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Freikorps Werdenfels, 1919

Zug des Freikorps Werdenfels durch München, nach der Niederschlagung der Räterepublik Anfang Mai 1919; Postkarte nach einem Foto von Heinrich Hoffmann. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Das Freikorps Werdenfels in München, Mai 1919; Postkarte nach einem Foto von Heinrich Hoffmann mit Aufdruck: "Zur Befreiung Münchens". (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Freikorps Werdenfels, Anfang Mai 1919 in München; Postkarte nach einem Foto von Heinrich Hoffmann. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Wolfgang Stäbler

Freiwilligeneinheit mit rund 250 Mitgliedern, aufgestellt Ende April 1919 im Werdenfelser Land um Garmisch und Partenkirchen. Das Freikorps wurde Anfang Mai 1919 gegen die Münchner Räterepublik eingesetzt und am 11. Mai 1919 offiziell aufgelöst. Die publizierten Bilderserien über den Marsch durch München am 8. Mai 1919 begründeten den Mythos des Freikorps Werdenfels als bodenständiges, trachttragendes Volksheer aus Bauern und Bürgern, das der Landeshauptstadt zur Hilfe geeilt sei - ein Mythos, den auch die Nationalsozialisten für ihre Zwecke instrumentalisierten.

Tradition der Landesverteidigung

Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert wurden in den herzoglichen Gebieten bei Bedarf paramilitärische Einheiten zur Landesdefension aufgestellt. Im Werdenfelser Land um Garmisch, Partenkirchen und Mittenwald, das zum Fürstbistum Freising gehörte, rief der Pfleger (vom Landesherrn eingesetzter Verwalter einer Region) in Krisenzeiten zu den Waffen. 1805 entstand auch hier ein staatlich organisiertes Gebirgsschützenwesen. Es endete mit Abschaffung der Landwehr zum 1. Januar 1870.

Gründung der Volkswehr Garmisch als Vorläufer des Freikorps Werdenfels

Eine neue Form von Verbänden zum "Schutz der Heimat" waren nach der Revolution 1918 Freiwilligeneinheiten wie die Volkswehr Garmisch. Sie konnten unter Berufung auf Art. 49 der Bayerischen Gemeindeordnung aufgestellt werden, um "Ruhe und Ordnung" zu gewährleisten. Nach der Ausrufung der Räterepublik und einer Stellungnahme des Bezirksbauernrats Garmisch, der sich am 10. April 1919 für die Unterstützung der Regierung Hoffmann ausgesprochen hatte, gab der Magistrat in Garmisch Waffen an "sichere Bürger" aus. Tags darauf wurden mehrere Arbeiterräte, darunter der Mittenwalder Georg Murböck, festgenommen. Bei einer Besprechung in Partenkirchen am 13. April kamen die Gemeindevertreter überein, mit Unterstützung von Garmisch und Partenkirchen auch in den Orten der Umgebung Volkswehren zu gründen und gemeinsam Waffen zu beschaffen. Die Mitglieder der Volkswehren wurden von den Gemeinden bezahlt und versichert.

Kampf am Lahnewiesgraben

Beim Bau des Walchenseekraftwerks bei Kochel waren mehrere hundert Arbeiter beschäftigt. Nachdem am 7. April Anhänger der Räterepublik die Gemeindeverwaltung in Kochel übernommen hatten, erhielt eine Delegation mit dem inzwischen wieder freigelassenen Murböck an der Spitze vom Kriegsministerium in München Lastwägen, Maschinengewehre und andere Waffen zur "militärischen Befreiung" der Garmischer und Mittenwalder Arbeiterschaft zugeteilt. Ein Konvoi aus vier Fahrzeugen mit etwa 65 Bewaffneten kam am 24. April jedoch nur bis zur Straßensperre der Garmischer Volkswehr an einer Brücke über den Lahnewiesgraben bei Burgrain. Der folgende Schusswechsel forderte vier Tote auf Seiten der Angreifer; Murböck und Volkswehrführer Josef Dillis wurden verletzt. Ein Kommando der Garmischer Volkswehr nahm am 5. Mai die verbliebene Führung der Kocheler Kommunisten gefangen.

Gründung des Freikorps Werdenfels

Vom Truppenstandort Landsberg a. Lech mit der Regierungszentrale für Oberbayern aus wurde Ende April 1919 im Bezirk Garmisch die Bildung eines Freikorps betrieben, um gemeinsam mit regierungstreuen Truppen und anderen Freiwilligenverbänden die Räteherrschaft in München zu beenden. Auf einen Aufruf am 29. April hin meldeten sich rund 260 Personen, die sich großteils aus der gerade siegreichen Volkswehr rekrutierten: Bauern, Geschäftsleute und Arbeiter ebenso wie Ärzte oder Ordensleute und Schüler des Klosters Ettal. Am 1. Mai fuhren die beiden Kompanien des Freikorps von Garmisch und Partenkirchen zunächst nach Weilheim. Hier stießen mehrere Militärs aus Landsberg hinzu, darunter der Führer des Unternehmens, Major Josef Ritter v. Reiss. In München wurde das Freikorps am 2. Mai dem Bayerischen Schützenkorps unter Oberst Franz Xaver Ritter von Epp (1868-1947) als Reserve zugeteilt.

Einsatz in Giesing

Das Freikorps Werdenfels war im Stadtteil Giesing zusammen mit anderen Freikorps vor allem mit der Durchsuchung von Häusern und Fabriken nach Waffen und versteckten Personen eingesetzt. Nähere Berichte über seine Rolle bei den Straßenkämpfen und Erschießungen in diesem Arbeiterviertel (angeblich rund 200 Tote) gibt es nicht. Seine militärische Bedeutung war aber wohl eher gering. So erinnert sich einer seiner Führer: "Dieses Freikorps Werdenfels war ... ein Sauhaufen ohne jegliche Disziplin und soldatischen Ernst. Der Marsch nach München war für diese Männer nichts weiter als ´eine Gaudi´". (Hptm. Josef Seidel, 1937; zit. n. Ostler, Revolutionszeit, 127)

Am 8. Mai zog das Freikorps im Triumphzug durch die Stadt, am 10. Mai erfolgte die Rückkehr ins Werdenfelser Land. Seine Demobilmachung war Mitte Mai 1919 abgeschlossen. Außer einem Toten, den ein Eisenbahnunglück bei der Fahrt nach München gekostet hatte, waren keine Verluste zu beklagen.

Bekanntheit und Propaganda

Entgegen seiner geringen militärischen Bedeutung wurde das Freikorps Werdenfels überregional bekannt durch weit verbreitete Bildserien, die während seines Zuges durch die Stadt am 8. Mai entstanden, etwa von Heinrich Hoffmann (1885-1957), dem späteren "Leibfotografen" Adolf Hitlers (1889-1945). Während Militärs den "ganz üblen Eindruck" beklagten, den Verbände machen würden, "denen man Gebirglerkostüme gegeben hat" (zit. n. Nusser, Militärischer Druck, 839), fanden Postkarten mit "bodenständigen Befreiern" im bürgerlichen Lager reißenden Absatz. Auch ein durch Epp geförderter Film, als Beiprogramm in den Kinos gezeigt, machte die "Werdenfelser" bekannt. Das Freikorps selbst stellte sich durch die Niederlegung eines Kranzes am Denkmal der "Sendlinger Mordweihnacht" von 1705 in Sendling in eine Reihe mit den "Volkshelden" dieses Aufstands der Landesdefension. Die NS-Propaganda instrumentalisierte die Tracht tragenden, "kernigen" und "bodenständigen" Gestalten später ideologisch-rassisch, etwa in Gegenüberstellung als "Söhne der Berge" mit den "Söhnen der Wüste", den Juden Kurt Eisner (1867-1919), Eugen Leviné (1883-1919) und Max Levien (1885-1937). Heute verstehen die Werdenfelser Gebirgsschützen das Freikorps als Teil ihrer Geschichte.

Literatur

  • Josef Ostler, Revolutionszeit 1918/19 im Bezirk Garmisch (Mohr, Löwe, Raute 4), Garmisch 1996.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Freikorps Garmisch

Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Stäbler, Freikorps Werdenfels, 1919, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Freikorps Werdenfels, 1919> (21.09.2018)