Schwarze Schmach

Plakat des Deutschen Notbundes gegen die Schwarze Schmach, 23. Mai 1922. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv)
"Eine Lebensfrage für die weiße Menschheit! Was ist Schwarze Schmach?" Flugblatt des Deutschen Notbundes gegen die Schwarze Schmach, ohne Datum. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MA 108037)

von Iris Wigger

Titel einer rassistischen Kampagne, die sich Anfang der 1920er Jahre gegen den Einsatz überwiegend aus afrikanischen Kolonien stammender französischer Kolonialtruppen im Rahmen der Alliierten Rheinlandbesatzung wandte.

Hintergrund: der Einsatz französischer Kolonialtruppen im besetzten Rheinland

Wie viele des insgesamt 85.000 Besatzungssoldaten umfassenden französischen Heeres aus Afrika stammten, ist bislang nicht sicher; die Angaben variieren. Alliierte Berichte geben für den Zeitraum von 1919-1921 knapp 20.000-25.000 nicht-weiße Soldaten an. 1925 wurde der überwiegende Teil dieser Truppen zurückgezogen. 1927 befanden sich etwa 2.000, 1929 rund 1.000 französische Kolonialsoldaten im besetzten Gebiet (vgl. zur Differenz der Angaben Koller, Diskussion, 202).

Der Einsatz dieser Soldaten in den Jahren 1919-1930 und ihnen zu Unrecht unterstellte massenhafte Gewalttaten gegen deutsche Frauen und Kinder wurden von offiziellen deutschen Stellen, weiten Teilen der nationalen Presse und diversen Organisationen als "Schwarze Schmach" oder "Schwarze Schande" attackiert. Die Kritiker "Schwarzer Schmach" attackierten die Kolonialtruppen als "primitiven Schandfleck" im Herzen des zivilisierten Europa. Kolonialsoldaten wurden als brutale "Wilde" diffamiert und als von exzessiven sexuellen Instinkten gesteuerte "schwarze Brut" entstellt, die das deutsche Volk rassisch verseuche. Frankreich wurde international diskreditiert und zum Rückzug dieser Truppen aufgefordert.

Entwicklung der Kampagne gegen die "Schwarze Schmach"

Bereits während des Ersten Weltkrieges war die Verwendung von Kolonialsoldaten in Europa kontrovers diskutiert worden. Zu Beginn der Rheinlandbesatzung entfachten offizielle deutsche Stellen – Behörden und Politiker - mit politischem Kalkül die erste mit Hilfe moderner Medien verbreitete rassistische Propagandakampagne. Sie entwickelte eine unvorhergesehene Eigendynamik und breitete sich in den frühen 1920er Jahren über geographische und politische Grenzen hinaus aus. Nach einer Hochphase in den Jahren 1920-1921 flachten die Proteste seit 1923 ab. Sie verstummten jedoch auch in den folgenden Jahren bis zum Ende der Besatzung im Jahr 1930 niemals vollkommen.

Diverse Parteien des deutschen Reichstags, zahlreiche Medien, sowie ein ungewöhnlich breites Spektrum von Organisationen wurde gegen den Einsatz von Kolonialtruppen in Deutschland aktiv. Unter ihnen war auch der 1920 vom bayerischen Ingenieur und Publizisten Heinrich Distler in München gegündete "Deutsche Notbund gegen die schwarze Schmach". Er spielte eine zentrale Rolle in der Kampagne und war aufgrund seiner starken Übertreibungen und nicht genehmigten Geldsammlungen umstritten. 1921 wurde Distler, der ein Jahr später Mitglied der nationalsozialistischen Bewegung wurde, als Leiter des Notbundes abgelöst. Daraufhin etablierte sich der Verband, wurde als Verein anerkannt und erhielt eine Sammelerlaubnis. Er verfolgte vor allem eine internationale Propaganda, gab diverse Flugschriften und jahrelang eine in mehreren Sprachen erscheinende Zeitschrift gegen die "Schwarze Schmach" heraus. Außerdem organisierte er Protestversammlungen gegen die "Schwarze Schande". Verschiedene politische Persönlichkeiten unterstützten seine Arbeit; auch von Behörden erhielt er mehrfach finanzielle Zuschüsse. Auch die von der bayerischen Regierung gegründete und von August Ritter von Eberlein (1877-1949) geleitete Pfalzzentrale beteiligte sich an den Protesten gegen die "Schwarze Schmach". Die Zentrale unterstützte mit Ray Beveridge eine der wichtigsten Multiplikatorinnen der Kampagne. Sie hatte sich der Propaganda in Deutschland verschrieben, wo sie jahrelang in enger Zusammenarbeit mit der Pfalzzentrale Protest gegen "The Black Evil" mobilisierte. (Zur zentralen Rolle der Pfalzzentrale in der Protestbewegung und dem gemeinsamen Engagement von Eberlein und Beveridge vgl. Gräber und Spindler, Pfalz, 83ff.)

Die rassistische Botschaft der "Schwarzen Schmach" wurde zudem massenhaft in Kolportageromanen und anderer Trivialliteratur, Filmen und Zeitungen verbreitet und in Broschüren, Lexika, Gedichte, Karikaturen und diverse Protestresolutionen nationaler und internationaler Verbände gefasst.

Rasse, Nation, Geschlecht und Klasse: Der ideologische Kontext der Kampagne

Die Kampagne entwickelte sich im Kontext der Kategorien Rasse, Nation, Geschlecht und Klasse. Diese greifen in der gesellschaftlichen Konstruktion "Schwarzer Schmach" im Kontext sozialer Integration und Ausgrenzung unentwegt ineinander. Ihre enge Verflechtung ist auf der Grundlage historischer Quellenstudien auf allen Ebenen der Kampagne nachweisbar (vgl. Wigger, "Schwarze Schmach").

Geschlecht, Rasse, Nation und Klasse zeigen sich dabei als flexible, einander überlagernde, sich teilweise substituierende Kategorien, etwa wo die "Schwarze Schmach" als französischer Angriff auf die deutsche Frau, das deutsche Volk und die weiße Rasse gewertet und mit ihr der Zusammenhalt aller Deutschen und Weißen beschworen wird.

Die deutsche, weiße Frau diente im Szenario "Schwarzer Schmach" als einheitsstiftendes Sinnbild für die von Schändung bedrohte Nation und weiße Rassegemeinschaft. Frauen, die diese Rolle verweigerten, wurden aus beiden Gemeinschaften ausgegrenzt. Der Begriff Rasse war zentral für die Konstruktion schwarzer Primitivität und weißer Zivilisation in der Kampagne. Über die Darstellung des Kolonialtruppeneinsatzes als rassisches und herrschaftliches Problem der Zivilisierten wurde die Solidarität der gesamten weißen Gemeinschaft mit dem deutschen Kulturvolk eingefordert.

Auch Vorstellungen von Nation und Klasse prägten die rassistische Konstruktion einer "Schwarzen Schmach". Die stark antifranzösische Kampagne richtete einen Appell an die deutsche Nation, eine klassenübergreifende Volksgemeinschaft gegen die "Schwarze Schande" und fremde "Gewaltherrschaft" zu bilden. Diese Forderung nach nationalem Schulterschluss war unmittelbar mit Ausschlussdrohungen gegenüber denjenigen verbunden, die sich in den "eigenen Reihen" nicht in die völkische Gemeinschaft fügen wollten.

Literatur

  • Fatima El-Tayeb, Schwarze Deutsche. Der Diskurs um "Rasse" und nationale Identität 1890-1933, Frankfurt am Main 2001.
  • Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Die Revolverrepublik am Rhein. Die Pfalz und ihre Seperatisten. 1. Band: November 1918 - November 1923, Landau 1992.
  • Christian Koller, "Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt". Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930), Stuttgart 2001.
  • Iris Wigger, "Gegen die Kultur und Zivilisation aller Weißen". Die internationale rassistische Kampagne gegen die Schwarze Schmach, in: Susanne Meinl/Irmtrud Wojak (Hg. im Auftrag des Fritz Bauer Instituts), Grenzenlose Vorurteile. Antisemitismus, Nationalismus und ethnische Konflikte in verschiedenen Kulturen. Jahrbuch 2002 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Frankfurt am Main/New York 2002, 101-128.
  • Iris Wigger, Die "Schwarze Schmach am Rhein". Rassistische Diskriminierung zwischen Geschlecht, Klasse, Nation und Rasse, Münster 2006.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Iris Wigger, Schwarze Schmach, publiziert am 29.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Schwarze Schmach> (17.12.2017)