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Regensburger Anzeiger/Bayerischer Anzeiger

Erste Ausgabe des "Regensburger Anzeigers" als "Tägliche Beilage zum Regensburger Morgenblatt", 10. Dezember 1862.
Ausgabe vom 17. Mai 1934 mit dem Artikel "Zeitrufe - Gottesrufe" von Kardinal Faulhaber. Dieser Artikel war der Anlass für ein neuerliches, diesmal dreimonatiges Verbot des Anzeigers.
Die erste Ausgabe des nach der Generallizensierung neu erschienenen Tages-Anzeigers vom 2./3. September 1949.
Bewertung des Regensburger Anzeigers, in: Sperlings Zeitschriften- u. Zeitungsadreßbuch. Handbuch der deutschen Presse 54 (1928), S. 412.

von Andreas Jobst

Der "Regensburger Anzeiger" (seit 1934 in allen Ausgaben "Bayerischer Anzeiger") zählte zu den zentralen Blättern der katholischen bayerischen Tagespublizistik seit dem späten Kaiserreich. 1862 ursprünglich als Beilage gegründet, stieg die Zeitung Ende des 19. Jahrhunderts zu einem überregional bedeutenden Zentrumsblatt auf. Als "Sprachrohr" seines Mitgesellschafters Heinrich Held (1868-1938), der von 1924 bis 1933 zugleich bayerischer Ministerpräsident war, bildete der "Anzeiger" in den Jahren der Weimarer Republik eines der auflagenstärksten Organe der Bayerischen Volkspartei (BVP). Von den Nationalsozialisten bekämpft, wurde der "Anzeiger" 1936 gleichgeschaltet und 1943 letztlich eingestellt. Zwischen 1949 und 1973 nahm das Nachfolgeorgan "Tages-Anzeiger" die Tradition katholisch-konservativer Publizistik in Regensburg wieder auf.

Anfänge als Anzeigenblatt und Beilage

Ins Leben gerufen wurde der Regensburger Anzeiger 1862 als Anzeigenbeilage des "Regensburger Morgenblattes", das im Verlag von Friedrich Pustet (1831-1902) erschien und im Umkreis der Bayerischen Patriotenpartei stand. Wie die katholisch-konservative Publizistik in Bayern überhaupt, erlebte das "Morgenblatt" während der politischen Auseinandersetzungen im Vorfeld der Reichsgründung und in den Jahren des Kulturkampfes eine Blütezeit und bildete zusammen mit der Beilage "Regensburger Anzeiger" das zentrale Organ des Regensburger Katholizismus. Mit einer Auflage von rund 4.800 Exemplaren in den 1870er Jahren entwickelte sich der "Anzeiger" rasch zum viel gelesenen Provinzblatt in Regensburg und der ganzen Oberpfalz. Der Erfolg lag im Konzept des Blattes begründet: Preisgünstiger als alle übrigen Regensburger Zeitungen enthielt der "Anzeiger" neben privaten und geschäftlichen Inseraten aller Art auch kurz gefasste politische Tagesneuigkeiten sowie aktuelle Lokalnachrichten.

Aufstieg zum Zentrumsorgan

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert entwickelte sich der "Anzeiger" vom Anzeigenorgan und Beiblatt zur auflagenstärksten Regensburger Zeitung und zum eigentlichen Parteiorgan. Am 1. Oktober 1883 übernahm Pustets langjähriger Amberger Filialleiter Josef Habbel (1846-1916) das Zeitungsunternehmen, um mit umfangreichen technischen Modernisierungen in den 1880er und 1890er Jahren den Ausbau eines leistungsfähigen Betriebs voranzutreiben.

Die Zeitungsredaktion des "Morgenblattes" übertrug Habbel nach längerer Suche eines geeigneten Redakteurs 1899 schließlich dem journalistisch erfahrenen Heinrich Held (1868-1938). Mit Held – seit 1901 Schwiegersohn Habbels und seit 1906 zusammen mit den Habbel-Söhnen Teilhaber des in die Gebr. Habbel OHG überführten Familienbetriebs – erlebte das gesamte Zeitungsunternehmen eine Blütezeit: Das "Morgenblatt" wurde zu einer der führenden politischen Tageszeitungen Bayerns, und den seit 1901 nur noch selbständig zu beziehenden "Anzeiger" machte Held mit seinen Leitartikeln zu einem der meistgelesensten Blätter Ostbayerns. Mit Auflagen von rund 17.000 Exemplaren überflügelte der von Held zum Zentrumsorgan profilierte "Anzeiger" das "Morgenblatt" bei weitem. Zum Jahresbeginn 1911 ging das auflagenschwächere "Morgenblatt" in seiner ehemaligen Beilage auf.

Der Regensburger Anzeiger als BVP-Blatt seit 1918

In den Jahren der Weimarer Republik bildete der "Anzeiger" eines der prominentesten Organe der BVP, in deren Dienst sich das Blatt gleich nach der Parteigründung in Regensburg 1918 gestellt hatte - Held war Mitbegründer der Partei. Mit Auflagenzahlen von rund 20.000 Exemplaren zählte die Zeitung zu den auflagenstärksten Parteiblättern, deren Stückzahlen sich als Lokalpresse in der Regel zwischen 2.000 und 8.000 bewegten. Nach der Wahl Helds zum bayerischen Ministerpräsidenten 1924 kam dem "Anzeiger" eine Sonderstellung zu: Als Sprachrohr seines Mitgesellschafters (nach Überführung der OHG in eine GmbH 1932 Hauptgesellschafter) schlug der "Anzeiger" weitaus föderalistischere Töne an als das Organ der Münchner Parteileitung, der "Bayerische Kurier", und wurde deshalb auch außerhalb Bayerns aufmerksam gelesen.

Von technischer Modernisierung begleitet, erfuhr das Blatt in diesen Jahren einen mit der Ausweitung und Differenzierung des redaktionellen Teils verbundenen Aufschwung, der sich auch in der Gründung neuer Agenturen in Stadt und Land und der Einrichtung einer neuen Unterausgabe "Wörther Anzeiger" der seit 1922 bestehenden Landausgabe "Bayerischer Anzeiger" im Jahr 1932 manifestierte.

Kampf der Nationalsozialisten gegen den Regensburger Anzeiger

Die grundlegenden rechtlichen und strukturellen Veränderungen, wie sie die deutsche Presselandschaft nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der sich anschließenden Gleichschaltung der Presse erfuhr, brachten auch für den "Bayerischen Anzeiger", wie das Blatt seit Jahresbeginn 1934 für alle Ausgaben hieß, nach wenigen Jahren das Ende. Das Vorgehen der neuen Machthaber in ihrem Kampf gegen das in seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus stets kompromisslose Organ beinhaltete dabei das gesamte Instrumentarium nationalsozialistischer Pressegleichschaltung: Boykott- und Terrormaßnahmen, Einschüchterung und Verunsicherung der Verleger und Redakteure, Gewaltmaßnahmen, vor allem gegen die Verlegerfamilie (Inhaftierungen im KZ Dachau, Hausdurchsuchungen), sowie Zerstörung der wirtschaftlichen Basis durch den Entzug amtlicher Bekanntmachungen und mehrfache Zeitungsverbote.

Das Ende der Zeitung 1943

Das Ende für den "Anzeiger" kam zum Jahreswechsel 1935/36: Wegen eines Artikels mit einer Zusammenstellung früherer Äußerungen Kardinal Michael von Faulhabers (1869-1952) wurde das Blatt auf Initiative von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) für den Zeitraum vom 6. Juni bis 5. September 1935 verboten. Kurz darauf schloss der Präsident der Reichspressekammer und Geschäftsleiter des Franz Eher Nachfolger Verlages, Max Amann (1891-1957), das wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen wegen "politischer Unzuverlässigkeit" am 15. Oktober 1935 aus der Reichspressekammer aus (Ausschlussverfügung abschriftlich in Bayerisches Hauptstaatsarchiv MA 106 462). Eine Fortführung des Verlages war damit nicht mehr möglich: Am 31. Januar 1936 musste die Gebr. Habbel GmbH die Verlagsrechte an die Phönix Zeitungsverlags GmbH - eine Holdinggesellschaft des NSDAP-Pressekonzerns Franz Eher Nachf. GmbH – veräußern und durfte fortan nur mehr die technische Herstellung des "Anzeigers" ausführen. Mit mehrfachen Kürzung der im Lohndruckvertrag vereinbarten Mindestpreissätze für die Zeitungsherstellung folgte über mehrere Jahre nun die sukzessive Unterminierung der wirtschaftlichen Basis des Unternehmens, ehe der "Anzeiger" aufgrund einer Sperre des Papierbezuges sein Erscheinen am 28. Februar 1943 endgültig einstellen musste. Die Verlagsrechte wurden dem NS-Gauverlag Bayreuth übertragen.

Wiederbegründung im "Tages-Anzeiger" (1949-1973)

In Fortführung der Tradition des "Regensburger" bzw. "Bayerischen Anzeigers" erschien seit 1949 der "Tages-Anzeiger" als streng katholisches Blatt mit entschiedener Parteinahme für die CSU. Verleger war Dr. Josef Held (1902-1964), der nach dem Tod seines Vaters Heinrich 1938 die Nachfolge als Hauptgesellschafter der Gebr. Habbel GmbH angetreten hatte. Als Altverleger kompromittiert, war er bei der Vergabe der Zeitungslizenzen 1945 durch die amerikanische Besatzungsmacht nicht bedacht worden und konnte erst nach der Generallizenzierung 1949 mit der Wiederaufnahme der Zeitung im Verlag Tages-Anzeiger GmbH beginnen. In scharfer Konkurrenz zum Lizenzblatt "Mittelbayerische Zeitung" erlebte der "Tages-Anzeiger" in den 1950er Jahren seine Blüte. Von den publizistischen und wirtschaftlichen Konzentrationstendenzen in der deutschen Zeitungslandschaft der ausgehenden 1960er Jahre erfasst, stellte das Regensburger Traditionsblatt sein Erscheinen 1973 ein.

Literatur

  • Andreas Jobst, Pressegeschichte Regensburgs von der Revolution 1848/49 bis in die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland (Regensburger Studien 5), Regensburg 2002.
  • Norbert Frei, Nationalsozialistische Eroberung der Provinzpresse. Gleichschaltung, Selbstanpassung und Resistenz in Bayern (Studien zur Zeitgeschichte 17), Stuttgart 1980.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Andreas Jobst, Regensburger Anzeiger/Bayerischer Anzeiger, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Regensburger Anzeiger/Bayerischer Anzeiger> (17.07.2018)