Rothenburg, Reichsstadt

Auf dem Rothenburger Stadtsiegel aus dem 14. Jahrhundert ist das seit 1269 nachweisbare Stadtwappen dargestellt: Eine (rote) Burg, symbolisiert durch eine Mauer mit zwei Türmen. (Stadtarchiv Rothenburg)

von Markus Naser

Anschließend an eine 1142 durch König Konrad III. (reg. 1138-1152) gegründete Reichsburg entwickelte sich die Stadt Rothenburg. Im Hochmittelalter war Rothenburg bedeutendes Herrschaftszentrum der Staufer, nach der sich verschiedene Angehörige dieses Königsgeschlechts benannten. Aber auch nach dem Ende der Stauferherrschaft konnte Rothenburg seine Stellung behaupten und wurde 1274 als reichsunmittelbare königliche Stadt bestätigt. Unter dem langjährig amtierenden Bürgermeister Heinrich Toppler (ca. 1349-1408) hatte Rothenburg seine Blütezeit, in der es sein Territorium beträchtlich ausdehnte. Die weitere Entwicklung der Stadt stagnierte in den folgenden Jahrhunderten, obwohl das evangelisch gewordene Rothenburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch einmal einen kulturellen Höhepunkt erlebte. 1803 gelangte das hochverschuldete und wirtschaftlich angeschlagene Rothenburg an Bayern.

Die Entstehung der Stadt Rothenburg in der Stauferzeit

Rothenburg als Teil des staufischen Haus- und Reichsgutes um 1200. (Gestaltung: Stefan Schnupp)

Rothenburg liegt auf einem Bergsporn östlich des Oberlaufs des Flusses Tauber in Westmittelfranken. Die Ursprünge des Ortes reichen mindestens ins 11., vielleicht sogar ins 10. Jahrhundert zurück. Zu dieser Zeit bestand eine von den Grafen von Comburg erbaute Burg auf dem Gelände des sogenannten Essigkrugs im Südwesten der heutigen Stadt. Die Grafen von Comburg verfügten über Grafenrechte im Maulach-, Kocher- und Taubergau. Nach ihrem Aussterben am Beginn des 12. Jahrhunderts übernahmen die Staufer große Teile ihrer ehemaligen Besitzungen, unter anderem auch das Gebiet um Rothenburg. Durch den Bau einer zweiten Burg auf dem Gelände des heutigen Burggartens durch den Stauferkönig Konrad III. (reg. 1138-1152) ab 1142 erlangte der Ort einen spürbaren Bedeutungszuwachs. Schon zwei Jahre nach Baubeginn ist für diese neue Burg der Name Rothenburg belegt. Die Authentizität von älteren Namensnennungen (dann noch mit Bezug auf die Grafenburg auf dem Essigkrug) ist in der Forschung umstritten. Erst die Namensnennung im Jahr 1144 ist unstrittig. In späterer Zeit (erstmals 1349) wird der Grundname häufig um eine Lageangabe (an/auf/ob der Tauber) ergänzt, wobei sich schließlich die ursprünglich seltene Form "ob der Tauber" (im Sinne von "oberhalb der Tauber gelegen") durchsetzt.

Rothenburg als Herzogssitz der Staufer

Auf dem Stich von Matthäus Merian von 1648 sind die Reste der alten Burg noch zuerkennen. Auschnitt aus: Matthäus Merian, Topographia Franconiae, Frankfurt 1648, 46f. (Bayerische Staatsbibliothek, Hbks/E 29-4)

Zur Verwaltung der neuen Burg setzte Konrad III. Reichsministerialen ein und ließ hier seinen Sohn Friedrich, den späteren Herzog von Schwaben (reg. 1152-1167), erziehen. Für Rothenburg ist Herzog Friedrich IV. von besonderer Bedeutung, da er sich selbst mehrmals "Dux de Rothenburg" (Herzog aus Rothenburg) nannte und Rothenburg als besonderes Herrschaftszentrum wählte. Auch Herzog Konrad II. (reg. 1191-1196), der fünfte Sohn Friedrich Barbarossas (reg. 1152-1190, Kaiser ab 1155), nannte sich nach Rothenburg, was die Bedeutung der Burg als Verwaltungsmittelpunkt der staufischen Lande im schwäbisch-fränkischen Raum in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unterstreicht.

Entstehung einer eigenständig handelnden Bürgerschaft

Östlich an die Stauferburg anschließend entstand noch im 12. Jahrhundert eine wahrscheinlich von Anfang an als Stadt geplante Siedlung, deren städtischer Charakter sich noch im 12. Jahrhundert in Form von Marktgeschehen, Ummauerung und eigener Rechtsprechung nachweisen lässt. Ein eigenständig handelndes bürgerliches Gemeinwesen entwickelte sich allerdings erst im Laufe des 13. Jahrhunderts. 1227 werden erstmals Bürger genannt und 1239 siegelt die Stadt erstmals selbst. Der Rothenburger Rat ist zusammen mit dem Rothenburger Stadtwappen ab 1269 nachweisbar. Das Rothenburger Wappen zeigt eine rote Burg (symbolisiert durch eine Mauer mit zwei Türmen) auf silbernem Grund.

Entwicklung zur königlichen Stadt

Das Ende der Königsherrschaft der Staufer im 13. Jahrhundert bedeutete für Rothenburg zunächst einen deutlich weniger starken Einschnitt, als in Anbetracht der engen Verbindung der Stadt zu diesem Geschlecht zu erwarten wäre. Die einstmals von den Staufern eingesetzten Reichsministerialen übten ihre Ämter nämlich weiter aus und nutzten sie zum Aufbau eigener Territorien. Im Falle Rothenburgs waren es die Reichsküchenmeister von Nordenberg, die sich einen maßgeblichen Einfluss in Burg und Stadt Rothenburg sichern konnten. Zwar werden die Reichsküchenmeister in der Zeit des Interregnums nicht als Stadtherren bezeichnet, ihre starke Machtstellung in dieser Zeit ist aber unbestritten.

Allerdings konnten die Nordenberger ihre Machtposition nur solange ungehindert ausüben, wie es keinen allgemein anerkannten König gab, was sich mit der Wahl Rudolfs von Habsburg (reg. 1273-1291) änderte. Rudolf versuchte, die dem Reich in der Zeit des Interregnums entfremdeten Besitzungen zurückzugewinnen. Im Fall Rothenburgs hatte er damit Erfolg.

Das Privileg Rudolfs von Habsburg vom 15. Mai 1274

Am 15. Mai 1274 gewährte König Rudolf den Rothenburgern ein besonderes Privileg, das die weitere Entwicklung der Stadt massiv beeinflussen sollte. Rudolf stellte alle Einwohner Rothenburgs unter den besonderen Schutz des Reiches und befreite sie von auswärtigen Gerichten. Darüber hinaus erweiterte er die Rechte des Rothenburger Zentgerichts derart, dass es fortan als Landgericht angesprochen wird. Im gleichen Jahr beginnt die Serie der erhaltenen Rothenburger Gerichtsbücher.

Rothenburg unter Ludwig dem Bayern und Karl IV.

Der Grabstein des fast vier Jahrzehnte als Bürgermeister amtierenden Heinrich Toppler (1340-1408) in der Stadtkirche St. Jakob in Rothenburg. (Reichsstadtmuseum Rothenburg)

Seit dem Privileg 1274 war Rothenburg als königliche Stadt anerkannt. Fortan bestimmten in der Hauptsache der König und der Rothenburger Rat über die Geschicke der Stadt. Die Reichsunmittelbarkeit Rothenburgs war aber keineswegs selbstverständlich. Ludwig der Bayer (reg. 1314-1347, Kaiser ab 1328) hat Rothenburg in den 1320er und 1330er Jahren mehrmals verpfändet. Rothenburg musste sich 1335 selbst aus der Verpfändung freikaufen. Nach der Selbstauslösung gewährte Ludwig der Bayer Rothenburg mehrere wichtige Privilegien, darunter eine Erweiterung der Marktrechte und das Recht zu eigenständigen Bündnissen. Unter seinem Nachfolger Karl IV. (reg. 1346-1378, Kaiser ab 1355) wurde Rothenburg dann ein letztes Mal verpfändet (1349-1353), konnte sich aber erneut selbst aus der Verpfändung freikaufen. Im Jahr 1358 wurde in Rothenburg ein Landfrieden geschlossen, der für drei Jahre gelten sollte. Bis 1361 war Rothenburg Sitz des zugehörigen Landfriedensgerichts.

Rothenburg unter Bürgermeister Heinrich Toppler

Mit dem Namen Heinrich Toppler (ca. 1349-1408) ist die Blütezeit Rothenburgs verbunden. Toppler wurde seit den 1370er Jahren bis zu seinem Tod fast jedes zweite Jahr (direkt aufeinanderfolgende Amtszeiten waren in Rothenburg nicht gestattet) zum Bürgermeister gewählt. Er wurde zum mit Abstand reichsten Rothenburger und gleichzeitig zu einem der reichsten und angesehensten Patrizier im ganzen Reich. Nicht nur sich und seiner Familie erwarb er gewaltigen Grundbesitz, sondern auch der bis dahin praktisch ausschließlich auf ihr ummauertes Gebiet beschränkten Reichsstadt Rothenburg. In den knapp vierzig Jahren, in denen Toppler Bürgermeister war, erlangte er für die Stadt ein Gebiet von fast 400 km², das seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts mit einem Wall-Graben-System (der sogenannten Landhege) vor plündernden Landfriedensbrechern geschützt war. Zwar wurden einige weiter entfernte Besitzungen wieder verkauft, der Großteil des Territoriums, das in der Topplerzeit erworben wurde, blieb der Reichsstadt aber bis zur Mediatisierung erhalten.

Das 15. Jahrhundert

Darstellung des spätmittelalterlichen Marktplatzes von Rothenburg. Das Bild ist ein Hintergrund auf der Werktagsseite des Zwölf-Boten-Altares in der Rothenburger Jakobuskirche, den der Maler Friedrich Herlin (c. 1430-1500) 1466 geschaffen hat. (Public Domain via Wikimedia Commons)

Das 15. Jahrhundert brachte für Rothenburg einen Bedeutungsrückgang. Die Bevölkerung Rothenburgs ist vom beginnenden 15. Jahrhundert bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen. Ob das mit einer Verlagerung der Handelsströme zusammenhängt, wie bisweilen vermutet wird, ist noch nicht eingehend untersucht worden.

Im Jahr 1451 kam es zu einem Aufstand der Handwerker in der Stadt. Wie in anderen Städten auch, wollten die Rothenburger Handwerker stärker am Stadtregiment beteiligt werden. Kurzzeitig konnten sie sich durchsetzen, was zu einer Änderung der Rothenburger Ratsverfassung führte. Allerdings kehrte man schon 1455 wieder zum alten System zurück.


Reformation und Bauernkrieg

Der spätere evangelische Prediger Johannes Teuschlein (geb. c. 1483) präsentiert sein Buch dem Bischof von Würzburg, Lorenz von Bibra. Stich auf der Titelseite von: Johannes Teuschlein, Insignia episcopi Herbipolensis orientalisq, Nürnberg 1517. (British Museum, 1895,0122.759 lizensiert durch CC BY-NC-SA 4.0)

Die reformatorischen Ideen zeigten in Rothenburg schon relativ früh ihre Auswirkungen. Durch die Anwesenheit des radikalen Reformators Andreas Bodenstein (ca. 1486-1541), genannt Karlstadt, im Herbst 1524 und Frühjahr 1525 radikalisierte sich die evangelische Partei in der Stadt, sodass es zu einem Bildersturm in der Kobolzeller Kirche im Taubertal kam und sich die Stadt im Bauernkrieg mit den Aufständischen verbündete. Nach der Niederlage der Bauern fand in Rothenburg ein Strafgericht statt, bei dem mehrere Rothenburger Bürger hingerichtet wurden, darunter der evangelische Prediger Johannes Teuschlein (geb. ca. 1483). Die altkirchliche Ordnung wurde wiederhergestellt; Predigten im reformatorischen Geist fanden vorerst nicht mehr statt. Erst 1544 wurde in Rothenburg ein zweiter Versuch zur Einführung der Reformation gestartet, diesmal durch den Stadtrat. Man holte den fähigen Prediger Thomas Venatorius (ca. 1488-1551) aus Nürnberg, der die neue Lehre in Rothenburg durchsetzen konnte. Von 1548 bis 1552 hielt sich auch der slowenische Reformator Primus Truber (1508-1586) in Rothenburg auf und schrieb hier das erste Buch in slowenischer Sprache. Die Klöster der Dominikanerinnen (seit 1258 in der Stadt) und der Franziskaner (seit 1281 in der Stadt) wurden aufgelöst; ihre Besitzungen fielen der Stadt zu. Im Jahr 1559 erhielt Rothenburg eine von Jakob Andreä (1528-1590) verfasste evangelische Kirchenordnung.

"Rothenburg uff der Tauber". Kupferstich von Hans Meichsner aus dem Jahre 1615. (Reichsstadtmuseum Rothenburg, StAR 08/02)

Von der Reformationszeit bis zur Mediatisierung

Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts brachte für Rothenburg noch einmal eine kulturelle Blütezeit. Zu dieser Zeit entstanden der berühmte Renaissancetrakt des Rothenburger Rathauses, ein neues Spitalgebäude, ein neues Lateinschulhaus und mit der Spitalbastei immerhin punktuell eine moderne Befestigungsanlage. Mit dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 war diese kurze zweite Blütezeit aber jäh beendet. Rothenburg hatte im Krieg sehr unter Einquartierungen von beiden Seiten zu leiden; das Stadtgebiet war mehrmals Durchzugsgebiet von plündernden Truppen. Im Oktober 1631 wurde die Stadt gewaltsam von kaiserlichen Truppen unter General Johann T’Serclaes von Tilly (1559-1632) eingenommen. Die Stadt wurde zwar geplündert, aber nicht in Brand gesteckt, was schließlich Ende des 18. Jahrhunderts zur Bildung der Legende um den "Meistertrunk" führte. Nach dieser Legende hat der damalige Alt-Bürgermeister Georg Nusch (1588-1668) einen 13 fränkische Schoppen (ca. 3,25 Liter) Wein fassenden Pokal in einem Zug geleert und dadurch die Stadt gerettet. Allerdings enthalten die zahlreich vorhandenen zeitgenössischen Quellen keinerlei Hinweise auf diesen Vorgang. Der legendenhafte Charakter der Darstellung, die im 19. Jahrhundert als durchaus authentisch galt, ist daher heute unstrittig.

Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges stagnierte die Entwicklung in Rothenburg aufgrund der hohen Verschuldung der Stadt und der schlechten Wirtschaftslage. Als die Stadt durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 an Bayern fiel, war vom reichsstädtischen Glanz nicht mehr viel geblieben.

Rothenburg im fränkischen Machtgefüge des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Das Rothenburger Gebiet und die umliegenden Herrschaften. Karte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. (Reichsstadtmuseum Rothenburg, StAR 05/07)
Ansicht des Rothenburger Marktplatzes. (aus: von Winterbach, J. D. W.: Rothenburger Chronik, Rothenburg 1905, nach Seite 48)

Das Gebiet der Reichsstadt Rothenburg lag im südöstlichen Bereich des Bistums Würzburg. Der Bischof von Würzburg war aber nicht nur geistlicher Herr über die katholischen Rothenburger Kirchen, er war als Territorialherr und Reichsfürst auch weltlicher Nachbar der Reichsstadt gen Norden. Im Osten und Süden grenzte dagegen das Gebiet der Burggrafen von Nürnberg, aus dem sich später das Fürstentum (Brandenburg-)Ansbach entwickelte, an das reichsstädtische Territorium. Westlich der Stadt befanden sich die Herrschaftsgebiete der verschiedenen Linien der Herren und späteren Grafen von Hohenlohe. Diese Machtkonstellation präsentiert sich uns als ziemlich statisch. Trotz öfter aufflammender Fehden mit dem Burggrafen und/oder dem Bischof von Würzburg kam es zwischen ca. 1400 und dem Ende des Heiligen Römischen Reiches zu keinen größeren territorialen Verschiebungen. Seit der Einrichtung des Fränkischen Reichskreises am Anbruch der Neuzeit waren sowohl Rothenburg als auch seine weltlichen Nachbarn auf den fränkischen Kreistagen vertreten.

Verfassung und Verwaltung

Das Rothenburger Stadtrecht war ein gewachsenes Stadtrecht. Es ist der Stadt also nicht in einem Akt königlicher Gnadenerweisung auf Basis der Rechtsordnung einer anderen Stadt verliehen worden, sondern im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert in einem gestreckten Prozess gewachsen. 1344 muss das Rothenburger Stadtrecht bereits so weit verschriftlicht gewesen sein, dass es selbst einer anderen Stadt, nämlich Lauda (Stadt Lauda-Königshofen, Baden-Württemberg), verliehen werden konnte.

Der Rothenburger Rat entstand aus dem in staufischer Zeit eingerichteten Stadtgericht, das von einem königlichen Schultheißen geleitet wurde. Der Rat bestand zunächst aus 12 Mitgliedern. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verlor der vom König eingesetzte Schultheiß den Vorsitz im Rat, der nun in den Händen eines von der Stadt selbst eingesetzten, 1336 erstmals belegten, Bürgermeisters lag. Ebenfalls 1336 wird erstmals der Äußere Rat mit 40 Mitgliedern erwähnt; für den bereits bestehenden älteren Rat setzt sich der Begriff Innerer Rat durch. Auch der Äußere Rat hatte einen eigenen Bürgermeister; die eigentliche Macht lag aber in den Händen des Inneren Rates und seines Bürgermeisters. Die zwar im Äußeren, nicht aber im Inneren Rat vertretenen Handwerker nahmen ihre relative Machtlosigkeit bis 1451 hin, dann erzwangen sie eine Verfassungsänderung zu ihren Gunsten. Es wurden zwölf Zünfte eingerichtet, deren Vorsteher zukünftig ebenfalls im Inneren Rat sitzen sollten. Der Innere Rat wuchs dadurch auf 24 Personen an. Gleichzeitig wurde der Äußere Rat durch 24 sogenannte Zugeber ersetzt, die ebenfalls aus den 12 Zünften besetzt werden sollten. Dieses neue System hielt sich allerdings nur vier Jahre lang, bis 1455. Die alte Ordnung wurde wiederhergestellt; allerdings bestand der Innere Rat fortan aus 16 statt 12 Mitgliedern. Eine weitere wichtige Bestimmung von 1455 war, dass fortan nur maximal die Hälfte der Ratsherren der Gruppe der ehrbaren Geschlechter entstammen sollte; allerdings wurde diese Bestimmung schon bald umgangen und fand keine Anwendung mehr. Die Macht blieb daher bis zur Mediatisierung in den Händen des Rothenburger Patriziats.

Wirtschaftliche und soziale Entwicklung

Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Rothenburgs wurde bislang noch nicht eingehend erforscht. Die Entwicklungen lassen sich daher nur sehr grob skizzieren. In der Stauferzeit entwickelte sich eine auf die Bedürfnisse der Burgbesatzung ausgerichtete Ministerialen- und Handwerkersiedlung. Natürlich spielte auch der Handel eine gewisse Rolle, allerdings kann Rothenburg zu keiner Zeit als wirklich wichtige Handelsstadt bezeichnet werden. Vielmehr wurde Rothenburg durch den Erwerb eines eigenen Territoriums mit ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen im Besitz der lokalen Patrizierfamilien ab dem 14. Jahrhundert zu einem regionalen und teils überregionalen Zentrum landwirtschaftlicher Produktion, wobei der Schafzucht und der Wollproduktion eine besondere Rolle zukam. Dadurch entstand eine starke Abhängigkeit von den Preisen für landwirtschaftliche Produkte, die sich vor allem durch den stark fallenden Getreidepreis nach dem Dreißigjährigen Krieg negativ auf die wirtschaftliche Situation der Stadt auswirkte.

Die 1520 zur Marienkapelle umgewandelte frühere Synagoge der zweiten jüdischen Gemeinde am Schrannenplatz. (aus: Miscellanea Rothenburgensia, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 7870 fol. 104v)
Der Milchmarkt vor der Rothenburger Marienkapelle. (aus: von Winterbach, J. D. W.: Rothenburger Chronik, Rothenburg 1905, nach Seite 120)

Den bestimmenden politischen Faktor in der Reichsstadt Rothenburg bildete stets das städtische Patriziat, das sich wahrscheinlich noch im 13. Jahrhundert herausbildete. Mit Ausnahme des Aufstandes von 1451-1455 und einiger Wirren während des Bauernkrieges regierten die Rothenburger Patrizier unangefochten über die Stadt. Allerdings gab es innerhalb des Patriziats immer wieder Missstimmungen und Parteiungen, die zum Wegzug wichtiger Familien aus Rothenburg führten. 1353 wurde der ehemalige Rothenburger Stadtschreiber Friedrich von Lichtel der Stadt verwiesen. 1408 starb Heinrich Toppler nach einer Intrige im Verlies des Rothenburger Rathauses; seine Familie musste die Stadt verlassen und wurde in Nürnberg ansässig. Aufgrund des Fehlens einer systematischen Untersuchung lässt sich aber nichts Näheres über die Entwicklung des Patriziats und der sonstigen Einwohnerschaft in Rothenburg sagen.

Jüdische Geschichte in Rothenburg

Eine erste Ansiedlung von Juden in Rothenburg ist bereits im 12. Jahrhundert nachweisbar. Im 13. Jahrhundert gab es dann eine blühende jüdische Gemeinde mit einer eigenen Talmudschule, an der der berühmte Gelehrte Rabbi Meir ben Baruch (ca. 1215-1293) lehrte. Diese Gemeinde wurde durch das Rintfleisch-Pogrom von 1298 praktisch vollständig ausgelöscht. Zwar siedelten sich bald danach wieder Juden in Rothenburg an, die Gemeinde erreichte aber nie mehr dieselbe Größe und Bedeutung. Im Zuge der Pestwelle kam es im Herbst 1349 zu einem erneuten Pogrom, und auch diesmal dauert es nicht lange, bis sich nach der Verfolgung erneut Juden in Rothenburg ansiedelten. Die damals (um 1400) neu gebaute Judengasse hat sich in großen Teilen bis heute erhalten. Endgültig aus der Reichsstadt Rothenburg vertrieben wurden die Juden in den Jahren 1519/20. Erst nach der Auflösung der Reichsstadt und dem Übergang an Bayern am Beginn des 19. Jahrhunderts kamen wieder Juden nach Rothenburg.

Quellen- und Archivsituation

Die Quellenlage für die Reichsstadt Rothenburg ist sehr gut. Wichtige Teile der Rothenburger Archivalien befinden sich im Staatsarchiv Nürnberg (3642 Archivalieneinheiten, davon 3457 Urkunden, 63,5 lfm, 1274–1791), darunter das königliche Privileg von 1274. Doch auch das Rothenburger Stadtarchiv verfügt über ansehnliche Bestände aus der reichsstädtischen Zeit (über 2200 Akten, 800 Amtsbücher, 1400 Rechnungsbände und 5000 Urkunden). Die Rothenburger Urkunden wurden durch Ludwig Schnurrer (geb. 1927) in Regestenform ediert.


Dokumente

Literatur

  • Rudolf Walther von Bezold, Die Verfassung und Verwaltung der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber 1172-1803, Nürnberg 1915.
  • Karl Borchardt, Die geistlichen Institutionen in der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber und dem dazugehörigen Landgebiet von den Anfängen bis zur Reformation (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte IX/37), Neustadt an der Aisch 1988.
  • Karl Borchardt, Rothenburg ob der Tauber 1793-1818. Vom reichsstädtischen Kleinstaat zur bayerischen Grenzstadt, in: Rainer A. Müller/Helmut Flachenecker/Reiner Kammerl (Hg.), Das Ende der kleinen Reichsstädte 1803 im süddeutschen Raum (Beihefte zur Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 27), München 2007, 211-230.
  • Alois Gerlich/Franz Machilek, Die Reichsstädte, in: Max Spindler/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 3. Band, 1. Teil: Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 3. Auflage 1997, 640-686.
  • Andrea M. Kluxen/Julia Krieger (Hg.), Geschichte und Kultur der Juden in Rothenburg o.d.T. (Franconia Judaica 7), Würzburg 2014.
  • Rainer A. Müller (Hg.), Reichsstädte in Franken. Aufsätze, 2 Bände (Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 15), München 1987.
  • Horst F. Rupp/Karl Borchardt (Hg.), Rothenburg ob der Tauber. Geschichte der Stadt und ihres Umlandes, Darmstadt 2016.
  • Ludwig Schnurrer, Rothenburg im Mittelalter. Studien zur Geschichte einer fränkischen Reichsstadt, Rothenburg 1997.
  • Herbert Woltering, Die Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber und ihre Herrschaft über die Landwehr, Insingen 2010.

Quellen

  • Ludwig Schnurrer, Die Urkunden der Reichsstadt Rothenburg, 2 Bände (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Fränkische Geschichte 3/6,1 und 3/6,2), Neustadt an der Aisch 1999.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Markus Naser, Rothenburg, Reichsstadt, publiziert am 28.08.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rothenburg,_Reichsstadt> (20.11.2017)