• Versionsgeschichte

Palmsonntagspogrom, Gunzenhausen (1934)

Aus Historisches Lexikon Bayerns

von Werner Mühlhäußer

Beim sog. Palmsonntagspogrom am 25. März 1934 handelte es sich um einen brutalen, antisemitischen Übergriff im mittelfränkischen Gunzenhausen (Lkr. Weißenburg-Gunzenhausen), dessen Ausmaß und Verlauf einzigartig in der Frühzeit der NS-Herrschaft waren. Unter Anleitung der dortigen SA ging ein mehrere hundert Personen zählender Mob gegen die jüdischen Einwohner der Kleinstadt vor. In ihre Häuser wurde eingebrochen, die betroffenen Juden wurden körperlich misshandelt und ins Gefängnis geworfen. Drei Personen kamen im Zusammenhang mit dem Pogrom ums Leben. Das Landgericht Ansbach verurteilte die beteiligten SA-Männer zwar zu Gefängnisstrafen, die diese mit Ausnahme des Rädelsführers Kurt Bär (NSDAP, 1912-1941) aber nicht antreten mussten.

Die jüdische Gemeinde in Gunzenhausen bis 1933

Seit dem Spätmittelalter existierte in Gunzenhausen (Lkr. Weißenburg-Gunzenhausen) eine bedeutende jüdische Gemeinde mit einem überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsanteil. 1837 waren von 2.600 mehrheitlich evangelischen Einwohnern 270 Juden (10,4 %). Neben einer Synagoge und einem jüdischen Friedhof bestanden verschiedene jüdische Vereine. Die jüdischen Bürger waren fester Bestandteil Gunzenhausens, die meisten von ihnen betätigten sich als Kaufleute oder Geschäftsinhaber. Nach Ende des Ersten Weltkrieges in dem auch fünf Gunzenhausener Juden gefallen waren, ging die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Gunzenhausen wie auch in anderen ländlichen Regionen Süddeutschlands stetig zurück (1925: 219, 4 %; 1933: 184, 3 %).

Antisemitismus war im agrarisch geprägten westlichen Mittelfranken, einem Kernland des Protestantismus, schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark verbreitet. Seit der Revolution 1918/19 nahmen dort Angriffe gegen die jüdische Bevölkerung in Wort und Tat erheblich zu, so auch in Gunzenhausen: Juden wurde unterstellt mit Kommunisten und Spartakisten gemeinsame Sache zu machen, 1920 tauchten antisemitische Flugblätter und Hakenkreuzschmierereien an jüdischen Häusern auf; der jüdische Friedhof wurde 1922 im Zusammenhang mit der Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau (DDP, 1867-1922) geschändet und 14 Grabsteine umgestürzt. Anfang 1923 kam es erstmals zu Übergriffen auf die Synagoge (mit Einwerfen mehrerer Fenster).

Eine Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) entstand in Gunzenhausen bereits am 9. März 1923, der berüchtigte "Frankenführer" Julius Streicher (NSDAP, 1885-1946) besuchte den Ort wiederholt und hielt dort antisemitische Hetzreden. Bei den meisten Reichs- und Landtagswahlen dominierten rechtsradikale und -extreme Parteien. Wesentlich zur Legitimierung des nationalsozialistischen Machtanspruchs auf kommunaler Ebene trug im Juli 1932 das öffentliche Bekenntnis des bis dahin parteilosen Bürgermeisters Dr. Heinrich Münch (1879-1935), Erster Bürgermeister ab 1925) zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft bei.

1933 lebten 184 Juden in Gunzenhausen. Deren konsequente Ausgrenzung und Entrechtung im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich wurde umgehend nach der "Machtergreifung" eingeleitet, u.a. Aufrufe zum Boykott jüdischer Geschäfte bzw. zur Ächtung ihrer Kundschaft, Einschüchterungen, Schutzhaftverhängungen, Verbote zur Teilnahme an Vieh- und Wochenmärkten oder zum Besuch des städtischen Freibads.

SA-Obersturmführer Kurt Bär (1912-1941). (Stadtarchiv Gunzenhausen)

Das Palmsonntagspogrom am 25. März 1934

In Gunzenhausen findet die Konfirmation der protestantischen Jugend traditionell am Palmsonntag statt. Am 25. März 1934 feierten 84 Jugendliche ihre Konfirmation in der Stadtkirche, wo am Nachmittag ein weiterer Gottesdienst zelebriert wurde. Auch die Katholiken feierten den Palmsonntag 1934 mit Frühmesse, Palmweihe und Pfarrgottesdienst. Dennoch zogen am Abend desselben Tags zwischen 800 und 1.500 hasserfüllte Einheimische durch die Straßen, um Jagd auf ihre jüdischen Mitbürger zu machen.

Die Mitglieder der lokalen Sturmabteilung (SA) suchten an diesem Tag gezielt nach einem Vorwand, um gegen die Gunzenhausener Juden vorzugehen. Hierzu bedrohte der Initiator des Pogroms, SA-Obersturmführer Kurt Bär (NSDAP, 1912-1941), bereits mittags den jüdischen Kaufmann Siegmund Rosenfelder (geb. 1876) und eine seiner Töchter mit den Worten "Halten Sie das Maul, wir machen einen Kurs, wir saufen Schnaps und lernen, wie man Juden aufhängt". Gegen 17 Uhr leitete Bär eine Besprechung von SA-Führern im Hotel Post und begab sich dann mit seinen Begleitern zu einem benachbarten Gasthof. Auf dem Weg dorthin betraten sie die Wirtschaft von Simon Strauß (1868-1934), wo sie den anwesenden ehemaligen Bürgermeister von Gundelsheim (Gemeinde Theilenhofen, Lkr. Weißenburg-Gunzenhauen) Leonhard Baumgärtner (DNVP) wegen seines Besuchs in einem jüdischen Lokal ohrfeigten. Danach gingen die SA-Männer weiter zum Gasthaus Krone, wo sie bis etwa 19:30 Uhr blieben.

Gastwirtschaft von Simon Strauß. (Stadtarchiv Gunzenhausen)

Anschließend suchte die Gruppe erneut die Strauß’sche Wirtschaft auf, wo Bär den Eigentümer und dessen Ehefrau Sofie (geb. 1878) schlug, mit der Pistole bedrohte und Schüsse in die Zimmerwand abgab. Währenddessen prügelten SA-Männer im Hausflur den Wirtssohn Julius Strauß (1907-1956) bis zur Bewusstlosigkeit, demolierten die Einrichtung der Wirtschaft und brachten die Familie schließlich ins ca. 100 m entfernt gelegene Amtsgerichtsgefängnis. Mutter und Sohn waren auf dieser kurzen Distanz weiteren körperlichen Misshandlungen durch die SA ausgesetzt, angestachelt durch hinzugekommene Neugierige.

Inzwischen versammelten sich vor dem Gasthaus Strauß mehrere hunderte Schaulustige, die sich durch Hetzreden Bärs aufwiegeln ließen. Daraufhin zogen mehrere Gruppen aus 50 bis 100 Personen unter der Führung von Bär und 23 weiteren SA-Männern durch die Stadt. Vor den jüdischen Anwesen grölten sie judenfeindliche Parolen, verschafften sich gewaltsam Zutritt, zerrten 35 Frauen und Männer, teilweise im Nachthemd, ins Freie, misshandelten sie und schleppten die Verängstigten ebenfalls ins Gefängnis.

Die Toten des Pogroms

Eines der ersten gestürmten Häuser war das Anwesen Bahnhofstraße 12 in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gastwirtschaft Strauß. Dort lebte der Feinbäcker Jakob Rosenfelder (SPD, 1904-1934) mit seiner Schwester Fanny (1894-1937). Als früheres Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold war Rosenfelder den örtlichen Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge; 1933 befand er sich zehn Wochen in Schutzhaft. Beim Ausbruch des Pogroms besuchte Rosenfelder ebenfalls die Strauß‘sche Wirtschaft und erhielt mehrere Schläge. Blutend brachte man ihn nach Hause. Als er von dort aus beobachtete, wie sich die aufgeputschte Menschenmenge seinem Haus näherte, versuchte Rosenfelder mit einem Sprung aus dem ersten Stockwerk zu flüchten. Seine Leiche fand sich, hängend an einer Stange, im Schuppen des Anwesens Bahnhofstraße 16. Mutmaßungen über Selbsttötung oder Mord wurden schon damals diskutiert. Für eine direkte Gewalttat Dritter sprechen diverse Ungereimtheiten während der Untersuchung der Vorkommnisse um die Auffindung des Toten. Auch das Gutachten eines Gerichtsmediziners im Jahr 2005 tendierte Richtung Mord.

Ein weiteres Todesopfer wohnte in der Burgstallstraße 7. Dort traf der Mob gegen 22:15 Uhr ein. Von Panik erfüllt, flüchtete der alleinstehende Hausbesitzer Max Rosenau (1868-1934) zu seinen Untermietern. In Todesangst stieß sich Rosenau mit einem Messer mehrmals in die Brust, darunter ein Stich in die Herzgegend. Unmittelbar darauf drangen sechs bis acht Personen in das Wohnzimmer der Untermieter ein, denen der sterbende Rosenau zurief "Ich bin schon tot, mir braucht ihr nichts mehr zu tun".

Prozess wegen Landfriedensbruch

SA-Sonderkommissar Karl Bär (1894-1943). (Stadtarchiv Gunzenhausen)

Die Ausschreitungen in Gunzenhausen dauerten bis zur Rückkehr von SA-Sonderkommissar Karl Bär (NSDAP, 1894-1943) gegen 23 Uhr. Dieser gab – angesichts späterer Lobesworte gegenüber den am Pogrom beteiligten SA-Männern wenig glaubhaft – vor, nichts von den Aktivitäten seines Neffen und Pflegesohns Kurt Bär gewusst zu haben, ließ die öffentliche Ordnung wiederherstellen und verfügte die sofortige Freilassung der jüdischen Frauen; die jüdischen Männer blieben noch bis zum Folgetag inhaftiert.

Die Vorkommnisse in Gunzenhausen sorgten für erhebliches Aufsehen. Am 28. März musste der Stadtrat dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Bericht erstatten. Zeitungsmeldungen ausländischer Zeitungen (wie etwa der New York Times) erzeugten eine internationale Woge der Entrüstung. Gauleiter Streicher behauptete derweilen gegenüber englischen Journalisten, kein Jude sei in Gunzenhausen ermordet worden.

Unterdessen ließ die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung in Gunzenhausen nicht nach. Am 12. April wurden dort bei jüdischen Geschäften und Wohnungen Fenster eingeschlagen, am 15. Juli brach Kurt Bär, der eigentlich im Gefängnis hätte sein sollen, in die Wohnung der Familie Strauß ein, die vor Gericht gegen ihn ausgesagt hatte. Er verletzte Julius Strauß schwer und erschoss dessen Vater.

Vom 11. bis 16. Juni 1934 verhandelte die Große Strafkammer des Landgerichts Ansbach über die Vorkommnisse um das Pogrom. Alle Tatbestände wie Land- und Hausfriedensbruch, Freiheitsberaubung bzw. Körperverletzung sah das Gericht als erwiesen an und verurteilte 19 angeklagte SA-Männer zu Gefängnisstrafen bis zu zehn Monaten. Mit Ausnahme von Kurt Bär, der vorübergehend aus der NSDAP und der SA ausgeschlossen wurde und wegen Mordes vier Jahre im Gefängnis verbrachte, musste jedoch keiner von ihnen die Strafe antreten. Die Urteilsbegründung offenbarte eindrucksvoll das Bekenntnis des Gerichts zum NS-Staat. So hatten die Richter Verständnis für die Beweggründe der Angeklagten unter Berücksichtigung der "ganz besonders gelagerten politischen Verhältnisse in Gunzenhausen […] und dem ihrer Ansicht nach grundlegenden Wohl des deutschen Volkes und die unbedingte Gehorsamspflicht gegenüber dem Führer und seiner Regierung sowie der obersten SA-Führung".

Bewertung und Folgen

Der Ansicht der Strafkammer des Landgerichts Ansbach, das Palmsonntagspogrom sei eine spontane Aktion gewesen, die sich “in Form eines reinigenden Gewitters“ entladen hatte, ist eindeutig zu widersprechen. Aufgrund von Aussagen von Angeklagten und Gerichtszeugen sowie Entscheidungen der Spruchkammern im Zuge der Entnazifizierungsverfahren nach 1945, ist von einer länger geplanten Aktion gegen Gunzenhausens Juden auszugehen. Während diverser Führertreffen des SA-Sturms 30/13 unter Leitung Kurt Bärs wurde offensichtlich mit Billigung von dessen Onkel die Durchführung einer umfassenden Gewaltaktion besprochen.

Die gewalttätigen Ereignisse von 1934 führten zu einer ersten größeren Abwanderung jüdischer Einwohner aus Gunzenhausen, während die verbliebenen Mitglieder der Kultusgemeinde hofften, der Nationalsozialismus wäre lediglich eine vorübergehende Erscheinung. Sie wurden weiterhin konsequent ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt. Nach den Ereignissen der Reichspogromnacht 1938 waren auch die letzten Juden aus Gunzenhausen verschwunden.

Aufarbeitung der nationalsozialistischen Kommunalgeschichte

Die bewusste Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen und antijüdischen Geschichte in Gunzenhausen begann erst in den späten 1980er Jahren. Pionierarbeit leisteten Heimatforscher, engagierte Lehrer, der SPD-Ortsverein sowie der Verein für Heimatkunde Gunzenhausen durch Veröffentlichungen bzw. Schülerprojekte. Mittlerweile liegen mehrere Publikationen vor, die verschiedene Aspekte des Palmsonntagspogroms beleuchten.

Auch das Stadtarchiv Gunzenhausen trug bisher mit einer Vielzahl von Ausstellungen, Vorträgen und Veröffentlichungen zur Aufarbeitung der lokalen NS-Vergangenheit bei. Zum 80. Jahrestag des Palmsonntagpogroms fand eine Gedenkveranstaltung statt. Schüler gestalteten Litfaßsäulen und kommentierten sie persönlich am Gedenkabend, zu dem 400 Bürgerinnen und Bürger kamen und dadurch das große Interesse an der Aufarbeitung der NS-Geschichte Gunzenhausens zum Ausdruck brachten.

Literatur

  • Ulrike Jureit, Skripte der Gewalt. Städtischer Raum und kollektive Gewalt in der mittelfränkischen Provinz, in: Winfried Süß/Malte Thiesen (Hg.), Städte im Nationalsozialismus. Urbane Räume und soziale Ordnungen (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 33), Göttingen 2017, 47-67.
  • Thomas Medicus, Heimat. Eine Suche, Berlin 2014.
  • Thomas Medicus (Hg.), Verhängnisvoller Wandel. Ansichten aus der Provinz 1933-1949. Die Fotosammlung Biella, Hamburg 2016.
  • Adolf Meier, Der Landfriedensbruch am 25. März 1934 (Palmsonntag) und die Gegenmaßnahmen des Bürgermeisters Dr. Heinrich Münch, der Gendarmerie und der Schutzmannschaft, Teil I und II, in: Alt-Gunzenhausen, Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung 60 (2005), 207-229 und 61 (2006), 211-298.
  • Werner Mühlhäußer/Stadt Gunzenhausen (Hg.), Ausgegrenzt, entrechtet, verfolgt. Juden in Gunzenhausen und die Reichspogromnacht 1938, Gunzenhausen 2008.
  • Werner Mühlhäußer, Nationalsozialismus und Antisemitismus in Gunzenhausen 1919 bis 1924. Die Lokalzeitung als Quelle, in: Alt-Gunzenhausen, Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung 75 (2020), 219-260.
  • Heike Scharf, "Ich hatte nur die Absicht, die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten". Das Palmsonntagspogrom vom 25. März 1934 in Gunzenhausen. Ein Schulprojekt des Nürnberger Instituts für NS-Forschung, in: Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts 2 (2004), 55-70.
  • Heike Tagsold (Hg.), "Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?" Das Pogrom von Gunzenhausen 1934 (Hefte zur Regionalgeschichte 4), Nürnberg 2006.

Quellen

  • Staatsarchiv Nürnberg, LG Ansbach Strafprozessakten, Gr. Strafk. 50/34

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Blutiger Palmsonntag

Empfohlene Zitierweise

Werner Mühlhäußer, Palmsonntagspogrom, Gunzenhausen (1934), publiziert am 15.09.2023; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Palmsonntagspogrom,_Gunzenhausen_(1934)> (17.07.2024)