Nürnberger Prozesse

Portrait des Chefanklägers der Nürnberger Prozesse, Robert H. Jackson. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Abbildung des Schwurgerichtssaals in Nürnberg. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Außenansicht des Justizpalastes in der Fürther Straße in Nürnberg. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Der Schwurgerichtssaal während des Prozesses gegen das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS 1947/1948. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Der Gefängnis- und Justizkomplex an der Fürther Straße in Nürnberg (Luftaufnahme 1945/1949). (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Annette Weinke

Die Nürnberger Prozesse waren der wichtigste Bestandteil des alliierten Bestrafungsprogramms gegen führende Vertreter des NS-Regimes. Sie fanden von November 1945 bis April 1949 im Justizpalast Nürnberg statt. Während der sog. Hauptkriegsverbrecherprozess vor dem Internationalen Militärtribunal (IMT) noch von den Siegermächten USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich gemeinsam durchgeführt wurde, kam ein zweites IMT nicht mehr zustande. Die restlichen zwölf sog. Nachfolgeprozesse bestritten die USA daher in Alleinregie. Insgesamt wurden in den Prozessen 209 Personen – teilweise auf Grundlage neuer völkerstrafrechtlicher Normen – aus Politik, Verwaltung, Militär und Wirtschaft angeklagt und verurteilt. Der erste Prozess vor dem Vier-Mächte-Tribunal bildete eine der wichtigsten Wegmarken für die Entwicklung des modernen Völkerstrafrechts seit dem späten 19. Jahrhundert. Er gilt heute als Vorläufer des Internationalen Strafgerichtshofs im niederländischen Den Haag.

Vorgeschichte

Obwohl sich bereits in den ersten Kriegsjahren internationale Proteste gegen die deutsche Kriegführung in Ost- und Ostmitteleuropa erhoben, fasste zunächst keiner der Kriegsgegner Deutschlands eine juristische Bestrafung der NS-Führung ins Auge. Erst Ende 1943 gaben die "Großen Drei" Franklin D. Roosevelt (1882-1945), Winston Churchill (1874-1965) und Josef Stalin (1878-1953) während eines Gipfeltreffens in Moskau erstmals ihre Absicht bekannt, die sog. Hauptkriegsverbrecher, deren Verantwortung nicht "geographisch begrenzt" war, aufgrund einer gemeinsamen Entschließung strafrechtlich zur Verantwortung ziehen zu wollen. In der letzten Kriegsphase machte sich vor allem das US-amerikanische Kriegsministerium für eine internationale Lösung dieses Projekts stark. Einerseits wollte man verhindern, dass es nach der deutschen Niederlage zu Lynchjustiz und Racheakten von Opfern an ihren vormaligen Peinigern kam. Andererseits war die Regierung von Präsident Franklin D. Roosevelt bestrebt, die Niederschlagung des Nationalsozialismus als Ausgangspunkt zu nehmen, um das seit längerer Zeit stagnierende humanitäre Völkerrecht auf neue institutionelle und normative Grundlagen zu stellen.

Nach der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen kamen im Sommer 1945 die Rechtsexperten der Siegermächte in London zusammen (Londoner Viermächte-Abkommen, 8. August 1945), um über die Einsetzung eines internationalen Gerichts zu beraten und sich auf einen verfahrens- und materiellrechtlichen Rahmen zu einigen. Auf Vorschlag der USA, die bis dahin am intensivsten an der Entwicklung neuer Straftatbestände gearbeitet hatten, verständigte man sich darauf, die deutsche Partei- und Staatsführung nach vier hauptsächlichen Punkten anzuklagen, die im Statut für das Internationale Militärtribunal (IMT) niedergelegt wurden. Im Einzelnen waren dies:

  • Verschwörung zum Angriffskrieg (Art. 6a IMT-Charta)
  • Verbrechen gegen den Frieden (Art. 6a IMT-Charta)
  • Kriegsverbrechen (Art. 6b IMT-Charta)
  • Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Art. 6c IMT-Charta)

Vor allem der designierte US-amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson (1892-1954), ein ehemaliger Richter am höchsten US-Bundesgericht, sah in dem geplanten Prozess eine historische Chance, ein weltweites multilaterales Sicherheitssystem zu schaffen, das sich auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gründen sollte. Für die Vertreter des New Deal-Liberalismus stellte der geplante Gerichtshof ein notwendiges Pendant zu den kurz zuvor gegründeten Vereinten Nationen (UNO, gegr. am 26. Juni 1945) dar.

Die Richter
Name Lebensdaten Nation Funktion
Francis Biddle 1886-1968 USA Richter
John J. Parker 1885-1958 USA stellvertretender Richter
Geoffrey Lawrence 1880-1971 Großbritannien Richter und Vorsitzender des IMG in Nürnberg
Norman Birkett 1883-1962 Großbritannien stellvertretender Richter
Henri Donnedieu de Vabres 1880-1952 Frankreich Richter
Robert Falco 1882-1960 Frankreich stellvertretender Richter
Iona Nikitchenko 1895-1967 UdSSR Richter
Alexander Volchkov 1902-1978 UdSSR stellvertretender Richter
Die Ankläger
Name Lebensdaten Nation Funktion
Robert H. Jackson 1892-1954 USA Hauptankläger
Sir Hartley Shawcross 1902-2003 Großbritannien Hauptankläger
François de Menthon 1900-1984 Frankreich Hauptankläger
Auguste Champetier de Ribes 1882-1947 Frankreich Hauptankläger ab Januar 1946
Roman A. Rudenko 1907-1981 UdSSR Hauptankläger
Plan für den Umbau des Schwurgerichtssaals. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
US-amerikanische Soldaten beim Umbau des Schwurgerichtssaals. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

Der Gerichtsort Nürnberg war unter den Alliierten nicht unumstritten. Vor allem die UdSSR hätte es vorgezogen, das Verfahren gegen die Spitzen des NS-Staats in der früheren Reichshauptstadt Berlin durchzuführen. Schließlich setzten sich die USA aber auch in diesem Punkt durch. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Existenz einer halbwegs intakten Justiz- und Haftinfrastruktur im alten Nürnberger Justizpalast. Die symbolische Bedeutung Nürnbergs als Austragungsort der Reichsparteitage der NSDAP und Stadt der "Rassengesetze" (15./16. September 1935) sprachen ebenfalls für diese Wahl. Um die mediale Wirkungen der geplanten Prozessserie zu erhöhen, wurde der für die Verhandlung vorgesehene Schwurgerichtssaal erheblich erweitert und mit modernster Übertragungstechnik ausgestattet.

Anklage, Verhandlung, Urteil

Der "Hauptkriegsverbrecherprozess" gegen die 24 Hauptangeklagten begann am 20. November 1945 und endete am 1. Oktober 1946. Aufgrund der Nichtergreifung des Angeklagten Martin Bormann (NSDAP, 1900-1945), dem Selbstmord von Robert Ley (NSDAP, 1890-1945) und der Verfahrenseinstellung im Fall Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (NSDAP, 1870-1950) saßen aber schließlich nur 21 Personen auf der Anklagebank.

Die Angeklagten und ihre Verteidiger
Name Lebensdaten Funktion im NS-Staat Anklagepunkte Verteidiger Urteil
Martin Bormann 1900-1945 Leiter der Parteikanzlei 1, 3, 4 (in Abwesenheit) Friedrich Bergold (FDP, 1899-1983) Tod durch den Strang (in Abwesenheit)
Karl Dönitz 1891-1980 Oberbefehlshaber der Marine 1935-1943 1, 2, 3 Otto Kranzbühler (1907-2004) 10 Jahre Gefängnishaft
Hans Frank 1900-1946 Generalgouverneur in Polen 1, 3, 4 Alfred Seidl (NSDAP, CSU, 1911-1993) Tod durch den Strang
Wilhelm Frick 1877-1946 Reichsinnenminister 1933-1945, Reichsprotektor für Böhmen und Mähren 1943-1945 1, 2, 3, 4 Otto Pannenbecker (Zentrum, 1879-1956) Tod durch den Strang
Hans Fritzsche 1900-1953 Leiter der Rundfunkabteilung im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda 1, 3, 4 Heinz Fritz nicht schuldig
Walther Funk 1890-1960 Reichsbankpräsident 1939-1945 1, 2, 3, 4 Fritz Sauter lebenslängliche Gefängnishaft
Hermann Göring 1893-1946 Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall 1, 2, 3, 4 Otto Stahmer Tod durch den Strang
Rudolf Heß 1894-1987 Stellvertreter Adolf Hitlers in der NSDAP 1, 2, 3, 4 Günther von Rohrscheid, Alfred Seidl lebenslängliche Gefängnishaft
Alfred Jodl (geb. Alfred Baumgärtler) 1890-1946 Chef des Wehrmachtführungsstabes 1, 2, 3, 4 Franz Exner (1881-1947), Hermann Jahrreiß (1894-1992) Tod durch den Strang
Ernst Kaltenbrunner 1903-1946 Chef der Sicherheitspolizei und des SD 1, 3, 4 Kurt Kaufmann Tod durch den Strang
Wilhelm Keitel 1882-1946 Chef des OKW 1, 2, 3, 4 Tod durch den Strang
Gustav Krupp von Bohlen und Halbach 1870-1950 Aufsichtsratsvorsitzender der Friedrich Krupp AG 1, 2, 3, 4 Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt
Robert Ley 1890-1945 Reichsorganisationsleiter der NSDAP 1, 3, 4 Selbstmord vor Prozessbeginn
Konstantin Freiherr von Neurath 1873-1956 Reichsaußenminister 1932-1938, Reichsprotektor für Böhmen und Mähren 1939-1943 1, 2, 3, 4 Otto von Lüdinghausen 15 Jahre Gefängnishaft
Franz von Papen 1879-1969 Reichskanzler 1918-1933 1, 2 Egon Kubuschok (geb. 1902) nicht schuldig
Erich Raeder 1876-1960 Oberbefehlshaber der Marine 1943-1945 1, 2, 3 Walter Siemers lebenslängliche Gefängnishaft
Joachim von Ribbentrop 1893-1946 Reichsaußenminister 1938-1945 1, 2, 3, 4 Fritz Sauter, Martin Horn (geb. 1911) Tod durch den Strang
Alfred Rosenberg 1893-1946 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete 1, 2, 3, 4 Alfred Thoma Tod durch den Strang
Fritz Sauckel 1894-1946 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz 1, 2, 3, 4 Robert Servatius (1894-1983) Tod durch den Strang
Hjalmar Schacht 1877-1970 Reichsbankpräsident 1933-1939, Reichswirtschaftsminister 1933-1937 1, 2 Rudolf Dix (1884-1952) nicht schuldig
Baldur von Schirach 1907-1974 Reichsjugendführer 1, 4 Fritz Sauter 20 Jahre Gefängnishaft
Arthur Seyß-Inquart 1892-1946 Reichskommissar in den Niederlanden 1, 2, 3, 4 Gustav Steinbauer (1889-1961) Tod durch den Strang
Albert Speer 1905-1981 Reichsminister für Bewaffnung und Munition 1, 2, 3, 4 Hans Flächsner 20 Jahre Gefängnishaft
Julius Streicher 1885-1946 Herausgeber der Zeitung "Der Stürmer" 1, 4 Hans Marx Tod durch den Strang
Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/1946: Blick auf die Anklagebank. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-60930)
Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/1946: Blick in den Schwurgerichtssaal. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

Ein Novum dieses ersten völkerrechtlichen Tribunals war, dass man auch eine Reihe NS-spezifischer Einrichtungen als "verbrecherische Organisationen" anklagte (Reichsregierung, Politisches Korps der NSDAP, SS, SA, Gestapo und SD als Einheit sowie Generalstab und OKW als Einheit). Mit diesem ungewöhnlichen Schritt, der vom Individualprinzip des traditionellen Strafrechts abwich, griff die Anklagevertretung die Vorschläge führender Rechtsexperten auf, die auf Beweisprobleme bei der Überführung staatlich motivierter Massenkriminalität hingewiesen hatten. Reichsregierung, SA sowie Generalstab und OKW wurden später von dem Vorwurf der "verbrecherischen Organisation" freigesprochen. Während bei der Reichsregierung unter anderem eine Rolle spielte, dass sie seit 1937 de facto nur auf dem Papier existiert hatte, ging das Gericht in Bezug auf die SA von einer weitgehenden Bedeutungslosigkeit für die Zeit nach 1934 aus. Bei Generalstab und OKW fehlte es den Richtern an einer organisatorischen Struktur im Sinne des Art. 9 IMT-Charta.

Da Adolf Hitler (NSDAP, 1889-1945), Heinrich Himmler (NSDAP, 1900-1945) und Joseph Goebbels (NSDAP, 1897-1945) für die Strafverfolger nicht mehr greifbar waren, richtete sich der Prozess gegen einzelne Mitglieder der früheren Reichsregierung sowie Repräsentanten aus NSDAP-Führung, staatlicher Verwaltung, Industrie und Militär. Dazu zählten unter anderem Hermann Göring (NSDAP, 1893-1946), Hans Frank (NSDAP, 1900-1946), Wilhelm Frick (NSDAP, 1877-1946), Baldur von Schirach (NSDAP, 1907-1974), Albert Speer (NSDAP, 1905-1981), Fritz Sauckel (NSDAP, 1894-1946) und Julius Streicher (NSDAP, 1885-1946). In der Zusammensetzung der Angeklagten spiegelte sich der von den USA verfolgte "institutionelle Ansatz" wider, dem zufolge es sich beim NS-Regime um eine "Verschwörung" alter und neuer Eliten gegen den deutschen Staat gehandelt habe (der Ansatz wurde später in den Nachfolgeprozessen weiter konkretisiert). Dies führte teilweise zu einer gewissen Willkürlichkeit bei der Angeklagtenauswahl, da einzelne Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einzelnen Behörden, aber auch wegen ihres Bekanntheitsgrads vor Gericht gestellt wurden. So stand beispielsweise die Anklage gegen Julius Streicher, den Gauleiter von Mittelfranken und "Stürmer"-Herausgeber, juristisch teilweise auf schwachen Füßen, da er bereits vor Beginn der systematischen Judenvernichtung seiner Ämter enthoben worden war; moralisch war der Richterspruch gegen diesen führenden Antisemiten aber dennoch gerechtfertigt. Der für den Nationalsozialismus typischen Ämterhäufung sowie der Übertragung verschiedener Aufgabenbereiche an eine einzelne Person trugen die Strafverfolger dadurch Rechnung, dass sie Mehrfachanklagen erhoben (Göring wurde beispielsweise in allen vier Punkten angeklagt).

Das Konzept der US-amerikanischen Anklagevertretung sah vor, den Prozess als "Dokumentenprozess" zu führen. Darin drückte sich auch eine spezifische historische Deutung aus. Gemäß den herrschaftssoziologischen Analysen US-amerikanischer Geheimdienstexperten wurde das "Dritte Reich" als ein Gebilde betrachtet, in dem der Staat durch eine neue Form der totalen Bürokratie und der "Monopolwirtschaft" abgelöst worden war. Neben der amtlichen Aktenüberlieferung spielten in dem Verfahren auch filmische Beweismittel eine große Rolle. Alle Siegermächte hatten beim militärischen Vormarsch eigene Filmteams damit beauftragt, die Zustände in den Konzentrations- und Vernichtungslagern für die juristische Aufarbeitung festzuhalten. Dem United States Army Signal Corps, das für die Herstellung gerichtsverwertbarer Filmbilder zuständig war, gehörten prominente Regisseure wie John Ford (1894-1973) und Samuel Fuller (1912-1997) an. Umfangreiche Umbauarbeiten im Gerichtssaal Nr. 600 sollten sicherstellen, dass die Leinwand von jedem Sitzplatz aus zu sehen war. Die Vorführung des Filmmaterials war Bestandteil einer ausgefeilten Prozessdramaturgie, die den Zweck verfolgte, die in den Prozess eingeführten Beweisdokumente zu authentifizieren. Da Chefanklärger Jackson daran gelegen war, die Zahl der Zeugen auf ein Minimum zu beschränken, dienten die Filme zum Teil auch als Zeugenersatz.

Während der 218 Tage dauernden Verhandlung wurde eine Fülle dokumentarischer Beweismittel vorgelegt. Seit Frühjahr 1945 war ein ganzes Heer von militärischen, nachrichtendienstlichen und zivilen Suchtrupps mit dem Aufspüren geeigneter Dokumente für die alliierte Anklagevertretung beauftragt gewesen. Viele IMT-Beweisdokumente sollten später Generationen von Zeitgeschichtsforschern beschäftigen, so unter anderem die sog. Hoßbach-Niederschrift (auch: Hoßbach-Protokoll) vom 10. November 1937 oder der sog. Kommandobefehl vom 18. Oktober 1942. Der Münchner Anwalt Alfred Seidl (NSDAP, CSU, 1911-1993), Strafverteidiger des geistig verwirrten früheren Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (1894-1987), interpretierte sein Mandat vor allem als geschichtspolitischen Auftrag. Obwohl Heß nichts mit dem Zustandekommen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts zu tun gehabt hatte, versuchte er im Frühjahr 1946, das Geheime Zusatzprotokoll über einen Umweg in die Verhandlung einzubringen. Die indirekte Präsentation des brisanten Dokuments – es wurde später im Rahmen der Befragung des ehemaligen Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop (NSDAP, 1893-1946) verlesen – war geeignet, die Legitimität der sowjetischen Anklage zu untergraben, und nahm damit den sich abzeichnenden Ost-West-Konflikt vorweg. In seiner späteren Rolle als CSU-Abgeordneter und bayerischer Innenminister hatte Seidl entscheidenden Anteil daran, dass das Internationale Militärtribunal in der bayerischen Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg als alliiertes Unrecht wahrgenommen wurde und alle Spuren, die daran hätten erinnern können, systematisch getilgt wurden.

Das Urteil vom 30. September/1. Oktober 1946 folgte den Plädoyers der Anklagebehörde in wesentlichen Punkten. Ein bedeutender Schritt zur Weiterentwicklung des Völkerrechts konnte zum einen darin gesehen werden, dass das Gericht die völkerrechtliche Strafbarkeit von Angriffskriegen auf der ganzen Linie bekräftigte. Zum anderen bestätigte es erstmals die in der Völkerrechtslehre lange umstrittene Rechtsauffassung, dass bei Einzelpersonen, die ein staatliches Amt ausüben, grundsätzlich eine doppelte Verantwortlichkeit nach nationalem und internationalem Recht anzunehmen ist. Mit einigen Einschränkungen erkannten die Richter auch die übrigen Anklagepunkte an. In zwölf Fällen verhängten sie Todesstrafen, sieben Angeklagte verurteilten sie zu lebenslanger Haft oder befristeten Freiheitsstrafen und in drei Fällen erfolgten Freisprüche. Die Todesurteile wurden am 15. Oktober 1946 in der alten Turnhalle auf dem Gelände des Nürnberger Gefängnisses vollstreckt; unter den Anwesenden befanden sich auch der Bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945-1946 und 1954-1957) und der Nürnberger Generalstaatsanwalt Friedrich Leistner. Göring, der Hauptangeklagte, hatte sich allerdings der Exekution entziehen können: Am Vorabend der Hinrichtung hatte er eine Zyankali-Kapsel geschluckt, über deren Herkunft sich in der Folgezeit immer wieder Spekulationen rankten. Die zu Haftstrafen Verurteilten verlegte man im Sommer 1947 in das alliierte Gefängnis in Berlin-Spandau.

Rechtliche und öffentliche Wirkungen

In den ersten Jahren nach Abschluss des Internationalen Militärtribunals sah es vorübergehend so aus, als ob das Verfahren bleibende völkerrechtliche Wirkungen entfalten würde. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen bekannte sich Ende 1946 zu den Nürnberger Prinzipien und 1950 betonte die UNO-Völkerrechtskommission deren universale Gültigkeit. Diese Resolutionen hatten jedoch vor allem deklaratorischen Charakter. Nachdem sich bereits vor dem Ende der US-amerikanischen Nachfolgeprozesse die republikanische Mehrheit im Washingtoner Kongress von dem Projekt abgewandt hatte, war eine treibende Kraft hinter dem Bestrafungsprogramm weggefallen. Die stalinistische Sowjetunion, die seit jeher ein eher instrumentelles Völkerrechtsverständnis gepflegt hatte, setzte die "Nürnberger Prinzipien" als rhetorische Waffe in der systempolitischen Auseinandersetzung ein. In den westlichen Besatzungszonen, wo sich der Widerspruch gegen diesen Aspekt der alliierten Besatzungspolitik aufgrund der Zensurauflagen lange Zeit in Grenzen gehalten hatte, formierten sich verschiedene Gruppierungen, die für die Abschaffung des alliierten Rechts und die Nichtanerkennung der Nürnberger Urteile plädierten. Von Seiten deutscher Völkerrechtler wurde dabei hauptsächlich auf den tatsächlichen bzw. vermeintlichen Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot verwiesen.

Nach Gründung der Bundesrepublik 1949 profitierten die in Berlin-Spandau und Landsberg am Lech einsitzenden alliierten Häftlinge von der Amnestie-Politik der Bundesregierung (beispielsweise Straffreiheitsgesetz vom Dezember 1949). Die Strafanstalt in Landsberg am Lech, das vor 1945 zeitweise Sitz einer KZ-Kommandantur gewesen war, entwickelte sich zu einer Art Wallfahrtsort für Vertreter der bundesdeutschen Gnaden-Lobby. Das Nürnberger Justizgebäude an der Fürther Straße wurde erst 1961 wieder an die bayerische Justiz übergeben. Danach wurden sämtliche früheren Ein- und Umbauarbeiten rückgängig gemacht und der historische Saal 600 wurde erneut für Schwurgerichtsverhandlungen genutzt.

Erst Ende der 1990er Jahre setzte in der Nürnberger Lokalpolitik ein Umdenkungsprozess in Bezug auf das alliierte Bestrafungsprogramm ein. Im November 2010 wurde nach umfangreichen Umbauarbeiten die Dauerausstellung "Memorium Nürnberger Prozesse" eröffnet, welche die Geschichte der Völkerstrafgerichtsbarkeit vom Kriegsende bis zur Gegenwart nachzeichnet. Seit 2015 besteht in Nürnberg die "Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien", eine Stiftung zur Förderung des Völkerstrafrechts.

Literatur

  • Martina Behr/Maike Corpataux, Die Nürnberger Prozesse. Zur Bedeutung der Dolmetscher für die Prozesse und der Prozesse für die Dolmetscher (InterPartes 2), München 2006.
  • Thomas Eichacker, Die Nutzung des Nürnberger Zellengefängnisses während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 97 (2010), 321-349.
  • Whitney R. Harris, Tyrannen vor Gericht. Das Verfahren gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg in Nürnberg 1945-1946, herausgegeben von Christoph Safferling und Ulrike Seeberger (Juristische Zeitgeschichte. Leben und Werk. Abteilung 4: Biographien und Werkanalysen 11), Berlin 2008.
  • Klaus Kastner, Von den Siegern zur Rechenschaft gezogen. Die Nürnberger Prozesse, Nürnberg 2001.
  • Kim C. Priemel/Alexa Stiller (Hgg.), Reassessing the Nuremberg Military Tribunals. Transitional Justice, Trial Narratives and Historiography (Studies on War and Genocide 16), New York 2012.
  • Kim C. Priemel/Alexa Stiller (Hgg.), NMT. Die Nürnberger Militärtribunale zwischen Geschichte, Gerechtigkeit und Rechtschöpfung, Hamburg 2013.
  • Herbert R. Reginbogin/Christoph J. Safferling/Walter R. Hippel (Hg.), Die Nürnberger Prozesse. Völkerstrafrecht seit 1945. Internationale Konferenz zum 60. Jahrestag, München 2006.
  • Gerd R. Ueberschär (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943-1952, Frankfurt am Main 1999.
  • Georg Wamhof (Hg.), Das Gericht als Tribunal oder: Wie der NS-Vergangenheit der Prozess gemacht wurde (Veröffentlichung des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen 25), Göttingen 2008.
  • Annette Weinke, Nürnberger Prozesse, München 2006.

Quellen

  • Henry Bernhard (Hg.), Ich habe nur noch den Wunsch, Scharfrichter oder Henker zu werden. Briefe an Justice Jackson zum Nürnberger Prozess 1945/46, Halle 2006.
  • Ansgar Diller/Wolfgang Mühl-Benninghaus, Berichterstattung über den Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46. Edition und Dokumentation ausgewählter Rundfunkquellen (Veröffentlichungen des Deutschen Rundfunkarchivs 5), Potsdam 1998.
  • Leon Goldensohn, The Nuremberg interviews, edited by Robert Gellately, New York 2005.
  • Ulrich Lampen/Peter Steinbach (Hg.), Die NS-Führung im Verhör. Original-Tondokumente aus den Nürnberger Prozessen, Berlin 2006.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Hauptkriegsverbrecherprozess

Empfohlene Zitierweise

Annette Weinke, Nürnberger Prozesse, publiziert am 19.08.2013; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Nürnberger_Prozesse> (23.05.2018)