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Die "Machtergreifung", 9. März 1933

Verordnung des Reichskommissars für Bayern, die Übernahme der gesamten Regierungsgeschäfte in Bayern betreffend, 16. März 1933. (Gesetz- und Verordnungs-Blatt für den Freistaat Bayern 1933, S. 88)
Demonstration vor dem Münchner Rathaus am 9. März 1933. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Erlasse des Reichsstatthalters vom 12. April 1933 über die Ernennung des Ministerpräsidenten und der bayerischen Staatsminister. (in: Gesetz- und Verordnungsblatt für den Freistaat Bayern 1933, S. 113)

von Walter Ziegler

Mit der Ernennung Adolf Hitlers (NSDAP, 1889-1945) zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war die nationalsozialistische Diktatur noch keineswegs errichtet. Ein wichtiger Schritt dazu war die Machtübernahme in den einzelnen deutschen Ländern. Nachdem das größte Land, Preußen, schon seit Mitte 1932 vom Reich regiert wurde, war der wichtigste Fall jetzt Bayern, das am meisten Beharrungskraft gegenüber dem Regime zu haben schien. Gleichwohl erfolgte auch hier die NS-"Machtergreifung", und zwar am 9. März 1933.

Begriff und Bedeutung

Obwohl "Machtergreifung" keine spezifische NS-Vokabel ist – die Nationalsozialisten sprachen meist von "Machtübernahme", "nationaler Erhebung" oder "nationaler Revolution" –, ist dieser spätere Begriff doch kongenial, denn er umschreibt die feste Überzeugung Adolf Hitlers (1889-1945) und seiner Anhänger, die erstrebte umfassende Macht, wenn sie erreicht wäre, nie wieder aus der Hand zu geben. Dabei war der Vorgang gegenüber der Verfassung der Republik in der Sache durchaus illegal, doch betonten die Nationalsozialisten, auch durch den Begriff "Machtübernahme", stets die (formale) Rechtsförmigkeit des Regierungswechsels. Trotzdem bedeutete dies die Vernichtung der Demokratie in Deutschland. Darum handelte es sich bei Hitlers Machtübernahme im Reich, die zwar formaljuristisch legal erfolgt war, nicht um einen der sonst häufigen Regierungswechsel (obwohl diese Sicht weit verbreitet war: nicht wenige seiner Gegner meinten, Hitler werde schnell scheitern und einer neuen Regierung Platz machen), sondern tatsächlich um einen säkularen Vorgang, der durch die Umgestaltung des Staates auch tief ins gesellschaftliche Leben eingriff. Die Darstellung der "Machtergreifung" muss deshalb neben der unmittelbaren Regierungsübernahme besonders auch die gesellschaftlichen Auswirkungen betrachten, was man damals und heute als "Gleichschaltung" bezeichnet hat.

Machtergreifung und deutsche Länder

Obwohl die Machtübernahme im Reich (Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einer Präsidialregierung am 30. Januar 1933) entscheidend war, konnte eine wirkliche Diktatur ohne die Macht in den Ländern nicht errichtet werden, denn diese waren trotz der relativ zentralistischen Weimarer Verfassung doch eigene Einheiten, denen der größte Teil der Verwaltung, besonders aber die Polizei (es gab keine Reichspolizei), unterstand.

Für die Erringung der Macht in den Ländern waren die Wahlergebnisse zu den Landtagen zwar wichtig, aber nicht entscheidend. Länder, die auf Grund von Wahlergebnissen bald große NSDAP-Fraktionen oder auch NS-Minister hatten (z. B. Thüringen Januar 1930 bis April 1931, Innenminister Wilhelm Frick [1877-1946], Oldenburg absolute NSDAP-Mehrheit im Landtag seit Mai 1932), spielten deshalb für die endgültige Aufrichtung der NS-Herrschaft nur eine geringe Rolle.

Dagegen waren die Regierungsverhältnisse in den Ländern, insbesondere in den beiden größten, Preußen und Bayern, von großer Bedeutung. Wichtig war vor allem, dass in beiden nur noch geschäftsführende Regierungen ohne parlamentarische Mehrheit amtierten: in Bayern die Kabinette Held III und IV seit 1. August 1930 (Heinrich Held, 1868-1938, BVP, seit 1924 Ministerpräsident), in Preußen seit 24. April 1932 (Otto Braun, 1872-1955, SPD, seit 1920 Ministerpräsident); das brachte eine deutliche Schwächung der politischen Führung mit sich. Entscheidend war dann die Absetzung der preußischen Regierung am 20. Juli 1932 („Preußenschlag“) durch Reichskanzler Franz von Papen (1879-1969, Reichskanzler 1932), der nun als Reichskommissar Preußen regierte. Da Papen auch unter Hitler preußischer Reichskommissar blieb und Hermann Göring (NSDAP, 1893-1946) unter ihm Innenminister wurde, war im größten deutschen Land 1933 eine eigene Machtergreifung nicht mehr nötig. Preußen fiel zusammen mit dem Reich in Hitlers Hand.

Während einige norddeutsche Länder schon vor 1933 NS-geführte Regierungen etablierten, blieben die süddeutschen Länder, wenn auch meist mit Minderheitsregierungen, dem Nationalsozialismus gegenüber resistent. Bayern schien dabei für Hitler der schwierigste Fall zu sein, da er hier mit dem Widerstand besonders von katholischen und monarchistischen Kräften rechnete.

Bayern Anfang 1933

In Bayern amtierte auch nach der Landtagswahl vom 24. April 1932 die 1930 gestürzte Regierung Held weiter; sie war nach der Verfassung nur ablösbar, wenn sich für eine neue Regierung eine Mehrheit fand. Da im Landtag die BVP 45 und die NSDAP 43 Sitze hatte (SPD 20, Bayerischer Bauernbund 9, KPD 8), BVP und SPD aber nicht zusammenfanden und mit den Nationalsozialisten aber vorerst keine Partei zusammenarbeiten wollte, blieb es bei der geschäftsführenden Regierung. Bayern litt wie ganz Deutschland unter der Weltwirtschaftskrise; dies trug dazu bei, die schon seit 1918 aufgewühlte Gesellschaft (Revolution, Versailler Vertrag und Reparationen, Hitlerputsch, Nationalismus) weiter zu verunsichern. Stabilisierende Faktoren wie die starke Bayerische Volkspartei (Ministerpräsident Held, Fritz Schäffer, 1888-1967, seit 1929 Parteivorsitzender), die Kirchen (besonders Kardinal Michael Faulhaber, 1869-1952, Erzbischof von München-Freising seit 1917), die ältere Beamtenschaft (etwa Innenminister Karl Stützel, 1872-1944, Innenminister seit 1924) und die angestammten Traditionen, speziell auch der Wittelsbacher Monarchie (Kronprinz Rupprecht, 1869-1955), verloren zusehends an Kraft.

Die NSDAP hatte in Bayern zwar um 1923 beachtlichen Einfluss gehabt, war aber nach dem Hitlerputsch von der Staatsregierung stark zurückgedrängt worden, so dass Bayern nach 1930 zu den Ländern mit den niedrigsten Wahlerfolgen Hitlers gehörte. Immerhin war die Reichsleitung seiner Partei in München ansässig. Die Führer der NSDAP in Bayern (seit 1928 sechs Gauleiter) waren Hitler gegenüber nicht von eigenem Gewicht, gleichwohl nun agierende Kräfte (besonders Gauleiter Adolf Wagner, 1890-1944, seit 1930 Gauleiter von München-Oberbayern); die Anwesenheit des mächtigen SA-Chefs Ernst Röhm (1887-1934) und die Verbundenheit Hitlers mit München waren ebenfalls in Rechnung zu stellen. Sympathien hatte die Partei vor allem im Bürgertum gewonnen, bei den Arbeitern und auf dem Land, so weit nicht geschlossene Milieus des Katholizismus und des Sozialismus gegeben waren; dagegen war auch in Bayern der Protestantismus, der traditionell den nationalen Parteien nahe gewesen war, zu erheblichen Teilen der NSDAP gefolgt.

Bayerische Reichs- und Landespolitik 1932/33

Für die bayerische Regierung stand 1932/33 nicht die Frage der "Hitlerdiktatur" im Vordergrund, sondern das Verhältnis zum Reich. Der "Preußenschlag" hatte gezeigt, dass mit einem Reichskommissar jederzeit die Eigenständigkeit eines Landes ausgelöscht werden konnte; Bayern protestierte deshalb scharf dagegen und stellte sich strikt gegen von Papens Politik. Im Reich arbeitete Bayern für die Wiederherstellung geordneter Regierungsverhältnisse, was im Parlament jetzt aber nur über eine Koalition von Zentrum/BVP mit der NSDAP möglich gewesen wäre. Über eine solche dachte die BVP nach der Landtagswahl 1932 auch in Bayern nach, vor allem der Parteivorsitzende Schäffer. Die BVP war jedoch nicht bereit, der NSDAP ungesetzlichen Einfluss zuzugestehen (weiterhin staatliche Uniformverbote, scharfes Vorgehen gegen NS-Kampfmethoden), überdies lehnte Ministerpräsident Held persönlich jedes Zusammengehen mit der Hitlerpartei ab. Eine Koalition von BVP und SPD, die man sich als Bollwerk der Demokratie aus heutiger Sicht gewünscht haben möchte, wurde angesichts des feindlichen Gegenübers dieser Parteien von keiner Seite ernsthaft ins Auge gefasst.

Nach dem 30. Januar 1933

Obwohl die Regierungsübernahme Hitlers im Reich für die Länder (außer Preußen) formal keine direkten Folgen hatte, war sie doch in der Sache von großer Bedeutung. Der Jubel der NS-Anhänger, die ihre Herrschaft gekommen sahen, ließ befürchten, dass die neue Berliner Regierung bald irgendwie eingreifen werde, und machte klar, dass man die Stimmung der Menschen auch in Bayern bedenken musste. Sodann entmachtete die Regierung Hitler endgültig die 1932 abgedrängte preußische Regierung und versuchte, den Reichsrat lahmzulegen. Soweit auf Grund der Notverordnungen das Reich eingreifen konnte, etwa bei Zeitungsverboten, wurde dies rigoros gehandhabt. Den Schlusspunkt setzte die Notverordnung vom 28. Februar 1933, mit der praktisch die Diktatur errichtet wurde ("Reichstagsbrandverordnung"). Der Wahlfeldzug der NSDAP zur Reichstagwahl am 5. März 1933 übertraf alle bisherigen gewaltsamen Einschüchterungsaktionen.

Die bayerische Regierung und die BVP versuchten sich gegen diesen Trend zu wehren: durch Kontakte zu Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934), der versicherte, für Bayern sei kein Reichskommissar vorgesehen, durch die Aktivierung des 1930 gegründeten Selbstschutzverbandes „Bayernwacht“ und durch eigenes scharfes Vorgehen gegen kommunistische Bestrebungen, um Hitler die Argumentation für ein Eingreifen zu nehmen. Die interessanteste Initiative war der Versuch konservativer Kreise der BVP (Schäffer, Alois Hundhammer, 1900-1974, maßgeblich im Christlichen Bauernverein), den immer noch sehr populären Königsgedanken zu benutzen, um Bayern gegen eine NS-Machtergreifung zu sichern: Würde an der Spitze Bayerns der angestammte König stehen, so der Gedankengang, wäre hier der Vorwurf gegen die "Novemberverbrecher" behoben, seine Autorität auch kaum beiseite zu schieben. Im Reich verfassungsmäßig vielleicht nicht unmöglich, wäre in Bayern dazu allerdings entweder eine Verfassungsänderung nötig gewesen, was nicht erreichbar war, oder die Ernennung des Kronprinzen Rupprecht zum Generalstaatskommissar (mit Diktaturgewalt) durch den Ministerpräsidenten. Letzteres war für die Monarchisten, die einen König wollten, wenig attraktiv, und Held stellte auch dafür so hohe Bedingungen, dass es einer Ablehnung gleich kam. Insgesamt war das Vorgehen durch die (auch untereinander uneinigen) monarchistischen Kreise schlecht vorbereitet. In Berlin hätte beim Reichspräsidenten nur die Restauration der Hohenzollern Interesse gefunden, und Hitler drohte am 1. März Held bei einer Unterredung, dass eine Restauration zu einer "ganz schweren Katastrophe" führen werde. Eine ernsthafte Chance, mit einer Restauration der Monarchie die heraufziehende Diktatur aufzuhalten, wie man dies nach 1945 oft behauptet hat, bestand also nicht.

Nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933

Auf Reichsebene erreichte Hitler an diesem Tag für seine Regierungskoalition die absolute Mehrheit und konnte damit nun in Berlin eine reguläre parlamentarische Regierung bilden. Die bayerischen Ergebnisse waren für ihn schlechter, doch fiel gegenüber den 43,1 % für die NSDAP die BVP mit nur noch 27, 2 (4,2 % Verlust) deutlich abgeschlagen auf den zweiten Platz (SPD 15,5; KPD 6,3). Dass die NSDAP als Kanzlerpartei dabei erstmals auch in katholischen Gebieten erfolgreich war, zeigte eine Veränderung des bisherigen milieubedingten Wahlverhaltens an. Obwohl die Reichstagswahl für den Landtag an sich nichts besagte, war der Druck der "nationalen Erhebung" so stark, dass nun auch die bayerische Regierung neu gestaltet werden musste. Denkbar waren – wenn man den rein illegalen Umsturz einmal ausschließt - Neuwahlen, eine Mehrheitsregierung von NSDAP und BVP im bisherigen Landtag oder die Einsetzung eines Reichskommissars. Während Neuwahlen nur in der Presse diskutiert wurden, sind die beiden anderen Möglichkeiten politisch ernsthaft erwogen und wenigstens ansatzweise begonnen: Der Ministerrat gab grünes Licht für eine Koalition von BVP und NSDAP, die auch Hitler befürwortete (als Regierungschef stand im Raum der NS-Fraktionsvorsitzende im Landtag Dr. Rudolf Buttmann, 1885-1974), und die Drohung mit einem Reichskommissar war allgegenwärtig. Aber auch die gewalttätige Komponente fehlte nicht, sowohl durch Übergriffe der hier besonders starken SA wie durch lokales Vorpreschen zu einer regellosen Machtdurchsetzung, etwa durch Aufmärsche und Hissen von Hakenkreuzfahnen (z. B. 7. März Neustadt/Pfalz, 8. März Nürnberg). Hitler selbst plante in diesen Tagen in Berlin mit Röhm und Wagner das Vorgehen in Bayern, das als schwierig eingeschätzt wurde.

Der Tag der "Machtergreifung": 9. März 1933

In der Rückschau wirkt dieser Tag wie ein geplantes Zusammenspiel von Massenaufmarsch der SA in München, von Initiativen führender NS-Kräfte in Bayern und von einer gezielten Unterstützung durch die Reichsbehörden in Berlin – die Einzelheiten harren jedoch noch der Untersuchung. Am Mittag des 9. März erschienen Röhm, Wagner und Heinrich Himmler (1900-1945, seit 1929 Reichsführer SS) bei Ministerpräsident Held im Montgelas-Palais am Münchner Promenadeplatz und verlangten die Einsetzung des Reichstagsabgeordneten Franz Xaver Ritter von Epp (1927 BVP, seit 1928 NSDAP, 1868-1947) als Generalstaatskommissar, um die angeblich unruhige Situation zu meistern. Held und das sofort einberufene Kabinett konnten sich dazu nicht entschließen, boten aber die Bildung eine BVP-NSDAP-Regierung an. Mehrfache Versuche, in Berlin Hilfe zu finden oder die Reichswehr in München zum Eingreifen zu veranlassen, scheiterten. Als die NS-Delegation, nun zusammen mit Epp, nachmittags wieder erschien, wurde ihnen die Weigerung mitgeteilt, was den Abbruch der Verhandlungen bedeutete. Gleichzeitig, und noch vor dem Bescheid an die NS-Delegation, hatte aber Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877-1946) von Berlin aus (angeblich ohne Wissen von Reichskanzler und Reichspräsident) die Einsetzung Epps als Reichskommissar (auf Grund der Notverordnung vom 28. Februar) verfügt. Obwohl im Braunen Haus bereits nachmittags bekannt, erfolgte die offizielle Mitteilung an die Regierung telegraphisch erst um 20.45 Uhr. Held protestierte dagegen, die bayerischen Nationalsozialisten aber feierten die Ernennung Epps noch an diesem Abend als entscheidenden Sieg.

Die neue NS-Regierung in Bayern

Die Befugnisse des Reichskommissars waren offiziell ganz eng (Erhaltung der öffentlichen Ordnung) und setzten die Regierung nicht ab. Deshalb gingen die Verhandlungen über eine Regierungsbildung, auch unter Teilnahme Hitlers, noch einige Zeit weiter. Faktisch aber wurde der Reichskommissar als Garant der NS-Macht in Bayern verstanden; er ernannte sofort Kommissare für die verschiedenen Ministerien und vor allem für die Münchner Polizei (Himmler), nahm also alle Regierungsrechte wahr. Das Kabinett Held versuchte noch bis zum 15. März, weiter zu amtieren, wurde aber systematisch aus dem Amt gedrängt. Als Held am 15. März aus Gesundheitsgründen zu seinem Bruder in die Schweiz reiste und – in nicht recht klaren Schreiben – die Geschäfte vorläufig niederlegte, übernahm Epp ohne formaljuristische Rücksichten einfach als kommissarischer Ministerpräsident am 16. März die Regierung und setzte kommissarische Minister ein: für das Innenressort Gauleiter Adolf Wagner, für Finanzen der Oberbürgermeister von Lindau Ludwig Siebert (1874-1942), für Justiz Rechtsanwalt Hans Frank (1900-1946), für Kultus Gauleiter Hans Schemm (1891-1935). Gleichzeitig wurde die Einrichtung von SA-Sonderkommissaren für alle Regierungen und Bezirksbehörden, teilweise auch auf der Ebene der Kommunen, unter Kommissar Röhm verfügt und Himmler zum Leiter der Bayerischen Politischen Polizei, der Vorläuferin der Gestapo, ernannt. Als am 12. April 1933 Epp aufgrund des Ersten Reichsstatthaltergesetzes rückwirkend zum 10. April zum Reichsstatthalter in Bayern ernannt wurde, erhielt Siebert neben dem Finanzressort das Amt des Ministerpräsidenten, die Kommissare wurden als Minister der nun etablierten bayerischen "Landesregierung" (nicht mehr "Staatsregierung") tätig.

"Gleichschaltung"

Die nächsten Monate und Jahre verfolgten das Ziel der "Gleichschaltung", zuerst des Landes mit dem Reich, dann der Gesellschaft mit dem Regime. Der Landtag sowie die Gemeinde-, Kreis- und Bezirksräte wurden Anfang April 1933 nach den Reichstagswahlergebnissen neu gebildet, doch hörte deren unabhängige Existenz nach dem Verbot der Parteien (außer der NSDAP) im Juli 1933 auf. Ein Jahr nach Hitlers Amtsantritt, am 30. Januar 1934, wurden die Länder dann ihrer Hoheit beraubt, die Landtage und wenig später auch der Reichsrat aufgehoben – Bayern blieb wie alle Länder zwar bestehen, aber als nachgeordnete Verwaltungseinheit. Gegenüber den staatlichen Institutionen traten immer stärker die der Partei hervor, sowohl die Gauleiter mit ihren Gauämtern als auch die Gliederungen (z. B. SA, SS, HJ) und angeschlossenen Verbände (z. B. NSLB, NSV). Die Gewerkschaften wurden am 2. Mai 1933 aufgelöst und durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ersetzt, Vereinigungen wie Sportvereine oder Lehrerverbände, später auch die Wirtschaft, dem Führerprinzip unterworfen und mit NS-Personal infiltriert. Die Zensur der Presse gelang schnell, die Theater und andere kulturelle Einrichtungen hatten sich einzuordnen. Die größte Resistenzkraft zeigten die Kirchen, vor allem die katholische, die zwar durch das Reichskonkordat 1933 gewissermaßen ruhig gestellt, aber nicht gleichgeschaltet werden konnte. Nicht wenige dieser Entwicklungen wurden von der Bevölkerung bejaht, weil sie einer ersehnten Einheit der Gesellschaft ("Volksgemeinschaft") scheinbar dienten; zudem verbanden sie sich in den ersten Jahren mit einem deutlichen wirtschaftlichen Aufstieg und einem eindrucksvollen mentalen Aufbruch (z. B. Erntedankfeiern, Sportfeste, Olympiade in Berlin und Garmisch-Partenkirchen 1936).

Die Opfer der "Machtergreifung"

Mit dem März 1933 endete zwar nicht die bayerische Geschichte, doch wurde Bayerns eigenständige staatliche Organisation, wie sie seit dem späten Mittelalter bestanden hatte, gewaltsam und gegen den Willen einer immer noch gegebenen Mehrheit seiner Bewohner aufgehoben. Das Volk wurde seiner demokratischen Rechte, wie sie besonders seit 1918 ausgebaut worden waren, beraubt. Die inhumane nationalsozialistische Ideologie breitete sich mit Hilfe der Staatsgewalt ständig aus und beeinflusste auch ihr eher fernstehende Menschen. Wer anders dachte und handelte, wurde ausgeschaltet oder bestraft: Nicht nur am 9. März selbst gab es gewaltsame Übergriffe (gegen frühere Minister, gegen die SPD und Gewerkschaften, gegen Juden), schon im März 1933 errichtete Himmler das KZ Dachau und setzte damit ein Signal für staatlich organisierten Terror. Mit voller Wucht traf die Verfolgung sogleich die Kommunisten, doch hatten bald auch viele andere, besonders kirchlich Gebundene, zu leiden; auch in Bayern erfolgte der zwangsweise Exodus der Künstler und Gelehrten. Die ständig sich steigernde Ausgrenzung der Juden begann ebenfalls schon 1933.

Weiterführende Fragen

Die "Machtergreifung" in den deutschen Ländern ist noch nicht grundlegend bearbeitet – zu sehr stand die Entwicklung im Reich im Vordergrund. Dabei könnte gerade ein Vergleich der unterschiedlichen Vorgänge in den Landeshauptstädten vertiefte Einsicht in die (vielfältigen) Methoden der NS-Machtübernahme bieten. Für Bayern ist fast allein die Frage diskutiert, ob der Freistaat durch innere Schwäche und Hinneigung zum Faschismus zusammenbrach oder durch äußeren Angriff aus Berlin überwältigt wurde, also die Frage nach Mittäterschaft oder Opfer: Sie wurde kontrovers beantwortet (Wiesemann – Schwend). Dagegen harren mehrere andere Fragen der Bearbeitung. So ist etwa das Verhältnis der neuen Münchner NS-Regierung zu den bayerischen Traditionen näher zu bestimmen – offensichtlich ernannte Hitler nicht zufällig den ehemaligen königlichen General, Freikorpsführer und Katholiken Franz Epp, der keinen hohen Parteiposten hatte, zum Reichsstatthalter (sonst erhielten dieses Amt nur Gauleiter), die Partei pflegte auch die bayerische Regionalkultur. Die Initiativen in München am 9. März wären sodann näher zu bestimmen: Warum wollte man zuerst einen Generalstaatskommissar, wenn in Berlin schon der Reichskommissar vorbereitet wurde – gab es da verschiedene Konzepte? Weiter ist nach dem Verhalten der Provinz zu fragen: War sie Vorreiter (Gauleiter Wahl, 1892-1981, Gauleiter seit 1928, hat dies für Augsburg stets behauptet) oder folgte sie den Ereignissen in München nach? Schließlich, um diese kurze Auswahl abzuschließen, bleibt die Frage nach der Leichtigkeit der Übernahme Bayerns und nach der letztlich fehlenden Gegenwehr virulent: Held gab zwar nicht nach (anders als 1932 die preußische Regierung), er ließ aber auch die Polizei nicht auf die SA-Demonstranten schießen, so wie es 1923 beim Hitlerputsch geschehen war, der dadurch niedergeschlagen werden konnte.

Literatur

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  • Jochen Klenner, Verhältnis von Partei und Staat 1933-1945. Dargestellt am Beispiel Bayerns, München 1974.
  • Horst Möller u. a. (Hg.), Nationalsozialismus in der Region, München 1996.
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  • Hermann Rumschöttel/Walter Ziegler (Hg.), Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933-1945 (Beihefte der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte B 21), München 2004.
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  • Falk Wiesemann, Die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Machtübernahme in Bayern 1932/1933, Berlin 1975.
  • Andreas Wirsching (Hg.), Das Jahr 1933. Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft, Göttingen 2009.
  • Walter Ziegler, Bayern im NS-Staat 1933-1945, in: Max Spindler/Alois Schmid (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 4. Band: Das neue Bayern. Von 1800 bis zur Gegenwart. 1. Teilband: Staat und Politik, München 2. Auflage 2003, 499-634, hier 514-531.

Quellen

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  • Winfried Becker, Die nationalsozialistische Machtergreifung in Bayern. Ein Dokumentarbericht Heinrich Helds aus dem Jahr 1933, in: Historisches Jahrbuch 112 (1992), 412-435.
  • Ernst Deuerlein (Hg.), Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten, München 3. Auflage 1976.
  • Max Domarus, Bayern 1805-1933. Stationen der Staatspolitik, Würzburg 1979.
  • Hans Ehard/Wilhelm Hoegner, Der 9. März 1933. Erinnerungen und Erkenntnisse, München 1953.
  • Walter Ziegler (Bearb.), Das Kabinett Held IV (1932/33) (Die Protokolle des Bayerischen Ministerrats 1919-1945), München 2010.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Machtübernahme, nationale Erhebung, nationale Revolution

Empfohlene Zitierweise

Walter Ziegler, Die "Machtergreifung", 9. März 1933, publiziert am 12.03.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Die "Machtergreifung", 9. März 1933> (18.10.2018)