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Organisation Escherich (Orgesch), 1920/21

Georg Escherich (1870-1941), Leiter der Organisation Escherich 1920/21 (aus: Günther Axhausen [Hg.], Organisation Escherich. Die Bewegung zur nationalen Einheitsfront, Leipzig 1921.)
Landesschießen der bayerischen Einwohnerwehren, 26. September 1920, am Rednerpult Georg Escherich. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Christoph Hübner

Reichsweiter Dachverband der Einwohnerwehren mit bis zu 2 Mio. Mitgliedern, gegründet am 9. Mai 1920 in Regensburg. Die Leitung hatte Georg Escherich (1870-1941) inne, der Führer des Landesverbandes der Einwohnerwehren Bayerns. Nach der Auflösung der bayerischen Einwohnerwehren bis Juni 1921 wurde auch die Organisation Escherich am 24. Juni 1921 auf Anordnung der Reichsregierung aufgelöst.

Hintergrund: die Bildung von Selbstschutzorganisationen im Reich seit 1919

Im Zuge der revolutionären Unruhen von 1918/19 hatten sich nicht nur in Bayern, sondern im gesamten Reichsgebiet auf der Basis des Erlasses von Reichswehrminister Gustav Noske (SPD, 1868-1946) vom 25. April 1919 bürgerliche Selbstschutzorganisationen gebildet. Da diese während des Kapp-Putsches teilweise für die Putschisten Partei ergriffen, verfügte der preußische Innenminister Carl Severing (SPD, 1875-1952) am 9. April 1920 ihre Auflösung. Bereits im Mai 1920 ließ jedoch die Reichsregierung unter Hermann Müller (SPD, 1876-1931) die Bildung von bürgerlichen Selbstschutzorganisationen und Einwohnerwehren reichsweit wieder zu. Dennoch drohte den Verbänden gerade im sozialdemokratisch regierten Preußen bereits 1920 dauernd das staatliche Verbot.

Die Gründung der Organisation Escherich 1920

Vor diesem Hintergrund suchten norddeutsche Organisationen seit Anfang 1920 zunehmend engere Fühlung mit den ungleich mächtigeren und vom bayerischen Staat geförderten bayerischen Einwohnerwehren unter Forstrat Georg Escherich (1870-1941). Auch der unter den Paramilitärs immer noch hochangesehene General a.D. Erich Ludendorff (1865-1937) drängte zu einer Vereinigung. Am 9. Mai 1920 erfolgte daher die Gründung der Organisation Escherich ("Orgesch") durch eine Versammlung von Vertretern der Einwohnerwehren aus ganz Deutschland in Regensburg. "Reichshauptmann" der neuen Dachorganisation wurde Escherich selbst, der nun in Personalunion die reichsweite Orgesch und den Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns führte. Escherich ließ die Orgesch am 8. August 1920 in München in das Vereinsregister aufnehmen. Hauptsitz der Organisation war München.

Programm

Die am 9. Mai 1920 in Regensburg verabschiedete Satzung der neuen Organisation verschleierte und verharmloste geschickt die eigentliche, paramilitärische Zielsetzung der Orgesch. Als programmatische Ziele wurden genannt:

  • Aufrechterhaltung der Ordnung gegenüber allen Putschabsichten von links und rechts,
  • Sicherung der Weimarer Reichsverfassung,
  • Schutz der Person, der Arbeit und des Eigentums,
  • Erhaltung der Integrität des Reichsgebietes gegenüber allen Abtrennungsbestrebungen.

Die Orgesch definierte sich als ein im Wesentlichen ziviler, privater Verein, der unter Achtung der Verfassung für eine Versöhnung zwischen den Klassen und für den Wiederaufbau Deutschlands wirken wollte.

Realiter sollte die Organisation jedoch vor allem der Koordinierung der gesamten Wehrarbeit zwischen Nord- und Süddeutschland sowie einem verbesserten Informationsfluss dienen. Des Weiteren erhofften sich die norddeutschen Wehren vom Rückhalt bei der bayerischen Staatsregierung eine verbesserte reichsweite "Lobbyarbeit".

Organisation

Um die gesamte deutsche Einwohnerwehrbewegung organisatorisch zu erfassen, entstanden bei der Orgesch die drei Abteilungen "Nordwest" (Sitz Hamburg), "Nordost" (Sitz Berlin) und "Süd" (Sitz München). Das höchste Gremium der neuen Organisation sollte der von Reichshauptmann Escherich jederzeit einzuberufende Hauptausschuss mit den Vertretern der drei Abteilungen sein. Die Mitgliederversammlung war weitgehend bedeutungslos. Korporativmitgliedschaften sollten - naturgemäß - möglich sein, um eine möglichst große Anzahl an Wehrverbänden zu erfassen.

Aufschwung und Tätigkeit der Orgesch 1920/21

Mit dem auf Bitten der österreichischen Heimwehren am 27. Juli 1920 vollzogenen Beitritt der Organisation Kanzler ("Orka") schien der Orgesch eine glanzvolle Zukunft gesichert. Escherich bemerkte in seinem Erlass Nr. 205 stolz: "Somit steht heute der Landeshauptmann der Einwohnerwehren Bayerns an der Spitze der gesamten deutschen und österreichischen Selbstschutzorganisationen" (zitiert nach: Nußer, 1. Band, 177). Rein theoretisch gebot diese Dachorganisation im Sommer 1920 über ca. zwei Millionen Wehrmänner.

Das Verhältnis zwischen der Organisation Escherich und dem Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns wurde dabei in der Öffentlichkeit bewusst verdunkelt, um eine Intervention der Reichsregierung und der Entente zu verhindern. Offiziell bestand Escherich darauf, dass die Orgesch ein ziviler Verein sei, der von ihm nur in Personalunion geführt werde; es bestehe keine organisatorische Eingliederung der bayerischen Einwohnerwehren in die Orgesch. In Wirklichkeit versorgte die Orgesch in der Folgezeit gerade die Zentrale der Einwohnerwehren Bayerns mit Geldmitteln und Waffen aus Norddeutschland.

Obwohl Bayern weiterhin das wichtigste Land der Einwohnerwehrbewegung blieb, wurden im Laufe des Sommers 1920 auch die preußischen Ostprovinzen zu einem Hauptbetätigungsfeld der Orgesch. In dem dort herrschenden Klima der Angst vor polnischen und sowjetischen Vorstößen - im Frühjahr 1920 hatten Einheiten der Roten Armee Trotzkis erstmals Reichsgebiet betreten - konnte die Orgesch die Bevölkerung erfolgreich mobilisieren. Eine weitere gewichtige Funktion erhielt die norddeutsche Orgesch, indem sie über eine Magdeburger Stelle nachweislich einer Vielzahl von Kapp-Putschisten zur Flucht nach "Kahr-Bayern" verhalf. Die in Preußen als Hochverräter steckbrieflich gesuchten Putschisten wurden in Bayern von ihren Gesinnungsgenossen mit offenen Armen empfangen.

Die Auflösung der Orgesch in Preußen

Bereits im Mai und Juni 1920 hatte der preußische Innenminister Severing die eben erst gegründete Dachorganisation der Einwohnerwehren verwarnt, nachdem mehrere Waffenverstecke von ihr angehörenden Verbänden aufgedeckt worden waren. Die Entscheidung brachte jedoch erst die internationale Konferenz von Spa (Belgien) im Juli 1920. Diese nahm den Zusammenschluss der deutschen Wehrbewegung in der Orgesch zum Anlass, der Reichsregierung die sofortige Entwaffnung der Einwohnerwehren wie der gesamten Zivilbevölkerung und die Übergabe der Waffen an alliierte Stellen zu diktieren. So konnte Severing am 1. November 1920 ein endgültiges Verbot der Organisation für Preußen durchsetzen. Die Geschichte der Orgesch in Norddeutschland war damit - trotz vielfältiger Proteste aus nationalen Kreisen - bereits nach einem halben Jahr beendet.

Das endgültige Ende der Orgesch im Juni 1921

Auch die bayerische Regierung unter Gustav von Kahr (1862-1934), dem am Erhalt der Wehrbewegung gelegen war, sah sich aufgrund des alliierten Vorgehens genötigt, zumindest öffentlich einzulenken. So wurde Escherich bereits im Herbst 1920 darauf verpflichtet, mit Rücksicht auf den als vorrangig angesehenen Erhalt der bayerischen Einwohnerwehren auf weitere Propaganda für die Orgesch auch in Bayern zu verzichten.

Im Zuge des Kampfes der bayerischen Regierung gegen die Auflösung der Einwohnerwehren konnte Escherich in der ersten Jahreshälfte 1921 nochmals eine große Öffentlichkeitswirksamkeit entfalten. Mit dem Beschluss der offiziellen Aufgabe auch der bayerischen Einwohnerwehren und der geheimen Fortsetzung derselben durch die Organisation Pittinger (später Bund Bayern und Reich) von Anfang Juni 1921 jedoch wurde Escherich zu einem "König ohne Land". Hinzu kam eine Weisung der neuen Reichsregierung vom 24. Juni 1921, welche die Organisation Escherich im gesamten Reichsgebiet für aufgelöst erklärte. Hatte ursprünglich in der Wehrbewegung der Plan bestanden, auch die Orgesch in Tarnorganisationen weiterzuführen, so erwies sich dies bald als undurchführbar. Die entscheidenden finanziellen und organisatorischen Zuwendungen gingen nun in Bayern an Pittingers Kommandostelle, der sich diese Art der "Arbeitsteilung" in zwei geheimen Abkommen mit Escherich bereits im November 1920 und im April 1921 bestätigen hatte lassen. Im Interesse der Sache musste Escherich zustimmen, wollte er nicht die - nunmehr geheime - Weiterführung auch der bayerischen Wehrbewegung gefährden.

Die Organisation Escherich in ihrem eigentlichen wehrpolitischen Sinne fand somit gleichzeitig mit dem Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns ein Ende. Escherich selbst sah sich in der nationalen Bewegung an den Rand gedrängt. Seine Versuche der Folgezeit, sich durch "nationalpolitische" Propaganda- und Schulungsarbeit im Gedächtnis der Öffentlichkeit zu halten, hatten nur mäßigen Erfolg. Von bleibender Wirkung indes waren die Kontakte zwischen süd- und norddeutschen vaterländischen Kräften, die in entscheidendem Maße durch die Orgesch befördert worden waren.



Literatur

  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg 1969.
  • Rudolf Kanzler, Bayerns Kampf gegen den Bolschewismus. Geschichte der bayerischen Einwohnerwehren, München 1931.
  • Horst G. W. Nußer, Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933. Mit einer Biographie von Forstrat Georg Escherich 1870-1941. 2 Bände, München 1973.
  • Bruno Thoss, Der Ludendorff-Kreis. München als Zentrum der mitteleuropäischen Gegenrevolution zwischen Revolution und Hitler-Putsch (Miscellanea Bavarica Monacensia 98), München 1978.

Quellen

  • Günther Axhausen, Organisation Escherich. Die Bewegung der nationalen Einheitsfront, Leipzig u. a. 1921. ("Orgesch"-Propaganda)
  • Erwin Rosen, Orgesch, Berlin 1921. ("Orgesch"-Propaganda)

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Christoph Hübner, Organisation Escherich (Orgesch), 1920/21, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Organisation Escherich_(Orgesch),_1920/21> (16.11.2018)