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Blutenburg, München-Obermenzing

Ansicht der Blutenburg von Südosten. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv Fruhstorfer)
"Blutenburg bei Nymphenburg". (aus: Adolph von Schaden, Neueste Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt München und deren Umgegend, 1838; Bayerische Staatsbibliothek, Portrait- und Ansichtensammlung)
Luftaufnahme der Blutenburg, Postkarte um 1930. (Bayerische Staatsbibliothek, Portrait- und Ansichtensammlung)
Grundriss der Blutenburg. (aus: Friedrich Wilhelm Krahe, Burgen des Deutschen Mittelalters. Grundrisslexikon, Würzburg 1994, S. 111)
Blutenburg, Schlosskapelle Heiligste Dreifaltigkeit. (Bayerische Staatsbibliothek, Portrait- und Ansichtensammlung)
Blutenburg, Portal der Schlosskapelle Heiligste Dreifaltigkeit. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv Hoffmann)
Innenansicht der Schlosskapelle. (© Bayerische Schlösserverwaltung)
Ausschnitt. "Daß Schloß Plutenburg, sambt der Hoff-March Ober Mennczing", Stich von Michael Wening, Historico-Topographica Descriptio, Bd. 1: Das Renntambt München, München 1701, M 83. (Bayerische Staatsbibliothek)

von Johannes Erichsen

1432 als Besitz Herzog Albrechts II. von Bayern-München erstmals erwähnt. Albrecht trennte Menzing 1441 als herzogliche Hofmark vom Landgericht Dachau ab. Der Bau diente vor allem als Jagdschloss. Die spätgotische Anlage wurde im 17. Jahrhundert unter den Freiherren von Berchem neu gestaltet. Nachdem es wieder von den bayerischen Kurfürsten und deren Günstlingen genutzt worden war, wurde es nach dem Tod König Maximilians I. als Staatsgut verpachtet. Zuletzt wurde die Blutenburg 1980 bis 1983 zur Unterbringung der "Internationalen Jugendbibliothek" umgestaltet. Bedeutendster Gebäudeteil ist bis heute die neue Schlosskapelle, errichtet Ende des 15. Jahrhunderts.

Anfänge

Die Etymologie des Namens ist ungeklärt; für die Anfänge der Burg fehlen schriftliche Quellen. Unter dem Herrenhaus ist ein Turmfundament von 6,5 x 6,5 m erhalten, das den Keramikfunden zufolge frühestens im 12./13. Jahrhundert entstand. Der in einer Würmschleife, vielleicht auch auf einer einstigen Insel errichtete Turm dürfte dem für Menzing belegten Ortsadel als Refugium gedient haben. Vielleicht gehört er zu dem Sedelhof, den Herzog Albrecht III. von Bayern-München (reg. ab 1438-1460) einer Notiz von 1442 zufolge zu Menzing von "dem Freyberger" erworben hatte.

Bau des Schlosses im 15. Jahrhundert

Bauherr des Schlosses und Begründer der zugehörigen Hofmark Menzing (heute München) war Herzog Albrecht III. von Bayern-München. In seinem Besitz wird das "Haws" zu "Plüdenberg" 1432 erstmals genannt. Die 1433 bis 1435 mehrfach belegten Aufenthalte Albrechts an der Würm dürften mit seiner Beziehung zu der am Münchner Hof nicht gern gesehenen Agnes Bernauer (gest. 1435) zu verbinden sein; die Bernauerin erhielt 1433 einen halben Hof zu Untermenzing und ist 1434 in Blutenburg belegt. Um diese Zeit sind die Kernelemente der heutigen Anlage mit einem turmartigen quadratischen Herrenhaus in der Hauptburg und einer Vorburg mit Torturm anzusetzen. Ein Ausbau erfolgte um 1437/39, als Albrecht III. zur Regierung gelangt war und mit seiner Gemahlin Anna von Braunschweig (1420-1474) in die Blutenburg zurückkehrte. Baurechnungen von 1438/39 belegen u. a. die Errichtung eines "Neuen Hauses" mit einer Georgs-Kapelle (Altarweihe 1444) östlich des Herrenhauses sowie Arbeiten an einem Weiher.

Obwohl die Anlage äußerlich Wehrhaftigkeit demonstrierte, war sie eher ein befestigtes Lusthaus am Wasser (die Schießscharten in den Türmen waren von vornherein innen vermauert und hätten im Kriegsfall aufgebrochen werden müssen). Sie diente wohl hauptsächlich der Jagd am Rande des Dachauer Mooses, wozu auch die Nennung eines Hundsstalls 1439 passt. 1441 erwarb Albrecht III. die Rechte des Klosters Wessobrunn in Obermenzing (Lkr. Weilheim-Schongau) und trennte seinen Besitzkomplex als Hofmark Menzing vom Landgericht Dachau ab.

Blütezeit

Ihre Blütezeit erlebte die Burg unter Albrechts Sohn Sigismund (reg. 1460-1467), der sich nach seiner Abdankung 1467 hierhin zurückzog: "Menzing liebet er vast, pauet das wol und machet die Kirchen da gar köstlich und schön", berichtet Veit Arnpeck (gest. 1495) um 1493. Nach dem Heimfall reservierte sich Herzog Wilhelm IV. (reg. 1508-1550) 1508 bei der Freigabe der niederen Jagd für den Adel in Bayern das Revier "um Menzing bei München"; die Nutzung für Jagdaufenthalte des Hofs wurde offenbar bis nach der Mitte des 16. Jahrhunderts fortgesetzt.

Architektur im 15./16. Jahrhundert

Die von der Spätgotik geprägte Gestalt der Blutenburg hat Hans Thonauer (1521-1596) um 1590 in der Ansicht von "Mentzing" im Münchner Antiquarium überliefert. Demzufolge war der allseits von Wasser umspülte Komplex dreigeteilt: In der von vier Ecktürmen bewehrten Hauptburg sind das "Neue Haus" Albrechts III. und dahinter der Kubus des Herrenhauses zu erkennen; der lange Stallbau der Vorburg wird vom Torturm und der Kapelle Sigismunds überragt; vor dem Tor liegt auf der Würminsel das Anwesen des "Hofbauern". Diese Gestalt hat den 30-jährigen Krieg unbeschadet überdauert.

Herausragender und berühmtester Bauteil ist die neue Schlosskapelle zur Hl. Dreifaltigkeit, die Herzog Sigismund wohl ab 1488 errichtete und bis 1497 durch herausragende Münchner Künstler wie Jan Pollak (gest. 1519) und den "Blutenburger Meister" ausstatten ließ. Auf höchstem künstlerischen Niveau entstand hier ein sakrales Ensemble, dessen Ikonographie immer wieder auf die Herrschaft verweist und das wie kein anderes in Altbayern das Zusammenspiel spätgotischer Kunst im Raum erfahren lässt. Die gemalten Allianzwappen im Fries der Hofseite künden vom fürstlichen Rang des Bauherrn; sein eigenes Wappen erscheint im Außenfresko des Chorscheitels neben Szenen der Heilsgeschichte und der Heiligen Sippe. In den Portalblenden stehen die Dreifaltigkeit (Gnadenstuhl) und die Wappen des kaiserlichen Vorfahrens Ludwig dem Bayern (reg. 1314-1347, seit 1328 als Kaiser), von Bayern und Pfalz übereinander. Auch die Bilderwelt im Kirchenraum vergegenwärtigt himmlische und weltliche Herrschaft als komplementär: Im Gnadenstuhl des Hochaltars erscheint Gottvater mit der Kaiserkrone unter einem Baldachin mit weiß-blau gerauteten Stangen; im linken Nebenaltar (mit dem Patrozinium Allerheiligen) tritt Christus als König unter das Volk der Heiligen, im rechten empfängt Maria als "Regina Coelorum" die Botschaft der Verkündigung. An den Gewölbeanfängern stehen die Apostel als Säulen der Kirche neben den Konsolen mit Wappen der verschwägerten Familien, in den Fenstern sind Szenen aus dem Marienleben, wiederum vergesellschaftet mit Wappen wittelsbachischer Ahnen und Allianzen, zu sehen. Die politische Aussagefähigkeit spätmittelalterlicher Kunst wird im Blutenburger Ensemble in seltener Weise deutlich.

Umgestaltung im 17. Jahrhundert

Aus dem Nachlass der Kurfürstin Henriette Adelaide (1636-1676), die ihre "Nymphenburg" östlich des Hofmarks-Waldes erbaut hatte, kam Menzing 1676 in den Besitz des Anton (Freiherren von) Berchem (1632-1700), der als Günstling Kurfürst Ferdinand Marias (reg. 1651-1679) und des jungen Max Emanuel (reg. 1679-1726) zu einem der größten Grundbesitzer Kurbayerns aufstieg. Berchem begann alsbald (unter der Leitung Antonio Viscardis [1645-1713]?) eine Neugestaltung des völlig vernachlässigten Hofmarksschlosses, die auf Reduktion und gestalterische Ordnung der Hauptburg hinauslief. Das "Neue Haus" wurde aufgegeben, dafür aber das Herrenhaus vergrößert und die gekappten Türme in Trabanten des Haupthauses verwandelt; Vorburg, Kapelle und Gräben blieben offenbar unverändert. Der Stich Michael Wenings (1645-1718) von 1701 dokumentiert den äußeren Zustand der Berchem-Zeit, der wiederum für fast drei Jahrhunderte Bestand hatte. Doch schon 1702 mussten Berchems Söhne die Hofmark dem Kurfürsten restituieren.

Nutzung 18.-20. Jahrhundert

1702 bis 1730 wurde das Schloss von Kurfürstin Therese Kunigunde (1676-1730) genutzt, in der Folge an kurfürstliche Günstlinge zum lebenslänglichen Nießbrauch ausgegeben. 1776 wurde die Hofmark mit dem Münchner Hofkastenamt vereinigt. Erst Kurfürst Max IV. Joseph (reg. 1799-1825, seit 1806 als König von Bayern) zog die Blutenburg 1801 wieder an sich und ließ das Herrenhaus für sich renovieren. Nach seinem Tod wurde das Schloss als Staatsgut verpachtet, zuletzt 1866 bis 1957 an die Englischen Fräulein und 1957 bis 1976 an den Dritten Orden. 1980 bis 1983 wurde die der Bayerischen Schlösserverwaltung unterstellte Anlage für die Zwecke der "Internationalen Jugendbibliothek" umgestaltet. Neue funktionale, statische und bauphysikalische Anforderungen verursachten tiefgreifende Änderungen, doch wurden ohne Not auch die bedeutsame gemalte barocke Gliederung der Bauteile mittels Lisenen und Eckquaderungen sowie die wohlerhaltene Infrastruktur Max IV. Josephs im Herrenhaus vernichtet. Trotz der barocken und der modernen Überformung ist die spätgotische Anlage der Blutenburg aber noch deutlich erkennbar.

Literatur

  • Lothar Altmann, Die Schlosskapelle zu Blutenburg vor München (Schnell+Steiner Kunstführer 61), München 12. Auflage 1985.
  • Susanne Burger, Die Schlosskapelle zu Blutenburg – Struktur eines spätgotischen Raumes (Misc. Bav. Mon. 77), München 1978. [spekulative Kunstexegese; vgl. dazu Rez. in Zeitschrift f. bayer. Landesgeschichte 45/2 (1982), 436ff.]
  • Johannes Erichsen (Hg.), Blutenburg. Beiträge zur Geschichte von Schloß und Hofmark Menzing, München 1983 (erw. Neuaufl. 1985).
  • Werner Loibl, Wittelsbacher Jagdschlösser um München, in: Bayerland 82/2 (1980), 14-17.
  • Wolfgang Vogelsgesang (Hg.), Blutenburg – Das Schloß und sein Umfeld in Geschichte und Gegenwart, München 1992.
  • Wolfgang Vogelsgesang (Hg.), Blutenburg – Die Schlosskapelle, München 1984.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Johannes Erichsen, Blutenburg, München-Obermenzing, publiziert am 24.10.2013; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Blutenburg,_München-Obermenzing> (23.10.2018)