Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Kriegführung (Spätmittelalter)

von Malte Prietzel

Da überregionale Bedrohungen im Reich erst mit den Hussitenkriegen auftraten, bildeten sich territorial unterschiedliche Organisationsformen des Militärs heraus. Stets wirkten Einflüsse von außen, vor allem aus Italien und Frankreich. Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts lösten Söldnerheere die adelige Heeresfolge ab. Die Ausrüstung verbesserte sich, Finanzierung und Verwaltung des Kriegswesens verlangten nach neuen Lösungen. Zum Schutz vor Angreifern wurden Befestigungen verschiedenster Art angelegt, die als Reaktion auf neue Waffentechniken, vor allem Pulver und Kanonen, fortentwickelt wurden. Ihre Eroberung stand im Zentrum der Kriegstaktik. Im Raum des heutigen Bayern glichen die Eigenarten und die Entwicklungen im Bereich der Kriegführung weitgehend jenen in den Nachbarregionen. Wie im Rest Deutschlands wurden mit einiger Verzögerung Entwicklungen übernommen, die sich unter anderem auf dem Gebiet des Festungsbaus, der Ausrüstung und der Taktik in Frankreich oder Italien bereits durchgesetzt hatten.

Politische Rahmenbedingungen

Im 13. und 14. Jahrhundert gab es keine äußere Bedrohung, die das Reich nördlich der Alpen als Ganzes betroffen hätte. Kriegerische Konflikte beschränkten sich auf einzelne Regionen. Eine straffe Militärorganisation, die den organisatorischen Möglichkeiten der Zeit entsprochen hätte, war daher auf Reichsebene nicht nötig. Dies änderte sich erst im 15. Jahrhundert, zuerst in den 1420er und 1430er Jahren durch die Kriege gegen die Hussiten, die mehrere Regionen des Reichs - darunter Franken, die Oberpfalz und Niederbayern - schwer trafen.

Diese Bedrohungen kamen aber zu spät, um die bereits etablierten politischen und militärischen Strukturen noch ändern zu können, denn die einzelnen Territorien des Reichs, zumal die großen wie das Herzogtum Bayern, festigten sich als Herrschaften mit weitgehender Eigenständigkeit gegenüber dem Reichsoberhaupt. Zur Aufstellung eines Reichsheeres konnten weder der Kaiser noch die Reichsversammlungen direkt auf die Steuern der Untertanen zugreifen, sondern nur Truppengestellung oder finanzielle Beteiligung von den einzelnen Mitgliedern des Reichs fordern; sie blieben daher von ihnen abhängig. Die einzelnen Territorien stellten weiterhin eigene Truppen auf.

Innerhalb des Reiches gab es eine große Anzahl kleinerer Auseinandersetzungen, an denen einzelne Fürstentümer, Städte und Adlige beteiligt waren und die man meist als "Fehden" bezeichnet. Ihr Umfang war sehr unterschiedlich. Bei einigen kam es nur zu Streifzügen weniger dutzend Männer, bei anderen hingegen zu Kampfhandlungen, an denen mehrere tausend Kämpfer beteiligt waren.

Veränderungen im Heereswesen

Vom Ende des 12. bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts veränderten sich die Strukturen und Stärken der Heere sowie die Ausrüstung der einzelnen Kämpfer nur wenig. Ganz typisch waren die Heere, die 1322 in der Schlacht von Mühldorf aufeinandertrafen. Es handelt sich um eine der größten Schlachten, die in diesen Jahrzehnten in Deutschland stattfand. Der Wittelsbacher Ludwig der Bayer (reg. 1294-1347, als König ab 1314) verfügte über rund 1.800 gepanzerte Reiter und 4.000 Mann zu Fuß, während sein Gegner, der Habsburger Friedrich der Schöne (reg. 1308-1330, als Gegenkönig ab 1314), wahrscheinlich 1.400 Panzerreiter und 5.000 Leichtbewaffnete kommandiert haben dürfte. Die Schlacht wurde im Wesentlichen von den Panzerreitern ausgefochten. Sie ähnelten jenen vom Ende des 12. Jahrhunderts weitgehend. Es handelte sich meist um Adlige, die aufgrund ihres Lehensverhältnisses den beteiligten Fürsten zur Heerfolge verpflichtet waren. Andere dienten gegen Soldzahlung. Diese Kämpfer waren mit einem Topfhelm, einem Kettenhemd, Schwert und Lanze ausgerüstet.

In den kommenden Jahrzehnten wurde der Topfhelm durch einen Helm mit Visier, das Kettenhemd durch einen Plattenpanzer ersetzt. Grundlegender noch war, dass die Zahl der Söldner stieg und die Rolle der Fußkämpfer immer bedeutender wurde. Die meisten kämpften mit einem Spieß oder auch einer Hellebarde, einige auch mit einem großen, nur beidhändig zu führenden Schwert. Im 15. Jahrhundert handelte es sich oft um Söldner aus Böhmen ("Böhmenknechte"). Seit der Zeit um 1500 sprach man allgemein von Landsknechten.

Die Heere wuchsen und mit ihnen auch die finanziellen Belastungen für Fürsten und Untertanen. Als beispielsweise Herzog Ludwig der Reiche von Bayern-Landshut (reg. 1450-1479) 1459 bis 1462 Krieg gegen Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg-Ansbach (reg. 1440-1486) führte, konnte er allein 1460 ein Heer von 20.000 Mann ins Feld führen, im Jahr darauf eines von 16.000 Kämpfern, also rund das Vier- bzw. Dreifache der Truppen, die jeder der beiden Kontrahenten 1322 bei Mühldorf befehligt hatte. Abermals ein Jahr später, 1462, waren allerdings die Finanzmittel Ludwigs des Reichen erschöpft; er musste den größten Teil der Söldner entlassen und verlor damit seine militärische Überlegenheit.

Neue Geldquellen mussten gefunden, effektivere Verwaltungsstrukturen eingerichtet werden. Ganz bezeichnend war zum Beispiel, dass das Herzogtum Bayern-Straubing, um die Ausgaben für die Kämpfe gegen die Hussiten in den 1420er-Jahren decken zu können, mehrfach Sondersteuern einzog. Im ganzen westlichen Europa entwickelte sich aus solchen außergewöhnlichen Steuern, die für die Kriegführung benötigt wurden, allmählich die allgemeine, regelmäßig erhobene Steuer. Die kleineren Machthaber konnten bei solchem finanziellen Aufwand nicht mehr mithalten.

Befestigungen und Artillerie

Eine weitaus größere Bedeutung als in späterer Zeit, vor allem seit dem späten 18. Jahrhundert, besaßen Befestigungen unterschiedlicher Art; sie prägten geradezu die Landschaft. Am ehesten denkt man hier an Burgen, die im heutigen Mittelalterbild einen festen Platz haben. Doch war auch in vielen Dörfern die Kirche so gebaut, dass sie (als sog. Wehrkirche bzw. Kirchenburg) die Bevölkerung aufnehmen und gegen Angriffe schützen konnte. Oft war der Kirchhof mit einer Mauer umgeben, die durch ihre Höhe und durch Schießscharten zur Abwehr gegen Angreifer tauglich war. Städte besaßen einen Mauerkranz mit Türmen. Außerdem waren die meisten Städte durch einen Ring aus einer dichten, mehrere Meter tiefen Hecke umgeben, an deren Durchlässen ein Wärter wachte. Zudem befanden sich an diesen Passagen häufig Türme, welche die Kontrolle des Umlandes erlaubten. Auch an den Grenzen zwischen einzelnen Territorien unterhielt man solche Landwehren. Diese Hindernisse vereitelten keinen massiven Angriff, erschwerten aber umherstreifenden feindlichen Gruppen erheblich die Bewegung.

Kaum eine dieser Befestigungen war unbezwingbar, aber jede schützte doch bis zu einem gewissen Grad. Damit zwang sie einen potenziellen Angreifer, der sie überwinden wollte, zu einem vermehrten Aufwand an materiellen Mitteln oder an Zeit. Auf diese Weise wirkten solche Befestigungen schon durch ihre Existenz abschreckend. Insgesamt begünstigten sie in der Kriegführung die Verteidiger.

Die Verbreitung der Pulverartillerie ab dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts änderte daran nichts. Denn erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden die Kanonen beweglicher, indem man sie auf einer Lafette befestigte, auf der man sie transportieren und von der man sie auch abschießen konnte. Frühestens von dieser Zeit an waren sie in einer Feldschlacht sinnvoll einsetzbar.

Im Befestigungsbau reagierte man auf die neuen Waffen. Die Mauern wurden verstärkt. In Italien entwickelte man neue Bauformen, die nach und nach auch nördlich der Alpen Verwendung fanden. Man schrägte zum Beispiel bislang senkrechte Mauern vorne ab, damit Kanonenkugeln nicht im rechten Winkel aufprallten und weniger Schaden anrichteten. Auch entwickelte man Befestigungswerke, die vor der Burg- oder Stadtmauer errichtet wurden. Auf diesen sog. Bastionen konnten die Verteidiger ihrerseits Kanonen aufstellen und damit die Angreifer beschießen. So entwickelte sich der Typ der frühneuzeitlichen Festung. Durch alle diese Gegenmaßnahmen blieb es schwierig, Befestigungen einzunehmen, die auf dem neuesten Stand waren.

Doch diese Bauten kosteten viel Geld, weshalb sie sich nur große und wohlhabende Fürstentümer leisten konnten. Der militärische und politische Einfluss der bedeutenderen Fürsten (wie der bayerischen Herzöge) stieg daher. Die kleineren Machthaber, Adel wie Städte, verloren hingegen an militärischer Bedeutung und an Möglichkeiten, eigenständig Politik zu treiben.

Taktik und Strategie

Es war kaum möglich, ein Gebiet ganz zu erobern, indem man die Truppen des Feindes schlug oder verdrängte, denn nach einem solchen Erfolg galt es immer noch, durch oft langwierige und teure Belagerungen die Befestigungsanlagen einzunehmen. Feldschlachten bargen daher ein großes Risiko für die Kämpfenden, ohne dass ein großer, langfristiger Vorteil winkte. Dementsprechend kamen Feldschlachten relativ selten vor, und noch seltener entschieden sie den Krieg. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt zum Beispiel die schon erwähnte Schlacht von Mühldorf 1322 dar, aber auch hier lag die Entscheidung nicht in einer strategischen, sondern in einer politischen Folge des Kampfs: Ludwig dem Bayern gelang es, seinen Rivalen im Kampf um die Königskrone, den Habsburger Friedrich den Schönen, gefangen zu nehmen und damit als Konkurrenten auszuschalten.

Häufig wurde daher eine Art Kleinkrieg geführt. Recht kleine, bewegliche Abteilungen - meist nur wenige hundert Mann - stießen überraschend in feindliches Gebiet vor, nicht mit dem Ziel, auf gegnerische Truppen zu treffen, sondern um Dörfer niederzubrennen, die Ernte davonzuschaffen, das Vieh wegzutreiben. Es ging also in ganz brutaler Weise darum, gerade die Schutzlosesten zu behelligen und deren Lebensgrundlage zu zerstören. Sie konnten dann weniger Abgaben an ihre Herren zahlen. Auf diese Weise sollten diese schließlich zum Nachgeben gedrängt werden. Ein typisches Beispiel für eine solche Art der Kriegführung ist der Krieg, den die Reichsstadt Nürnberg mit ihren Verbündeten in den Jahren 1449/50 gegen Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg-Ansbach und seine Alliierten führte (Süddeutscher Städtekrieg).

Forschungs- und Quellenlage

Wie die Kriegsgeschichte insgesamt, so hat sich auch die Erforschung des Krieges im Mittelalter seit einigen Jahren von der Rekonstruktion militärischer Operationen abgewandt und widmet sich vermehrt den Akteuren, ihren Erfahrungen und den Mechanismen, welche die Wahrnehmung und Berichterstattung durch die Zeitgenossen prägen. Für den bayerisch-fränkischen Raum sind hier besonders Arbeiten über den Hussitenkrieg (Bleicher) und den süddeutschen Städtekrieg 1449/1450 (Zeilinger) zu nennen.

Weitere Aufschlüsse lässt vor allem die Auswertung von archivalischen Quellen erwarten. Denn die erzählenden Quellen zur Kriegführung im spätmittelalterlichen Bayern sind weitgehend bekannt und ausgewertet. Meist werden Kriege und Gefechte in solchen Chroniken geschildert, die ganz allgemein die Geschehnisse eines Zeitabschnittes behandeln. Ausnahmen, die auch über die bayerische Geschichte hinaus von Bedeutung sind, bilden z. B. die Chronik des Andreas von Regensburg (gest. ca. 1442) über die Hussitenkriege und Erhard Schürstabs (gest. 1461) Beschreibung des Krieges zwischen Nürnberg und Markgraf Albrecht Achilles von Ansbach.

Literatur

  • Malte Prietzel, Krieg im Mittelalter, Darmstadt 2006.
  • Volker Schmidtchen, Kriegswesen im späten Mittelalter. Technik, Taktik, Theorie (Acta Humaniora), Weinheim 1990.
  • Ernst Schubert, Fehden, Söldner, Kriegsführung im späten Mittelalter, in: Bernd Ulrich Hucker (Hg.), Niedersächsische Geschichte, Göttingen 1997, 251-254.
  • Uwe Tresp, Söldner aus Böhmen. Im Dienst deutscher Fürsten: Kriegsgeschäft und Heeresorganisation im 15. Jahrhundert (Krieg in der Geschichte, 19), Paderborn 2004.
  • Gabriel Zeilinger, Lebensformen im Krieg. Eine Alltags- und Erfahrungsgeschichte des süddeutschen Städtekriegs 1449/1450 (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 196), Stuttgart 2007.

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Malte Prietzel, Kriegführung (Spätmittelalter), publiziert am 23.08.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kriegführung (Spätmittelalter)> (23.09.2018)