Rieneck, Grafen von

Wappen der Grafen von Rieneck im Scheiblerschen Wappenbuch um 1450/80 (aus: BSB Cod.Icon. 312 c, fol. 131). Das Rienecksche Wappen war mit dem der Grafen von Loon identisch. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde es durch einen Schwan als Helmzier ergänzt; Loon führte einen Fächer.
Die belgische Provinz Limburg führt noch heute den Schild der Grafen von Loon in ihrem Wappen, deren Grafschaft nach dem Aussterben der Linie 1336 als erledigtes Lehen an den Bischof von Lüttich fiel. (aus: Emile Gevaert, Héraldique des provinces belges, Brüssel 1918, 28; Bayerische Staatsbibliothek Herald. 206 f)
Im Berliner Aeneasroman ist im Vordergrund das Wappen der Grafen von Wertheim zu sehen. Im Hintergrund rechts ist als Helmzier ein Windrad zu sehen. Dieses Zeichen führten die Grafen von Rieneck, bis sie um 1250 den Schwan, zuerst nur in der Rothenfelser Linie, übernahmen. (Staatsbibliothek Berlin, Ms. germ. fol. 282, 59r)
Die Rienecker in einer Quaternionen-Darstellung. Das Rienecker Wappen befindet sich in der vierten Federreihe (Burggrafen) von links als zweites von unten. (BSB 2 Inc.s.a. 302, Johann Koelhoff der Jüngere, Chronik der Stadt Köln, Köln 1499)
Grabmal Ludwigs VI. von Rieneck (gest. 1408) in der Pfarrkirche von Lohr. (Theodor Ruf)
Grabmal Thomas von Rieneck (gest. 1431) in der Pfarrkirche von Lohr. (Theodor Ruf)
Einer der prominentesten Vertreter des Geschlechts war Thomas von Rieneck (1472-1547), der u. a. als Domherr in Köln scharfer Gegner der Reformation war. Nicht zuletzt wegen ihm wartete sein Neffe Philipp III. bis 1543, um die Reformation in seiner Grafschaft einzuführen. (Porträt um 1530, Lindenholz, Wallraf-Richartz-Museum Nr. 371, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, RBA 031 122)
Grabmal Philipps III. von Rieneck (gest. 1559), Letzter seines Geschlechts, in der Pfarrkirche von Lohr. (Theodor Ruf)
Grabmal von Philipps Witwe Margarethe, einer Schenkin von Erbach (gest. 1574), in der Pfarrkirche von Lohr. (Theodor Ruf)

Theodor Ruf

Die Grafen von Rieneck waren eine Linie der Grafen von Loon, die um 1100 das Erbe des Mainzer Burggrafen und Erzstiftvogts Gerhard antraten. Dieser hatte bereits Allode und mainzische Lehen im Bereich des Spessarts. Der Name Rieneck wurde Mitte des 12. Jahrhunderts von der Burg Rheineck (Rheinland-Pfalz) auf den neuen Sitz der Familie im Zentrum des burggräflichen Erbes in Unterfranken übertragen. Im 13. Jahrhundert entstanden durch Heiraten Nebenlinien, die sich zusätzlich nach Rothenfels (Lkr. Main-Spessart) und Grünsfeld (Lkr. Main-Tauber) nannten. Das Geschlecht, das sich mittlerweise zur Reformation bekannte, erlosch 1559.

Name und Herkunft

Der Name des Geschlechts leitet sich von Burg Rheineck bei Bad Breisig (Rheinland-Pfalz) ab. Er wurde kurz nach dem Aussterben der Familie Ottos von Salm-Rheineck 1150 aufgrund wahrscheinlicher familiärer Verbindungen und als Zeichen der beanspruchten Besitznachfolge übernommen. Der Name wurde auf die Burg Rieneck im Sinntal bei Gemünden am Main (Lkr. Main-Spessart) übertragen, die wohl bereits vorher bestand.

Träger des Namens waren die Grafen von Loon, die um 1100 in die Familie des söhnelosen Mainzer Burggrafen und Erzstiftvogtes Gerhard einheirateten und damit dessen Besitz im Main-Spessart-Raum mit dem Zentrum Lohr am Main erhielten. Gerhards Familie gehörte dem Sippenverband an, aus dem auch die Ludowinger stammen, die um die Mitte des 11. Jahrhunderts diesen Raum verließen, um in Thüringen eine eigene Herrschaft aufzubauen. 1156/57 nannten sich die Grafen von Loon erstmals nachweisbar auch Grafen von Rieneck. Die Linie Loon starb 1336 aus; die Grafschaft fiel als erledigtes Lehen nach kriegerischen Auseinandersetzungen letztlich an den Bischof von Lüttich.

Die Abstammung des Burggrafen Gerhard in agnatischer und/oder cognatischer Linie von frühmittelalterlichen Herrschaftsträgern im Main–Spessart–Raum ist anzunehmen. Über die eigene Genealogie wussten die Grafen aber nur wenig. Erst aus dem 16. Jahrhundert stammt eine rudimentäre Aufstellung der Familienmitglieder, zurückreichend bis 1295; der letzte Graf von Rieneck besaß eine genealogische Tafel, die aber nicht erhalten ist.

Entwicklung, Linienbildung und Aussterben

Die Gesamtgeschichte des Hauses ist als "biologisches Schicksal" zu beschreiben: Heiraten führten über vier Jahrhunderte zu Machtgewinn wie Machtverlust; das Erlöschen von Nebenlinien (Rothenfels 1333, Grünsfeld 1503) ließ die Grafschaft Rieneck zum Zeitpunkt des Aussterbens des Geschlechts 1559 auf etwa ein Viertel ihres Potenzials um 1250 schrumpfen. Die Gesamtgrafschaft bestand wenigstens zu diesem Zeitpunkt weitestgehend aus Lehen von Mainz. Nach dem kinderlosen Tod des letzten Grafen von Rieneck, Philipp III., 1559 fielen diese Lehen an das Erzstift heim.

Hausklöster und geistliche Ämter, Konfession

Nicht verheiratete Töchter wurden größtenteils in den Hausklöstern Schönau an der Saale (gegründet 1189, Stadt Gemünden am Main, Lkr. Main-Spessart) und Himmelthal an der Elsava (gegründet 1232, Markt Elsenfeld, Lkr. Miltenberg) untergebracht. Nachgeborene Söhne traten meist in geistliche Institutionen ein, z. B. in das Domkapitel Würzburg, das an die adelige Herkunft der Kapitulare besonders hohe Ansprüche stellte. Es gelang den Rieneckern jedoch nie, einen repräsentativen geistlichen Stuhl zu besetzen.

Trotzdem das Geschlecht mit dem Kölner Domherren Thomas von Rieneck (1472-1547) auch scharfe Gegner der Reformation hatte, nahmen die Grafen von Rieneck Mitte des 16. Jahrhunderts die lutherische Lehre an und führten diese in ihren Territorien ein.

Verwandtschaftsbeziehungen und Heiratskreise

Heiratsverbindungen der Grafen von Rieneck bestanden u. a. mit folgenden Geschlechtern:

Durch die Heirat der Agnes von Loon-Rieneck (vor 1167) mit Pfalzgraf Otto I. (ab 1180 Herzog von Bayern, gest. 1183) wurden die Rienecker zu Vorfahren der Wittelsbacher. In einer mythischen Darstellung aus dem 16. Jahrhundert führen sich auch die Zollern auf eine Heirat mit einer Gräfin von Rieneck zurück. Eine Heiratsbeschränkung nur auf den Grafenstand fand nie statt.

Wichtige Ämter, reichsrechtliche Stellung

Die Stellung der Rienecker als Grafen ist wohl auf die Verbindung mit Loon zurückzuführen, doch führt auch schon Gerhard den Titel "comes". Seit dem 13. Jahrhundert waren die Grafen Inhaber des Erbkämmereramtes des Erzstifts Mainz. Im 16. Jahrhundert ist Graf Philipp III. als Erbtruchsess des Fürstbischofs von Würzburg nachweisbar. Dabei handelte es sich aber freilich eher um repräsentative Hofämter, als dass mit ihnen reale Macht verbunden gewesen wäre.

Die Grafen von Rieneck wurden im System der Quaternionen zu den Burggrafen des Heiligen Römischen Reiches gezählt, wobei bewusst oder auch missverstanden auf die alte Herrschaft am Rhein angespielt wurde, wohl kombiniert mit der Erinnerung an die Burggrafschaft in Mainz. Die Quaternionen waren ein Ordnungssystem, mit dem die Reichsverfassung in Vierergruppen symbolisch veranschaulicht wurde. Daraus leitete Rieneck sogar den Anspruch auf "Reichsunmittelbarkeit" ab (Schreiben an den Bischof von Würzburg 1527), doch war der Hauptteil der Grafschaft Lehen von Mainz. Die Grafschaft gehörte dem Fränkischen Reichskreis an.

Wappen

Der neunmal von Gold nach Rot (auch Rot/Gold) geteilte loon-rieneckische Balkenschild weist auf die Frühzeit der Wappenentwicklung hin.

Die Farben, wie auch die Helmzier, übernahmen nach der Einheirat in die rieneckische Familie 1272 die Herren (seit 1429 Grafen) von Hanau. Niederschlag fand das Wappen auch in denen der Städte Lohr, Rieneck und Grünsfeld und teilweise in den Wappen der Dienstmannschaft.

Seit der Mitte des 13. Jarhunderts leitete der Zweig der Grafen von Rieneck–Rothenfels seine Herkunft vom Schwanenritter Lohengrin ab und manifestierte dies ab 1257/58 mit der Aufnahme eines stehenden Schwans als Helmzier. Eventuell waren die Grafen Auftraggeber des Versepos "Der Schwanritter" des Konrad von Würzburg (ca. 1220–1287).

Nach dem Aussterben der Rothenfelser Linie 1333 ging der Schwan auf das Gesamtgeschlecht über, wohl als Dokumentation der Erbansprüche. Schon vorher (nachweisbar ab 1306) erschien er bei den Herren von Hanau. Zeitweise führten auch die Burggrafen von Rheineck den Schwan, wobei der Zusammenhang mit Rieneck ungeklärt ist. 1367 entschied Pfalzgraf Ruprecht der Ältere (reg. 1353-1390), dass Rieneck einen ganzen, stehenden, Hanau aber einen halben, wachsenden Schwan führen solle.

Beim Aussterben des Geschlechts 1559 wurde das Wappen an die Grafen von Hanau dezidiert vererbt, die es in das ihre aufnahmen.

Bildliche Darstellungen, bauliche Überreste

Bildliche Darstellungen der Grafen sind erst im 16. Jahrhundert vorhanden. Bemerkenswert sind die Grabmäler, besonders in St. Michael in Lohr und in der Pfarrkirche Grünsfeld. Der Erbanfall brachte eine Reihe von handgezeichneten Karten hervor, die für die Geschichte des Spessarts von überragender Bedeutung sind (heute im Staatsarchiv Würzburg und im Staatsarchiv Marburg). Alle Bauten (Lohr, Rieneck, Gemünden, Rothenfels, Grünsfeld, Wildenstein) sind bescheiden–funktional.

Quellenlage und Forschungsstand

Da die Bestände des gräflichen Archivs unter die Erben verstreut wurden, erweist sich die Suche nach den Quellen als schwierig.

Die Hauptbestände liegen heute in Würzburg (Mainz) und Marburg (Hanau). Das Isenburgische Archiv Büdingen besitzt ebenfalls reiches, wenn auch oft ungeordnetes Material. Die im Stadtarchiv Lohr liegenden Urkunden sind als Regesten ediert. Insgesamt ist festzustellen, dass die Geschichte der Grafschaft ein zentraler Schlüssel zur Erfassung des Main-Spessart-Raumes ist.

Literatur

  • Matthias Bachmann, Lehenhöfe von Grafen und Herren im ausgehenden Mittelalter. Das Beispiel Rieneck, Wertheim und Castell (Dissertationen zur mittelalterlichen Geschichte 9), Köln/Weimar/Wien 2000.
  • Günter Christ, Lohr am Main (Historischer Atlas von Bayern. Teil Franken I/34), München 2007.
  • Theodor Ruf, Die Grafen von Rieneck. 1. Band: Genealogie 1085 bis 1559 und Epochen der Territorienbildung (Mainfränkische Studien 32/1; Schriften des Geschichts- und Museumsvereins Lohr am Main 18/1); 2. Band: Herkunftstheorien und Systematik der Territorienbildung (Mainfränkische Studien 32/2; Schriften des Geschichts- und Museumsvereins Lohr am Main 18/2), Würzburg 1984.
  • Theodor Ruf, Hanau und Rieneck. Über das wechselhafte Verhältnis zweier benachbarter Adelsgeschlechter im Mittelalter, in: Neues Magazin für Hanauische Geschichte. Mitteilungen des Hanauer Geschichtsvereins 8 (1984/86), 300-311.
  • Theodor Ruf, Quellen und Erläuterungen zur Geschichte der Stadt Lohr am Main bis zum Jahr 1559, Lohr 2011.
  • Theodor Ruf, Rieneck, in: Werner Paravicini (Hg.), Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. 2. Band: Grafen und Herren (Residenzenforschung 15.4/2), Ostfildern 2012, 1182-1186.
  • Otto Schecher, Die Grafen von Rieneck. Zur Geschichte eines mittelalterlichen Hochadelsgeschlechts in Franken (Schriften des Geschichtsvereins Lohr am Main 8), Diss. Würzburg 1963.
  • Wilhelm Störmer, Strukturelemente Frankens von der Ottonen- bis zum Ende der Stauferzeit, in: Max Spindler/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 3. Band, 1. Teil: Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 3. Auflage 1997, 255-330 (v. a. 271-273, 284).

Quellen

  • Theodor Ruf, Das Inventar über die fahrende Habe des Grafen Philipp III. von Rieneck in den Schlössern Schönrain, Rieneck, Wildenstein und Lohr (1559), Würzburg 1982.
  • Otto Schecher, Das Weistum der Herrschaft zu Rieneck und das Weistum zu Lohr. Ein Kapitel mittelalterlicher Rechts- und Sozialgeschichte der Heimat, in: Heimatland (Lohr) 17 (1958), 4, 1-2, 5, 1-2, 6, 1-4.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Theodor Ruf, Rieneck, Grafen von, publiziert am 30.1.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rieneck,_Grafen von> (24.09.2017)