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Rothenburger Meistertrunk

Darstellung des "Meistertrunks". Abb. aus: Adam Hörber, Historisches Festspiel "Der Meistertrunk", Rothenburg o. T. 1906. (Bayerische Staatsbibliothek, Bavar. 2289 g-11)

von Florian Huggenberger

Das historische Festspiel "Der Meistertrunk" wird seit 1881 abgesehen von krisenbedingten Unterbrechungen jährlich von Laiendarstellern in Rothenburg o. d. T. (Lkr. Ansbach) aufgeführt. Das Volksschauspiel zeigt die sagenhafte Rettung der Stadt nach der Eroberung durch kaiserliche Truppen im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648). Im Zentrum steht das Angebot der Sieger, die Stadt zu verschonen, falls einer unter den Rothenburger Räten einen großen Humpen Wein in einem Zug leeren könne. Begleitet von einem ständig wachsenden Rahmenprogramm hat das Festspiel die Entwicklung Rothenburgs als Fremdenverkehrsort mitbefördert.

Historischer Kontext

Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) stellte sich die protestantische Reichsstadt Rothenburg o. d. T. (Lkr. Ansbach) Anfang Oktober 1631 unter den Schutz Schwedens. Dies führte zum Konflikt, als die nach Franken zurückweichenden Truppen des kaiserlichen Heerführers Johann T’Serclaes von Tilly (1559–1632) Rothenburg erreichten. Tilly verlangte am 28. Oktober die Übergabe der Stadt, die der Rat wohl mit Blick auf die schwedische Besatzung und in Hoffnung auf Entsatz aus dem schwedisch besetzten Würzburg ablehnte. Die kaiserliche Armee begann am 30. Oktober mit der Erstürmung, die zunächst abgewehrt werden konnte. Nachdem sich ein heranrückendes Kontingent nicht als erhoffter Entsatz, sondern als kaiserliche Verstärkung herausstellte, kapitulierte der Rat. Tilly gab die Stadt zur Plünderung frei und belegte sie mit hohen Kontributionen. Auf das Flehen der Bürgerschaft hin verzichtete Tilly aber darauf, Rothenburg im Falle nicht vollständig entrichteter Forderungen zu zerstören.

Die Entstehung der Sage vom Meistertrunk

Zeitgenössische Berichte (Chroniken Rösch, Göttlingk, Dehner; Gedenkpredigt von 1641) kennen keinen "Meistertrunk" zur Rettung Rothenburgs. Erst Georg Heinrich Schafferts (1739-1794) Chronik (verfasst 1771-1773) berichtet darüber. Sie ist die Urform der Sage. Demnach habe Tilly Schonung versprochen, wenn einer der Besiegten einen Humpen mit Gift versetzten Weins ausgetrunken hätte.

Die heutige Form der Sage findet sich zuerst ohne Hinweis auf ihren Ursprung in einer Fußnote in Johann David Wilhelm von Winterbachs (1772-1856) Geschichte der Stadt Rothenburg von 1826: Tilly verfügte demnach nach der Einnahme der Stadt die Hinrichtung mehrerer Ratsmitglieder. Bürgermeister Johann Bezold (1582-1634) beauftragte er mit der Benachrichtigung des Henkers. Während Bezolds Abwesenheit wurde Tilly der mit Wein gefüllte Willkomm-Humpen gereicht. Vom Wein umgestimmt bot Tilly an, Gnade zu gewähren, wenn es einem der Räte gelänge, den Pokal in einem Zug zu leeren. Altbürgermeister Georg Nusch (1588-1668) nahm die Herausforderung an und bewältigte sie.

Das Cover des von Adam Hörber verfassten Festspiel 'Der Meistertrunk' in der 3. Auflage 1884. (Bayerische Staatsbibliothek, Bavar. 4783 r lizenziert via CC BY-NC-SA 4.0)

Überregional weite Verbreitung fand die Begebenheit durch die 1846 veröffentlichte Erzählung "Der Scharfrichter und sein Sohn oder Tilly in Rothenburg" von Georg Scheurlin (1802-1872). Der Rothenburger Buchbindermeister und Dichter Leonhard Wolff hatte bereits 1842 das Gedicht "Der Meistertrunk" mit demselben Motiv verfasst, es aber erst 1864 veröffentlicht. Er schuf auch ein Drama über den Meistertrunk, das jedoch keinen Erfolg hatte.

Die Begründung des Festspiels und die Uraufführung 1881

Denkmal von Adam Hörber (1827-1905, Autor des Rothenburger Meistertrunks). Inschrift: DIE DANKBARE STADT ROTHENBVRG O/T IHREM HOCHVERDIENTEN EHRENBUERGER DEM DICHTER DES HISTORISCHEN FESTSPIELES MEISTERTRUNK ADAM HOERBER ZVM GEDAECHTNIS *30. JVNI 1827 +28. OCT. 1905. (Fotografie: Florian Huggenberger)

Die Bedeutung der Reichsstadt Rothenburg nahm nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs weiter ab. Dennoch ermöglichten die landwirtschaftliche Produktion und Exporte der oligarchischen Elite einen gehobenen Lebensstandard und der Bevölkerungsmehrheit weiterhin ein Auskommen. Das änderte sich ab den 1790er Jahren und dann besonders mit dem Übergang an Bayern 1802, vor allem nach dem Verlust des westlichen Teils der ehemaligen Landwehr und nachdem die Bevölkerung in Lethargie versank. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts erlangte die Stadt zwar den Ruf, Inbegriff eines typisch "deutschen" Mittelalters zu sein. Der dadurch einsetzende Fremdenverkehr blieb aber bis zum Anschluss an die Eisenbahn 1873 gering. Um ihn zu fördern, entwickelten acht Bürger den Plan, die Rothenburger Kirchweih durch einen Festzug aufzuwerten. Im November 1879 wurde beschlossen, zusätzlich ein Historienspiel aufzuführen. Als Autor wurde der Glasermeister und Gelegenheitsdichter Adam Hörber (1827-1905) beauftragt, der auf die Chroniken aus dem 18. Jahrhundert und die Arbeiten Wolffs zurückgriff. Warum Hörber auf einen frühneuzeitlichen Stoff zurückgriff, statt sich auf das im Rothenburger Stadtbild allgegenwärtige Mittelalter zu berufen, ist nicht bekannt. Dabei hätte es mit dem spätmittelalterlichen Bürgermeister Heinrich Toppler (gest. 1408) eine Vorlage mit ausreichendem dramatischem Potential gegeben. Nichtsdestotrotz mobilisierte Hörbers Stück die Bürgerschaft zur Teilnahme. Auch die Werbung außerhalb der Stadt fand großen Anklang: Anfang 1881 waren alle gewerblichen Unterkünfte in Rothenburg ausgebucht. Das Interesse Auswärtiger war so groß, dass an Einheimische keine Eintrittskarten verkauft und weitere Aufführungen nach der Premiere beschlossen wurden. Zur Sicherstellung der Beständigkeit des Unternehmens wurde am 14. Februar 1881 der Verein Historisches Festspiel gegründet.

Die auf den Pfingstmontag vorverlegte Uraufführung (6. Juni 1881) übertraf die in sie gesetzten Erwartungen. Die Aufführung am historischen Ort, dem Kaisersaal des Rathauses, die Kostümierung und das Pathos der Dramatisierung gaben dem Publikum das Gefühl, beim Geschehen selbst anwesend zu sein. Die Reaktionen waren fast durchweg positiv, sicher auch, weil das Stück vom Geist des liberal-konservativen Bürgertums, zwischen persönlicher Freiheit und bedingungsloser Treue zu Kaiser und Nation, getragen war. Die wenigen Kritiker bemängelten das protestantisch-religiöse Pathos, die Länge mancher Textpassagen und den geringen Tiefgang der Figuren. Da die Mitwirkenden Laien waren, wiesen auch Schauspiel und Musikvortrag Schwächen auf. Doch schmälerte dies nicht die Wahrnehmung des Stücks als authentisch, eher war das Gegenteil der Fall.

Fremdenverkehrsplakat Rothenburgs mit Bewerbung des "Meistertrunks" München, ca. 1900.(Staatsbibliothek Bamberg, XI B41 lizenziert durch CC BY-SA 4.0)

Aufführungspraxis bis 1939

Der große Erfolg begründete die Wiederholung des Festspiels schon im nächsten Jahr. Zudem wurde unter der Leitung des Historienmalers Fritz Birkmeyer (1848-1897) der Festzug um attraktive Motive erweitert und ein Heerlager etabliert, in dem den Zuschauern Lagerleben aus dem Dreißigjährigen Krieg präsentiert wurde. Diese drei Hauptbestandteile (Historienspiel, Festzug, Feldlager) wurden in den Folgejahren beibehalten, da so wesentlich mehr Zuschauer angezogen werden konnten als nur mit dem Festspiel, das pro Vorstellung etwa 750 Besucher erlaubte. 1883 erwarb der Verein Hörbers Text und das alleinige Aufführungsrecht. Das Rahmenprogramm wurde stetig erweitert: Der 1910/11 im Umfeld des Rothenburger Faschings entstandene Verein Schäfertanz wurde eingebunden, später auch die 1921 begründeten Hans-Sachs-Spiele; Konzerte wurden veranstaltet und durch die Festspieler selbst Szenen aus dem Alltag der Soldaten an wechselnden Orten geboten. Auch wurde das Stück überarbeitet, um die Wirkung auf das Publikum zu verstärken (1884, 1921). Wegen der steigenden Häufigkeit der Auftritte wurden nach dem Ersten Weltkrieg zwei Spielgruppen gebildet, die abwechselnd auftreten.

In der NS-Zeit wurde Rothenburg gezielt als Idealstadt nach den ideologischen Vorstellungen der Machthaber propagiert. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Fremdenverkehr, seit 1935 stark durch die Organisation Kraft durch Freude (KdF) gefördert. Der Verein verhielt sich in dieser Zeit konform. Das Stück erfuhr leichte Veränderungen, um dem Zeitgeist entgegenzukommen, regelmäßig wurden Vorführungen für KdF-Reisegruppen gebucht und Mitglieder traten beim Empfang von KdF-Urlaubern und Prominenten auf. 1937 erklärte der Vorsitzende, der Verein stelle sich in den Dienst des Nationalsozialismus. Umgekehrt förderte die Gauleitung Franken den Besuch des Festspiels, das als "echt deutsches Brauchtum" betrachtet wurde. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Aufführungen, wie bereits 1915-1920, ausgesetzt.

Aufführungspraxis seit 1945

Bereits kurz nach Kriegsende 1945 wurde auf Wunsch des örtlichen Befehlshabers der US-Armee zur Finanzierung des Wiederaufbaus des durch den Luftkrieg schwer beschädigten Rothenburg eine Aufführung des "Meistertrunks" durchgeführt. Obwohl der geplante Besuch amerikanischer Soldaten unterblieb, lief die Vorstellung trotz der nötigen Improvisation gemäß Drehbuch ab. Die Aufführung im ausgebrannten Rathaus soll durch die Ähnlichkeit der beiden Situationen in Krieg und Niederlage von den meist einheimischen Zuschauern besonders intensiv empfunden worden sein. Der reguläre Spielbetrieb konnte 1947 wiederaufgenommen werden, der Festzug folgte ab 1951. Der Betrieb normalisierte sich und wurde abermals ausgeweitet: Seit 1952 wird das Festspiel über das Pfingstwochenende vier- bis siebenmal aufgeführt. 1966 richtete der Verein mit dem Historiengewölbe ein ortsgeschichtliches Museum mit Schwerpunkt auf dem Dreißigjährigen Krieg ein. Es stellt eine der Haupteinnahmequellen des Vereins dar.

Der Text erfuhr weitere Überarbeitungen, vor allem durch die Straffung einzelner Passagen und die Übertragung antiquierter Ausdrücke in zeitgemäße Sprache. Gravierender war die Bearbeitung Toni Graschbergers (geb. 1915) 1981, die nun tolerante und humanistische Tendenzen stärker betonte, indem der Gedanke zur Versöhnung zwischen den Konfliktparteien in den Vordergrund gestellt wurde. Daneben waren vor allem Realismus bzw. Authentizität und Lebendigkeit der Darstellungen erklärte Ziele. So wurden seit 1982 in Pikett und Feldlager Spielszenen eingebunden. Das Umherziehen kostümierter Gruppen in der Stadt wurde intensiviert. Darüber hinaus nimmt der Rahmen teilweise Volksfestcharakter an, da mehrere Konzerte, Bewirtung mit Live-Musik, ein Händler- und Handwerkermarkt sowie teilweise Tanzveranstaltungen stattfinden. 2019 waren etwa 800 Aktive an der Durchführung beteiligt. Verschoben hat sich der Schwerpunkt der Aufführungen hin zum Pfingstsonntag. Daneben gibt es weitere Aufführungen an den sog. Reichsstadt-Tagen seit 1963 sowie vereinzelt im Rahmen anderer lokaler Großveranstaltungen.

Wirkung

Der starke Zustrom von Reisenden durch das Festspiel beförderte die Entwicklung Rothenburgs in erheblichem Maße. Die Stadt investierte in die touristische und allgemeine Infrastruktur, Unternehmer schufen neue Übernachtungsmöglichkeiten und erweiterten die Gastronomie. Der Viehmarkt wurde vom Zentrum in die Peripherie verlegt und die bisherige Straßenbezeichnung "Viehmarkt" in "Herrengasse" geändert. Das Motiv des Meistertrunks gewann großen Einfluss auf Selbstbild und -darstellung der Stadt. In dem im Jahr 1927 von ihr in Auftrag gegebenen Werbefilm "Im Zauberbann von Rothenburg" nimmt die Handlung des Festspiels breiten Raum ein und bis heute wird Ehrengästen ein Trunk aus einer Nachbildung des Willkomm-Humpens gereicht. Das Festspiel ist seit 2016 im Deutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingetragen.

Literatur

  • Joshua Hagen, Preservation, Tourism and Nationalism. The Jewel of the German Past (Heritage, Culture and Identity), Aldershot 2006.
  • Michael Kamp, Die touristische Entdeckung Rothenburgs ob der Tauber im 19. Jahrhundert. Wunschbild und Wirklichkeit, Schillingsfürst 1996.
  • Hellmuth Möhring, Der Meistertrunk, in: Horst F. Rupp/Karl Borchardt (Hg.), Rothenburg ob der Tauber. Geschichte der Stadt und ihres Umlandes, Darmstadt 2016, 502-509.
  • Sandra Schmidt, Das Historische Festspiel "Der Meistertrunk" von seiner Entstehung bis zur Gegenwart, Zulassungsarbeit für das Lehramt an Gymnasien, Würzburg 1997.
  • Cornelia Stabenow, Zwischen Denkmal, Märchenbild und Trauma. Zum romantischen Nachleben der Reichsstadt Rothenburg o. d. Tauber in der Literatur und Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Rainer A. Müller (Hg.), Reichsstädte in Franken. Aufsätze 2. Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur (Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 15,2), München 1987, 427-445.
  • Stadt Rothenburg ob der Tauber (Hg.), Festgabe zur Dreihundertjahrfeier und Erinnerung an die Eroberung und Errettung der Stadt im Jahre 1631, sowie zum 50jährigen Jubiläum des Heimatfestspiels "Der Meistertrunk", Rothenburg ob der Tauber 1931.
  • Verein Historisches Festspiel "Der Meistertrunk" e.V. (Hg.), Der Meistertrunk zu Rothenburg ob der Tauber, Rothenburg ob der Tauber 1981.

Quellen

  • Heinrich Wilhelm Bensen, Der beste Trunk, in: ders., Alterthümer, Inschriften und Volkssagen der Stadt Rothenburg, Ansbach 1841, 97-101.
  • Chronik des Gottfried Rösch [Stadtarchiv Rothenburg, B 26a/b].
  • Chronik des Nikolaus Göttlingk [Stadtarviv Rothenburg, B 33].
  • Karl Heller (Hg.), Rothenburg ob der Tauber im Jahrhundert des großen Krieges. Aus der Chronik des Sebastian Dehner, Ansbach 1913.
  • Nachlass Adam Hörber [Stadtarchiv Rothenburg, NL Hörber].
  • Leonhard Wolff, Funken. Poetische Versuche, Rothenburg ob der Tauber 1864, ND Rothenburg ob der Tauber 1895.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Florian Huggenberger, Rothenburger Meistertrunk, publiziert am 31.08.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rothenburger_Meistertrunk (30.10.2020)





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