Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften (BayWa)

Erstes Logo der BayWa. (aus: Bayerische Warenvermittlung. Geschäfts-Bericht für das 3. Geschäftsjahr 1925, München 1926, Titelblatt)
Lagerhaus- und Kartoffeltrocknungsanstalt Ochsenfurt um 1927. (aus: Hohenegg, Landesorganisation, vor S. 223)
Wiederzulassung der Baywa durch Ministerpräsident Wilhelm Hoegner am 23. November 1946. (aus: Hohenegg, Raiffeisen in Bayern, S. 222)
BayWa-Silo im Osthafen von Regensburg um 1960. (aus: Hohenegg, Raiffeisen in Bayern, S. 222)
Werbung für BayWa-Kraftfutter 1972. (aus: Bayerischer Bauernkalender 1972, S. 51)

von Ludwig Hüttl

1923 gegründete Handelsorganisation der bayerischen Raiffeisengenossenschaften. Vorläufer war die seit 1893 bestehende, sowohl im Bank- als auch im Warengeschäft tätige Bayerische Zentral-Darlehenskasse, die auf dem Höhepunkt der Inflation ihr Warengeschäft in eine selbständige Aktiengesellschaft überführte. Im Sinne der Genossenschaftsidee übernimmt die BayWa für die Bauern die Vermarktung ihrer Erzeugnisse, für die sie gleichzeitig kostengünstig Produktionsmittel (Maschinen, Dünger, Saatgut) einkauft. Nach der Zwangsfusion der beiden landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände Bayerns 1933/34 ist die BayWa die einzige Warenvermittlung der bayerischen landwirtschaftlichen Genossenschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Baywa wesentlich an der Technisierung und Modernisierung der bayerischen Landwirtschaft beteiligt. Seit den 1980er Jahren erweitert sie ihr Geschäft auch auf nichtlandwirtschaftliche Kunden (Energie, Bau), seit den 1990er Jahren ist sie auch außerhalb Bayerns im übrigen Deutschland, in Österreich und in Osteuropa tätig.

Historische Voraussetzungen: Die Raiffeisen-Genossenschaften

Im Gegensatz zu den gewerblichen Genossenschaften nach dem Muster von Hermann Schulze-Delitzsch (1808–1883) kannten die landwirtschaftlichen Genossenschaften nach dem System von Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) – und dies war eines ihrer Charakteristika – die Einheit von Geld- und Warengeschäft. Die ab den 1870er Jahren in Bayern gegründeten Darlehenskassenvereine nach Raiffeisen verbanden das Spar- und Kreditgeschäft mit dem Bezug- und Absatzgeschäft. Raiffeisen sah im genossenschaftlichen Bezug landwirtschaftlicher Bedarfsartikel und im gemeinsamen genossenschaftlichen Absatz landwirtschaftlicher Produkte ein Mittel, um die Verhältnisse der Genossenschaftsmitglieder in materieller Hinsicht zu verbessern. Die Darlehenskassen finanzierten den Warenbedarf ihrer mehrheitlich bäuerlichen Mitglieder; sie bezogen Saatgut, Dünge- und Futtermittel sowie Maschinen en gros und gaben sie mit geringem Aufpreis an ihre Mitglieder weiter. Damit konnten die Produktionskosten der Landwirtschaft gesenkt werden. Ebenso vermarkteten die Raiffeisen-Darlehenskassenvereine die Ernte ihrer Mitglieder, wodurch es gelang, die eigenen Produkte günstig abzusetzen und den Zwischenhandel weitgehend auszuschalten, was den Gewinn der Produzenten steigerte. Dies war für die Entwicklung der heimischen Landwirtschaft von großer Bedeutung, arbeitete doch etwa die Hälfte der Bevölkerung Bayerns um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der Landwirtschaft bzw. lebte von ihr.

Jede Genossenschaft ist gemäß dem Bayerischen Genossenschaftsgesetz von 1869 bzw. dem ab 1873 in Bayern gültigen reichseinheitlichen Genossenschaftsgesetz (GenG) rechtlich selbständig. Auch die grundlegende Novellierung des GenG im Jahr 1889 änderte daran nichts. Jedoch führten gleiche Interessen zu – zunächst freiwilligen – Zusammenschlüssen. So wurde am 28. November 1893 der Bayerische Landesverband landwirtschaftlicher Darlehenskassenvereine gegründet, der bedeutendste der einst fünf bayerischen landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände. Wie die Primärgenossenschaften für die Einzelmitglieder, so vermittelte der Landesverband für die ihm angeschlossenen Primärgenossenschaften seit Beginn seiner Geschäftstätigkeit im Jahr 1894 das Warengeschäft en gros, d.h. zum Großhandelspreis.

Als am 1. Januar 1900 das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) eingeführt wurde, war es dem nunmehrigen Bayerischen Landesverband landwirtschaftlicher Darlehenskassenvereine und Molkereigenossenschaften m.ub.H. aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich, weiterhin einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb und somit das Warengeschäft für seine Mitgliedsgenossenschaften zu betreiben. Deshalb wurde das Warengeschäft auf die am 29. November 1893 gegründete Bayerische Zentral-Darlehenskasse, die bisher die Refinanzierung und den Geldausgleich der ihr angeschlossenen bayerischen Darlehenskassenvereine vorgenommen hatte, zusätzlich übertragen. Diese Aufgabe nahm sie erfolgreich bis 1923 wahr.

Die Gründung der BayWa

Die kontinuierliche Ausdehnung des Warengeschäfts machte es notwendig, die Warenabteilungen und die Lagerhäuser von der Zentralkasse zu trennen und ein rechtlich eigenständiges genossenschaftliches Wareninstitut zu errichten. Die bereits während des Ersten Weltkriegs einsetzende Teuerung und die nach dem Krieg zunehmende, schließlich galoppierende Inflation führten zu einer starken nominellen Erhöhung der Preise für landwirtschaftliche Bedarfsartikel und Produkte. Die Relation zwischen Geld- und Warengeschäft wurde bedenklich. Die Waren präsentierten einen Wert; das Geld wurde zunehmend entwertet. Die Risikoverteilung zwischen beiden Geschäftszweigen geriet aus dem Lot.

Eine außerordentliche Generalversammlung vom 17. Januar 1923 beschloss daher auf Antrag von Vorstand und Aufsichtsrat der Bayerischen Zentral-Darlehenskasse die Trennung beider Bereiche: Die Zentralkasse sollte nur noch das Geld- und Kreditgeschäft betreiben und für das Warengeschäft ein eigenes Institut gegründet werden, das wie nach dem Vorbild der Zentralkasse als Aktiengesellschaft entstehen sollte.

Noch am selben Tag gründeten die Bayerische Zentral-Darlehenskasse und die Darlehenskassenvereine von Engelthal, Kirchheim i.Schw., Landshut, Laufach, Maibach, Uffing-Schöffau und Ramspau die "Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften AG (BayWa)" mit Sitz in München. Das Grundkapital wurde zunächst auf 500 Mio. Mark festgelegt, aber infolge der fortschreitenden Inflation im September 1923 auf 1 Mrd. erhöht. Aktionäre waren 1.462 bayerische Genossenschaften und ihr Zentralinstitut, die Bayerische Zentral-Darlehenskasse. Nach der Währungsreform von 1924 betrug das Aktienkapital der BayWa 4 Mio. Goldmark.

Geschäftstätigkeit

Ursprünglicher Zweck des Unternehmens war es, den ländlichen bayerischen Genossenschaften sowie dem gesamten bayerischen Landvolk und dessen Organisationen beim Bezug und Absatz von Waren zu dienen und ernährungswirtschaftliche Aufgaben durchzuführen. Ziel war weiterhin, das zentrale Warengeschäft in der von ihrer Rechtsvorgängerin geschaffenen Form fortzuentwickeln. Die BayWa übte zunächst zwei Funktionen aus, nämlich die der Warenzentrale für die örtlichen Genossenschaften und die eines unmittelbaren Markt- und Absatzpartners der bayerischen Landwirtschaft. Die Warenzentrale war subsidiär für die Primärgenossenschaften tätig. Zentralkasse und BayWa arbeiteten dabei eng zusammen, was über Jahrzehnte hin, von 1923 bis 1972, auch durch die Personalunion des Vorstandsvorsitzenden beider Institute zum Ausdruck kam.

Die BayWa übernahm 1923 von der Zentralkasse 149 selbständige Lagerhäuser und 241 Nebenlager, da infolge der Inflation etliche Primärgenossenschaften ihre eigenen Lagerhäuser an die Zentralkasse übertragen hatten. Rationalisierung war dringend notwendig. 1925 schloss die BayWa deshalb 44 eigene Lagerhäuser und 108 Nebenlager.

In der Zeit der NS-Diktatur

Die BayWa wurde wie alle landwirtschaftlichen Organisationen zwangsweise in den Reichsnährstand, offiziell eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts, de facto eine NS-Organisation, eingegliedert. Die landwirtschaftlichen Organisationen erhielten die Aufgabe, die "Erzeugungsschlacht" zu forcieren, um die Nahrungsmittelversorgung des Deutschen Reiches unabhängig vom Ausland sicherzustellen. Zahlreiche Vorschriften reglementierten auch die Aufgaben und Pflichten der Genossenschaften und ihrer Zentralinstitute.

1933/34 vollzog der Reichsnährstand zwangsweise die Fusion der Regensburger Genossenschaftsorganisation, die der bekannte Politiker, Genossenschaftsgründer und Verbandsdirektor Dr. Georg Heim (1865-1938) 1911 gegründet hatte, mit der Münchner Genossenschaftsorganisation: Verband zu Verband, Zentralkasse zu Zentralkasse, und die Genossenschaftliche Warenzentrale (GeWa) Regensburg wurde mit der BayWa vereinigt. Die bisherige Konkurrenzsituation beider Genossenschaftsorganisationen entfiel.

Während des Zweiten Weltkriegs zählten "Erfassung" und "Verteilung" von Waren zu den Hauptaufgaben der BayWa, die ihr vom Reichsnährstand zugewiesen wurden. Von ihren rd. 4.000 Mitarbeitern wurde, wie bei anderen Firmen auch, eine große Zahl zum Wehrdienst eingezogen. Die Lagerhäuser, vielfach an Bahnstrecken gelegen, waren besonders gefährdet.

In der Nachkriegszeit 1945-1948

Die rd. 6.145 bayerischen Raiffeisen-Ortsgenossenschaften, der Verband, die Zentralkasse und die BayWa führten nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs (8./9. Mai 1945) so weit wie möglich ihre Tätigkeit fort. Auch die BayWa-Lagerhäuser konnten unter schwierigsten äußeren Bedingungen weiterarbeiten; ihre Verbindung mit der Zentrale in München war jedoch infolge der zerstörten Infrastruktur vielfach unterbrochen. 23 Betriebe der BayWa waren zerstört und weitere 23 wie Marktredwitz zum Teil schwer beschädigt.

Die offizielle Zulassung der Geschäftstätigkeit der bayerischen Genossenschaftsorganisation erfolgte am 23. November 1946, einen Tag nach der Umfirmierung von Verband und Zentralkasse in Bayerischer Raiffeisenverband und Bayerische Raiffeisen-Zentralkasse. Die BayWA behielt dagegen ihren traditionsreichen Namen bei.

Der Wiederaufbau der BayWa nach 1945 geschah unter der Leitung von Josef Singer (1888-1980), der von 1945 bis 1962 Vorstandsvorsitzender der BayWa und der Bayerischen Raiffeisen-Zentralkasse war. Zwei Jahrzehnte, von 1947 bis 1967, war er Präsident des Bayerischen Senats.

Tiefgreifende Strukturveränderungen seit 1948

Die Währungsreform vom 20./21. Juni 1948 bedeutete auch für die BayWa einen Neubeginn. Die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Produktionssteigerungen führten in den Folgejahren bei der BayWa zu einem in ihrer Unternehmensgeschichte außergewöhnlichen Aufschwung, der große Investitionen notwendig machte. Mähdrescher, Schlepper und andere landwirtschaftliche Maschinen erforderten den Aufbau eines Netzes von Reparaturwerkstätten und Ersatzteillagern. Aufnahme-, Trocknungs- und Lagereinrichtungen für Getreide wurden errichtet. Zwischen 1948 und 1983 investierte die BayWa mehr als 1,5 Mrd. DM zur Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit.

1983 beschäftigte die BayWa rd. 12.000 Mitarbeiter/Innen. Sie war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor des ländlichen Raumes geworden und leistete durch ein dichtes Netz von Versorgungs- und Vermarktungseinrichtungen einen wesentlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung einer lebensfähigen Landwirtschaft gerade auch in strukturschwachen Gebieten.

Der enorme Strukturwandel der Landwirtschaft und der Rückgang der in der Landwirtschaft arbeitenden Bevölkerung erforderten die Anpassung von Einrichtungen, Sortiment und Dienstleistungen der BayWA. Die vermehrte Nachfrage nach Dieselkraftstoff, Heizöl und Baustoffen aller Art führte seit den 1980er Jahren zur Vergrößerung des Kundenkreises der BayWa und zu einer wesentlichen Erweiterung ihres Waren- und Dienstleistungsangebots. Zum Investitionsprogramm zählten nun auch Baumärkte und moderne Spezialbetriebe. Die BayWa öffnete sich mit ihrer breiten Waren- und Dienstleistungspalette verstärkt allen Bevölkerungsschichten in Stadt und Land.

Die BayWa heute (2005)

Dem Ausbau des Angebots für breite Bevölkerungsschichten folgte der Ausbau ihrer Marktstellung in Deutschland. Die BayWa entwickelte sich insbesondere seit der Wiedervereinigung zu einem national und international ausgerichteten Konzern mit den Kernsegmenten Agrar, Bau und Energie. Von 1994 an beteiligte sich die BayWa mehrheitlich an mehreren Unternehmen der Raiffeisenorganisation in Österreich, die im Gegenzug rund ein Fünftel des Aktienpakets der BayWa übernahmen. Die Tochtergesellschaften in Österreich erwirtschafteten 2005 rund ein Drittel des Konzernumsatzes, abweichend von der Mutter BayWa auch durch Lebensmittelproduktion und -handel.

Mit der Übernahme der WLZ Raiffeisen AG, Stuttgart, dem Pendant der BayWa in Württemberg, erweiterte der Konzern 2003 sein Kerngebiet neben der Präsenz in Bayern und in den ostdeutschen Ländern im süddeutschen Raum. Im Baustoffhandel verfolgt der BayWa-Konzern einen Expansionskurs, der sich auch auf west- und norddeutsche Länder erstreckt.

Der BayWa-Konzern ist heute deutschlandweit und international ausgerichtet. Mit der EU-Osterweiterung bekommt das Engagement in Osteuropa wachsende Bedeutung. In Ungarn, Polen, Tschechien, der Slowakei, Kroatien und Slowenien sind Tochterunternehmen aktiv. Der Umsatz der BayWa hat sich seit Beginn der 1990er Jahre mehr als verdoppelt und 2005 den Wert von 6,5 Mrd. Euro überschritten. Der Börsenwert ist deutlich gestiegen und die Aktie ist im SDAX der Deutschen Börse gelistet.

Literatur

  • Beiträge zur Geschichte der Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften, München 2001.
  • Ernst Hohenegg, Die Landesorganisation des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens in Bayern, München 1927.
  • Ernst Hohenegg, Raiffeisen in Bayern 1893–-1968, München 1968.
  • Heinrich Rid/Ernst Hohenegg, Die Landwirtschaftlichen Genossenschaften und ihre Organisation in Bayern, München 1951.
  • Wolfgang Vogel, Die BayWa AG im Strukturwandel (Arbeitspapiere des Forschungsinstitutes für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg 11), Nürnberg 1990 (Lit. S. XXVII-XLVI).

Quellen

  • Bayerischer Landesverband landwirthschaftlicher Darlehenskassen-Vereine (Hg.), Bericht über das 1. Geschäftsjahr (1894) des Bayerischen Landesverbandes landwirthschaftlicher Darlehenskassen-Vereine, München 1895.
  • BayWa AG (Hg.), Geschäftsberichte 1948/49, 1951-2005, München 1950, 1952-2006.
  • BayWa AG (Hg.), 60 Jahre BayWa 1923-–1983. Feier am 28. März 1983 im BayWa-Haus in München. Grußworte und Rede, München 1983.
  • Genossenschaftsverband Bayern e.V., München, Archiv: Protokoll des Verwaltungsrates des Bayerischen Raiffeisenverbandes vom 22.11.1946.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Ludwig Hüttl, Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften (BayWa), publiziert am 16.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften (BayWa)> (21.09.2018)