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Großdeutsche Volksgemeinschaft (GVG), 1924/25

Julius Streicher, Fotografie von 1923. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Hermann Esser, Fotografie um 1925. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Artur Dinter, nicht datiert. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Robert Probst

Am 30. Januar 1924 gegründete Ersatzorganisation für die nach dem Hitlerputsch vom 8./9. November 1923 verbotene NSDAP. Sie wurde von radikal-antiparlamentarischen, hitlertreuen Anhängern geführt und hatte ihren Schwerpunkt in Bayern. Schnell geriet sie in Konflikt mit anderen "völkischen" Bewegungen, in die die NSDAP nach der Inhaftierung Hitlers zerfallen war. Nach der Wiedergründung im Februar 1925 schlossen sich ihre Anhänger beinahe ausnahmslos der NSDAP an.

Entstehung

Nach dem gescheiterten Münchner Putschversuch gab Adolf Hitler (1889-1945) seinem Vertrauten Alfred Rosenberg (1893-1946) den Auftrag, die NSDAP – die unmittelbar darauf verboten wurde - als Tarnorganisation weiterzuführen. Rosenberg erfand dafür den Decknamen Rolf Eidhalt (ein Anagramm von Adolf Hitler). Die Geheimhaltung erwies sich jedoch als unnötig: Der Freistaat ließ die am 30. Januar 1924 vornehmlich aus "Alten Kämpfern", vor allem aus dem Umkreis der Parteizentrale, gegründete Großdeutsche Volksgemeinschaft (GVG) ohne weiteres zu. Zum erweiterten Kreis gehörten auch der "Frankenführer" Julius Streicher (1885-1946) und Hermann Esser (1900-1981), die Rosenberg am 9. Juli 1924 aus der Leitungsposition verdrängten.

Die Anhänger der GVG konzentrierten sich vornehmlich auf die Regionen München und Nürnberg. Außerhalb Bayerns spielte vor allem der Anhang des Thüringer Antisemiten Artur Dinter (1876-1948) eine aktive Rolle in der GVG.

Programm

Die GVG entschied sich im bewussten Gegensatz zu den übrigen "völkischen" Gruppen dafür, die revolutionär-außerparlamentarische NS-Politik mit teilweise stark national-bolschewistisch angehauchter Agitation weiterzuführen. Sie verstand sich explizit nicht als Partei. Der "Geist und der Wille Adolf Hitlers" wurde als "allein maßgebend" betrachtet, das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 sollte in "großen Grundzügen" weiterhin gelten. Hauptaugenmerk lag auf dem Aufbau einer straffen Organisation, der Gewinnung neuer Anhängerschichten in der Handwerker- und Arbeiterschaft und der Propagandatätigkeit. Hauptziel war die Freilassung Hitlers aus der Festungshaft in Landsberg a. Lech.

Streit im "völkischen" Lager

Im Wesentlichen konzentrierte sich die Tätigkeit der GVG auf Auseinandersetzungen innerhalb des "völkischen" Lagers, etwa mit dem "Völkischen Block" (VBl) oder der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP) unter der Führung von Erich Ludendorff (1865-1937), Albrecht von Graefe (1868-1933) und Gregor Straßer (1892-1934), die vor allem in Norddeutschland ihren Schwerpunkt hatte, bzw. später der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands (NSFB), einem Wahlbündnis aus DVFP und süddeutschen "Völkischen". Dabei ging es vornehmlich um die Frage, wie der Nationalsozialismus richtig ausgelegt werde, und nicht zuletzt um Kompetenzstreitigkeiten. Vor allem die Auftritte Streichers und Essers, die auch vor unflätigen Beschimpfungen "völkischer" Männer nicht zurückschreckten, stieß viele Hitler-Anhänger, auch in der GVG, ab. Obwohl sie das parlamentarische System dezidiert ablehnten, zogen bei der Landtagswahl am 6. April 1924 zwei "Radau-Nazis" der GVG – Streicher und Georg Wiesenbacher (geb. 1892) – für den VBl ins bayerische Parlament ein. Beide verließen die Fraktion jedoch – nach heftigem Streit - bereits im August 1924 wieder. Streicher schloss sich im August 1925 der neuen NS-Fraktion im Landtag an. Hitler, der von Landsberg aus kaum konkreten Einfluss nehmen konnte, hielt sich im völkischen Richtungsstreit trotz deutlicher Sympathien für die Ziele der zahlenmäßig schwachen GVG (weniger für die rabaukenhafte Führung) aus taktischen Gründen zurück.

Auflösung

Nach seiner Freilassung entschied sich Hitler, sich vornehmlich auf die radikale GVG zu stützen, ohne aber künftig auf ein parlamentarisches Engagement verzichten zu wollen. Bei der Gründungsversammlung der NSDAP am 27. Februar 1925 kam es zu einer spektakulären Versöhnungsszene zwischen der GVG-Spitze um Streicher, Esser und Dinter sowie einigen "völkischen" Führern. Bereits am 12. März 1925 wurde die GVG offiziell aufgelöst, sämtliche GVG-Führer erklärten ihre Unterordnung unter Hitlers Befehl, die GVG-Sektionen wurden im allgemeinen komplett in die NSDAP überführt. Wichtige Posten der Parteiführung übertrug Hitler ehemaligen GVG-Funktionären, etwa Franz Xaver Schwarz (1875-1947) als Reichsschatzmeister oder Philipp Bouhler (1899-1945) als Geschäftsführer. Max Amann (1891-1957) wurde Geschäftsführer des Parteiverlags Franz Eher Nachfolger.

Literatur

  • Ian Kershaw, Hitler 1889-1936. 1. Band, Stuttgart 1998.
  • Geoffrey Pridham, Hitler`s Rise to Power. The Nazi Movement in Bavaria 1923-1933, London 1973.
  • Robert Probst, Die NSDAP im Bayerischen Landtag 1924-1933, Frankfurt am Main 1998.

Quellen

  • Ernst Deuerlein, Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten, Düsseldorf 1968.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Robert Probst, Großdeutsche Volksgemeinschaft (GVG), 1924/25, publiziert am 02.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Großdeutsche Volksgemeinschaft (GVG), 1924/25> (15.11.2018)