Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Erbach, Schenken und Grafen

Wappen der Schenken von Erbach im Scheiblerschen Wappenbuch um 1450/80. (aus: Bayerische Staatsbibliothek, Cod.Icon. 312 c, fol. 169)

von Thomas Steinmetz

Seit ca. 1170 bezeugtes Adelsgeschlecht aus dem Odenwald, das aus der Ministerialität hervorging. Es errichtete seine Herrschaft überwiegend auf dem Grundbesitz des Reichsklosters Lorsch. Der 1218 erstmals von einem Mitglied des Geschlechts geführte Schenkentitel wurde im Laufe der Zeit ebenso fester Bestandteil des Familiennamens wie die Benennung nach Burg Erbach. Im frühen 14. Jahrhundert gerieten die Erbacher unter Lehenshoheit der wittelsbachischen Pfalzgrafen, mit denen fortan enge Verbindungen bestanden. 1532 wurde das bis heute blühende Adelsgeschlecht in den Reichsgrafenstand erhoben. Die Grafschaft Erbach wurde 1806 mediatisiert.

Ursprung und Wappen

Der Kern der Herrschaft Erbach entstand auf dem Odenwälder Grundbesitz des Reichsklosters Lorsch, das in Urkunden der Jahre 1095, 1113 und 1135/1140 dort noch als Grundherr in Erscheinung tritt. Ebenso unbestreitbar ist, dass die um 1170 ersterwähnten Herren (seit 1218 Schenken) von Erbach aus der Ministerialität hervorgegangen sind. Eine bis heute, nicht selten als vermeintliche Tatsache kolportierte Ansicht aus den 1950er Jahren (Kleberger) sah in den Schenken ursprüngliche Ministeriale und Untervögte des Reichsklosters Lorsch, die erst kurz vor 1223 temporär zu Reichsministerialen erhöht worden seien. Dieser Lehrmeinung widerspricht eine neuere Arbeit (Steinmetz 2000) und interpretierte die Schenken seit der ersten Generation an als Reichsministeriale und Seitenzweig der Reichsministerialen von Hagen-Arnsburg-Münzenberg (Wetterau). Große Zweifel an der Lehrmeinung Klebergers äußerte auch ein fast gleichzeitiger Aufsatz (Scholz). Die jüngste größere Arbeit zu den Schenken (Steiger 2007 und 2009) will in ihnen dagegen erneut Ministeriale von Lorsch erblicken, beurteilt aber ihre angebliche Stellung als Untervögte skeptischer. Ein förmlicher Beweis für eine dieser Thesen ist aus Quellenmangel auch in Zukunft nicht zu erwarten.

Siegel des Schenken Konrad II. von Erbach an einer Urkunde von Jutte, der Witwe des Ritters Scheublin zu Wörth, an die Äbtissin und das Konvent des Klosters Himmelthal vom 7. Juni 1276. (Staatsarchiv Würzburg, Jesuitenkolleg Aschaffenburg, Urkunden Nr. 31)

Erst seit 1256 ist das Wappen der Schenken von Erbach bekannt, das ausnahmslos drei Sterne im horizontal gespaltenen Schild (oben zwei Sterne, unten einer) zeigte. Die von edelfreien Familien bekannten Reitersiegel wurden von ihnen niemals geführt. Die Sterne hatten zunächst acht, vorübergehend auch fünf Zacken, bis die Darstellung mit sechs Zacken verbindlich wurde. Die Tinktur des Wappens war stets rot-weiß und ist dies bis heute geblieben.

Genealogie, Konnubium und Schenkentitel

Eberhard von Erbach als erster Vertreter des Geschlechtes wird allein im "Schmähkatalog" (eine Auflistung und Schmähung hochrangiger Gegner und Schädiger des Reichsklosters Lorsch) des Codex Laureshamensis (um 1170) und zwar als bereits verstorben erwähnt. Da die Glaubwürdigkeit des "Schmähkataloges" inzwischen begründet in Frage gestellt wurde, sollte diese Quelle nicht in allen Details als zuverlässig angesehen werden. Im Jahre 1184 wird ein zweiter Eberhard von Erbach als Zeuge innerhalb der Ministerialen genannt. Konrad, das dritte überlieferte zweifelsfreie Mitglied des Geschlechtes, tritt 1218 für den Erzbischof von Mainz als Zeuge in Aschaffenburg mit dem Zusatz "pincerna" (=Schenk) auf. Ausführlichere Information haben wir erst von dem im Mai 1223 bereits verstorbenen Schenken Gerhard I., der ausdrücklich als Schenk König Heinrichs (VII.) (reg. 1220-1235) bezeichnet wird. Nach 1223 wird die Genealogie jedoch erneut lückenhaft. Verschiedene, in der Literatur behauptete angebliche Erbacher jener Jahrzehnte sind nicht eindeutig bezeugt. Erst 1251 betreten wir sicheren Boden mit dem Auftreten der drei Brüder Eberhard III., Konrad I. bzw. Konrad II. und Gerhard II. Während von ihnen Gerhard alsbald verstorben sein muss, begründeten Konrad und Eberhard die beiden mittelalterlichen Hauptlinien zu Erbach und "Reichenberg-Fürstenau", von denen erstere 1503 erlosch, während von letzterer schon im 13. Jahrhundert die Nebenlinie "zu Michelstadt" abzweigte.

Eheverbindungen und weibliche Familienangehörige sind erst ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts überliefert. Schenk Eberhard III. war mit einer Tochter aus dem edelfreien Hause Bickenbach (Südhessen) verheiratet, sein Bruder Konrad vermutlich mit einer Tochter der Reichsministerialen von Weinsberg (Schwaben). Den Schenken der nächsten Generation gelang die Eheschließung mit Töchtern der Herren von Breuberg (Odenwald), Grafen von Rieneck (Spessart) und der Grafen von Ziegenhain (Nordhessen). Das Konnubium dieser Epoche ist somit als hochstehend zu bewerten. Im 14. Jahrhundert waren dagegen sozial niedrigere Heiratsverbindungen die Regel, was mit der erzwungenen Lehensauftragung an die Pfalzgrafen erklärt wird.

Diskussionsbedürftig ist zugleich der Schenkentitel. Während der Titel des Schenken Konrad von 1218 keinem konkreten Hof bzw. Hofamt zugeordnet werden kann, ist Gerhard I. 1223 expressis verbis als Schenk König Heinrichs (VII.) bezeugt. Der Schenk (lat. "pincerna") war eines der vier hochmittelalterlichen Hofämter. In der letzten Dekade des 12. Jahrhunderts stieg unter König Philipp (reg. 1198-1208) die Zahl der belegbaren königlichen Schenken an, ohne dass deren konkrete Funktionen den Quellen zu entnehmen wären. Die ältere Literatur sah die Nachkommen des Schenken Gerhard nach 1223 ohne jegliche Begründung als pfalzgräfliche Schenken an. Eine neue These (Steinmetz 2000) hält den ab 1251 von sämtlichen männlichen Familienmitgliedern geführten Schenkentitel dagegen für einen inhaltslosen Namensbestandteil, der das vormalige Hofamt des 1223 verstorbenen Schenken Gerhard tradierte, zu dem jedoch kein Hofamt (mehr) gehörte. Das Wort "Schenk" hatte sich von der Amtsbezeichnung zum Bestandteil des Familiennamens gewandelt. Erst 1382 ist das Haus Erbach tatsächlich erstmals als Inhaber des pfalzgräflichen Schenkenamtes bezeugt. Die Angehörigen der 1503 erloschenen Linie zu Erbach titulierten sich stets "Herr zu Erbach", jene der beiden anderen Linien dagegen als "Herr von Erbach". Der jeweiligen Titulatur wurde von allen Angehörigen der Linien zusätzlich zum Vornamen der Schenkentitel vorangestellt. Die übrigen Burgen bzw. Ansitze der Schenken, speziell Fürstenau, Michelstadt und Reichenberg (alle Hessen), waren zwar über Jahrhunderte hinweg immer wieder deren Wohnsitze, jedoch vor dem 18. Jahrhundert niemals für sie namensgebend.

Zur Entwicklung des Territoriums

Die Grafschaft Erbach im Jahr 1640. Karte aus: Johannes und Cornelius Blaeu, Theatrum Orbis Terrarum, Sive Atlas Novus, Bd. 68. (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Mapp. 28-1#68)

Das mittelalterliche Territorium der Herrschaft Erbach war überwiegend aus dem Grundbesitz des Reichsklosters Lorsch herausgelöst worden und deshalb für seine Zeit ungewöhnlich geschlossen. Die dem vorausgegangene Entfremdung des Lorscher Grundbesitzes ist in ihrem Umfang fast beispiellos und seit jeher erklärungsbedürftig. Die Entwicklung des Territoriums ist aufgrund der dünnen Quellendecke extrem schwierig zu rekonstruieren. Einig ist sich die Forschung darin, dass die von Einhard im Jahre 819 besessene Mark Michelstadt, die später eine Lorscher Villikation wurde, der Ausgangspunkt der Herrschaft Erbach war. In nur zwei Kilometern Entfernung von dem seit dem 10. Jahrhundert befestigten Vorort Michelstadt wurde Mitte des 12. Jahrhunderts auf einer Insel der Mümling die Burg Erbach (Hessen) erbaut. Die zugehörige Burgmannensiedlung wird erstmals im Jahre 1321 als "Stadt Erbach" erwähnt. Vorgängersiedlung war das heutige, bereits 1095 ersterwähnte Dorf-Erbach. Auch die im Mümlingtal südlich angrenzende Lorscher Villikation um ihren Vorort Beerfelden muss bereits früh in die Hand der Herren und Schenken von Erbach gekommen sein. Diesen "Kern" der Herrschaft Erbach im Mümlingtal konnten die Schenken während des 13. Jahrhunderts offenbar allodifizieren. Noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelang ihnen der Erwerb von Lehen des Reichsklosters Fulda im westlich des Mümlingtales gelegenen Gersprenztal, in dessen Oberlauf es zudem Reichsgut in nicht überliefertem Umfang gab. Im Gersprenztal errichteten sie in der Folgezeit die wichtige Burg Reichenberg und vermutlich auch die heute als "Schnellerts" (Hessen) bezeichnete Höhenburg. Für die in der Literatur sehr häufig behaupteten Rodungen der Schenken liegen nur für das Ulfenbachtal im zentralen Odenwald hinreichende Indizien vor. Mittelpunkt der dort eingerichteten Zent Affolterbach wurde eine Niederungsburg mit dem vielsagenden Namen Waldau. Etwas entfernterer Besitz mit wertvollen Weinlagen konnte noch vor 1200 im Raum Bensheim (Bergstraße, Hessen) erworben werden, bei dem es sich um den Nachlass des edelfreien Herrn Billung von Lindenfels gehandelt haben muss. Dort erbauten die Schenken alsbald ihre Burg Schönberg. Ihr vor 1300 erfolgtes temporäres Ausgreifen in den südöstlichen (badischen) Odenwald ist dagegen nur bruchstückhaft überliefert.

Ansicht von Schloss Erbach während eines Kroatenüberfalls im Jahr 1622. (Privatbesitz Graf zu Erbach-Erbach, Foto: Foto-König, Erbach)

Das Festsetzen des Geschlechts im damals noch dünn besiedelten zentralen Odenwald erklärt sich aus heutiger Sicht neben der Wahrnehmung von Geleitrechten wahrscheinlich auch aus den dortigen Eisenerzvorkommen, die nachweislich bereits in der Karolingerzeit ausgebeutet worden waren. Die schriftlichen Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts schweigen sich dazu bedauerlicherweise aus. Archäologische Funde aus dem frühen 15. Jahrhundert und nachweislicher, um 1700 in Michelstadt auf hohem Niveau praktizierter Geschützguss legen die Vermutung nahe, dass das Odenwälder Eisenerz aufgrund seiner speziellen Zusammensetzung mit einem hohen Anteil an Mangan bereits im Mittelalter zur Waffenproduktion genutzt worden war. Inwieweit aus daraus generierten Einnahmen auch die zahlreichen Burgen der Schenken finanziert worden sein könnten, muss offen bleiben. In dieser bislang nicht diskutierten Frage steht die Forschung noch am Anfang.

Auseinandersetzungen mit den Pfalzgrafen aus dem Haus Wittelsbach

Spätestens mit dem Niedergang und der 1232 erfolgten Auflösung des Reichskloster Lorsch wurden die seit 1214 dem Haus Wittelsbach angehörigen rheinischen Pfalzgrafen die gefährlichsten Gegner der Schenken im Kampf um das Lorscher Erbe im Odenwald. Eine oft kommentierte Urkunde Heinrichs (VII.) vom Mai 1223 berichtet, der verstorbene Schenk Gerhard I. habe dem bayerischen Herzog Ludwig I. (reg. 1183-1231, ab 1214 Pfalzgraf bei Rhein) erheblichen Schaden zugefügt, weshalb der König dem Pfalzgrafen die "ältere Tochter" und den "jüngeren Sohn" des Schenken übertrug. Es liegt hierin ein anschauliches Beispiel für die Teilung der Kinder von Ministerialen unter Betonung von deren Leibeigenschaft vor. Die ältere Literatur sah in Anbetracht dieses Rechtsaktes in den Schenken der Generationen nach 1223 ganz selbstverständlich pfalzgräfliche Ministeriale, indem sie dieselben zu Nachkommen des "jüngeren Sohnes" erklärte.

Doch erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind die Konflikte mit den Wittelsbachern anscheinend eskaliert. Im Ulfenbachtal, wo Ludwig II. (reg. 1253-1294) um 1264 den Vorort Wald-Michelbach (Hessen) zur Stadt ausbauen wollte, wurde die nahegelegene Burg Waldau gewaltsam zerstört. Die von den Schenken wenige Kilometer weiter östlich erbaute Niederungsburg bei Güttersbach kann ebenfalls nur wenige Jahrzehnte existiert haben. Diese beiden Burgen standen offenbar in funktionalem Zusammenhang mit Erzbergbau und -verhüttung. Aus dem spät besiedelten Ulfenbachtal konnten die Wittelsbacher die Schenken in jener Zeit weitgehend verdrängen. Auffällig ist in den letzten Dekaden des 13. Jahrhunderts auch der Tod gleich mehrerer Angehöriger des Schenkenhauses in jungen Jahren. Keine Quelle verrät uns, ob sie vielleicht im Kampf gefallen sind. Erst 1307 berichtet eine Urkunde, dass kurz zuvor Pfalzgraf Rudolf (reg. 1294-1317) Burg und "Stadt" Michelstadt zerstört habe; für 1311 ist ähnliches über die Burg Erbach bezeugt. Die Schenken konnten diese - ihre wichtigsten - Vororte in der Folgezeit nur durch die Lehensauftragung retten. Wie schwierig damals die politische Situation für sie war, zeigt sich aus der widerrechtlichen Erbauung der mainzischen Burg Fürstenau vor den Toren Michelstadts durch Erzbischof Gerhard II. (reg. 1288-1305) kurz vor 1300. Erst nach einem halben Jahrhundert konnten die Schenken diese bedrohliche Burg in ihre Hand bringen. Zerstört wurde in dieser Zeit auch die Burg "Schnellerts" im Gersprenztal, vielleicht auch die wichtige Burg Reichenberg. Die Wittelsbacher als Urheber dieser Gewaltaktion können wegen fehlender Quellen lediglich vermutet werden. Wie und in welchem Zeitraum sich das Verhältnis der Schenken zu den pfälzischen Wittelsbachern später normalisierte, ist nicht überliefert. Die aufgezwungene pfalzgräfliche Lehenshoheit wurde im Laufe der Zeit zur reinen Formalie. Ab 1390 wurde Michelstadt mit einer neuen Stadtmauer befestigt, nachdem dort schon nach 1321 eine neue Burg entstanden war.

Als Grafen von Erbach in die Neuzeit

Im Jahre 1503 erlosch überraschend die Schenkenlinie zu Erbach mit dem Tode des Schenken Erasmus, mit dem des unverheirateten Schenken Valentin 1529 erwartungsgemäß auch die Nebenlinie zu Michelstadt. Schenk Eberhard XIII. (gest. 1539) aus der verbliebenen Linie zu "Reichenberg-Fürstenau" beerbte die beiden ausgestorbenen Linien und erreichte, sicherlich infolge der Vereinigung aller Besitzungen des Gesamthauses in einer Hand, im Jahre 1532 seine Erhebung in den Reichsgrafenstand. Diese Standeserhöhung brachte dem Geschlecht jedoch keinerlei zusätzliche Herrschaftsrechte ein. Bereits seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren die Schenken von Erbach immer wieder in den Matrikellisten im Umfeld der Reichstage genannt worden. Vor allem sind sie in den Wormser Reichsmatrikeln von 1521 verzeichnet, die als der definitive Nachweis der Reichsstandschaft am Beginn der Neuzeit gelten. Vor der Standeserhöhung von 1532 waren die beiden seinerzeit noch existierenden Linien als pfalzgräfliche Vasallen durch den pfälzisch-bayerischen Erbfolgekrieg von 1504 geschädigt worden. Burg Bickenbach wurde mitsamt ihrem Zubehör von Landgraf Wilhelm II. von Hessen (reg. 1493-1509), der die Reichsacht gegen die Kurpfalz exekutierte, erobert und nach dem Friedensschluss nicht mehr der Herrschaft Erbach restituiert. Burg Schönberg wurde durch die Truppen des Landgrafen niedergebrannt und zum landgräflichen Lehen der Schenken erklärt. Erst nach einigen Jahrzehnten erfolgte die Wiederherstellung dieser Burg. Das Verhältnis zu den pfälzischen Wittelsbachern war seit dem 16. Jahrhundert nachweislich gut; einer der Söhne Schenk Eberhards XIII. ehelichte Elisabeth von Pfalz-Simmern (1520-1564).

Altersporträt Graf Franz' I. zu Erbach-Erbach (1754-1823) aus dem Jahr 1820. (Foto: Bender, Verwaltung Staatliche Schlösser und Gärten Hessen)

Frühzeitig leitete Eberhard XIII. die Reformation in der nunmehrigen Grafschaft ein, was für Kloster Steinbach bei Michelstadt die Auflösung bedeutete. Seine Nachkommen besiedelten die verwaisten Schlösser der erloschenen Linien und begründeten eine neue Linie zu Erbach. Durch das fast gleichzeitige Aussterben der Grafen von Wertheim (am Untermain) im Jahre 1556 und der Grafen von Rieneck (1559) konnte das Haus Erbach aus deren Nachlass bedeutende territoriale Zugewinne erzielen. Aus dem Erbe der Grafen von Wertheim war dies die Hälfte der nördlich an das Erbacher Land anschließenden Herrschaft Breuberg im Odenwald mit der namensgebenden, stark befestigten Höhenburg. Diese Besitzung sollte bis zur Mediatisierung der Herrschaft Breuberg (1806) gehalten werden. Der Anteil am Erbe der Grafen von Rieneck betraf das im Spessart gelegene Amt Wildenstein sowie das Dorf Kleinheubach am Main (beide Lkr. Miltenberg). Kleinheubach, wo der 1605 verstorbene Graf Georg II. (reg. als Landgraf von Hessen-Darmstadt 1626-61) ein kleines Renaissanceschloss namens "Georgenburg" erbaut hatte, wurde allerdings 1721 an das Haus Löwenstein verkauft. Ein lediglich temporärer Zugewinn war im Jahre 1631 die Benediktinerabtei Amorbach (Lkr. Miltenberg), die Graf Ludwig "der Ritter" (1579-1643) von König Gustav Adolf von Schweden (reg. 1611-1632) erhielt, aber später restituiert werden musste.

Nachdem der Dreißigjährige Krieg trotz vorherigem Kinderreichtum des Gesamthauses dieses fast zum Aussterben gebracht hatte, wurde durch Anwerbung Schweizer Siedler der Wiederaufbau der verwüsteten Dörfer in die Wege geleitet. Die landwirtschaftlichen Flächen der ausgestorbenen Dörfer Eulbach und Rehbach wurden zur Einrichtung von Hofgütern verwendet. Das ausgehende 17. und 18. Jahrhundert war geprägt durch anhaltende finanzielle und wirtschaftliche Schwierigkeiten des Grafenhauses, die zu zunehmender, seit 1660 nachweisbarer Kreditaufnahme bei Bankhäusern, überwiegend aus Frankfurt, führten. Soweit erkennbar, resultierte die Verschuldung weitgehend aus Kriegsschäden des späten 17. und 18. Jahrhunderts. Als Folge dieser Entwicklung musste das Amt Tannenberg an der nördlichen Bergstraße an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt verkauft werden. 1718 wurden durch Erbteilung die drei noch heute blühenden Linien Erbach-Fürstenau, Erbach-Erbach und Erbach-Schönberg begründet. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert trug der historisch interessierte Graf Franz I. von Erbach-Erbach (1754-1823) die bedeutende Antikensammlung im Erbacher Schloss zusammen. Auf praktischem Gebiet führte er die im Odenwald bis heute blühende Elfenbeinschnitzerei als neuen Broterwerb in der wirtschaftlich schlecht gestellten Grafschaft ein und erlernte auch selbst dieses Handwerk.  

Mit der Mediatisierung im Jahre 1806 endete schließlich die Grafschaft Erbach. 1818 konnte Graf Franz I. auf dem Erbwege die als "Grafschaft Wartenberg-Roth" säkularisierte vormalige Reichsabtei Rot im damaligen Württemberg erwerben. Seine Nachkommen führen deshalb bis heute auch den Titel "Graf von Wartenberg-Roth". Die Linie Erbach-Schönberg erreichte 1903 ihre Erhebung in den Fürstenstand durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen (reg. 1892-1918). Bis 1918 verfügte das Gesamthaus über einen Sitz in der Ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen. Die "standesherrlichen" Vorrechte gemäß der Rheinbundakte waren bereits durch die Revolution von 1848 verloren gegangen. Erhebliche Teile des Familienbesitzes der drei Linien konnten auch über das 20. Jahrhundert hinweg bis heute bewahrt werden. Nachdem die beiden Weltkriege ihre Opfer auch unter den Angehörigen des Grafenhauses gefordert hatten, erscheint der Fortbestand von dessen drei Linien sicher.  

Grablegen

Grabdenkmäler der Schenken Konrad (gest. 1279), Johannes (gest. 1296) und Eberhard (gest. 1293) in der Einhardkapelle des Erbacher Schlosses. Alle Grabdenkmäler stammen aus der vormaligen Abteikirche in Michelstadt-Steinbach und wurden in neuerer Zeit im Erbacher Schloss aufgestellt. Sie sind frühe Beispiele für Grabdenkmäler mit figürlicher Darstellung des Verstorbenen. (Foto: Anja Kalinowski)

Über die Bestattungsorte verstorbener Familienmitglieder sind wir erst seit dem späten 13. Jahrhundert unterrichtet. Die mittelalterliche Linie Erbach hatte als Grablege das von Erbach geographisch etwas entlegene Zisterzienserkloster Schönau bei Heidelberg (Baden-Württemberg) gewählt. Infolge der Auflösung dieser Abtei und der Demolierung der Klosteranlage seit dem 16. Jahrhundert waren auch die Grabdenkmäler der Schenken untergegangen, bis einige derselben im Zuge von Bauarbeiten in den 1990er Jahren wieder zum Vorschein kamen. Die beiden anderen Linien nutzten dagegen zunächst das benachbarte Kloster Steinbach bei Michelstadt als Grablege. Einzelne Grabsteine aus dem 13. Jahrhundert mit figürlicher Darstellung der Verstorbenen konnten aus der ehemaligen Klosterkirche (sog. Einhardsbasilika) geborgen und ins Erbacher Schloss verbracht werden. Später war die Michelstädter Stadtkirche bevorzugter Bestattungsort des Schenken- und späteren Grafenhauses; dort blieb eine größere Zahl künstlerisch ansprechender Grabdenkmäler in situ erhalten. 

Quellenlage und Forschungsstand

Das bis dahin im Erbacher Schloss befindliche Gesamtarchiv des Hauses wurde nach 1930 ins Staatsarchiv Darmstadt verbracht und ist dort durch einen Luftangriff 1944 komplett vernichtet worden. Erhalten blieben nur die drei Linienarchive, deren Bestände lediglich ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Durch rein historische Methoden allein wird deshalb in Zukunft der Forschungsstand zu den Schenken von Erbach und der Territorialgeschichte des zentralen Odenwaldes kaum noch erweitert werden können. Neue Forschungsergebnisse sind vielmehr nur noch bei einer Einbeziehung der Disziplinen Archäologie, Bauforschung  und Montanarchäologie zu erwarten.

Literatur

  • Elisabeth Kleberger, Territorialgeschichte des hinteren Odenwalds (Grafschaft Erbach, Herrschaft Breuberg, Herrschaft Fränkisch-Crumbach) (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 19), Darmstadt/Marburg 1958 [unveränd. ND 1987].
  • Wolfang Martin, Zu Genealogie und Geschichte des Hauses Erbach im 13. Jahrhundert. Korrekturen und Ergänzungen, in: Der Odenwald 41 (1994), 76-79.
  • Volker Press, Die Grafen von Erbach und die Anfänge des reformierten Bekenntnisses in Deutschland, in: Hermann Bannasch/Hans-Peter Lachmann (Hg.), Aus Geschichte und ihren Hilfswissenschaften. Festschrift für Walter Heinemeyer zum 65. Geburtstag (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 40), Marburg 1979, 653-685.
  • Sebastian Scholz, Die Schenken von Erbach. Zum sozialen Aufstieg eines Ministerialengeschlechts aus dem Odenwald im 13. Jahrhundert, in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde 62 (2004), 27-46.
  • Gustav Simon, Die Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach und ihres Landes, Frankfurt am Main 1858 [ND 1983].
  • Hans-Bernd Spies, Eine Ergänzung zur Genealogie des Hauses Erbach im 13. Jahrhundert, in: Der Odenwald 47 (2000), 72-75.
  • Uli Steiger, Die Herren von Erbach und ihr Aufstieg zur Reichsstandschaft 1422, in: Der Odenwald 56 (2009), 127-143.
  • Uli Steiger, Die Schenken und Herren von Erbach. Eine Familie zwischen Reichsministerialität und Reichsstandschaft (1165/70 bis 1422) (Heidelberger Veröffentlichungen zur Landesgeschichte und Landeskunde 12), Heidelberg 2007.
  • Thomas Steinmetz, Burg Waldau - Vorposten der Herrschaft Erbach im Ulfenbachtal, in: Gelurt. Jahrbuch des Odenwaldkreises 2010, 78-84.
  • Thomas Steinmetz, Die Burg auf dem Schnellerts - Kein unlösbares geschichtliches Rätsel, in: Der Odenwald 62 (2015), 90-110.
  • Thomas Steinmetz, Die Schenken von Erbach. Zur Herrschaftsbildung eines Reichsministerialengeschlechtes (Der Odenwald. Sonderheft 3), Breuberg-Neustadt 2000.

Quellen

  • Johann Ph. W. Luck, Historische Genealogie des Reichsgräflichen Hauses Erbach, die als Zusätze und Verbesserungen zu Daniel Schneiders im Jahr 1735 [!] herausgegebenen Erbachischen Historie und auch als eigenes Werk gebraucht werden kann in vielvermehrten Tabellen und beygefügten richtigen Beweisthümern entworfen ..., Frankfurt am Main 1786.
  • Walter Möller, Stamm-Tafeln westdeutscher Adels-Geschlechter im Mittelalter. 4. Band N. F. 1, Darmstadt 1950.
  • Daniel Schneider, Vollständige Hoch-Gräflich-Erbachische Stamm-Tafel, nebst deren Erklär und Bewährungen, Oder Hoch-Gräflich-Erbachische Historie, aus angefügten wahren und größten Theils noch niemals heraus gekommenen Urkunden ..., Urkundenanhang, Frankfurt 1736.
  • Gustav Simon, Die Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach und ihres Landes. 3. Theil: Urkundenbuch, Frankfurt am Main 1858 (ND 1983).

Weiterführende Recherche

Schenken von Erbach

Empfohlene Zitierweise

Thomas Steinmetz, Erbach, Schenken von, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Erbach,_Schenken_von (12.12.2018)