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Münchner Universitätskrawalle, 1931

Hans Nawiasky 1950. (aus: Staat und Wirtschaft. Beiträge zum Problem der Einwirkung des Staates auf die Wirtschaft. Festgabe zum 70. Geburtstag von Hans Nawiasky, Einsiedeln/Zürich/Köln 1950, vor S. III).

von Hannelore Putz

Der BVP-nahe Münchner Staatsrechtler Hans Nawiasky (1880-1961) verglich 1931 den Versailler Vertrag mit den Friedensverträgen, die das Deutsche Reich während des Ersten Weltkriegs mit besiegten Staaten geschlossen hatte. Wegen seiner kritischen Sicht wurde Nawiasky Ziel von Angriffen der Nationalsozialisten. Die vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) inszenierten Krawalle führten dazu, dass Anfang Juli 1931 die Universität München mehrere Tage geschlossen werden musste. Die Münchner Universitätskrawalle 1931 legten die sich radikalisierende politische Lage an der Universität und die in Teilen stark völkisch-nationalistische Stimmung an der Universität schon vor der nationalsozialistischen Machtergreifung offen.

Das Ereignis

Den Anlass für die Münchner Universitätskrawalle bildete eine Vorlesung zur Allgemeinen Staatslehre von Prof. Dr. Hans Nawiasky (1880-1961) am 23. Juni 1931. Im Rahmen der Lehrveranstaltung diskutierte der anerkannte Staatsrechtler die Vergleichbarkeit der Verträge von Bukarest (1918), Brest-Litowsk (1918) und Versailles (1919/20). Dabei analysierte er, inwieweit die Bedingungen der Friedensverträge von Bukarest und Brest-Litowsk als Vorbilder für den Vertrag von Versailles gedient hatten. In Bukarest und Brest-Litowsk hatten Deutschland bzw. die Mittelmächte (neben Deutschland noch Österreich, Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich) 1918 als Sieger die Bedingungen für die Friedensverträge mit Rumänien und Rußland diktiert. In Versailles mussten sie als Kriegsverlierer 1919 den von den Alliierten aufgesetzten Friedensvertrag akzeptieren.

Den Versailler Vertrag, der in der Weimarer Republik allgemein als Schandvertrag und Diktatfrieden apostrophiert wurde, mit Friedensverträgen zu vergleichen, die von deutscher Seite bzw. von Seiten der Mittelmächte erzwungen worden waren, reichte aus, um Nawiasky ins Visier nationaler und nationalsozialistischer Agitation zu bringen. Der "Völkische Beobachter" polemisierte in einem Hetzartikel am 26. Juni 1931 gegen die Nebeneinanderstellung dieser Friedensverträge. Am selben Tag fand in der Universität eine erste Protestkundgebung gegen Nawiasky statt. Der Staatsrechtler und das Rektorat waren allerdings vorab darüber informiert worden. Tags darauf heizte der Völkische Beobachter mit einem Hetzartikel unter dem Titel "Der Nawiasky-Skandal an der Münchener Universität. Stürmische Protestkundgebungen der Studentenschaft" die Stimmung gegen Nawiasky weiter an.

Nichtsdestoweniger wurden Nawiasky und die Universitätsspitze von der zweiten, wesentlich heftigeren Demonstration am 30. Juni 1931 mit etwa 1.200 Beteiligten überrascht. Die Studenten sangen dabei das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied und es ertönten Heil-Hitler-Rufe. Weiterhin schmähten sie Nawiasky mit Parolen wie "Juda verrecke" und "Nawiasky verrecke"-Geschrei. Der Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds (NSDStB), Gottfried Neeße (1911-1987), hielt im Lichthof der Universität eine Rede gegen Nawiasky. Das Hauptgebäude wurde mit Hilfe von Polizeikräften zwangsweise geräumt und die Universität geschlossen. Das Stiftungsfest wurde abgesagt. Erst am 6. Juli 1931 wurde die Universität wieder geöffnet.

Das Nachspiel

In der Universität beschäftigte sich in der Folge der Ausschreitungen ein Untersuchungsausschuss mit den Vorfällen. Im Zentrum standen weniger die Angriffe auf Nawiasky als vielmehr dessen Äußerungen in der Vorlesung vom 23. Juni 1931. Der Untersuchungsbericht verurteilte schließlich das Vorgehen der Studenten, da sie die akademische Sitte und Ordnung grob verletzt und so dem Ruf der Universität Schaden zugefügt hätten. Gegen den Führer des NSDStB, Gottfried Neeße, der als einer der Drahtzieher ausgemacht worden war, wurden ein Disziplinarverfahren angestrengt und eine Demissionsandrohung ausgesprochen. Eine Solidaritätsbezeugung für Nawiasky ist dem Bericht nicht zu entnehmen.

Die nationalsozialistische Fraktion im Bayerischen Landtag unterstützte die federführend von nationalsozialistischer Seite hervorgerufenen Tumulte mit einer Interpellation im Landtag. Die nationalsozialistische und deutschnationale Gruppe wies Nawiasky die Schuld an den Krawallen zu, diffamierte den Wissenschaftler und beschimpfte ihn mit rassistischen Verbalinjurien. Kultusminister Franz-Xaver Goldenberger (BVP, 1867-1948) verteidigte hingegen den Staatsrechtler und die Freiheit von Wissenschaft und Lehre.

Die Hintergründe

Der Katholik Hans Nawiasky geriet im Juni 1931 nicht zum ersten Mal in das Fadenkreuz nationalsozialistischer Aggression. Bereits am 7. Mai 1925 hatte ihn der "Völkische Beobachter" in einem Hetzartikel unter dem Titel "Ein Ostjude als Apostel der Auslandsdeutschen" wegen seiner Herkunft - sein Vater Eduard (1854-1925) war Jude - attackiert. 1930 war es zudem in der Hauptversammlung der akademischen Gruppe des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) zu Ausschreitungen gegen Nawiasky als Vorstand gekommen.

Im November 1931 provozierten Mitglieder des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds erneut einen Eklat, als sie unter Protest die Gedenkfeier für die Gefallenen bei Langemarck verließen, weil sich unter den anwesenden Professoren auch Nawiasky befand. Am 10. November 1914 hatten kaum ausgebildete junge deutsche Freiwilligen-Einheiten bei Langenmarck eine verheerende Niederlage erlitten. In der Zwischenkriegszeit wurde der Langemarck-Mythos - die Freiwilligen hätten beim Sturm "Deutschland, Deutschland über alles" gesungen und sich heldenhaft für das deutsche Volk aufgeopfert - vor allem im schulischen und universitär-studentischen Bereich gepflegt. Der "Völkische Beobachter" flankierte das Vorgehen wiederum mit einem Artikel gegen Hans Nawiasky am 31. November 1931.

Für Nawiasky war es angesichts dieser Vorfälle klar, dass es zu riskant war, unter einem nationalsozialistischen Regime in Deutschland zu bleiben. Am 5. März 1933 begab sich Nawiasky noch vor Bekanntgabe der Wahlergebnisse der Reichstagswahl nach St. Gallen ins Exil. Im Zuge der Machtergreifung in Bayern drang die SA am 10. März 1933 gewaltsam in sein Haus in der Münchner Kaulbachstraße ein.

Prof. Dr. Hans Nawiasky

Hans Nawiasky, geboren 1880 in Graz, gehörte der Universität München seit 1914 als Privatdozent an, wurde 1919 zum außerordentlichen Professor (1922 etatmäßig) bestellt und 1928 mit den Rechten eines ordentlichen Professors ausgestattet. 1929 übernahm er als erster Leiter das Institut für Reichs- und Landesstaats- und Verwaltungsrecht in München. Er wirkte maßgeblich an der Etablierung der Verwaltungsakademie mit. 1928 wurde Nawiasky in den Verfassungsausschuss der Länderkonferenz berufen. Im September 1932 vertrat er als "Kronjurist der BVP" (Barbara Fait, Das Föderalistische Manifest von Hans Nawiasky, in: Geschichte im Westen 1 [1991], S. 224–233) Bayern vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig, das gegen die Rechtmäßigkeit des Preußenschlages geklagt hatte. Nach seiner Flucht aus Bayern 1933 erhielt er 1935 einen Lehrauftrag an der Handelshochschule in St. Gallen. Später übernahm er dort eine neu geschaffene Professur für Öffentliches Recht und leitete ab 1942 die verwaltungswissenschaftliche Abteilung.

1946 kehrte Nawiasky an die Ludwig-Maximilians-Universität zurück und hielt am 7. August 1946 seine erste Vorlesung. Am 16. September 1946 wurde er wieder Ordinarius, erfüllte seinen Lehrauftrag an der Hochschule in St. Gallen allerdings weiterhin. Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980) berief Hans Nawiasky, mit dem er bereits in den Jahren des Exils Kontakt hatte, im Jahr 1946 zum juristischen Berater der Staatsregierung und der Verfassunggebenden Landesversammlung. Die Bayerische Verfassung trägt in entscheidenden Punkten Nawiaskys Handschrift. 1948 bereitete er den Herrenchiemseer Konvent mit vor und war an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt. 1961 verstarb er in St. Gallen.

Literatur

  • Wolfhart Friedrich Bürgi /Walther Hug (Hg.), Staat und Wirtschaft. Beiträge zum Problem der Einwirkung des Staats auf die Wirtschaft. Festgabe zum 70. Geburtstag von Hans Nawiasky, Einsiedeln/Zürich/Köln 1950.
  • Michael Behrendt, Hans Nawiasky und die Münchner Studentenkrawalle von 1931, in: Elisabeth Kraus (Hg.), Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze. Teil I (Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München 1), München 2006, 15-42. (mit weiterer Literatur)

Quellen

  • BayHStA, MK V 44070 (Personalakt Nawiasky); MK V 40798 (Studentenunruhen)
  • UAM, E-II-N, Nawiasky (Personalakt); G XVI, 34, 1.Fasc. (Sonderakt zu den Studentenunruhen 1931)
  • Hans Nawiasky, Die Münchener Universitätskrawalle, München 1931.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Münchener Universitätskrawalle, Münchner Studentenkrawalle

Empfohlene Zitierweise

Hannelore Putz, Münchner Universitätskrawalle, 1931, publiziert am 21.04.2008; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Münchner Universitätskrawalle, 1931> (15.11.2018)