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Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund (NSDStB), 1926-1945

Einladung an Tempel und Podlich, die Gründung eines NS-Studentenbundes mit Rudolf Heß zu besprechen, 8. Dezember 1925. (aus: Studenten im Kampf. Beiträge zur Geschichte des NSD.-Studentenbundes, München 1938, S. 10)
Baldur von Schirach, Fotografie 1929/1930. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Aufruf von Schirach, dem NSDStB beizutreten. Die antisemitische Zielsetzung des Bundes kommt ebenso offen zum Ausdruck wie die Ablehnung des als "Feigheit" diffamierten Pazifismus. (aus: Akademischer Beobachter 1 [1929], Heft 5).
Gustav Adolf Scheel, mit Aufdruck: "Studentenführer Scheeel". (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Fahne des NSDStB. (aus: Organisationsbuch der NSDAP, München 1936, Tafel 22 unten)
Organisatorischer Aufbau des NSDStB. (aus: Organisationsbuch der NSDAP, München 1936, S. 265)
Karikaturen aus der Deutschen Studentenzeitung, dem Organ des NSDStB zeigen, wer als Gegner der nationalsozialistischen Umgestaltung der Universität angesehen wurde: Streber ... (aus: Deutsche Studenten-Zeitung 1934, Nr. 18, S. 6)
... und Ästheten. (aus: Deusche Studenten-Zeitung 1935, Nr. 7, S. 10)

von Andreas Raith

1926 in München gegründete studentische Organisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Vor 1933 kämpfte der Studentenbund um Einfluss in den studentischen Selbstvertretungsorganen und erzielte dabei seit 1928 unter anderem große Erfolge an der Universität Erlangen. Nach 1933 konnte der NSDStB, dem bis 1934 die SA und bis 1936 die Deutsche Studentenschaft als Parallelorganisationen erhebliche Konkurrenz bereiteten, nur bedingt seine Ziele verwirklichen.

Gründung 1926

Zwei Studenten der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, Wilhelm Tempel und Helmut Podlich, gründeten 1926 den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Am 20. Februar 1926 erschien der von ihnen verfasste Gründungsaufruf im NSDAP-Parteiblatt "Völkischer Beobachter". Darin forderten sie Studenten nationalsozialistischer Gesinnung im gesamten Reichsgebiet auf, sich an ihren Hochschulen zu Hochschulgruppen zusammenzuschließen. Tempel wurde erster Reichsführer des NSDStB, die Reichsleitung hatte ihren Sitz in der Münchner Schellingstraße.

Organisation 1926-1933

Im November 1929 existierten reichsweit 38 Hochschulgruppen, Ende des Jahres 1931 zählte der Bund 2.500 Mitglieder, Ende 1932 8.800. Die Organisationsstruktur des Studentenbundes folgte dem Führerprinzip. An der Spitze der Hochschulgruppen stand ein Gruppenführer; die einzelnen Gruppen unterstanden direkt der Reichsleitung. Diese hatte, mit einer kurzen Unterbrechung im Winter 1926/27, ihren Sitz in München. Nach der Ernennung von Tempels Nachfolger als NSDStB-Reichsleiter, Baldur von Schirach (1907-1974), zum Reichsjugendführer der NSDAP am 30. Oktober 1931 gehörte der Studentenbund wie Hitlerjugend und NS-Schülerbund formal der SA an. Schirach studierte zu diesem Zeitpunkt Germanistik an der LMU, die ersten beiden Reichsleiter waren also Studenten der Münchner Universität.

Ziele und Methoden

Inhaltlich orientierte sich der NSDStB in den ersten Jahren stark am sozialistischen Parteiflügel der NSDAP um die Gebrüder Otto (1897-1974) und Gregor Strasser (1892-1934) und trat als Interessenvertretung sozial schwacher Studenten auf. Zudem stieß die antisemitische Rhetorik des Bundes, zum Beispiel die Forderung eines Numerus Clausus für jüdische Studenten, auf Resonanz unter den Studierenden.

Ziel des Studentenbundes war es, über die Hochschulwahlen Einfluss in den studentischen Vertretungsorganen zu gewinnen. Zu diesem Zweck investierte die Organisation ihre Ressourcen vor allem in publizistische Propaganda und in die Durchführung von Veranstaltungen, in denen hohe Parteifunktionäre als Redner auftraten.

Gegen politisch unliebsame Dozenten und Professoren agitierten die Führer der Hochschulgruppen in Flugblättern und Zeitschriften, initiierten aber auch Vorlesungsboykotte und Krawalle. Das bekannteste Beispiel sind die als "Münchner Universitätskrawalle" bekannt gewordenen Aktionen gegen den Staatsrechtler Hans Nawiasky (1880-1961) im Juni 1931.

Zeit der Erfolge 1928-1933

Intensiviert wurden die propagandistischen Bemühungen nach der Übernahme der Reichsleitung durch Baldur von Schirach im Juli 1928. An vielen Hochschulen konnte der NSDStB in den AStA-Wahlen ab 1930 hohe Stimmanteile erzielen. Der NSDStB rekrutierte seine Anhängerschaft vor allem unter männlichen und protestantischen Studenten. An Universitäten mit einem hohen Anteil katholischer Studenten tat sich der Bund schwer, Mitglieder und Wähler zu gewinnen. So errang der NSDStB an der Universität Erlangen mit einem Katholikenanteil von lediglich 24 % bei den AStA-Wahlen 1929 zum ersten Mal überhaupt eine absolute Stimmmehrheit, 1930 sogar eine Zwei-Drittel Mehrheit. Demgegenüber erzielte er an den Universitäten München (49,4 % Katholiken) und Würzburg (59,3 %) wesentlich schwächere Wahlergebnisse (siehe Tabelle).

Auf dem 14. Deutschen Studententag (19.-22. Juli 1931 in Graz) wurde der Münchner Hochschulgruppenführer Walter Lienau (1906-1941) zum Vorsitzenden der Deutschen Studentenschaft gewählt. Damit war es dem Nationalsozialismus bereits vor 1933 gelungen, zur führenden politischen Kraft in der Studentenschaft aufzusteigen.

Der NSDStB in den Anfangsjahren des NS-Regimes 1933-1934

Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" wuchs den nationalsozialistischen Studentenfunktionären großer Einfluss zu, da die NSDAP über kein Hochschulkonzept verfügte. Durch die endgültige Gleichschaltung der Deutschen Studentenschaft konnte sich der NSDStB auch an den katholisch geprägten Universitäten etablieren, wo ihm zuvor der Durchbruch versagt geblieben war. Erst jetzt entwickelte sich der NSDStB zu einer Massenorganisation, wenn auch die Resonanz unter katholischen Studenten nach wie vor gering blieb. In einer Art Revolte gegen das traditionelle Universitätssystem sorgte der NSDStB für eine "Säuberung" der Studentenschaft (gegen Juden und Kommunisten) sowie die Entlassung unliebsamer Professoren und versuchte, Einfluss auf die Personalpolitik der Universitäten zu erhalten sowie das Studentenleben im Sinne der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft umzugestalten.

Problematisch für die weitere Entwicklung des NSDStB wurde, dass sich die "gleichgeschaltete" Deutsche Studentenschaft zu einer parallelen NS-Organisation entwickelte, die sich nicht dem NSDStB unterordnete. Größte Aktivitäten entfaltete außerdem die SA, die bis Frühjahr 1934 zur einflussreichsten und mitgliederstärksten NS-Organisation unter den Studenten aufstieg.

Die zunehmende Belastung der Studenten durch politische Schulungen und Wehrsportübungen, die ein geregeltes Studium immer mehr beeinträchtigten, führte im Laufe des Jahres 1934 zu starken Unmutsäußerungen, die im Juni 1934 in der Münchner Studentenrevolte offen zu Tage traten.

Die Reorganisation von NSDStB und NS-Hochschulpolitik 1934-1936

Im Juli 1934 wurde daher der NSDStB aus der Verantwortung der Reichsjugendführung Schirachs herausgelöst und dem Stab von Rudolf Heß (1894-1987) unterstellt. Wenig später wurde die SA nach dem "Röhm-Putsch" aus dem Hochschulbereich verdrängt. Unter dem neuen Reichsleiter Albert Derichsweiler (1909-1997) wurde der NSDStB reorganisiert. Die Mitgliedschaft wurde auf "Alte Kämpfer" und NSDAP-Mitglieder reduziert, ansonsten war der Beitritt erst nach einer Probezeit (2 Semester) möglich. Fortan sollte der NSDStB als Eliteorganisation für die ideologische Schulung der Studentenschaft sorgen.

Bereits im Mai 1934 war ein eigenes Reichserziehungsministerium gegründet worden, dem fortan die Deutsche Studentenschaft unterstand, so dass sich der NSDStB weiterhin in einer Konkurrenzsituation befand. Diese endete erst, als im November 1936 Gustav Adolf Scheel (1907-1979) als Reichsstudentenführer die Leitung von NSDStB und Deutscher Studentenschaft übernahm.

Akzeptanzprobleme des NSDStB

Der NSDStB, ursprünglich eine studentische Interessensorganisation, entwickelte sich damit zu einer Art Behörde, die von vielen Studenten als Gegner angesehen wurde, ohne dass dies mit einer grundsätzlichen Ablehnung des Nationalsozialismus verbunden gewesen wäre.

Folgenschwer für das Ansehen des NSDStB war das Vorgehen gegen die studentischen Korporationen, die größtenteils mit dem Nationalsozialismus völlig übereinstimmten. Im Juni 1935 erließ Derichsweiler Richtlinien, um die Korporationen zu politischer Schulung durch NSDStB-Funktionäre zu verpflichten. Als die Vereinigung der Korporationsverbände diese ablehnte, verschärfte sich der Konflikt zwischen NSDStB und Korporationen zusätzlich. Am 14. Mai 1936 verbot Heß Parteimitgliedern alle Betätigung in studentischen Verbindungen. Die meisten Korporationen lösten sich danach aus Angst vor weiteren Repressionen selbst auf, andere konnten ihren Verbindungsbetrieb nur im Verborgenen aufrechterhalten. In der Nachfolge der zerschlagenen Korporationen wurden Kameradschaften ins Leben gerufen, die Gemeinschaftsgefühl erzeugen und ebenfalls der politischen Erziehung dienen sollten.

Derichsweilers Nachfolger Scheel konnte das Ansehen des NSDStB in der Folgezeit wieder verbessern, indem er den Altherrenorganisationen entgegenkam. Die Mitgliederzahl des NSDStB und der Kameradschaften nahm daher 1937-1939 zu, obwohl sie an katholisch geprägten Universitäten (mit Ausnahme von Würzburg) nach wie vor unterdurchschnittlich blieb. Hinter den hohen Erwartungen der NSDStB-Funktionäre, einen neuen, vom Nationalsozialismus restlos begeisterten Studententyp schaffen zu können, blieb aber die Wirklichkeit deutlich zurück.

Niedergang und Auflösung des NSDStB

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges schwächte die Position des Studentenbundes. Viele Funktionäre meldeten sich freiwillig oder wurden an die Front abberufen. Auf Soldatenstudenten, die der Wehrmacht unterstanden, hatte der NSDStB kaum Zugriff. In der Folge nahm der Organisationsgrad des NSDStB an den Universitäten deutlich ab, gleichzeitig erstarkten die zwar aufgelösten, informell aber weiter bestehenden Korporationen erneut. Mit dem Kriegsende und dem vollständigen Erliegen des Lehrbetriebs an den Hochschulen löste sich auch der NSDStB auf.

Reichsführer des NSDStB

Name Lebensdaten Amtszeit
Wilhelm Tempel 1926-1928
Baldur von Schirach 1907-1974 1928-1932
Gerd Rühle 1905-1967 1932-1933
Oskar Stäbel 1901-1977 1933-1934
Albert Derichsweiler 1909-1997 1934-1936
Gustav Adolf Scheel 1907-1979 1936-1945

Ergebnisse des NSDStB bei AStA-Wahlen an bayerischen Universitäten

Jahr/Hochschule Erlangen LMU München Würzburg TH München
1928 32,8 % 10,0% 8,7% 11,2 %
1929 54,8% 16,8% 19,6% 19,3 %
1930 75,1% 32,9% 39,6% 38,6 %
1931 63,8% 37,8% 37,4% 45,4 %
1932 68,2% 32,5% 39,1% 43,0 %

Literatur

  • Michael Behrendt, Hans Nawiasky und die Münchner Studentenkrawalle von 1931, in: Elisabeth Kraus (Hg.), Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze. Teil I (Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München 1), München 2006, 15-42.
  • Anselm Faust, Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund. Studenten und Nationalsozialismus in der Weimarer Republik (Bochumer Historische Studien 1). 2 Bände, Düsseldorf 1973.

Quellen

  • Gustav Adolf Scheel, Die Reichsstudentenführung. Arbeit und Organisation des deutschen Studententums, Berlin 1938.
  • Baldur von Schirach, Wille und Weg des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, hg. von der Abteilung für Propaganda in der Reichsleitung des NSDStB, München 1929.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Andreas Raith, Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund (NSDStB), 1926-1945, publiziert am 16.10.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund (NSDStB), 1926-1945> (13.12.2018)