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Althochdeutsche Literatur (Altbayern/Österreich - Franken - Schwaben)

von Klaus Wolf

In althochdeutscher (Volks-)Sprache verfasste Literatur erlebte in Bayern im 9. Jahrhundert eine Blüte. Ins 8. Jahrhundert oder noch weiter zurück reicht mündlich vorgetragene (Unterhaltungs-)Literatur (Oral Poetry) etwa in Gestalt von Heldenliedern. Als Schriftsprache dominierte hingegen das überregional verständliche Latein. Erst unter karolingischem Einfluss gewann die Volkssprache in katechetischen und liturgischen Texten, aber vereinzelt auch in Rechtsdokumenten, an Bedeutung und wurde durch intensive Glossenarbeit, d. i. die Herstellung romanisch-althochdeutscher Wortkonkordanzen, gefördert. Diese Glossen dürften auch ein Spiegel der Mehrsprachigkeit im Gebiet des frühmittelalterlichen Bayern sein. Hier wie auch in Rechtsausdrücken zeigt sich die inhaltliche Leistungsfähigkeit bereits dieser frühen hochdeutschen Sprachstufe. Die Entwicklung wurde durch die Ungarnkriege im 10. Jahrhundert abrupt beendet und konnte erst um die Jahrtausendwende wieder aufgegriffen werden.

Sprachgeschichtliche Voraussetzungen

Althochdeutsche Literatur wurde in althochdeutscher Sprache verfasst. Darunter versteht man die älteste Sprachstufe des Hochdeutschen, die durch die bis ca. 700 abgeschlossene sogenannte hochdeutsche oder zweite Lautverschiebung definiert ist. Diese Lautverschiebung erfasste den deutschen Sprachraum nach Norden bis in eine Höhe Düsseldorf - Benrath ("Benrather Linie") und reichte im Süden bis in das langobardische Italien. Das gesamte Gebiet des heutigen Bayern lag also im althochdeutschen Sprachraum. Das gilt ebenso für das frühmittelalterliche Herzogtum, das noch weite Teile des späteren Österreichs einschloss.

Zeitlich reicht das Althochdeutsche bis ans Ende des 1. Jahrtausends. Im 11. Jahrhundert tritt beinahe plötzlich das Mittelhochdeutsche auf, das sich im Bairischen durch die konsequente Umlautbezeichnung oder durch die weitgehende Abschwächung der vollen Nebensilbenvokale zum Schwa-Laut (Bsp. ahd. 'werfan' > mhd. 'werfen') deutlich vom Althochdeutschen unterscheidet. Der Zeitraum, in dem althochdeutsche Literatur entstehen konnte, reichte also vom 8. bis ins 10. Jahrhundert.

Charakteristisch für das frühe bairische Herzogtum war die Mehrsprachigkeit der Bevölkerung. Das Herzogtum war im 6. Jahrhundert auf dem Boden der römischen Provinzen Rätien und Noricum unter der Dynastie der Agilolfinger entstanden. Die Bevölkerung setzte sich aus romanischsprachigen ehemaligen Provinzialen und germanischsprachigen Bewohnern zusammen, so dass neben Althochdeutsch bzw. Altbairisch vor allem eine romanische Sprache gesprochen wurde. Hinzu kamen Hebräisch (etwa der Juden in Regensburg) und wohl die slawische Sprache der Karantanen. Latein bildete im Land die übergreifende Schriftsprache, konkret für die Kirche (an Bischofssitzen und in Klöstern) und für den Herzogshof (in Pfalzen wie Regensburg oder Freising).

Althochdeutsche Literatur des 8. Jahrhunderts?

Der Freisinger Domberg entwickelte sich ab dem 8. Jahrhundert zu einem der zentralen Schreiborte für das Herzogtum Bayern. (Stadt Freising)

Ältere literaturgeschichtliche Darstellungen neigten dazu, althochdeutsche Werke, welche in der Regel erst ab dem 9. Jahrhundert überliefert sind, um ein Jahrhundert vorzudatieren. Doch lässt sich eine namhafte althochdeutsche Literatur für das 8. Jahrhundert (für Altbayern wie für Schwaben und Franken) nicht nachweisen. Literaturgeschichtlich gut belegbar ist dagegen die lateinische Literatur des 8. Jahrhunderts im Herzogtum, die wohl großteils einer Literaturpolitik der Agilolfinger zu verdanken ist. Diese Literaturpolitik manifestierte sich in der systematischen Sammlung biblischer Texte in prachtvollen Pergamentcodices und in der Abfassung von Viten jener Bischöfe (Emmeram, Rupert, Korbinian), die an den Bischofssitzen und Herzogsresidenzen (Regensburg, Salzburg, Freising) besonders verehrt wurden. In ihrer Summe ergibt dies ein literarisches Sammelprogramm lateinischer Grundlagentexte, welche vor allem den kirchenpolitischen Machtanspruch der Herzöge unterstreichen. Dem korrespondieren herausragende lateinische Autoren wie Bischof Arbeo von Freising (reg. 764-784) oder Bischof Virgil von Salzburg (reg. 749-784).

Dagegen spielte althochdeutsche Literatur im Baiern des 8. Jahrhunderts keine Rolle. Dahinter steht keineswegs eine Ignoranz der agilolfingischen Herzöge gegenüber der Volkssprache, sondern die Tatsache, dass Latein europaweit kompatibel war und so an das Schriftwesen im Franken- wie im Langobardenreich angeknüpft werden konnte. Immerhin zieht aber die "Lex Baioariorum", das frühmittelalterliche Rechtsbuch der Baiern, althochdeutsche Rechtstermini offenkundig zum Nutzen der sonst lateinisch schreibenden Juristen bei.

Romanisch-bairischer Sprachkontakt: Glossenarbeit

Sprachkontakt auf der Ebene der im bairischen Herzogtum gesprochenen Sprachen Romanisch und (bairisches) Althochdeutsch lässt sich belegen, wenn man die bekannten 'Kasseler Glossen' sprachhistorisch auswertet. Dabei handelt es sich um lateinisch-althochdeutsche Notizen, die im ersten Viertel des 9. Jahrhunderts wohl im bairischen Regensburg aufgezeichnet wurden, vielleicht aber noch Verhältnisse des 8. Jahrhunderts dokumentieren. Charakteristisch für diese Glossen sind Lemmata in romanischer Sprachform, die gut zu einem Romanen in einer bairischen Kanzlei oder Schreibschule passen.

Dass das Miteinander einer romanischsprachigen und einer germanischsprachigen Bevölkerung nicht immer spannungsfrei war, zeigt eine Polemik im sog. Kasseler Gesprächsbüchlein, das als Teil der Glossen überliefert ist. In ihm findet sich der berühmte Ausspruch: "Stulti sunt Romani, sapienti sunt Paioari. – Tole sint Uualha, spāhe sint Peigira". Man könnte dies so übersetzen: "Die Romanen sind dumm, während die Baiern klug sind. – Verrückt sind die Welschen, weise sind die Baiern". Demnach ist fraglich, ob in dem Kasseler Gesprächsbüchlein einseitig eine Art von Wörterbuch (als Reiseführer nach Paris etwa) für Romanen außerhalb von Baiern zu sehen ist, wie die ältere Germanistik wollte, auch wenn es grundsätzlich als möglicher sog. Sitz im Leben (Entstehungssituation) nicht ausgeschlossen werden soll. Festzuhalten ist, dass diese literarischen Zeugnisse die historischen Hinweise auf eine beachtliche romanische Besiedlung der (urbanen) Regensburger wie Salzburger Pfalzen und ihres Umlands auf sprachlicher Ebene bestätigen.

Auch weitere althochdeutsche Glossierungsarbeiten, insbesondere die lange in ihren Dimensionen unterschätzte Griffelglossierung (s. unten), sind kaum vor dem 9. Jahrhundert nachweisbar, so dass das Ergebnis für das bairische Herzogtum im 8. Jahrhundert insgesamt ernüchternd ausfällt.

Katechese und Recht

Auch von der Zuschreibung weiterer althochdeutscher Texte in die Agilolfingerzeit sollte abgesehen werden. Das gilt vor allem für die "Altbairische Beichte", für die man mitunter eine Entstehung vor der sogenannten karolingischen Renaissance postulierte, obwohl die Überlieferung erheblich jünger ist. Mit Wolfgang Haubrichs ist dieser katechetische Text um 800 im Salzburger Raum zu verorten. Soweit zu erkennen ist, förderte das agilolfingische Herzogshaus an seinen Residenzen die Katechese seiner Untertanen in den Volkssprachen nicht. Was es vor Karl dem Großen (reg. 768-814) an katechetischer Literatur in althochdeutscher Sprache innerhalb des Herzogtums der Agilolfinger vielleicht gegeben haben könnte, gründete wohl auf klerikaler Eigeninitiative.

Im weltlichen Bereich beschränkten sich dagegen nach Lage der Überlieferung volkssprachliche Aufzeichnungen allein auf die althochdeutschen Termini in der "Lex Baioariorum", was offenbar Sachzwängen in der Rechtsprechung geschuldet war.

Oral poetry

Da eine schriftliche Überlieferung überhaupt erst mit dem 8. Jahrhundert einsetzt, ist für die Frage nach früheren Anfängen volkssprachiger, d. h. deutschsprachiger Literatur auf dem Gebiet des heutigen Bayern auf die reichhaltige Mündlichkeit dieser Zeit zu verweisen. Diese wäre – bei aller unsicheren Nachweisbarkeit – umso wichtiger, weil mündliche Dichtung, sog. oral poetry, ein ebenso überzeitliches wie weltweites Phänomen darstellt. Auch im oberdeutschen Raum dürften mündlich weitergegebene, ursprünglich germanische Heldenlieder ein lebendiges Phänomen dargestellt haben. In diesem Sinne wird auch das erst im 9. Jahrhundert schriftlich auf uns gekommene "Hildebrandslied" im mündlichen Vortrag viel älter sein als die wohl aus Fulda (heute Hessen) stammende Aufzeichnung, die nicht unwesentlich bairisch geprägt ist. Im Kontext der Oralität ist vor allem die Tatsache wichtig, dass Art und Umfang des Hildebrandslieds wohl einem ursprünglich germanisch geprägten, an einem Vortragsabend erklungenen, stabreimenden Heldenlied entsprochen haben wird. Die Form des Stabreims hatte dabei nicht zuletzt mnemotechnische Funktion für den Sänger, der in jedem Vortrag die Handlung entlang eines groben Handlungsgerüsts mit Hilfe des Stabreims in mehr oder weniger spontane Verse fasste.

Dass der Nibelungenstoff im Hochmittelalter gerade in Passau verschriftlicht wurde und die hoch- und spätmittelalterlichen Handschriften des "Nibelungenlieds" einen recht weitgehenden ostoberdeutschen Charakter besitzen, lässt rückschließend die Annahme zu, dass man sich in den Donaugegenden Ober- und Niederbayerns, partiell der Oberpfalz, und besonders Österreichs, gerne an Heldenliedern um Siegfried und Kriemhild sowie den Schicksalen der Nibelungen erfreute. Dass von der Nibelungenforschung die historischen Hintergründe des Nibelungenlieds heute weitgehend an der merowingisch-fränkischen Geschichte, d. h. an den historischen Gestalten Sigibert und Brunichildis etwa, festgemacht werden, ist sowohl mit dem ohnehin zum Frankenreich gehörenden nordbayerischen Raum wie mit dem agilolfingischen Herzogtum und den fränkischen Wurzeln seiner Herzöge zu vereinbaren.

Als mündlich vorgetragene Heldenliedersujets sind neben den Nibelungen auch die Erzählungen um Dietrich von Bern, eine wohl durch den Ostgotenkönig Theoderich den Großen (gest. 526) inspirierte Sagenfigur, als wichtig anzusehen, auf alle Fälle für das bairische Gebiet südlich der Donau. Dafür sprechen nicht nur ein ostoberdeutscher Überlieferungsschwerpunkt der später verschriftlichten Dietrichepik, sondern mehr noch der gut belegte sprachliche Einfluss des Gotischen auf das Bairische als Relikt der gotischen Herrschaft im frühen 6. Jahrhundert, die auch die Verbreitung des Sagenstoffes motiviert haben dürfte. Auch das Hildebrandslied verherrlicht Dietrich von Bern.

So wird es neben der agilolfingischen Literaturförderung lateinischer Schriftlichkeit bei der bairischen Oberschicht auch eine orale Unterhaltungsliteratur mit germanischen Heldenliedern gegeben haben, welche für die Karolinger – speziell Karl den Großen – eindeutig bezeugt ist.

Althochdeutsche Literatur des 9. Jahrhunderts

Lateinisch-deutsches Glossar zu Isidor von Sevillas "De officiis ecclesiasticis". Die Handschrift entstand in der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts in Freising. (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 6325)
Augsburg und das dortige Domstift gehört zu den ältesten Schreiborten Bayerns. Nachcolorierter Ausschnitt mit Darstellung des Domstiftes aus dem Augsburger Stadtplan von Georg Seld (c. 1441-1526/27) von 1521. Abb. aus: Steinhäusser, Augsburg in kunstgeschichtlicher, baulicher und hygienischer Beziehung, Augsburg 1902. (Universitätsbibliothek Augsburg 221/NS 2565 S822)

Die Absetzung  Herzog Tassilos III. 788 markierte auch kulturell eine Wende. Die bisher dominierenden literarischen Einflüsse aus dem langobardischen oder italischen Süden traten im 9. Jahrhundert zugunsten einer fränkisch vermittelten, eher angelsächsischen Kultur aus dem westlichen Norden zurück. Jedenfalls nehmen die nachweisbaren persönlichen Verbindungen nach Norden zu. So prägten fränkische Einflüsse das Salzburger Skriptorium von Sankt Peter, wo (Erz-)Bischof Arn (um 740-821) als Verehrer Alkuins (735-804), des aus England stammenden gelehrten Leiters der Hofschule Karls des Großen, wirkte. Aber auch der Regensburger Bischof Baturich (reg. 817-847) war mit dem Fuldaer Abt und Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (um 780-856) befreundet, wobei es enge Beziehungen zwischen der Kanzlei König Ludwigs des Deutschen (reg. 817-876) und der Schule in Sankt Emmeram gab, die in diesem Fall der empfangende Teil war.

Neben dem rezeptiven Aspekt ist eigenständige Schriftstellerei wie im Falle der in den Bereich der Lateinschule führenden Donat-Erklärung des Freisinger Grammatikers Erchanbert bemerkenswert. Überhaupt ließ man an den bairischen Schreiborten den "septem artes liberales" mit karolingischem Impetus sorgfältige Pflege angedeihen. Dies gilt auch für die Rechtshandschriften, wobei nicht nur die "Konstitutionen" Karls des Großen erfasst wurden, sondern nach Ausweis der Überlieferung nachgerade die "Lex Baioariorum", worin man einen erneuten Hinweis auf das Bewusstsein von bairischer Eigenstaatlichkeit auch im karolingischen 9. Jahrhundert sehen kann.

Auf lokaler Ebene zeigt sich ein vergleichbares bairisches Bewusstsein in der Hagiographie der Ortsheiligen und Lokalpatrone (zum Beispiel Emmeram für Regensburg und Virgil für Salzburg), dies sogar im Anschluss an die im 8. Jahrhundert begründete Verehrung, wie etwa beim Freisinger Korbinianskult. In Tegernsee gedachte man dann des heiligen Quirinus (in lateinischer Sprache) und schrieb eine bairische Version des Reimgebets "Carmen ad Deum".

Insgesamt ist unbezweifelbar, dass auf karolingischem Gebiet und besonders im späteren Ostfränkischen Reich eine Förderung der althochdeutschen Literatur zu beobachten ist, wobei zugleich die althochdeutsche Volkssprache aufgewertet wurde. Diese Entwicklung schloss das gesamte Gebiet des heutigen Bayern ein, weshalb man schon für das 9. Jahrhundert von einer bayerischen Literaturgeschichte in althochdeutschem Idiom sprechen kann. Diese war stark „von außen“ beeinflusst, doch weisen die bairischen Zeugnisse Charakteristika auf, die sie von solchen aus anderen Sprachlandschaften deutlich unterscheiden.

Nicht gering zu veranschlagen ist auf altbayerischem Gebiet der insulare und angelsächsische Einfluss, von wo das Glossieren in der Volkssprache seinen Ausgang nahm. Das zeigt sich im Bereich vorsichtiger althochdeutscher Griffelglossierungen ebenso wie im Fall der schon mit Tinte selbstbewusst applizierten Interlinear- und Marginalglossen. Bei diesen mit dem Griffel geritzten oder mit Feder und Tinte geschriebenen althochdeutschen Einzelworten oder kurzen Phrasen wird die Leistungsfähigkeit der Volkssprache sichtbar, welche auch für schwierigen lateinischen Fachwortschatz altbairische Erklärungen findet.

Die ersten Wörterbücher

Dieser im 9. Jahrhundert mächtig anschwellenden althochdeutschen Welle wäre dann nach aktueller Sicht der sogenannte "Abrogans" zuzuschlagen, den die ältere Forschung (fälschlich) mit Bischof Arbeo von Freising in Verbindung gebracht hatte, was durch Jochen Splett widerlegt wurde. Das nach dem ersten lateinischen Wort so bezeichnete Vokabular oder Wörterbuch versieht eher seltene (meist biblische) Wörter mit lateinischen Synonymen und althochdeutschen Übersetzungen. Auf viel ältere (agilolfingische) Beziehungen nach Süden verweist darin allerdings die wohl ursprünglich langobardische Provenienz der lateinischen Wortliste und der lateinischen Synonyme, während die althochdeutschen Interpretamente zeitlich eher der karolingischen Renaissance zuzuweisen wären. Jedenfalls hat man es beim "Abrogans" mit nichts weniger als dem ältesten lateinisch-deutschen Wörterbuch, wenn nicht dem ältesten deutschen Buch überhaupt zu tun. Darin ist aber Althochdeutsch nur Hilfsidiom gegenüber der Zielsprache Latein. Das gilt in gleicher Weise für die weit verbreitete lateinisch-bairische Wortsammlung "Samanunga", der die schlichte Zweckmäßigkeit eines Wörterbuchs eignet.

Katechetische und liturgische Texte

Das sog. Wessobrunner Gebet zählt zu den ältesten erhalten althochdeutschen Gedichten. (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 22053; inkl. Übersetzung)

Hierher gehören, getreu der "Admonitio generalis" Karls des Großen, das mehr als bloße Übersetzung bietende "Altbairische Paternoster" wie die "Altbairische Beichte", zwei für jeden Christen elementare Texte. Das altbairische Vaterunser liefert nicht nur die syntaktisch lateinnahe Übersetzung des Gebetstextes, sondern auch eine gründliche theologische Deutung. Als Leser und Benutzer des lateinisch-deutschen Mischtextes muss man sich am ehesten einen Seelsorger als Katecheten oder Prediger im Sinne eines Multiplikators vorstellen.

Ebenfalls mit den Erlassen Karls ("Admonitio generalis") in Zusammenhang steht die lateinisch-bairische, kolumnenmäßig angeordnete "Exhortatio ad plebem christianum", die u. a. katechetische Pflichten des Taufpaten einschärft. Das nach seinem letzten Aufbewahrungsort vor der Säkularisation benannte "Wessobrunner Gebet", eigentlich wohl aus Regensburg stammend (weniger aus der Diözese Augsburg), wäre dementsprechend als ebenso glaubensfester wie glaubensfroher Schöpfungspreis zu lesen. Überhaupt sind die aufgeführten althochdeutschen Texte nicht dem Kontext der Missionierung entsprungen. Vielmehr soll der für das 9. Jahrhundert im ganzen Herzogtum bereits bestens etablierte christliche Glaube bei den Lateinunkundigen oder Laien durch die muttersprachliche Vertiefung intensiviert werden. Diesen Laien wurde nach der Schöpfung auch das christlich gedeutete Weltende im "Muspilli" dichterisch nahegebracht. Adressat war vermutlich der Hof des jungen Karolingers Ludwigs des Deutschen, dem 817 Baiern als Teilreich zugewiesen worden war.

Neben solch geistlicher Belehrung steht fromme Praxis, denn mit dem wohl in Freising aufgezeichneten Petrus-Lied fassen wir eine frühe Form gesungener Liturgie in der Volkssprache des 9. Jahrhunderts. Und zur Karolingischen Literatur ist unbedingt das Evangelienwerk Otfrieds von Weißenburg (um 800-870) zu rechnen, welches bereits ganz modern in Endreimen (statt im Stabreim) angelegt war. Die beigegebenen Exegesen sollten beim höfischen Publikum ein naives Bibelverständnis vermeiden und schöpften aus der besten gelehrt-lateinischen Literatur der Zeit. In Freising jedenfalls wurde wohl kurz nach ihrer Entstehung die Otfriedsche Evangelienharmonie rezipiert.

Rechtswesen

Würzburger Markbeschreibung. Evangelienhandschrift, 10. Jh., fol 1r-1v. (Projekt mit Edition bei Franconia)(Universitätsbibliothek Würzburg, M.p. th. F. 66)

Neben der Theologie ist auch das Rechtswesen als Quelle althochdeutscher Schriftlichkeit nicht gering zu veranschlagen. Denn dem juristischen Bereich gehören Urkunden im weiteren Sinne an, wie z.B. die Festlegung von (Grundstücks-)Grenzen. Für Franken wäre hier als zentrales Zeugnis pragmatischer Schriftlichkeit auf die "Würzburger Markbeschreibungen", u.a. mit der Nennung von Heidingsfeld (heute Stadt Würzburg) und dem Bistumsheiligen Kilian, zu verweisen.

Die Literatur des 10. Jahrhunderts im Angesicht des Ungarnsturms

Ab dem späten 10. Jahrhundert entwickelten sich Klöster zu bedeutenden Schreiborten. Zu diesen zählte u.a. das Kloster St. Emmeran in Regensburg. (Foto von Дмитрий Мозжухин lizensiert durch CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)

Die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts ist von einem kulturellen und literarischen Niedergang geprägt, der durch äußere Bedingungen verursacht wurde. Die Ungarneinfälle erwiesen sich nicht zuletzt in Hinblick auf die Tradierung älterer Handschriftenbestände als überaus verhängnisvoll. Mit den Klosterbibliotheken etwa von Wessobrunn, Benediktbeuern, Tegernsee oder Weihenstephan ging auch viel Althochdeutsches unwiederbringlich verloren.

Wo sich bairischer Behauptungswille selbst in schwerer Zeit manifestiert, geschieht dies wieder in lateinischer Sprache. Das zeigt etwa das historiographische "Fragmentum de Arnulfo duce Bavariae" aus Sankt Emmeram in Regensburg, das durchaus im Sinne luitpoldingischer „Hofgeschichtsschreibung“ zu verstehen ist, oder die für Tegernsee so wichtige "Passio Sancti Quirini" (921). Gerade Tegernsee konnte dann erst Jahrzehnte später, nach der Erneuerung von Mönchtum und Kloster 978, wieder zu einem gelehrten und literarischen Zentrum werden und steht damit exemplarisch für den kulturellen Einbruch im 10. Jahrhundert.

Es war der Sieg Kaiser Ottos I. (reg. 962-973) in der sogenannten Schlacht auf dem Lechfeld (955), der zum Abebben des Ungarnsturms führte und eine folgende zarte literarische Blüte wieder ermöglichte. Neben den Bischöfen mit ihren Höfen wurden die Klöster Tegernsee, St. Emmeram und Niederaltaich, die sich der Gorzer Klosterreform anschlossen, zu wichtigen Kulturträgern. Indem die bairischen Herzöge wie Heinrich der Zänker (reg. 955-976, 985-995) und sein Sohn Heinrich (reg. 995-1004, 1009-1017 als Herzog, ab 1002 König, ab 1014 Kaiser) Reformmönche aus dem bairischen Herzogtum in die Klöster Frankens und Sachsens schickten, trugen sie nicht unerheblich zu einer kulturellen Ausstrahlung Baierns bei.

Was die bairische, volkssprachige Literatur anbelangt, so tritt sie nach der Blüte im 9. Jahrhundert, im 10. ganz in den Hintergrund. Zwar wird weiterhin Deutsch geschrieben, aber in der Summe eher marginal (im wahrsten Sinne des Wortes) bei Glossen, in Beichttexten oder in Zaubersprüchen. Eines der wenigen aus der Zeit überlieferten Zeugnisse stellt ein altbairischer Segensspruch dar, der nach der Bibliotheksheimat der Handschrift als "Wiener Hundesegen" bekannt ist. Der Text selbst reicht aber vielleicht viel weiter zurück.

Bairisch als Schriftsprache, ja als Literatursprache erfährt im 10. Jahrhundert einen merklichen Einbruch. Das herausragende Preisgedicht "De Heinrico" bezieht sich wohl auf Heinrich den Zänker, weist im volksprachigen Teil der deutsch-lateinischen Mischprosa allerdings eher in das Mittelrheingebiet. Immerhin ist expressis verbis von einem besonders tüchtigen bairischen Herzog die Rede: "de quodam duce, themo heron Heinriche, qui cum dignitate thero Beiaro riche bewarode".

In der Summe spielt die Volkssprache im 10. Jahrhundert in der gesamten deutschen Literatur, sieht man von Notker III. von Sankt Gallen ab, der nicht umsonst Notker Teutonicus heißt, keine tragende Rolle.

Literatur

  • Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie. Althochdeutsch/Neuhochdeutsch. Altniederdeutsch/Neuhochdeutsch. Übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Stephan Müller (Reclams Universal-Bibliothek 18491), Stuttgart 2007.
  • Althochdeutsches Lesebuch. Zusammengestellt und mit Wörterbuch versehen von Wilhelm Braune. Fortgeführt von Karl Helm. 17. Auflage bearbeitet von Ernst A. Ebbinghaus, Tübingen 1994.
  • Rolf Bergmann/Ursula Götz, Altbairisch = Altalemannisch? Zur Auswertung der ältesten Glossenüberlieferung, in: Deutsche Sprache in Raum und Zeit. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag, herausgegeben von Peter Ernst und Franz Patocka, Wien 1998, 445-461.
  • Sebastian Brather (Hg.), Recht und Kultur im frühmittelalterlichen Alemannien. Rechtsgeschichte, Archäologie und Geschichte des 7. Und 8. Jahrhunderts (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 102), Berlin/Boston 2017.
  • Oliver Ernst, Die Griffelglossierung in Freisinger Handschriften des frühen 9. Jahrhunderts (Germanistische Bibliothek 29), Heidelberg 2007.
  • Peter Ernst, Deutsche Sprachgeschichte. Eine Einführung in die diachrone Sprachwissenschaft des Deutschen (UTB 2583), Wien 2. Auflage 2012.
  • Hubert Fehr/Irmtraut Heitmeier (Hg.), Die Anfänge Bayerns. Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria (Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 1), St. Ottilien 2012.
  • Wolfgang Haubrichs, Die Anfänge. Versuche volkssprachiger Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (ca. 700-1050/60) (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit 1.1), Tübingen 2., durchgesehene Auflage 1995.
  • Dieter Kartschoke, Geschichte der Literatur im frühen Mittelalter (Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter 1), München 1990.
  • Fritz Peter Knapp, Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters (Geschichte der Literatur in Österreich 1), Graz 1994.
  • Lex Baioariorum. Das Recht der Bayern. Herausgegeben und übersetzt von Roman Deutinger (Editio Bavarica 3), Regensburg 2017.
  • Florentine Mütherich/Andreas Weiner, Illuminierte Handschriften der Agilolfinger- und frühen Karolingerzeit. München 1989.
  • Hans Pörnbacher (Hg.), Mittelalter und Humanismus (Bayerische Bibliothek 1), München 1978.
  • Hans Pörnbacher/Mechthild Pörnbacher, Die Literatur, in: Alois Schmid (Hg.), Handbuch der Bayerischen Geschichte. Erster Band: Das Alte Bayern. Erster Teil: Von der Vorgeschichte bis zum Hochmittelalter, München 2017, 437-461.
  • Manfred Renn/Werner König, Kleiner Bayerischer Sprachatlas, München 3. korrigierte und überarbeitete Auflage 2009.
  • Martin Schubert (Hg.), Schreiborte des deutschen Mittelalters. Skriptorien – Werke – Mäzene, Berlin/Boston 2013.
  • Stefan Sonderegger, Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einführung in das älteste Deutsch. Darstellung und Grammatik, Berlin/New York 3., durchgesehene und wesentlich erweiterte Auflage 2003.
  • Jochen Splett, Abrogans-Studien. Kommentar zum ältesten Wörterbuch, Wiesbaden 1976.
  • Wilhelm Störmer, Die Baiuwaren. Von der Völkerwanderung bis Tassilo III. München 2002.
  • Albrecht Weber (Hg.), Handbuch der Literatur in Bayern. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Geschichte und Interpretationen. Regensburg 1987.
  • Klaus Wolf, Gab es eine Literaturpolitik der Agilolfinger? Ein Beitrag zur regionalen Literaturgeschichtsschreibung, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. 246. Band, 161. Jahrgang (2009), 283-292.
  • Klaus Wolf, Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt, München 2018.

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Klaus Wolf, Althochdeutsche Literatur (Altbayern/Österreich - Franken - Schwaben), publiziert am 07.02.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Althochdeutsche_Literatur_(Altbayern/Österreich_-_Franken_-_Schwaben)> (18.10.2019)





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