Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Studentenwerke

Spendenaufruf, um 1922. (Foto: Studentenwerk Erlangen-Nürnberg)
Fritz Beck, Ende der 1920er Jahre. (Foto: Studentenwerk München)
Studentenhaus Langemarckplatz in Erlangen, eröffnet am 30. November 1930. (Foto: Studentenwerk Erlangen-Nürnberg)
Lesehalle im Würzburger Studentenhaus in den 1950er Jahren (Foto: Studentenwerk Würzburg)

von Clemens Wachter

Von den Hochschulen und Universitäten institutionell unabhängige Anstalten des öffentlichen Rechts. Sie sind innerhalb ihres jeweiligen regionalen Betreuungsbereichs für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Belange der Studierenden zuständig. In der Notlage nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Anfang der 1920er Jahre studentische Selbsthilfevereine. Die Nationalsozialisten benannten die Vereine 1933 in "Studentenwerke" um und fassten sie 1938 in einer zentralen Anstalt des öffentlichen Rechts zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Studentenwerke auf regionaler Basis neu. In Bayern existieren seit den 1970er Jahren sechs Studentenwerke, die jeweils für mehrere Hochschulstandorte zuständig sind.

Motivation für die Gründung

Beweggrund für die Entstehung der Studentenwerke waren die großen wirtschaftlichen Probleme der Studierenden während und nach dem Ersten Weltkrieg. Viele waren von ihrem Studium an die Front berufen worden und kehrten mittellos an die Universität zurück. Als örtliche Zusammenschlüsse der Studierenden bildeten sich zunächst die Allgemeinen Studentenausschüsse, mit der 1919 gegründeten Deutschen Studentenschaft als Dachorganisation. Diese waren die Basis für die in der Folgezeit entstehenden wirtschaftlichen Hilfsvereine, deren wesentliches Prinzip die Hilfe zur Selbsthilfe unter Ablehnung von Almosen war. Manifest dieser Zielsetzung wurde das auf dem vierten Deutschen Studententag 1921 in Erlangen verabschiedete "Erlanger Programm".

Errichtung in den 1920er Jahren

In München wurde im März 1920 der "Verein Studentenhaus München e. V." gegründet. Motor und Geschäftsführer war der Student und erste hauptamtliche Sekretär des Allgemeinen Studentenausschusses Friedrich Beck (1889-1934), der 1934 beim "Röhm-Putsch" ermordet wurde. Die Finanzierung basierte auf Spendengeldern. Während dieser Münchner Verein zuständig für alle Münchner Hochschulen war, gründeten sich in Nürnberg jeweils eigenständige Hilfsvereine an der Höheren Technischen Staatslehranstalt (1921), der Handelshochschule (1922) und der Kunstgewerbeschule (1923). An der Universität Würzburg betrieb der Student Leo Robert Assmann im Juli 1921 die Gründung des "Vereins Studentenhilfe e. V. Würzburg". In Erlangen erfolgte im Januar 1921 zunächst die Gründung eines "Arbeitsausschusses der Hilfe für notleidende Studierende", der im Juni 1922 mit der Bezeichnung "Erlanger Studentenhilfe e. V." in eine rechtsfähige Institution umgewandelt wurde; treibende Kraft war hier der Universitätsprofessor Max Busch (1865-1941).

Als Dachorganisation für diese Wirtschaftskörper an den einzelnen Universitäten wurde 1921 die "Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft e. V." gegründet, welche 1922 die "Darlehenskasse der Deutschen Studentenschaft e. V." und 1925 die "Studienstiftung des Deutschen Volkes" initiierte.

Aufgabenfelder

Hauptziele der Vereine waren die Errichtung von Studentenhäusern (München 1926, Würzburg 1929, Erlangen 1930) sowie, damit verbunden, die Einrichtung von Mensen für die kostengünstige Versorgung der Studierenden. Ferner vergaben die Vereine Geldunterstützungen, da die bisherigen Stipendienstiftungen durch die Inflation größtenteils ruiniert worden waren. Sie leisteten Krankenfürsorge, vermittelten verbilligte Bücher und Waren des täglichen Bedarfs und gaben Unterstützung in Bekleidungsfragen. Sie boten kulturelle Betätigungsmöglichkeiten, beispielsweise mittels eines eigenen Kammerorchesters, und stellten Unterkünfte in Form von Wohnheimen zur Verfügung. Das Beratungsangebot erstreckte sich ursprünglich auf Wirtschaftsfragen, wurde aber alsbald auch auf Hilfestellungen bei der Studiengestaltung, insbesondere für Erstsemester, ausgedehnt. Ferner vermittelten die Vereine Nebenerwerbsmöglichkeiten. Dieses sog. Werkstudententum als Mittel zur Selbsthilfe war eines der Hauptprojekte der Studentenhilfebewegung der 1920er Jahre.

"Gleichschaltung" und Neugründung

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden auch die Studentenhilfen wie die sonstigen Institutionen des öffentlichen Lebens "gleichgeschaltet" und 1933 in "Studentenwerke" umbenannt. Bereits 1929 hatte sich der Dachverband die Bezeichnung "Deutsches Studentenwerk e. V." zugelegt.

Laut den neu zu erstellenden Satzungen standen deren Einrichtungen prinzipiell nur Mitgliedern der Studentenschaft offen, aus der die jüdischen Studierenden ausgeschlossen waren. Mit dem 1938 erlassenen Gesetz über das Reichsstudentenwerk wurden alle Studentenwerke aufgelöst und waren nun als Anstalten des öffentlichen Rechts Dienststellen des 1934 entstandenen Reichsstudentenwerkes in Berlin-Charlottenburg.

Nach Kriegsende wurden die bayerischen Studentenwerke wieder gegründet und 1948 als eigenständige Anstalten des öffentlichen Rechts institutionalisiert.

Entwicklung in der Folgezeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine der Hauptaufgaben die Bewältigung der durch Kriegszerstörungen und Ansteigen der Studierendenzahlen geschaffenen Wohnungsnot, welcher durch einen forcierten Wohnheimbau begegnet wurde. 1957 übertrug man den Studentenwerken mit der Einführung des Honnefer Studienförderungsmodells, aus dem 1971 das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAFöG) hervorging, den Vollzug der staatlichen Ausbildungsförderung. Außerdem fiel in die Verantwortlichkeit der Studentenwerke die Erhebung einer Statistik über die sozialen Verhältnisse der Studierenden. Darüber hinaus nahmen die Studentenwerke unter anderem Angebote für psychologisch-psychotherapeutische Beratung und Rechtsberatung sowie Angebote zur Kinderbetreuung in ihr Tätigkeitsfeld auf.

Aktuelle Situation (2010)

Heute existieren in Bayern sechs Studentenwerke. Gemäß dem Bayerischen Hochschulgesetz sind sie Anstalten des öffentlichen Rechts mit der Vertreterversammlung, dem Verwaltungsrat und der Geschäftsführung als Organen. Aufgaben der Vertreterversammlung, in welche die beteiligten Hochschulen je sieben Mitglieder entsenden, sind unter anderem die Wahl des Verwaltungsrats, die Entgegennahme des Jahresberichts und des Jahresabschlusses der Geschäftsführung sowie des Berichts über grundsätzliche Fragen der künftigen Geschäftsführung. Der achtköpfige Verwaltungsrat nimmt die Prüfung der Jahresrechnung vor und beschließt über den Wirtschaftsplan, die Bestellung und Entlastung der Geschäftsführung und den Erlass von Satzungen sowie über Veränderungen im Grundvermögen. Als gemeinsame Einrichtung existiert (als eingetragener Verein) die Darlehenskasse der Bayerischen Studentenwerke, die bedürftigen Studierenden Studienabschlussdarlehen gewährt.

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es derzeit 58 Studentenwerke, die in regionalen und hochschulübergreifenden Verbünden Studierende an rund 300 Hochschulen betreuen. 55 dieser Studentenwerke sind Anstalten des öffentlichen Rechts, zwei eingetragene Vereine und eines eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Die Organisationsformen und Aufgabenzuweisungen der Studentenwerke liegen in der Zuständigkeit der jeweiligen Landesgesetzgebung und sind damit in den einzelnen Bundesländern verschieden. Auch außerhalb Deutschlands gibt es vergleichbare Institutionen mit ähnlichen Zielsetzungen.

Die sechs bayerischen Studentenwerke

Studentenwerk Gründungsjahr Einzugsbereich Gesamtzahl der betreuten Studierenden (Wintersemester 2005/06)
Augsburg 1973 Studierende in Augsburg, Kempten und Neu-Ulm 23.158
Erlangen-Nürnberg 1922 Studierende in Erlangen, Nürnberg, Eichstätt, Ingolstadt, Ansbach, Neuendettelsau und Triesdorf 44.990
München 1920 Studierende in München, Garching, Weihenstephan, Rosenheim und Benediktbeuern 90.189
Niederbayern/Oberpfalz 1967 Studierende in Regensburg, Passau, Deggendorf und Landshut 37.310
Oberfranken 1978 Studierende in Bayreuth, Coburg, Hof, Münchberg, Amberg und Weiden 16.249
Würzburg 1921 Studierende in Würzburg, Bamberg, Aschaffenburg und Schweinfurt 36.665

Literatur

  • Deutsches Studentenwerk (Hg.), Deutsches Studentenwerk. 1921-1961. Festschrift zum vierzigjährigen Bestehen, Bonn 1961.
  • Deutsches Studentenwerk (Hg.), 70 Jahre Deutsches Studentenwerk. 1. Band, Bonn 1993.
  • Deutsches Studentenwerk (Hg.), Studentenwerke im Zahlenspiegel 2005/2006, Berlin 2006.
  • Veronika Diem, Friedrich Beck (1889-1934) und die Gründungsgeschichte des Münchner Studentenwerks, in: Elisabeth Kraus (Hg.), Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze. 1. Teil (Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München 1), München 2006, 43-71.
  • Studentenwerk Erlangen-Nürnberg (Hg.), 75 Jahre Studentenwerk Erlangen-Nürnberg. 1922-1997. Eine Festschrift, Erlangen 1997.
  • Studentenwerk München (Hg.), "Wo geht's hier zum Studentenhaus?", 75 Jahre Studentenwerk München, München 1995.
  • Peter A. Süß (Hg.), 75 Jahre Studentenwerk Würzburg 1921-1996. Eine Festschrift, Würzburg 1996.
  • Clemens Wachter, "Mit allen Kräften muß verhütet werden, daß das Universitätsstudium zu einem Vorrecht der Begüterten wird." Zur Geschichte des Studentenwerkes Erlangen-Nürnberg, in: Erlanger Bausteine zur fränkischen Heimatforschung 48 (2000), 249-284.

Quellen

  • Deutsches Studentenwerk (Hg.), 70 Jahre Deutsches Studentenwerk. 2. Band: Dokumente aus 70 Jahren Studentenwerksarbeit, Bonn 1993.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Studentenwerk, Studentenhaus, Studentenverein

Empfohlene Zitierweise

Clemens Wachter, Studentenwerke, publiziert am 09.12.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Studentenwerke> (26.05.2019)