Bauernvereine

Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst (1825-1895) gründete am 10. Juni 1862 einen ersten Bauernverein in Wettringen (Kreis Steinfurt/Westfalen). (aus: Geschichte des westfälischen Bauernstandes, Berlin 1912)
Graf Ludwig von Arco Zinneberg, Gründer und erster Vorsitzender des Bayerisch-Patriotischer Bauernverein Tuntenhausen. (aus: 60 Jahre Bayerischer, patriotischer Bauernverein Tuntenhausen, 9)
Reichsernährungsminister Andreas Hermes (1878-1964) (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv).

von Oliver Braun

Patriotische Bauernvereine entstanden in Bayern bereits 1869 mit dem Aufschwung der Patriotenbewegung, für die sie auf dem Land Wähler mobilisierten. Im Gegensatz dazu war der 1898 gegründete Bayerische Christliche Bauernverein eine agrarische Interessenvertretung, die allerdings personell und institutionell bis 1933 eng mit dem politischen Katholizismus in Bayern verflochten war.

Ursprünge und Entstehungshintergründe

Die Entstehung der Bauernvereine ist im umfassenderen Zusammenhang der Geschichte des politischen Katholizismus und des katholischen Vereinswesens des 19. Jahrhunderts zu sehen: In Anlehnung an die katholischen Handwerker-, Kolping- und Arbeitervereine rief Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst (1825-1895) am 10. Juni 1862 in Wettringen (Kreis Steinfurt/Westfalen) einen ersten Bauernverein ins Leben. Diese Gründung zog eine Reihe weiterer Bauernvereine nach sich; im Jahre 1871 dann wurden - ebenfalls auf Initiative von Schorlemer-Alst - die einzelnen Bauernvereine Westfalens zu einer Einheitsorganisation, dem Westfälischen Bauernverein, zusammengeschlossen. In seiner organisatorischen wie in weltanschaulicher Ausrichtung diente der frühe Wettringer Bauernverein als Vorbild aller späteren Bauernvereinsgründungen - auch außerhalb Westfalens: Der Verein verstand sich einerseits als bäuerliche Interessen- und genossenschaftliche Selbsthilfeorganisation, andererseits und insbesonders aber auch als Institution zur Pflege der christlich-religiösen und sozialen Identität des Bauerntums.

Zwischen 1880 und 1900 entstanden vor allem in den katholischen Regionen West- und Südwestdeutschlands zahlreiche Bauernvereine, während in den norddeutschen und ostelbischen Gebieten der 1893 gegründete Bund der Landwirte dominierte.

In Bayern nahm die Entwicklungsgeschichte der Bauernvereine insofern einen besonderen Verlauf, als hier mit dem starken Aufschwung der Patriotenbewegung während des Wahlkampfes zum deutschen Zollparlament 1868 sowie durch den Sieg der Patrioten in den Wahlen zur bayerischen Zweiten Kammer 1869 eine Vielzahl von patriotischen Bauernvereinen entstand: Die sog. Patrioten, eine zunächst noch sehr unkoordinierte und lose organisierte politische Sammlungsbewegung von dezidiert großdeutscher, katholischer und konservativer Ausrichtung, hatten bereits nach dem preußisch-österreichischen Krieg nach 1866 verstärkt an Dynamik und Bedeutung gewonnen. In dieser Bewegung, deren Rückhalt vor allem in der bayerischen Landbevölkerung, im ländlichen und kleinstädtischen Bürgertum, im Klerus und im katholischen Adel zu finden war, formierte sich eine Fundamentalopposition zur Politik der in der bayerischen Abgeordnetenkammer dominierenden liberalen Fortschrittspartei sowie zur Politik des liberalen Kabinetts unter der Leitung Chlodwig Fürst Hohenlohes (1819-1901). Insbesondere wandten sich die Patrioten gegen die kleindeutsche Orientierung des Ministerpräsidenten, der eine militärische wie wirtschaftliche Annäherungspolitik an Preußen verfolgte, sowie gegen die liberale Schul- und Sozialgesetzgebungspraxis der Regierung. Mit ihrem Wahlsieg von 1869 und der Bildung einer 'Patriotischen Fraktion' im Landtag gewann die patriotische Bewegung schließlich auch eine deutliche politische Kohärenz und Organisationsstruktur; von 1869 bis 1918 konnte die Patriotenpartei, die sich 1887 in "Bayerisches Zentrum" umbenannte, ihre Mehrheit in der zweiten Kammer ununterbrochen behaupten.

Charakter und Funktion der frühen Bauernvereine in Bayern

Die Patriotischen Bauernvereine des Jahres 1869 waren eher genuin politische Vereine als landwirtschaftliche Interessengruppen und nicht ausschließlich auf eine agrarische Klientel ausgerichtet. Sie präsentierten sich vielmehr offen für alle ländlichen Berufsgruppen und Sozialschichten. Analog zu derjenigen der patriotischen Vereine und der katholischen städtischen Casinos bestand ihre Hauptaufgabe darin, Wähler für die Patrioten zu mobilisieren. Wegen dieser vornehmlich wahltaktischen Funktion während des Wahlkampfes zur bayerischen Abgeordnetenkammer von 1869 hatten die meisten Patriotischen Bauernvereine nur kurz Bestand. Eine Ausnahme stellte der am 19. September 1869 von Graf Ludwig von Arco-Zinneberg (1840-1882) und Balthasar Daller (1835-1911) gegründete Bayerisch-Patriotische Bauernverein Tuntenhausen dar, der bis 1933 ein wichtiges Element der politischen Kultur Bayerns blieb.

Die Christlichen Bauernvereine in Bayern

Zwischen 1893 und 1897 wurden in allen bayerischen Kreisen Christliche Bauernvereine gegründet: zunächst in Unterfranken (1893) und Niederbayern (1893), dann in Oberfranken (1894), Schwaben (1895) und der Oberpfalz (1895), schließlich zuletzt in Oberbayern (1897). Auf einer Tagung in Ingolstadt am 4./5. Oktober 1898 vereinigten sich diese sieben Einzelvereine in einer Spitzenorganisation, dem "Bayerischen Christlichen Bauernverein". Im Gegensatz zu den Patriotischen Vereinen agierte der Christliche Bauernverein als agrarischer Interessenverband. Daneben aber war der Bauernverein – personell und institutionell zunächst eng mit der Zentrumspartei, später mit der Bayerischen Volkspartei (BVP) verflochten – auch eine Organisation des politischen Katholizismus und besaß somit einen deutlich ausgeprägten politischen Charakter.

Am 24. November 1900 gründeten Vertreter des Badischen, Bayerischen, Elsaß-Lothringischen, Hessischen, Nassauischen, Ost- und Westpreußischen, Rheinischen, Schlesischen, Trierischen und Westfälischen Bauernvereins auf einer Konferenz in Frankfurt am Main eine gemeinsame Dachorganisation, die "Vereinigung der christlichen deutschen Bauernvereine". Diese Organisation konnte allerdings die politischen Divergenzen zwischen den Bauernvereinen – bis zu deren Ende 1933 – nicht überbrücken. Vor allem die beiden großagrarisch geprägten Bauernvereine Westfalens und des Rheinlandes vertraten einen politischen Radikalismus, der sich beispielsweise in Plänen zur Vereinigung mit dem rechtskonservativen Reichs-Landbund, in stark autoritären Staatsvorstellungen und schließlich in offener Sympathie für den Nationalsozialismus äußerte. Die Gesamtvereinigung unter der Führung des ehemaligen Zentrums-Reichsernährungsministers Andreas Hermes (1878-1964), die west- und süddeutschen Bauernvereine, insbesonders auch der Bayerische Christliche Bauernverein, vertraten demgegenüber eine gemäßigtere Politik.

Die Vereinigung der christlichen deutschen Bauernvereine bzw. ihre einzelnen Mitgliedsorganisationen fanden sich im Februar 1929 zusammen mit dem Reichs-Landbund, dem Deutschen Landwirtschaftsrat und der Deutschen Bauernschaft in der "Grünen Front" zusammen, ein Agrarbündnis, dessen fragile gemeinsame Grundlage ausschließlich das Interesse an einer staatsprotektionistischen Landwirtschaftspolitk darstellte. Der Beitritt der Bauernvereine zu der zwar vom Reichs-Landbund initiierten, tatsächlich aber von den NS-Bauernorganisationen dominierten Gründung der "Reichsführergemeinschaft des deutschen Bauerntums" am 4. April in Berlin stand bereits unter dem überdeutlichen Vorzeichen der Zwangsgleichschaltung. In Bayern wurden die Christlichen Bauernvereine und ihre Unterorganisationen Ende Juni 1933 aufgelöst. Die Berliner Zentralstelle des Dachverbandes bestand formell noch bis Ende 1933 fort und wurde im Januar 1934 endgültig abgeschafft.

Ausblick: Wiederbelebung der Christlichen Bauernvereine nach 1945?

Weder die erzwungene Auflösung der Christlichen Bauernvereine im Jahre 1933 noch das zwölfjährige Bestehen einer einheitlichen bäuerlichen Zwangsorganisation in Form des "Reichsnährstandes" führten nach 1945 zu konkreten Bestrebungen, die Christlichen Bauernvereine wieder neu zu beleben. Vielmehr galt, wohl nicht zuletzt in Erinnerung an die starke politische Zersplitterung der Bauern in der Weimarer Republik, auch unter den ehemaligen christlichen Bauernfunktionären der Gedanke einer strikt konfessionell ausgerichteten und parteipolitisch gebundenen Bauernorganisation mehrheitlich als obsolet: So verstand sich etwa der in Bayern am 7. September 1945 neu gegründete Bayerische Bauernverband (BBV) als überparteilicher und überkonfessioneller freiwilliger beruflicher Interessensverband, der sich freilich - und hier lebte die Tradition der Christlichen Bauernvereine zumindest partiell fort - weltanschaulich explizit auf die Grundlagen der christlichen Werteordnung berief. Als ein bayerisches Spezifikum allerdings ist die Gründung des Katholischen Männervereins Tuntenhausen am 15. November 1945 durch den ehemaligen BVP-Abgeordneten und Stellvertretenden Generalsekretär des Bayerischen Christlichen Bauernvereins, Alois Hundhammer (CSU, 1900-1974), anzuführen. Mit der Gründung dieses Vereins, der bis heute fortbesteht, sollte die Tradition des Patriotischen Bauernvereins Tuntenhausen bewusst im Rahmen einer religiösen Vereinigung wieder aufgenommen werden.

Literatur

  • Hannsjörg Bergmann, Der Bayerische Bauernbund und der Bayerische Christliche Bauernverein 1919-1928 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 81), München 1986. (Grundlegende monographische Darstellung für die Weimarer Zeit)
  • Jürgen Bergmann/Klaus Megerle, Protest und Aufruhr der deutschen Landwirtschaft in der Weimarer Republik (1924-1933). Formen und Typen der politischen Agrarbewegung im regionalen Vergleich, in: Jürgen Bergmann u. a. (Hg.), Regionen im historischen Vergleich. Studien zu Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin 55), Opladen 1989, 200-287, bes. 267-284. (Hier: Darstellung der agrarpolitischen und politischen Rolle der süd- und westdeutschen Bauernvereine in der Weimarer Republik)
  • Dieter Fricke u. a. (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). 4. Band, Köln 1983-1986, 344-357. (Streng marxistisch inspirierter Handbuchartikel, nur brauchbar als Daten- und Faktengerüst)
  • Friedrich Hartmannsgruber, Die bayerische Patriotenpartei. 1868-1887 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 82), München 1986, bes. 59-71. (Grundlegend zur Geschichte der Patriotenpartei und der frühen Patriotischen Bauernvereine)
  • Alois Hundhammer, Die landwirtschaftliche Berufsvertretung in Bayern, München 1926, hier 34-56. (Zeitgenössische Darstellung, aus Eigenperspektive des Bauernvereins heraus verfaßt)
  • Ferdinand Jacobs, Von Schorlemer zur Grünen Front. Zur Abwertung des berufsständischen und politischen Denkens, Düsseldorf 1957. (Knappe, aus Eigenperspektive der Bauernvereine heraus verfasste Überblicksdarstellung der Bauernvereinsgeschichte bis 1933)
  • Dieter Gessner, Agrarverbände in der Weimarer Republik. Wirtschaftliche und soziale Voraussetzungen agrarkonservativer Politik vor 1933, Düsseldorf 1976, hier vor allem 251-258. (Mongraphische Abhandlung der Geschichte der Weimarer Agrarverbände mit Focus auf den Reichs-Landbund sowie auf die Jahre 1927-1933, einige kursorische Informationen zur Beteiligung der Bauernvereine an der „Grünen Front“ und zur Gleichschaltung der Agrarverbände 1933)
  • Stephanie Merkenich, Grüne Front gegen Weimar. Reichs-Landbund und agrarischer Lobbyismus 1918-1933 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 113), Düsseldorf 1998. (Monographische Darstellung der Geschichte des Reichs-Landbundes mit einzelnen Verweisen auf die Rolle der Bauernvereine in der „Grünen Front“ und in der Gleichschaltungspolitik)

Quellen

  • Christliches Bauernprogramm. Programm der Vereinigung der deutschen christlichen Bauernvereine, erläutert von Ferdinand Jacobs (Deutsches Bauerntum 10), Berlin 1932.
  • Bayerisch-Patriotischer Bauernverein (Hg.), 60 Jahre Bayerischer patriotischer Bauernverein Tuntenhausen, Rosenheim 1929.
  • 25 Jahre oberbayerischer christlicher Bauernverein. Eine Jubiläumsschrift anläßlich des 25jährigen Bestehens des Oberbayerischen christl. Bauernvereins verfaßt im Auftrage der Direktion von Franz Augustin, Sekretär des oberbayerischen christlichen Bauernvereins, München 1922.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Oliver Braun, Bauernvereine, publiziert am 04.09.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bauernvereine> (17.02.2018)