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Organisation Kanzler (Orka), 1920/21

Rudolf Kanzler (1873-1956) und Mitglieder des Freikorps Chiemgau, um 1920. (Stadtarchiv Rosenheim, Bildnr. DB_671)
Vollmacht für Rudolf Kanzler zur Aufstellung einer Volkswehr im Alpenvorland vom 8. April 1919. Abb. aus: Rudolf Kanzler, Bayerns Kampf gegen den Bolschewismus, München 1931, Anlage 1. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3315 i)
Rücktrittserklärung von Rudolf Kanzler, 19. August 1921. Abb. aus: Rudolf Kanzler, Bayerns Kampf gegen den Bolschewismus, München 1931, Anlage 17. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3315 i)
Schreiben des Heimatschutzverbandes Kärnten an Rudolf Kanzler nach dessen Rücktrittserklärung, 14. September 1921. Abb. aus: Rudolf Kanzler, Bayerns Kampf gegen den Bolschewismus, München 1931, Anlage 20. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 3315 i)

von Christoph Hübner

Militärischer Wehrverband, gegründet am 4. Mai 1920 und benannt nach dem Leiter Rudolf Kanzler (1873-1956). Die Organisation Kanzler fasste die Heimwehrverbände in Salzburg, Kärnten, Steiermark und Tirol mit dem Freikorps Chiemgau zusammen. Sitz der "Orka" war München, ihr Ziel war die Errichtung einer Alpenföderation. Im Sommer 1921 gab Kanzler die Leitung der Organisation auf, die danach nur noch aus den österreichischen Wehrverbänden bestand.

Vorgeschichte und Rahmenbedingungen

Wie in Bayern radikalisierte sich auch in Österreich im Laufe des Jahres 1919 das bürgerliche Lager als Reaktion auf die traumatisierenden Erfahrungen von Niederlage und Revolution. In den Bayern nahen österreichischen Alpenländern begannen die bürgerlichen Kräfte ebenfalls mit dem Aufbau von Selbstschutzorganisationen. Allerdings machte sich dabei - anders als in Bayern - bald ein empfindlicher Waffenmangel bemerkbar. Bereits im Sommer 1919 traten daher österreichische bürgerliche Kräfte an die bayerischen Einwohnerwehren heran und baten um Unterstützung beim Aufbau ihrer eigenen Organisationen.

Zu diesem eher technisch-logistischen Hilfeersuchen kam ein weiteres Motiv für die Aufnahme von grenzüberschreitenden Beziehungen: Nach dem gescheiterten Anschlussversuch an das Deutsche Reich vom 12. November 1918 spalteten sich die politischen Lager Österreichs in "realistische Anschlussgegner" und "idealistische Anschlussbefürworter". Letztere wollten über Kontakte zur bayerischen und reichsdeutschen Wehrbewegung als zusätzliches bzw. eigentliches Ziel Beziehungen aufbauen, die der Vereinigung Österreichs mit dem Reich dienen sollten. Die in der Folgezeit zwischen den beiden Wehrbewegungen entstandenen Verflechtungen im Rahmen der Organisation Kanzler ("Orka") hatten somit eine doppelte Stoßrichtung: gegen die junge österreichische Republik und ihre Träger sowie für das Fernziel des "Anschlusses" an das Deutsche Reich.

Der Gründer Rudolf Kanzler

Als einer der geeignetsten Kontaktmänner auf bayerischer Seite galt der Rosenheimer Obergeometer Rudolf Kanzler (1873-1956). Kanzler hatte bereits seit Ende 1918 gegenrevolutionäre bürgerliche Verbände im bayerischen Alpenvorland aufgestellt, war Leiter des "Grenzschutzes Süd" und als Führer des "Chiemgaus" stellvertretender Landesleiter der Bayerischen Einwohnerwehren. Ende 1919 wandten sich Tiroler und Salzburger Rechtskreise an ihn und baten darum, ihnen beim Aufbau von "Selbstschutzverbänden" behilflich zu sein. Im Februar und März 1920 fanden konkrete Besprechungen an verschiedenen Orten in Bayern und Österreich statt. Ministerpräsident Gustav von Kahr (1862-1934) wurde eingeweiht und befürwortete den Aufbau organisatorischer Beziehungen über Kanzlers Grenzschutz Süd.

Gründung der Organisation Kanzler 1920

Major a. D. August Hörl (1876-1956) wurde 1920 zum militärischen Stabsleiter der Organisation Kanzler berufen. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kriegsarchiv PI 5000)

Auf einer gemeinsamen Sitzung bayerischer und österreichischer Wehrverbandsführer wurde die Organisation Kanzler am 4. Mai 1920 ins Leben gerufen. Die Gründung erfolgte im Stillen, große öffentliche Resonanz sollte vermieden werden. Dementsprechend firmierte die Orka an ihrem Hauptsitz München unter dem Decknamen "Torfverwertungsgesellschaft Alpenland". Zum militärischen Stabsleiter der Organisation wurde am 1. Juli 1920 Major a.D. August Hörl (1876-1956) berufen. Auf einer Sitzung am 27. Juli 1920 beschlossen die bayerischen und österreichischen Vertreter der Orka sodann, sich an die ungefähr zeitgleich entstandene Organisation Escherich ("Orgesch") anzuschließen. Dadurch erreichte die Orgesch ihre größte Ausdehnung; ihr Vorsitzender Georg Escherich (1870-1941) wurde nominell zum Führer aller reichsdeutschen und österreichischen Selbstschutzorganisationen. Ein neuer Höhepunkt der auf Bayern zentrierten Wehrbewegung war erreicht.

Aufgaben und Aktivitäten

Zweck der weitgehend geheim operierenden Orka war es, die österreichischen Selbstschutzverbände aufzubauen. Dies hieß vor allem, sie mit Waffen und Munition zu versehen. Dabei strebten die Bayern danach, die österreichischen Wehren möglichst eng an ihre eigenen Organisationen und die Orgesch zu binden. Zu diesem Zweck unterhielt die Orka in Österreich eigene Agenten und setzte durch, dass viele der militärisch verantwortlichen Stellen in den österreichischen Verbänden mit Reichsdeutschen besetzt wurden.

Den Kern der Aktionen der Orka aber bildeten die illegalen Waffentransaktionen. Über ein Zentraldepot in Rosenheim und eine Reihe kleinerer Umschlagplätze direkt an der Grenze lieferte die Orka 1920/21 schätzungsweise allein 80.000 Gewehre an die Heimwehren der Alpenländer (Nußer, Konservative Wehrverbände, 1. Band, 169). Hinzu kamen schwere Maschinengewehre, vereinzelt Geschütze sowie große Mengen an Munition. Um diese Aktivitäten zu finanzieren und zugleich die südosteuropäischen Märkte wirtschaftlich zu erschließen, gründete Hörl Anfang 1921 die "Ost-Handelsgesellschaft", die wiederum in engem Kontakt mit der Wirtschaftsstelle der Bayerischen Einwohnerwehren stand. Diese Gesellschaft baute bis ca. 1923 einen florierenden Handel mit den Balkanstaaten auf. Wiederholte Proteste der deutschen, preußischen und österreichischen Regierung gegen den Waffenhandel der Orka wies Ministerpräsident Kahr mit Scheinargumenten zurück.

Interne Schwierigkeiten und das Ende der Organisation Kanzler

Im Laufe des Frühjahres 1921 wurde die Stellung der Deutschen in der österreichischen Heimwehrbewegung zunehmend geschwächt. Die bereits erwähnte Unterbringung deutscher Militärs als Stabsleiter der Heimwehren rief vielfach Missgunst hervor.

Mit der offiziellen Auflösung der bayerischen Einwohnerwehren im Sommer 1921 brach dann für die Orka der organisatorische Unterbau weg. Waffenlieferungen und Wirtschaftsbeziehungen wurden extrem erschwert. Die Nachfolgeorganisation der bayerischen Einwohnerwehren, Otto Pittingers (1878-1926) "Organisation Pittinger", versuchte die Kontakte nach Österreich zu erhalten. Pittinger verdrängte dabei Kanzler - ähnlich wie Escherich - aus den entscheidenden Machtpositionen. Kanzler trat daher am 19. August 1921 von seinen Ämtern zurück. Die Orka im eigentlichen Sinne hörte damit auf zu existieren.

Zwar versuchte Pittinger weiterhin, die österreichischen Bünde an sich zu binden. Dort gewannen jedoch zunehmend radikalere Kräfte die Oberhand, die - in enger Fühlungnahme mit den Münchner Radikalen um Erich Ludendorff (1865-1937) und Ernst Röhm (1887-1934) - Pittingers "weiß-blaue" Bestrebungen ablehnten. Im Frühjahr 1923 erklärten die Heimwehren der Alpenländer, sie wollten zwar weiterhin mit Pittinger kooperieren, ein Unterordnungsverhältnis bestehe indes nicht. Die Verbindungen zwischen den bayerischen und den österreichischen Verbänden wurden nun immer lockerer; die österreichischen Anschlussbefürworter konzentrierten ihre Bemühungen auf die politische Ebene.

Literatur

  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg u. a. 1969.
  • Horst G. W. Nußer, Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933. Mit einer Biographie von Forstrat Georg Escherich 1870-1941. 2 Bände, München 1973.
  • Bruno Thoss, Der Ludendorff-Kreis 1919-1923. München als Zentrum der mitteleuropäischen Gegenrevolution zwischen Revolution und Hitler-Putsch (Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 98), München 1978.
  • Walter Wiltschegg, Die Heimwehr. Eine unwiderstehliche Volksbewegung?, München 1985.

Quellen

  • Rudolf Kanzler, Bayerns Kampf gegen den Bolschewismus. Geschichte der bayerischen Einwohnerwehren, München 1931.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Christoph Hübner, Organisation Kanzler (Orka), 1920/21, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Organisation_Kanzler_(Orka),_1920/21> (13.11.2018)