Rieneck, Grafschaft

"...die Mappa uber das Ampt Rhieneck...": Der Ausschnitt aus der Spessartkarte von Elias Hoffmann aus dem Jahre 1584 zeigt das Gebiet der vormaligen Grafschaft Rieneck, die nach 1559 die mainzischen Ämter Lohr und Rieneck bildeten. (Hessisches Staatsarchiv Marburg A 11)

von Theodor Ruf

Im Main-Spessart-Raum gelegener Territorienkomplex, benannt nach der Burg Rieneck bei Gemünden am Main (Lkr. Main-Spessart). Den Grundstock des Territoriums bildeten Allod und Lehen des Mainzer Burggrafen Gerhard (gest. um 1106). Gerhards Erben, die Grafen von Loon, nannten sich seit ca. 1156/57 auch nach Rieneck. Vom Raum Lohr ausgehend bauten die Grafen im 12. und 13. Jahrhundert eine größere, territorial zersplitterte Herrschaft auf. Größte Konkurrenten waren das Erzstift Mainz und das Hochstift Würzburg. Durch Erbteilungen und das Aussterben von Nebenlinien gingen der Grafschaft zentrale Herrschaftsteile verloren. Beim Aussterben der Grafen von Rieneck 1559 umfasste die Grafschaft nur noch den Raum um Lohr sowie zersplitterte ausgegebene Mannlehen hauptsächlich im Nordspessart. Die Grafschaft fiel größtenteils an das Erzstift Mainz heim. 1806 erfolgte der Übergang der mainzischen Ämter Lohr und Rieneck an das Fürstentum Aschaffenburg, 1814 an das Königreich Bayern.

Entstehung und Entwicklung

Der Name "Grafen von Rieneck (Rienegge)" erschien erstmals um 1156/57 als weiterer Name der Grafen von Loon (heute Borgloon, Belgien). Arnold I. von Looz hatte um 1100 die später "Grafschaft Rieneck" genannten Güter des Mainzer Burggrafen und Erzstiftvogtes Gerhard (gest. um 1106) erheiratet. Der Besitz im Main-Spessart-Raum mit dem Zentrum Lohr stammt wohl aus altem Amtslehen sowohl aus dem Königsdienst als auch aus Beziehungen zu Mainz, zurückreichend vermutlich bis in die Karolingerzeit, das teilweise allodisiert wurde, und altem Allod. Die Gesamtentwicklung stand in enger Verbindung mit der Entwicklung der mainzischen Herrschaft im Spessart und der Rolle der Stadt Aschaffenburg im Frühmittelalter, die bisher nur ansatzweise erforscht ist.

Luftbild der Burg Rieneck an der Sinn. Die Übertragung des Namens Rieneck von der Burg Rheineck bei Bad Breisig an die Sinn erfolgte Mitte des 12. Jahrhunderts. (Fotografie: Klaus Leidorf)

Der Name Rieneck stammt von Burg Rheineck (Lkr. Ahrweiler, Rheinland-Pfalz), dem späteren Sitz der Burggrafen von Rheineck. Zwischen Otto dem Älteren von Salm-Rheineck (gest. 1150) bzw. seinem Sohn Otto dem Jüngeren (gest. 1148/49) und den Grafen von Loon muss eine - quellenmäßig freilich nicht nachweisbare - familiäre Verbindung bestanden haben. Das ursprüngliche Rheineck wurde 1151 durch König Konrad III. (reg. 1138-1152) zerstört. Der Name wurde, wohl um Ansprüche zu wahren, auf die dann Rieneck genannte Burg an der Sinn übertragen, die vermutlich schon vorher bestand. Lohr selbst eignete sich nicht zur Anlage einer Höhenburg.

Den Charakter einer Grafschaft (erstmals 1363 als "dominium seu comitatus" bezeugt) erhielt der Besitz nicht zuletzt durch die Verbindung mit der Grafschaft Loon.

Ende des 12. Jahrhunderts trennten sich die Grafschaftsteile Loon und Rieneck. Keimzelle der Grafschaft Rieneck bildete die Siedlung Lohr mit dem Main als Hauptverkehrsader und dem Zugang zum Spessart über das Lohrtal. Zentren der weiteren Entwicklung wurden die Städte Rieneck, Gemünden, Rothenfels (Lkr. Main-Spessart), Grünsfeld und Lauda (beide Baden-Württemberg), verbunden mit den jeweiligen Burgen, sowie die von den Grafen von Rieneck erbauten Burgen Partenstein (Lkr. Main-Spessart) und Wildenstein (Eschau-Wildenstein, Lkr. Miltenberg). Die Lehensbindung des zentralen Grafschaftsteils an Mainz ist erstmals 1366 nachweisbar. Sie war definitiv älter und blieb Schwankungen unterworfen. Lehen wurden außer von Mainz auch vom Reich sowie vom Hochstift Würzburg angenommen. Der rieneckische Lehenshof umfasste 1559 einen Großteil der nordfränkischen Niederadelsgeschlechter. Zur Dienstmannschaft gehörten u. a. die Voit, Truchsess sowie Diemar von Rieneck. Bürgerlehen waren selten.

Die von alters her intensive Bindung an das Königtum wurde im Rahmen der staufischen Reichslandpolitik ausgebaut. Die Grafen erhielten, wohl von Friedrich I. Barbarossa (reg. 1152-1190, seit 1155 Kaiser), die Vogtei über das Stift St. Peter und Alexander in Aschaffenburg und bauten damit ihre Stellung aus. Durch das Erbe der Herren von Zimmern und Lauda (ca. 1200) sowie der Herren von Grumbach und Rothenfels (ca. 1243) erweiterte sich das rieneckische Herrschaftsgebiet beträchtlich. Dies führte besonders in den Jahrzehnten des Interregnums zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit Mainz und Würzburg. Die territorialen Pläne der Grafen wurden in juristischen wie militärischen Auseinandersetzungen zwar drastisch beschränkt, dennoch konnten die Rienecker gegen Ende des 13. Jahrhunderts beträchtlichen Besitz auf sich vereinigen: Einen Großteil des Spessarts, fast das gesamte Gebiet der Hochfläche zwischen Maindreieck und –viereck, Teile des Maindreiecks sowie den Raum um Grünsfeld. Daneben existierte Streubesitz von der Nahe bis zum Steigerwald. Graf Gerhard IV. (gest. 1295) wurde in der Hausüberlieferung 1256 oder 1292 sogar als Königskandidat gehandelt.

Erbstreitigkeiten zerstörten jedoch in den Folgejahren die Chancen des Machtausbaus. Wichtiger Besitz im Nordspessart fiel 1272 an die Herren von Hanau. Die Rothenfelser Linie starb 1333 aus, worauf Würzburg das Amt Rothenfels bildete und sich auch in Gemünden festsetzte. Die Grünsfelder Linie ging eigene Wege (zeitweise Wiedervereinigung, später erneute Aufteilung und Aussterben 1503).

Ihrem Umfang nach entsprach die Grafschaft um 1350 nur noch dem Bestand von etwa 1250, zerrissen in vier Blöcke:

  • Lohr mit Zugehörungen (Lehen von Mainz)
  • Grünsfeld mit Zugehörungen (Allod)
  • Weite Teile des Kahlgrunds im Nordspessart (als Lehen vergeben)
  • Der Biebergrund (in Gemeinschaft mit Hanau)

Die künftige Politik konnte nur noch von relativ bescheidenen Grundlagen ausgehen. Zeitweise, allerdings nur vorübergehend, erhielten die Grafen von Rieneck Rothenfels (Anfang 1380er Jahre) verpfändet, desgleichen Burg, Amt und Stadt Gemünden (1340, 1381/82), Burg Saaleck (1349) und die Stadt Hammelburg (ca. 1350). Dies waren jedoch keine Erweiterungen der Herrschaft, sondern Objekte der Geldanlage und Einnahmequellen. Ende des 15. Jahrhunderts führten erneute innerfamiliäre Auseinandersetzungen zum Verlust des Grünsfelder Teils. Der letzte Graf, Philipp III. (gest. 1559), war weitgehend auf Lohr und Umgebung beschränkt.

Konfessionelles Zeitalter

Mit der Berufung des Magisters Johann Konrad Ulmer (1519-1600) 1543/44 durch Graf Philipp III. nach Lohr setzte in der Grafschaft Rieneck die Reformation ein, die sich bis Mitte des Jahrhunderts weitgehend durchgesetzt hatte.

Als die Grafschaft 1559 an das Hochstift Mainz fiel, konnten die Rienecker zunächst noch die Ausübung des evangelischen Glaubens fortsetzen. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts setzte unter den Erzbischöfen Johann Adam von Bicken (reg. 1601-1604) und Johann Schweikhard von Kronberg (reg. 1604-1626) die Rekatholisierung ein, die etwa 20 Jahre später abgeschlossen sein sollte.

Lohr, hochwasserfrei auf einem Plateau (ähnlich wie Aschaffenburg) gelegen, entwickelte sich zum Zentralort der Grafschaft Rieneck. Auf diesem ca. 1648 entstandenen, nachträglich kolorierten Stich von Matthäus Merian d. Ä. (1593-1650) ist links neben dem Kirchenschiff der hohe Wohnturm der Grafen von Rieneck gut sichtbar. Er blieb bis ins 17. Jahrhundert erhalten und wurde dann zu einem Kapuzinerkloster umgebaut. (Stadtarchiv Lohr)
Das im 14. Jahrhundert errichtete Schloss, im Nordwesten von Lohr gelegen, wurde zum eigentliche Wohnsitz der Grafen von Rieneck. Nach ihrem Aussterben wurde es Sitz des Mainzer Oberamtmannes und wurde im 16. und 17. Jahrhundert verschiedentlich umgebaut. Lithographie von Gustav Kraus, München, aus dem Jahre 1834. (Stadtarchiv Lohr)
Ein Rienecker Pfennig, ca. 14. Jahrhundert. Darauf ist der aus dem Wappen der Grafen von Rieneck stammende Schwan abgebildet. (Staatliche Münzsammlung München)

Organisation und Wirtschaft

Im 12. Jahrhundert hielten sich die Grafen von Loon–Rieneck nur selten persönlich in den erheirateten Gebieten im Main–Spessart-Raum auf.

Erst mit der Trennung der beiden Linien um 1200 konzentrierten sich die Grafen von Rieneck stärker auch auf das Zentrum Lohr am Main. Der bereits vorgeschichtlich besiedelte Ort wurde spätestens um diese Zeit ausgebaut. Er besaß wahrscheinlich auch vorher schon Stadtqualitäten. Die erste Befestigung bestand aus einer Art Wohnturm im Bereich der Pfarrkirche. Eigentlicher Wohnsitz der Grafen war das Schloss der Stadt, ganz bewusst ohne Burgcharakter. Als befestigte Anlagen dienten hauptsächlich die Burgen Partenstein, Rieneck und Wildenstein. Weitere Burgbauten im Spessart (u. a. bei Kleinwallstadt, Rottenberg und Waldaschaff) stammten aus der Zeit der Auseinandersetzungen mit Mainz in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie wurden und werden durch das "Archäologische Spessartprojekt" ergraben, wobei nicht immer klar ist, inwieweit sie als rieneckisch oder als mainzisch anzusprechen sind. Burg und Ort Gemünden bot keine mit Lohr vergleichbare Siedlungsqualität und ging bald an Würzburg verloren. So konzentrierte sich die Herrschaft auf Lohr, auch wenn durch Heiraten weitere Städte und Burgen erworben wurden. Philipp III. erwarb1526 das 1525 teilweise zerstörte Benediktinerkloster Schönrain (Gde. Hofstetten am Main, Lkr. Main-Spessart). Er baute die Reste zu einer kleinen Schlossanlage um, die dann zum Witwensitz seiner Gemahlin Margarethe geb. v. Erbach (gest. 1574) wurde.

Über die Hofhaltung der Grafen in Lohr, Rieneck, Schönrain und Wildenstein liegen in Form eines nach dem Erbfall erstellten Inventars zahlreiche Informationen vor, während die Zeit vorher im Dunkeln bleibt. Die Verwaltung lief weitgehend über einen Sekretär, der alle Ämter und die Kellereien kontrollierte. Archiv und Schreiberei befanden sich im Schloss. Die Struktur der einzelnen Zentren der Grafschaft war höchst unterschiedlich.

Die wirtschaftliche Versorgung des Hofes konnte durch die Einkünfte problemlos gedeckt werden. Neben den üblichen Natural- und Zinseinkünften ist damit zu rechnen, dass die Grafen, hauptsächlich über den Ort Frammersbach (Lkr. Main-Spessart) und das dort ansässige Fuhrmannsgewerbe, Handel in größerem Stil betrieben, besonders mit Holz, Flach- und Hohlglas sowie Wein. Inwieweit ihre Funktion als Vögte des Spessarter Glasmacherbundes sich wirtschaftlich auswirkte, muss offen bleiben. Hinzu kamen einzelne Höfe zur direkten Versorgung wie zum Verkauf und zur Schaf- sowie Pferdezucht. Ab 1513 war Rieneck am Bergbau im Biebergrund beteiligt. Zölle wurden besonders auf dem Main bei Hofstetten (Stadt Gemünden am Main, Lkr. Main-Spessart) und Lohr erhoben. Genaue Angaben sind wegen fehlender Quellen schwer zu treffen.

Der letzte Graf von Rieneck führte ein Leben in bescheidenem Luxus, den er sich aber auch durch Schulden finanzierte, die er seinen Erben hinterließ. Bemerkenswert ist der Umfang an Silbergeschirr, das sich 1559 im Schloss befand, während die Ausstattung mit Waffen wenigstens im 16. Jahrhundert gering war. Über das kulturelle Leben am Hof sind kaum Aussagen möglich. Eine eigenständige Kultur wird sich nicht entwickelt haben; Anregungen kamen von Durchreisenden oder den Beziehungen zu Aschaffenburg und Würzburg, von dort auch Luxusartikel. Juden sind sporadisch als Händler belegt. Ein "Hofzwerg" wird einmal erwähnt. Das einfache Personal wird sich aus den Stadtbewohnern rekrutiert haben. Besondere Feste und Vergnügungen sind nicht überliefert. Feiertage, Hochzeiten und Geburten dürften Anlass zu Repräsentation und Unterhaltung gewesen sein. Als Freizeitbeschäftigung spielte die Jagd im Spessart die größte Rolle; dies weist auch das Inventar von 1559 aus. Insgesamt darf der Hof als solide und standesgemäß bezeichnet werden.

Schicksal der Grafschaft nach 1559

Nach dem kinderlosen Tod des letzten Grafen wurde die Grafschaft mit viel Streiterei unter den Erben Isenburg, Hanau, Erbach, Mainz und Würzburg aufgeteilt.

Wappen, Namen und die Reichslehen fielen an die Grafen von Hanau. Der größte Teil der Grafschaft bestand weitestgehend aus Lehen von Mainz. Sie fielen an das Erzstift heim, welches daraus 1559 die Ämter Lohr und Rieneck bildete bzw. die Mannlehen selbst vergab. Die mit der Burg Rieneck verbundene Reichsgrafenwürde ging durch kurmainzischen Verkauf 1673 an Johann Hartwig von Nostitz (1610-1683) über.

Nach Ende des Alten Reichs 1806 wurde die bis dahin reichsunmittelbar gebliebene Grafschaft "Rieneck" zunächst dem Fürstentum Aschaffenburg zugeschlagen. 1814 kam es schließlich an das Königreich Bayern.

Literatur

  • Günter Christ, Lohr am Main (Historischer Atlas von Bayern. Teil Franken I/34), München 2007.
  • Roman Fischer, Das Untermaingebiet und der Spessart, in: Peter Kolb (Hg.), Unterfränkische Geschichte. 2. Band, 2. Teil, Würzburg 1992, 121-159.
  • Theodor Ruf, Der Name von Lohr und Lohrhaupten, in: Spessart 2007, Heft 7, 33–36.
  • Theodor Ruf, Die Grafen von Rieneck. 1. Band: Genealogie 1085 bis 1559 und Epochen der Territorienbildung (Mainfränkische Studien 32/1; Schriften des Geschichts- und Museumsvereins Lohr am Main 18/1); 2. Band: Herkunftstheorien und Systematik der Territorienbildung (Mainfränkische Studien 32/2; Schriften des Geschichts- und Museumsvereins Lohr am Main 18/2), Würzburg 1984.
  • Theodor Ruf, Rieneck, Grafen und Grafschaft: eine Dynastie bestimmt das Schicksal des Spessarts mit; der Aufbau eines geschlossenen Territoriums gelingt ihr nicht, in: Spessart 1994, Heft 7, 3-15.
  • Leo Schmalz, Die Grundherrschaftsstruktur des ehem. Zentgerichtsbezirkes Rieneck im 16. und 17. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Frage rechtlich geschlossener Landgüter und der Nutzungsrechte an ihnen nach fränkischem Recht, Würzburg 1956.
  • Wilhelm Störmer, Strukturelemente Frankens von der Ottonen- bis zum Ende der Stauferzeit, in: Max Spindler/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 3. Band, 1. Teil: Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 3. Auflage 1997, 255-330 [v. a. 271-273, 284].
  • Waldemar Weigand, Münzen und Medaillen der Grafen von Rieneck, in: Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte 14 (1964), 147-186.

Quellen

  • Theodor Ruf, Quellen und Erläuterungen zur Geschichte der Stadt Lohr am Main bis zum Jahr 1559, Lohr 2011.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Theodor Ruf, Rieneck, Grafschaft, publiziert am 30.1.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rieneck,_Grafschaft> (24.09.2017)