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Völkischer Block in Bayern (VBl), 1924/25

Plakat des Völkischen Blocks für die Reichstagswahl im Jahre 1924. (Staatsarchiv München, Plakatsammlung 537)
Rudolf von Xylander (1872-1946) (links). Ausschnitt aus einem Foto von 1929. (Bundesarchiv, Bild 102-18323 / CC-BY-SA 3.0)
Rudolf Buttmann (1885-1947), Landtagsbibliothekar und Mitbegründer des Völkischen Blocks in Bayern; undatiert. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-669)
Ernst Pöhner (1870-1925), Abgeordneter des Völkischen Bocks; undatiert. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-3081)
Gregor Strasser (1892-1934), Abgeordneter des Völkischen Block; um 1925. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-3742)
Theodor Doerfler (1869-1938), Abgeordneter des Völkischen Blocks. Abb. aus: Amtliches Handbuch des Bayerischen Landtags, München 1925, 113. (Bayerische Staatsbibliothek Bavar. 4339 h-1925)
Dr. Alexander Glaser (1885-1947), Abgeordneter des Völkischen Blocks. Abb. aus: Amtliches Handbuch des Bayerischen Landtags, München 1925, 119. (Bayerische Staatsbibliothek Bavar. 4339 h-1925)

von Robert Probst

Nach dem Verbot der NSDAP am 6. Januar 1924 gegründete Wahlplattform, die „völkische“ Politik in die Parlamente tragen und diese von innen heraus attackieren wollte. Diese oft bürgerlich-konservativ eingestellten NS-Anhänger erzielten bei der Landtagswahl im April 1924 einen überraschenden Erfolg und stellten kurzzeitig reichsweit die stärkste „völkische“ Fraktion. Aufgrund des parlamentarischen Engagements griffen radikal-völkische Kreise den VBl massiv an. Nur ein Teil seiner Anhänger schloss sich nach deren Wiedergründung im Februar 1925 der NSDAP an.

Entstehung

Nach dem gescheiterten Hitlerputsch am 8./9. November 1923 zerfiel die "völkische" Bewegung in zahlreiche rivalisierende Gruppen. Am 6. Januar 1924 gründeten Dr. Alexander Glaser (1884-1934), Rudolf Xylander (1872-1946) und Dr. Rudolf Buttmann (1885-1947) in Bamberg den Völkischen Block in Bayern (VBl). Der VBl verstand sich nicht als Partei, sondern als Zusammenschluss "völkischer", antisemitischer und anti-republikanischer Gruppen mit dem Ziel, bei den anstehenden Wahlen im Frühjahr möglichst viele Stimmen rechts von der DNVP zu sammeln. Es war demnach nur der Beitritt von Gruppen und Organisationen zulässig, keine Einzelmitgliedschaft.

Im VBl engagierten sich vor allem vaterländisch denkende Akademiker, Beamte und Honoratioren, welche die rabaukenhafte und auch national-bolschewistische Agitation vieler NSDAP-Anhänger, etwa der Großdeutschen Volksgemeinschaft (GVG), abstieß. Hauptinitiator der VBl-Gründung war der "Völkische Rechtsblock in Bayern", eine Münchner Gruppe um Glaser und den früheren Justizminister Dr. Christian Roth (1873-1934), die sich 1923 von der Bayerischen Mittelpartei (BMP)/DNVP abgespalten hatte. Die Führung des VBl übernahm zunächst Glaser, der seit 1920 im Landtag saß.

Programm

Der VBl berief sich zwar auf Hitler, wandte sich jedoch klar gegen die bisherige national-revolutionäre NS-Doktrin, die ein parlamentarisches Engagement kategorisch ausgeschlossen hatte. "Der Völkische Block geht als Todfeind des parlamentarischen Schiebersystems ins Parlament, nicht um die Novemberrepublik und ihr an diese ausgeliefertes bayerisches Anhängsel aufzubauen, sondern um sie abzubauen." In ihrem Wahlaufruf ließen die Männer des VBl keinen Zweifel daran, dass sie das Parlament "von innen heraus zerstören" wollten.

Das gesamte Programm stand im "schärfsten Widerspruch" zu den Grundwerten der Weimarer Republik. Diverse "völkische" Prinzipien wurden in den Forderungskatalog aufgenommen: der Kampf gegen die "Kriegsschuldlüge", der Ausschluss der Juden von den staatsbürgerlichen Rechten, die Verstaatlichung von Privatbanken sowie der Volks- und Rasseschutz. Dazu kamen freilich auch persönliche Karriere-Ziele bestimmter Kandidaten, auch solcher, die in Haft saßen oder von Haft bedroht waren und auf die Abgeordnetenimmunität hofften.

Landtagswahl am 6. April 1924

Die vorgezogene Landtagswahl am 6. April 1924 brachte für den VBl einen unerwarteten Erfolg. Die Gruppierung erzielte auf Anhieb 17,1 % der Stimmen und schickte 23 Abgeordnete in den Landtag in der Münchner Prannerstraße. Zusammen mit der SPD (17,3 %, 23 Abgeordnete) stellten die "Völkischen" die zweitstärkste Fraktion nach der BVP (32,9 %, 46 Abgeordnete). Der Erfolg wird im allgemeinen auf den kurz zuvor zu Ende gegangenen Hitler-Ludendorff-Prozess in München zurückgeführt. In der Landeshauptstadt wurde der VBl mit 28,5 % der Stimmen sogar stärkste Partei. Hochburgen waren die größeren Städte (darunter Ingolstadt, Landsberg, Passau, Neustadt a.d. Weinstraße, Speyer, Bayreuth, Coburg, Hof, Kulmbach, Marktredwitz, Neustadt bei Coburg, Ansbach, Weißenburg, Kitzingen, Kempten; Neu-Ulm und Nördlingen) sowie das evangelische Ober- und Mittelfranken, auf dem flachen Land blieben die Stimmenzahlen ansonsten marginal. Weit über dem Durchschnitt lagen die Bezirksämter Naila und Hof. Prominenteste Abgeordnete dieser heterogenen und in ihren Überzeugungen nur lose übereinstimmenden Gruppe waren Oberlandesgerichtsrat Theodor Doerfler (1869-1938), der Landtagsbibliothekar Buttmann, der Landshuter Apotheker Gregor Straßer (1892-1934), der frühere Münchner Polizeipräsident und verurteilte Putschteilnehmer, Ernst Pöhner (1870-1925), der Gründer der DAP, Anton Drexler (1884-1942), sowie Julius Streicher (1885-1946), der für die Großdeutsche Volksgemeinschaft (GVG) auf die VBl-Liste gesetzt worden war. Als Fraktionsvorsitzender fungierte Glaser. Innerhalb nur eines halben Jahres schmolz die Anzahl der "völkischen" Parlamentarier durch Aus- und Übertritte von 23 auf 17.

Reichstagswahlen 1924

Bei der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 traten sieben "völkische" Wahlverbände, darunter die Bayern, in der Reichsliste der Vereinigten Nationalsozialistischen und Deutsch-Völkischen Freiheits-Parteien an. In Bayern erzielten die "Völkischen" 16 % der Stimmen (Deutsches Reich: 6,6 %, 32 Abgeordnete), bei der Reichstagswahl am 7. Dezember 1924 nur noch 5,1 % (Deutsches Reich: 3 %, 14 Abgeordnete).

Die Arbeit der Fraktion im Landtag

Im Landtag gerierte sich der VBl als "wahrhaft nationale Opposition" und nutzte die Sitzungen vor allem für eine Flut von Anträgen, um im Sinne der "völkischen Bewegung" wirken zu können. Auch die meisten Redebeiträge bezogen sich auf derartige Themen, oft mit dem gewünschten Presseecho. Gezielte Störaktionen, die Provokation von Tumulten oder Obstruktionsverhalten – alles klassische Verhaltensweisen der späteren NSDAP-Fraktionen – blieben jedoch größtenteils aus. Vielmehr fällt sogar eine zum Teil positive Mitarbeit des VBl, etwa bei Abstimmungen im Gesetzgebungsverfahren, auf.

Streit im "völkischen" Lager

Die heftigen Richtungs- und Kompetenzstreitigkeiten innerhalb des "völkischen" Lagers entzündeten sich vor allem am Gegensatz zwischen VBl und der GVG. Die VBl-Männer im Landtag sahen sich permanent massiver Angriffe dieser radikalen Nationalsozialisten ausgesetzt. Sie wurden etwa als "Verräter", "niederträchtige Verleumder" und "Intelligenzler" bezeichnet. Die GVG lehnte die parlamentarische Arbeit grundsätzlich vehement ab - nahm jedoch in Gestalt von Streicher selbst daran teil - und kritisierte die gemäßigte Tonart der "Akademiker und Doktoren". Zum endgültigen Bruch kam es, als sich der VBl im August 1924 auf einem Einigungsparteitag in Weimar bereit fand, in der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung (NSFB) aufzugehen, die im scharfen Gegensatz zur GVG stand. Die GVG-Aktivisten Streicher und Esser wurden auf Betreiben Gregor Straßers, der sowohl den VBl leitete als auch der Reichsführerschaft der NSFB angehörte, aus dem VBl ausgeschlossen.

Auflösung

Nach der demonstrativen Versöhnungsgeste bei der Wiedergründung der NSDAP am 27. Februar 1925 in München verschärften sich im "völkischen" Lager die Gegensätze, sodass die Fraktion des VBl schließlich völlig auseinanderbrach. Hitler hatte sofort die "reinliche Scheidung" von den "Nutznießern, die sich auf meinen Namen ins Parlament geschlichen haben", gefordert. Der Landesverband des VBl beschloss daraufhin am 8. März 1925 unter dem Vorsitz von Gregor Straßer, seine Tätigkeit einzustellen. Den Mitgliedern wurde der Wechsel zur NSDAP empfohlen, was diese im Gegensatz zur GVG jedoch keineswegs ausnahmslos in die Tat umsetzten. Drexler, der mit seinem Ziehsohn Hitler gebrochen hatte, gründete im Mai den "Nationalsozialen Volksbund" (NSV), dem sich die meisten der restlichen bürgerlichen VBl-Parlamentarier anschlossen und bis 1928 als Randgruppe im Landtag vertreten blieben. Im Gegenzug dazu gab Buttmann am 25. September 1925 die Bildung einer eigenen NS-Fraktion im Landtag bekannt. Ihr gehörten sechs Abgeordnete an, unter ihnen Buttmann, Streicher und Adolf Wagner (1890-1944). Den vom VBl vorweggenommenen Legalitätskurs behielt die NSDAP in der Folgezeit bei.

Literatur

  • Ian Kershaw, Hitler 1889-1936. 1. Band, Stuttgart 1998.
  • Geoffrey Pridham, Hitler's Rise to Power. The Nazi Movement in Bavaria 1923-1933, London 1973.
  • Robert Probst, Die NSDAP im Bayerischen Landtag 1924-1933, Frankfurt am Main 1998.

Quellen

  • Ernst Deuerlein, Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten, Düsseldorf 1968.
  • Rudolf Buttmann (anonym), Bericht über die Tätigkeit des Völkischen Blocks im Bayerischen Landtag, München 1924.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Robert Probst, Völkischer Block in Bayern (VBl), 1924/25, publiziert am 02.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Völkischer_Block_in_Bayern_(VBl),_1924/25> (22.08.2018)