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Bellifortis (Konrad Kyeser)

Alexander der Große, auf den Kyeser mehrfach anspielt, wird im Bellifortis als mittelalterlicher Herrscher dargestellt. (BSB Clm 30150, fol. 91)
Windradbetriebener Aufzug. (BSB Clm 30150, fol. 38')
Gänse und Hunde als Wächter einer Burg. (BSB Clm 30150, fol. 28)
Einsteigen in eine Burg und Abwehr durch Steinwürfe. (BSB Clm 30150, fol. 22')
Ausfahrbarer Kampfturm. (BSB Clm 30150, fol. 8')

von Rainer Leng

Ein 1402-1405 von Konrad Kyeser (geb. 1366, gest. nach 1405) aus Eichstätt in lateinischen Hexametern verfasstes Werk über spätmittelalterliche Kriegstechnik, das im Laufe des 15. Jahrhunderts umfangreiche Verbreitung sowohl in höfischen Kreisen als auch bei Kriegstechnikern fand.

Autor

Konrad Kyeser (geb. 1366, gest. nach 1405) ist der älteste namentlich bekannte Autor eines Kriegsbuches im deutschsprachigen Bereich. Ein Eintrag in den Matrikeln der Prager Juristenfakultät belegt ein Rechtsstudium. Die beiden ältesten, König Ruprecht von der Pfalz (reg. 1400-1410) und König Wenzel (reg. 1376-1400, gest. 1419) gewidmeten Fassungen seines Werkes (Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Ms. Philos. 63 und 64a) enthalten in den Rahmentexten zahlreiche weitere autobiographische Hinweise.

Nach denen durchlief der in Eichstätt am 26. August 1366 als Sohn eines Bierprüfers (Kieser) geborene eine Karriere im Hofdienst der Könige Sigismund (gest. 1437, seit 1387 König von Ungarn und Kroatien) und Wenzel. Unter der Führung Sigismunds nahm er 1396 am Kreuzzug von Nikopolis teil. Die katastrophale Niederlage des Kreuzritterheeres schrieb er der Unfähigkeit Sigismunds zu, den er im Bellifortis mit zahlreichen höchst unfreundlichen Bemerkungen bedenkt. Die Auseinandersetzungen zwischen Wenzel und Sigismund führten zu seiner Entfernung aus dem Hofdienst. Mehrfach bezeichnet sich Kyeser als Exul.

Zu seinen Gönnern zählte er Herzog Jobst von Mähren (reg. 1375-1411), Herzog Stephan den II. von Bayern (1319-1375, reg. 1347-1375), Herzog Wilhelm von Österreich (reg. 1386-1406), Johannes von Oppeln (vermutlich Johannes II., Herzog von Schlesien in Teschen, Auschwitz und Ratibor, reg. 1370/72-1405) und Franz II. von Carrara (reg. 1399-1406). In zahlreichen Reisen durch ganz Europa wollte er Apulien, Sizilien, Polen, Fondi (Latium), die Campagna, Mailand, Toskana und Lombardei, Dänemark, Norwegen, Schweden, Franken, Burgund, Spanien, die Walachei, Rußland, Litauen, Mähren, Meißen, Krain, Steiermark und Kärnten besucht und freundliche Beziehungen zu den jeweiligen Höfen unterhalten haben. Die Abfassung des Bellifortis sollte zugleich die Bedeutung der Technik für das spätmittelalterliche Kriegswesen stärken und dem Verfasser den Weg zurück an einen Hof bahnen.

Inhalt

Der Bellifortis (der "Kampfstarke" von Sap. 8,15 in bello fortis oder Hebr. 11,34 fortes in Bello) behandelt das ganze Gebiet des Kriegswesens, das in den Rahmenteilen auch eine wissenschaftstheoretische Verortung als Teil entweder der Artes mechanicae oder gar der Arithmetik erhält. Gegliedert ist das Werk in zehn Kapitel, die in den ältesten Fassungen mit jeweils korrespondierenden Planetendarstellungen eröffnet werden. Sie orientieren sich nach antiken Vorlagen grob an der Reihenfolge Feldschlacht, Belagerungskrieg, Verteidigungskrieg und Seekrieg und handeln im einzelnen von:

  • Feldschlacht
  • Belagerung
  • Wassertechnik
  • Steigzeug
  • mechanischen Schusswaffen
  • Verteidigung
  • Leuchtfackeln
  • Pyrotechnik
  • Wärmetechnik
  • natürlichen Kampfmitteln sowie verschiedenen Nachträgen

Der Schwerpunkt der Wissensvermittlung liegt auf den je nach Fassung bis zu 220, in teilweise hochwertiger Buchmalerei ausgeführten Illustrationen, die meist nur in knappen, mehrzeiligen, anspielungsreichen und nicht immer klar verständlichen Hexametern kommentiert werden. Häufig finden sich Anspielungen auf die überlegene Waffentechnik Alexanders des Großen (356-323 v. Chr.), die vermutlich auf die diversen höfischen Alexanderstoffe rekurrieren. Neben expliziter Waffentechnik bei Streitkarren, transportablen Schutzhütten, Steigtürmen, einer großen, mit Maßangaben versehenen Blide (Trébuchet [eine Belagerungsmaschine]), aktuellen Feuerwaffen etc. nahm Kyeser auch zahlreiche nicht-militärische Technikanwendungen in das Bildprogramm auf. So finden sich etwa auch Abbildungen einer Küche mit einem nach dem Wind drehenden Rauchabzug, mehrere Badehäuschen mit Dampfbeheizung und höfischer Festgesellschaft, ein Entmannungsgerät und ein Keuschheitsgürtel. Weiterhin finden sich zahlreiche magische Anleitungen zur Überwindung von Gegnern. Den isolierten Darstellungen einzelner, meist in einfacher Seitenansicht wiedergegebener Geräte stehen komplexere Darstellungen zur Seite, die in aufwendigerer Gestaltung Taktiken zur Verteidigung bzw. Erstürmung von Burgen illustrieren.

Überlieferung

Nach vermutlicher Entstehung in Böhmen treten die nächst jüngeren Überlieferungen im südwestdeutschen und bayerischen Raum noch im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts auf. Die ältesten Fassungen datieren aus den Jahren 1402 (Göttingen, Ms. philos. 64a, gewidmet König Wenzel von Böhmen) und 1405 (Göttingen, Ms. philos. 63, gewidmet König Ruprecht von der Pfalz). Ein süddeutsches deutschsprachiges Büchsenmeisterbuch zeigt bereits 1411 umfangreiche Aufnahmen aus dem Bellifortis in einem Bildanhang (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 3069). Insgesamt sind aus dem 15. Jahrhundert 19 lateinische bzw. vollkommen textlose Fassungen erhalten, zu denen noch 25 deutschsprachige Überlieferungen bzw. Handschriften mit größerem Umfang an Streuüberlieferung treten.

Insbesondere in den deutschsprachigen Fassungen besteht eine große Neigung, die lateinische Vorlage zu bearbeiten, die häufig in nur noch sieben Kapiteln, ohne die Rahmentexte, nur noch in Auswahl und Umstellung oder als selektiver Bildanhang zu anderen Texten erscheint.

Der Bellifortis steht häufig in Überlieferungsgemeinschaften mit anderen Texten zur Kriegskunst, etwa dem "Feuerwerkbuch von 1420", dem "Liber ignium" des Marcus Graecus (13. Jahrhundert) oder anderen Bildkatalogen aus der Feder von Büchsenmeistern.

Die Überlieferung des Bellifortis hat ihren Schwerpunkt im süddeutschen Raum von Franken bis in das Elsaß. Es sind aber auch zwei niederdeutsche bzw. dänisch beeinflusste Fassungen bekannt. Mit dem beginnenden 16. Jahrhundert endet die Abschrifttätigkeit. In den Druck ist der Bellifortis nie gelangt. Nur einzelne seiner Abbildungen finden sich in einem Druck des 16. Jahrhunderts wieder (Nikolaus Marschalk, Institutionum reipublicae militaris et civilis libri novem, Rostock 1515, VD16, M1114).

Forschungsstand

Der Stand der Forschung zum Bellifortis ist unbefriedigend. Die ältere Edition des Göttinger Ms. philos. 63 von 1967 durch den historisch und philologisch wenig bewanderten Ingenieur Götz Quarg (1889-1971) ist sowohl im Einleitungsteil als auch im Editionsteil unbefriedigend. Seine Spekulationen zur Vita Konrads gelten als unhaltbar. Transkription, Übersetzung und Verständnis der lateinischen Hexameter des Bellifortis sind fehlerhaft und unzuverlässig. Die Edition ist nur mit den zahlreichen Ergänzungen der umfangreichen Rezension (1971) von Hermann Heimpel (1901-1988) zu benutzen. Leider eröffnen die Spekulationen Quargs und die zahlreichen z. T. bis heute unbefriedigend gedeuteten Verse und Illustrationen ein breites Feld wenig qualifizierter Beschäftigung mit der schwierigen Materie (z. B. Englmann, Der Zauber der Macht).

Die Farbmikrofiche-Edition des Göttinger Ms. Philos. 64 und 64a durch Fidel Rädle und Udo Friedrich ergänzte zwar das verfügbare Material, beschränkte sich jedoch auf die Anlayse einzelner Aspekte aus Inhalt und Umfeld der Handschrift, ohne eine durchgängige Transkription mit Kommentar zu liefern. In der Literatur standen seither eine Verortung des Bellifortis im Umfeld der Entwicklung kriegstechnischer Literatur im späten Mittelalter sowie die Erfassung und Systematisierung der handschriftlichen Überlieferung im Mittelpunkt. Eine fundierte Edition steht noch aus. Sie dürfte in Anbetracht der vielgestaltigen Überlieferung auch auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen.

Der Bellifortis in Bayerischen Bibliotheken

Ob die noch von Konrad Kyeser selbst erstellte, Ruprecht von der Pfalz gewidmete Fassung (Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Ms. Philos. 63) ihren Adressaten jemals erreichte, ist nicht bekannt. Während in den Bibliotheken der Pfälzer Linie der Wittelsbacher mehrere Abschriften des Bellifortis überliefert sind, die alle jedoch nicht unmittelbar mit Aufträgen bzw. frühem fürstlichem Erwerb in Zusammenhang zu bringen sind (Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 787 und Rom, Vaticana, Cod. Pal. lat. 1888, 1889, 1986, 1994), fehlen Hinweise auf Überlieferungen in der bayerischen Linie ganz. In bayerischen Bibliotheken befinden sich heute nur eine vollständige lateinische Fassung (München, BSB, Clm 30150, erst 2000 erworben) sowie eine Handschrift, die in Auflösung von Reihenfolge und Zusammenhang nahezu alle Abbildungen des Bellifortis in eine umfangreiche Sammlung von technischen Zeichnungen aufnahm (Kriegsbuch Ludwigs von Eyb, Erlangen, Universitätsbibliothek, B 26).

Literatur

  • Felicia Englmann, Der Zauber der Macht: Politik und Geheimwissenschaft in Konrad Kyesers Bellifortis (Politisches Denken 5), Neuried 2001.
  • Hermann Heimpel (Rez.), Conrad Kyeser aus Eichstätt. Bellifortis [...], in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 223 (1971), 115-148.
  • Rainer Leng, Ars belli. Deutsche taktische und kriegstechnische Bilderhandschriften und Traktate im 15. und 16. Jahrhundert. 1. Band: Entstehung und Entwicklung, 2. Band: Beschreibung der Handschriften (Imagines medii aevi 12), Wiesbaden 2002, I, 109-149, II, 423-440.
  • David McGee, The Origins of Early Modern Machine Design, in: Wolfgang Lefèvre (Hg.), Picturing Machines 1400-1700 (Transformations. Studies in the History of Science and Technology), Cambridge/Mass./London 2004, 53-84.
  • Volker Schmidtchen/Hans-Peter Hils, Kyeser, Konrad, in: Verfasserlexikon. 5. Band, Berlin u. a. 2., völlig neu bearbeitete Auflage 1985, Sp. 477-484.
  • Christoph Graf zu Waldburg-Wolfegg, Der Münchener "Bellifortis" und sein Autor, in: Ulrich Montag (Hg.), Konrad Kyeser Bellifortis. Clm 30150. Präsentation einer neu erworbenen Handschrift der Bayerischen Staatsbibliothek (Patrimonia 137), München 2000, 21-60.

Quellen

  • Hans Blosen/Rikke Agnete Olsen (Hg.), Kriegskunst und Kanonen. Das Büchsenmeisterbuch des Johannes Bengedans. 2 Bände, Aarhus 2006.
  • Udo Friedrich/Fidel Rädle (Hg.), Konrad Kyeser. Bellifortis. Feuerwerkbuch. Farbmikrofiche-Edition der Bilderhandschriften 2° Cod. Ms. philos. 64 und 64a Cim. Einführung und Beschreibung der kriegstechnischen Bilderhandschriften von Udo Friedrich. Anmerkungen zum lateinischen Text, Transkription und Übersetzung der Vorrede von Fidel Rädle (Codices figurati–Libri picturati 3), München 1995.
  • Georg-Agricola-Gesellschaft zur Förderung der Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik (Hg.), Conrad Kyeser aus Eichstätt. Bellifortis. 1. Band: Faksimiledruck der Pergament-Handschrift Cod. Ms. Philos. 63 der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen; 2. Band: Umschrift, Übersetzung und Erläuterungen von Dipl. Ing. Götz Quarg, Düsseldorf 1967.
  • Pal. Lat. 1888. CD-Rom. Belser Wissenschaftlicher Dienst. Boyle. Co., Roscommon 2001.
  • Pal. Lat. 1994. Conrad Kyeser. Bellifortis. CD-Rom. Belser Wissenschaftlicher Dienst. Boyle, Co., Roscommon 2001.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Rainer Leng, Kyeser, Konrad: Bellifortis, publiziert am 22.02.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kyeser,_Konrad:_Bellifortis> (12.12.2019)




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