage ein entscheidender Schauplatz des 30-jährigen Kriegs. Das Hochstift Würzburg wurde 1631 zum ersten Opfer des schwedischen Vormarschs unter König Gustav II. Adolf (reg. 1594-1632). Den Marienberg begriff er als Brückenkopf, um in Süddeutschland einzufallen. Der Eingangsbereich war immer noch die Achillesferse. Vor der Echterbastei war ein Halbmond mit Ausfallpforte (= einer Bastion vorgelagertes Erdbollwerk mit zwei zur Angriffsseite spitz zulaufenden Flanken) entstanden, 1629 erfolgte der Ausbau mit Steinmauern, er war aber noch nicht mit Erde ausgefüllt. 12.000 Angreifer erstürmten den Marienberg und konnten 600 panische Soldaten nahezu mühelos überwältigen. Dabei wurde kaum "Quartier" gewährt (= Gefangene machen). Statt dessen wurde die Devise vom "Magdeburger Quartier" ausgegeben, i. e. keine Gnade. Auch viele Flüchtlinge kamen ums Leben, v. a. in der Marienkirche. Die Schweden machten reiche Beute, auch weil alle Schätze der Region dort verwahrt wurden. Gustav Adolf wollte den Marienberg möglichst intakt übernehmen und modernisieren. Er und sein Ingenieur Freytag entwickelten einen Plan, der in der gesamten Besatzungszeit verfolgt wurde. Aus dem Halbmond wurde ein Hornwerk mit Halbbastionen nach Norden und vorgelagerten Erdwällen nach Westen. Den Aufgang bewachte zudem ein "Neues Werk" im Tal. Als ihre Herrschaft in Süddeutschland 1634 kollabierte, verteidigten die Schweden den Marienberg zunächst, übergaben ihn aber 1635 an den Würzburger Bischof "im Akkord" (= einvernehmlich nach Verhandlungen).

Die barocke Reichsfestung des Johann Philipp von Schönborn

Mit Johann Philipp von Schönborn (reg. 1642-1673) erhielt das Hochstift den dritten Bischof, der es während einer langen Amtszeit aus einer existentiellen Krise führte und gleichzeitig den Marienberg als Bauherr entscheidend prägte. Vor dem Hintergrund von Elend, Hunger und drohendem Totalruin waren starke Festungswerke für ihn der Hauptgarant für Stabilität, Wohlstand und eine aktive Bündnispolitik. Er knüpfte dabei an die Pläne der Schweden an und übernahm deren Baumeister Michael Kaut (1582-1666), den Johann Georg Fernauer 1649 ablöste. Der Marienberg wurde nach militärischen Maßgaben umgeformt und mit innovativen Bastionen versehen, die von Herrschern hoch geschätzt und von Experten häufig visitiert wurden. 1643 bis 1649 wurde das Neue Werk ausgebaut und mit den höheren Stellungen verbunden. Der einstige Lustgarten wurde so zu einem neuen Vorhof. Hier entstand 1653 als prunkvolles Hauptportal das Neutor. Ein bastionärer Ring von 1649 bis 1656 sollte die veralteten Zwingermauern ablösen. Die Baustelle begann in der Südostecke und wanderte gegen den Uhrzeigersinn um die Burg. Das Hornwerk, 1649 mit dem Schönborntor versehen, wurde dabei integriert. Dadurch ergab sich ein Vorhof, in dem 1708 bis 1719 das Neue Zeughaus entstand. Die Wasserversorgung stellte seit 1656 eine Mühle bei St. Burkard sicher. Die neuen Wälle und Terrassen nach Westen gestatteten es, hier einen zweiten Aufgang anzulegen, der beim Höchberger Tor (1684) begann. Geschützt wurde es durch den Niederwall und einen Ravelin (1673 bis 1684). Zwei weitere traten im 18. Jahrhundert hinzu. Zuletzt sollten drei Außenwerke im Tal an sensiblen Punkten die Feindannäherung stören: Höllenschlund (1718), Teufelsschanze und Maschikuliturm (beide ca. 1728).

Verlust des Residenzstatus 1720 und die militärische Nutzung bis zur Entfestigung 1867

Balthasar Neumanns Lustfeuerwerk zu Ehren von Erzherzogin Maria Elisabeth anlässlich ihres Besuchs 1725. Kupferstich von Andreas Nunzer nach Vorzeichnungen Balthasar Neumanns. Abb. aus: Lorenz Fries, Geschichte, Namen, Geschlecht, Leben, Thaten und Absterben der Bischöfe von Würzburg und Herzoge zu Franken, auch was während der Regierung jedes Einzelnen derselben Merkwürdiges sich ereignet hat /2, Würzburg 1849, 399. (Bayerische Staatsbibliothek, Germ.sp. 147 s-2)

Der Marienberg bot genügend Kapazitäten für eine glanzvolle barocke Hofhaltung. Bemängelt wurden indes die hohen laufenden Kosten, so dass seit dem 30-jährigen Krieg mehrere Bischöfe in der Stadt residierten. Einen viel gerühmten Innenausbau erlebte das Schloss nicht nur in der Schönbornzeit, sondern v. a. unter Bischof Johann Philipp von Greiffenclau (reg. 1699-1719). Mit dessen Tod zog der Hofstaat endgültig ins Tal. 1725 wurden wie im Fall der Erzherzogin Maria Elisabeth von Österreich (1680-1741) noch große Gäste standesgemäß auf dem Marienberg untergebracht, der Neubau am Rennweg übernahm aber schrittweise diese Funktion und daher auch das Mobiliar. Begehrt und umkämpft war die Festung in den Koalitionskriegen. 1796 übernahmen die Franzosen sie zunächst kampflos, um sie nach einem Sieg Erzherzog Karls (1771-1847) bei Würzburg im selben Jahr wieder zu räumen. Anschließend kam es zweimal zu einer Belagerung mit schwerer Beschießung: 1800 konnten die kaiserlichen Truppen zunächst einen Defensiverfolg verbuchen, um danach die Stellung im Akkord aufzugeben. 1813/14 hielten die Franzosen einer längeren Blockade stand und handelten einen ehrenvollen Abzug aus.

Beschießung des Marienbergs und Brand des Zeughauses, 27. Juli 1866. Lithographie. (Fotoarchiv Museum für Franken, Leihgabe der Stadt Würzburg im Museum für Franken)

Neben den Kriegsschäden wurde die Festung v. a. durch die französischen und bayerischen Besatzungen geplündert und demoliert. Als sie 1814 an Bayern fiel, war sie in einem desolaten Zustand. Das bayerische Kriegsministerium wies ihr einen hohen strategischen Wert zu und setzte sie nach militärischen Vorgaben unter Preisgabe der historischen Bausubstanz instand. Verheerend war zudem ein Brand von 1840. Im Deutschen Krieg von 1866 nutzen die Preußen einen Schwachpunkt der Festung aus, als ihre Artillerie das Pulvermagazin im Neuen Zeughaus in Brand steckte. Dies brachte neue Kosten für Modernisierungen auf den Plan, insbesondere für detachierte Forts auf den umliegenden Hügeln. Der überbordende Investitionsbedarf führte 1867 zur Entfestigung.

Nachnutzung, Zerstörung und Wiederaufbau nach 1945

Zunächst blieb die Festung dem Militär v. a. als Kaserne erhalten. Sie diente 1870/71 und im Ersten Weltkrieg als Kriegsgefangenenlager. Der Armeeabbau nach 1918 führte zum Truppenabzug und Verfall der Anlage. Erst das NS-Regime drängte ab 1933 auf Wiederinstandsetzung. Mit Übernahme der Liegenschaft durch die Bayerische Schlösserverwaltung 1935 sanierte Rudolf Esterer (1879-1965) die Kernburg. Ziel war eine historisierende Rückführung in den Zustand der Echterzeit. 1938 eröffnete ein Museum zum Fürstenbau und zur Stadtgeschichte. Zugleich vereinnahmte die SA den Marienberg. 1933 wurden politische Feinde dorthin verschleppt und misshandelt, ab 1935 diente sie als SA-Hilfswerklager. Bei der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 ging v. a. die Hauptburg mit ihrer historischen Substanz verloren. Ihr Wiederaufbau dauerte bis 1982 und orientierte sich an der Arbeit Esterers. Zusätzlich entstanden ein Tagungszentrum und Depoträume des Staatsarchivs Würzburg. Leicht beschädigt blieben die Vorhöfe, in denen 1946 das ausgebombte Mainfränkische Museum unterkam.

Literatur

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  • Helmut Flachenecker/Dirk Götschmann/Stefan Kummer (Hg.), Burg – Schloss – Festung. Der Marienberg im Wandel (Mainfränkische Studien 78), Würzburg 2009.
  • Helmut Flachenecker/Dirk Götschmann (Hg.), Fürstensitz – Landesfestung – Kulturdenkmal. Neuere Forschungen zur Würzburger Festung Marienberg (Mainfränkische Studien 88), Baunach 2016.
  • Max Hermann von Freeden, Die Festung Marienberg zu Würzburg (Mainfränkische Heimatkunde 5), Würzburg 1952.
  • Werner Helmberger (Bearb.), Festung Marienberg Würzburg mit Fürstengarten. Amtlicher Führer, München 2013.
  • Dieter Heyse/Frank Feuerhahn, Hotspot der Hallstattzeit. Griechische Importkeramik auf dem Marienberg in Würzburg, in: Das Archäologische Jahr in Bayern (2016), 59-62.
  • Elmar Hofmann, Die unterirdischen Wehranlagen der Festung Marienberg in Würzburg. Eine Dokumentation, Würzburg 6. Auflage 2012.
  • Stefan Kummer, Ansichten des Schlosses Unser Lieben Frauen Berg zu Würzburg aus der Zeit Hartmann Schedels, in: Markus Frankl/Martina Hartmann (Hg.), Herbipolis. Studien zu Stadt und Hochstift Würzburg in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Publikationen aus dem Kolleg 'Mittelalter und Frühe Neuzeit' 1), Würzburg 2015, 321-342.
  • Rainer Leng, Bauern vor den Mauern. Technische und taktische Aspekte des Sturms auf die Festung Marienberg in Würzburg, in: Franz Fuchs/Ulrich Wagner (Hg.), Bauernkrieg in Franken (Publikationen aus dem Kolleg ,Mittelalter und Frühe Neuzeit‘ 2), Würzburg 2016, 141-180.
  • Christian Leo, Die Festung Marienberg um 1525. Versuch einer historisch-topographischen Rekonstruktion, in: Mainfränkisches Jahrbuch 61 (2009), 49-69.
  • Franz Seberich, Die Erstürmung des Schlosses Marienberg durch die Schweden 1631, in: Frankenkalender 1940, 87-116.
  • Franz Seberich, Die Wasserversorgung der Festung Marienberg zu Würzburg, in: Mainlande 10 (1959), 17-19, 29-39, 41-43, 45-47, 50-55, 57-59, 61-63, 65f.
  • Johann Baptist Stamminger, Pfarrei zu St. Burkard in Würzburg (Franconia Sacra. Geschichte und Beschreibung des Bisthums Würzburg 1), Würzburg 1889.
  • Ludwig Wamser, Castellum, quod nominatur Wirciburg, in: Johannes Erichsen (Hg.), Kilian, Mönch aus Irland – aller Franken Patron. Aufsätze (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 19), München 1989, 173-226.

Quellen

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  • Franz Fuchs, Lorenz Fries, Christoph Scheurl und Sebastian von Rotenhan. Ein neuer Bericht über die beurisch auffrur 1525, in: Franz Fuchs u. a. (Hg.), Lorenz Fries und sein Werk. Bilanz und Einordnung (Veröffentlichungen des Stadtarchiv Würzburg 19), Würzburg 2014, 197-219.
  • Franz Leinecker, Die Bischofstadt im Kugelregen, in: Die Gartenlaube 45 (1866), 707-711.
  • Christian Leo, Das Pfarrbuch der Schlosskirche auf dem Würzburger Marienberg 1635-1699, in: Mainfränkisches Jahrbuch 67 (2015), 167-216.
  • Christian Leo, Würzburg unter schwedischer Herrschaft 1631-1633. Die "Summarische Beschreibung" des Joachim Ganzhorn. Edition und historische Einordnung (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg 74), Würzburg 2017.
  • August Schäffler/Theodor Henner (Hg.), Die Geschichte des Bauern-Krieges in Ostfranken von Magister Lorenz Fries, 2 Bände, Würzburg 1883 (Neudruck Aalen 1978).
  • Georg Adam Ullrich, Die Blockade der Festung Marienberg und des Mainviertels zu Würzburg in den Jahren 1813 und 1814, Würzburg 2. Auflage 1857.

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Christian Leo, Würzburg, Festung Marienberg, publiziert am 25.08.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Würzburg,_Festung_Marienberg> (30.10.2020)





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