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Bauernhäuser (Spätmittelalter)

Verputzte Blockbaustube, Teisnach (Lkr. Regen), 1422 (Foto von Konrad Bedal)
Kleinbauernhaus von 1367, früher Marienstein bei Eichstätt, jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim (Rekonstruktionszeichnung von Konrad Bedal)
Ältestes teilweise erhaltenes Bauernhaus in Bayern von 1367, ehem. in Höfstetten (Gde. Heilsbronn, Lkr. Ansbach), jetzt im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim (Rekonstruktionszeichnung von Konrad Bedal)
Weinbauernshaus, Steinbau im Kern aus dem 14. Jahrhundert, Zustand um 1410, ehem. Matting bei Regensburg, jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim (Rekonstruktionszeichung von Konrad Bedal)
Zwischen 1450 und 1550 entstandene ländliche Fachwerkbauten, die eine enge Vernwandtschaft mit den Bürgerhäusern der Gegenden andeuten. (Rekonstruktionszeichnungen von Konrad Bedal)
Firstsäulenbauten mit dreizonigem Grundriss (Rekonstruktionszeichnungen von Konrad Bedal)

von Konrad Bedal

Ländliche Wohn- und Wirtschaftsbauten aus der Zeit vor 1500 sind in Bayern nur wenige überliefert. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert waren die regionalen Hausformen ausgeprägt, die dem Land sein typisches Gesicht gaben. Die Haustypen unterschieden sich nach Nutzung, Grundriss sowie Wand- und Dachbildung. Die Bandbreite bei den Bauweisen war mit Blockbau, Fachwerk und Steinbau ebenso vielfältig wie bei der Zahl der Geschoße und Räume sowie der Breite der Gebäude. Der Stall war in aller Regel im Haus untergebracht, während ein Stadel und weitere Nebengebäude gesondert errichtet wurden.

Begriffsbestimmung

Unter Bauernhäusern versteht man die Wohnbauten der ländlichen, vorwiegend von der Ausübung der Landwirtschaft lebenden Bewohner, aber auch die zugehörigen Wirtschaftsbauten (Stallungen, Scheunen, usw.). Entsprechend der Spannweite des Begriffs "Bauer" können unter Bauernhaus sowohl die ärmlichsten Bauten der unterbäuerlichen ländlichen Schichten (Hirten, Taglöhner, Köbler, Seldner u. a.) als auch der "Oberschicht" auf dem Dorf (z. B. Wirt, Müller, Schultheiß bzw. Maier, sogar Pfarrer). Hauptsächlich werden darunter die Häuser der Bauern im engeren Sinn verstanden. Die Ausbildung und Entwicklung des spätmittelalterlichen Bauernhauses lässt sich nicht losgelöst von der des Bürgerhauses wie auch vom herrschaftlichen und kirchlichen Bauwesen sehen.

Forschung

Der Kenntnisstand zum spätmittelalterlichen Bauernhaus in Bayern ist regional sehr unterschiedlich. Aus der Zeit vor 1500 erhaltene Bauernhäuser waren der älteren Bauernhausforschung, die innerhalb der Volkskunde angesiedelt ist, lange unbekannt. Das erste Bauernhaus in Bayern, das in wesentlichen, erhaltenen Teilen sicher in die Zeit vor 1500 datiert werden konnte, wurde erst 1980 entdeckt (Bauernhaus aus Höfstetten, Gde. Heilsbronn, Lkr. Ansbach von 1367, jetzt im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim [Lkr. Neustadt a. d. Aisch-Bad Windsheim]). Es gehört vom Typ her zu den "Schwedenhäusern", wie um Nürnberg die besonders alt erscheinenden Bauernhäuser aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg genannt werden. Ausschlaggebend für diese Entdeckung waren die fortgeschrittene Kenntnis über die Entwicklung des hölzernen Hausgefüges und der Einsatz der Dendrochronologie. Inzwischen ist es gelungen, einige weitere ländlich-bäuerliche Gebäude bzw. Gebäudereste in Bayern aus der Zeit vor 1500 nachzuweisen; wesentlich mehr (über 100) sind dann aus dem frühen 16. Jahrhundert (bis um 1550) erhalten. Nur wenige davon sind bisher ausreichend untersucht und viele inzwischen auch abgebrochen.

Außerdem ist zu bedenken, dass vor allem in den 1960er und 1970er Jahren der historische Hausbestand auf dem Land durch Abbrüche rapid zurückgegangen ist, wobei dieser Prozess in den einzelnen Regionen unterschiedlich verlaufen ist. In der Oberpfalz sind z. B. die Verluste besonders hoch, so dass viele Ortschaften inzwischen ganz ohne historischen Hausbestand sind. Besser ist die Situation in Teilen des Voralpenlandes und im nördlichen Unterfranken. Es ist davon auszugehen, dass seit 1960 auch viele spätmittelalterliche Bauten bzw. Bauteile verloren gegangen sind, ohne dass sie der Forschung bekannt geworden wären.

Es war schon alles da: Die Kontinuität der Hausformen

Aufgrund der aktuellen Forschungslage ergibt sich, dass spätestens seit dem 15. Jahrhundert, vermutlich aber schon im 14. Jahrhundert (hierzu fehlen noch ausreichend Sachbelege) die unterschiedlichen ländlichen regionalen Hausformen, wie sie bis ins 19. Jahrhundert hinein Geltung hatten, bereits deutlich ausgeprägt waren. Das gilt insbesondere für Nutzung, Grundriss, Wand- und Dachbildung. So war vermutlich schon seit dem späten Mittelalter in den östlichen Gebirgsgegenden Bayerns (vom Vogtland bis zum Bayerischen Wald), im niederbayerischen Hügelland, im oberbayerischen Alpen- und Voralpenland bis zum Allgäu der Blockbau vorherrschend, während Fachwerk den Westen, also nahezu ganz Franken und das nördliche Schwaben beherrschte, dem eine auffallend frühe Bedeutung des bäuerlichen Steinbaus an der mittleren Donau zur Seite steht, um nur einen Aspekt herauszuheben. Insgesamt gesehen dürfte die eingeschoßige Bauweise überwogen haben; besonders auffällig sind darunter die eingeschoßigen, breitgelagerten und vielräumigen Häuser in der Mitte Bayerns. Relativ schmale Häuser kennzeichnen eher den gebirgigen Osten. Teile Frankens, insbesondere die Weinbaudörfer, besaßen bereits eine Vorliebe für zweigeschoßige Bauten, die wir auch abgeschwächt für das nördliche Schwaben um 1500 konstatieren können; auch die ältesten Bauernhäuser im Gebirge kennen schon die Zweigeschoßigkeit.

Ein Bauernhof, ob klein oder groß, bestand nahezu überall aus zwei etwa gleich großen Gebäuden, (Wohn-)Haus und Stadel (Scheuer), wobei insbesondere bei größeren Höfen auch vor 1500 bereits weitere Nebengebäude hinzukommen konnten: Kasten, Hofhaus als zusätzliches Speicher- und Wohngebäude sowie Backofen. Der Viehstall war hauptsächlich im Haus untergebracht (Wohnstallhaus). Eine Ausnahme bilden die alpinen Gebiete um Berchtesgaden (Lkr. Berchtesgadener Land) und Oberstdorf (Lkr. Oberallgäu), wo der Stall nicht im Haus, sondern in der Scheune (Stadel) zu finden ist. Wie beim Bürgerhaus dürfen wir auch beim Bauernhaus davon ausgehen, dass das 12./13. Jahrhundert die entscheidende kulturelle Umbruchphase darstellt, in der nicht nur die jahrhundertelang gültigen Flur- und Siedlungsformen herausgebildet wurden, sondern auch die Entstehung der bäuerlichen Hausformen erfolgte. Spätestens seit etwa 1300 besaßen wohl die meisten Wohnhäuser auf dem Land wie in der Stadt in Bayern eine abgetrennte hölzerne ofengeheizte Stube.

Frühe steinerne Bauernhäuser an der Donau

Der dichteste und wohl auch älteste Bestand an spätmittelalterlichen Bauernhäusern innerhalb Bayerns lässt sich in Matting (Gde. Pentling, Lkr. Regensburg) und dem Nachbardorf Oberndorf (Markt Bad Abbach, Lkr. Kelheim) an der Donau bei Regensburg feststellen. Es handelt sich dabei um Bruchsteinbauten, meist eingeschoßig, das Dach flachgeneigt, mit Kalkplatten des Jura gedeckt. Möglicherweise aber gab es auch Legschindeldächer. Viele Häuser besaßen bereits Keller. Der meist klare dreizonige Grundriss gliedert sich in einen mittleren Flurteil, einen Stallteil und einen Wohnteil. Dieser ist mit Stube und etwa gleichgroßer Kammer in der Mitte zweigeteilt; die Stube hebt sich als eingestellte "Holzkiste" aus dem steinernen Baukörper heraus, ähnlich wie dies auch beim Regensburger Bürgerhaus des späten Mittelalters der Fall war.

Die Datierung dieser Steinbauten ist zwar wegen nicht immer vorhandener originaler Holzteile kaum jahrgenau möglich, doch steht fest, dass viele dieser Steinbauten ins 14. und frühe 15. Jahrhundert zurückreichen. Das bisher älteste sichere Datum stammt von einem schon 1980 abgebrochenen Haus aus Matting (Wolfgangstraße 9), das dendrochronologisch (künfig "d") auf das Jahr 1299 datiert wurde. Anhand des Mauerwerks ließen sich die ältesten Keller noch in die romanische Zeit datieren. Der steinerne Hausbau Mattings und Oberndorfs ist im Zusammenhang mit Regensburg, dem Kloster Prüfening als Grundherrn und vor allem dem Weinbau zu sehen. Steinerne Bauspuren des späten Mittelalters sind ansonsten in Bayern selten und bisher wenig untersucht. Zumindest das Erdgeschoß der zweigeschoßigen bäuerlichen Bauten Frankens wurde im 15. Jahrhundert häufig in Stein gemauert. In den Weinbaugebieten Frankens ist mit zahlreichen spätmittelalterlichen steinernen Kellern zu rechnen.

Der bäuerliche Innengerüstbau in der Mitte Bayerns (Mittelfranken, Altmühlraum)

Häuser mit hohen strohgedeckten Vollwalmdächern, bei denen kaum die Wand zu sehen ist: Diese Vorstellung vermitteln die dürerzeitlichen Bildquellen aus der Nürnberger Umgebung und im Anschluss daran die Forschungen von Rudolf Helm (1899-1985) vom spätmittelalterlichen Bauernhaus (nicht nur in Franken). Dem entspricht sehr genau das schon erwähnte Haus aus Höfstetten von 1367. Das Haus hat eine auffallend große Grundfläche (14,7 mal 13,2 m). Der Eingang in den fast quadratischen Bau erfolgte von der Traufseite her (in anderen Fällen liegt er auch an der Giebelseite). Die Besonderheit gegenüber anderen Hausformen stellt das innere tragende kräftige Holzgerüst aus sechs ca. 4,7 m hohen Säulen aus Fichtenholz dar. Diese inneren Säulen sind paarweise geordnet (zweireihiges Innengerüst) und tragen eine Balkenlage mit einem darauf gesetzten eigenständigen Dachstuhl, wie er durchaus auch beim Bürgerhaus vorkommt. Die Außenwände sind im Verhältnis zur Dachfläche niedrig und tragen nicht das Dach, wie man es sonst gewohnt ist. Das gilt auch für die Giebelseiten mit den beiden tiefen Vollwalmen. Damit entspricht das Haus den in der lokalen Tradition sog. Schwedenhäusern nördlich von Nürnberg (Thon, Großreuth, Almoshof [alle Stadt Nürnberg]).

Aufgrund der Säulenstellung ergibt sich ganz zwanglos eine funktionale Aufteilung im "Neunerraster", also drei Räume in der Tiefe, drei in der Breite, oder anders ausgedrückt ein dreischiffiger und dreizoniger Grundriss. Demnach handelt es sich um eine vielgliedrige Raumfolge von Stube und Küche, Kammer und Stallung. Die Stube war wie bei den Steinhäusern Mattings, mit denen sonst keinerlei Verwandtschaft besteht, mit Bohlenwänden umschlossen und besaß einen Kachelofen. Das Höfstettener Haus stellt einen differenzierten, sehr qualitätvoll abgezimmerten und überraschend großen Bau dar, der offenbar Standard der Zeit und Gegend war. Durch weitere bauliche Überreste, vor allem aber durch die Tradition des vielgliedrigen und dem Quadrat angenäherten Grundrisses lässt sich das einstige, wohl schon im 14./15. Jahrhundert gültige Verbreitungsgebiet dieser zweireihigen, gelegentlich sogar dreireihigen Innengerüstbauten in etwa umreißen: Es umfasste den Großteil von Mittelfranken, das südlichste Oberfranken und die westliche Oberpfalz, worauf u. a. die Angaben in einem Vilsecker Weistum von 1410 hinweisen. Im mittleren Altmühlgebiet, von Treuchtlingen (Lkr. Weißenburg-Gunzenhausen) bis etwa Beilngries (Lkr. Eichstätt), findet sich eine bis ins frühe 14. Jahrhundert zurückzuverfolgende Variante mit flachgeneigtem, kalkplattengedeckten Dach, bei der das ebenfalls vorhandene zweireihige Innengerüst direkt das Dach trägt. Das Innengerüstsystem der spätmittelalterlichen Bauernhäuser Mittelfrankens weist vom Prinzip her Parallelen zu dem in der Lex Baiuvariorum geschilderten Wohnhaus auf. Archäologisch sind Ähnlichkeiten mit Grabungsbefunden aus dem Donauraum zu erkennen.

Das breitgelagerte, eingeschoßige Bauernhaus

Das Innengerüstsystem Mittelfrankens wurde offenbar im Laufe des 15. Jahrhunderts "unmodern", wenn es auch im direkten Nürnberger Umland ein letztes Mal noch um 1550 nachweisbar ist. Auf dem Land und insbesondere in Mittelfranken mit den anschließenden Randgebieten entwickelten sich daraus eingeschoßige, breitgelagerte Häuser, bei denen die Dachlast nun auf den niedrigen Außenwänden ruhte. Erstmals lässt sich diese Bauweise schon 1391 (d) in Altdorf bei Nürnberg (damals noch nicht Stadt) nachweisen. Anstelle der hohen Innensäulen traten im Erdgeschoß kurze, stockwerkshohe Säulen, die die inneren Längsunterzüge trugen. Im Grundriss blieben die dreischiffige und dreizonige Gliederung auf fast quadratischer Grundfläche und der Vorrang der Stube im Hauseck bestehen. Das gilt für den nahezu gesamten nachmittelalterlichen Bauernhausbestand in Mittelfranken. Selbst Halbwalme waren hier noch lange üblich, ebenso der giebelseitige Eingang, wie er schon im 14. Jahrhundert bekannt war.

Kniestockhäuser im Altmühlgebiet

Die dreischiffigen und dreizonigen Innengerüstbauten des Altmühlgebietes mit den flachgeneigten Dächern machten im Laufe des 15. Jahrhunderts eine andere Entwicklung mit. Zwar wurden ebenfalls die inneren, durchgehenden Säulen aufgegeben und das Innere erhielt nun eine vollständige, von Außenwand zu Außenwand durchgehende Balkenlage über dem Erdgeschoß, entsprechend der Entwicklung im Steildachgebiet Mittelfrankens. Da aber bei den flachgeneigten Dächern das nutzbare Raumvolumen von vorneherein wesentlich geringer als beim Steildach war, versuchte man, diesen Nachteil durch Bildung eines Kniestocks auszugleichen. So entstanden hier aus den älteren Innengerüstbauten (deren Dachraum offenbar für die Nutzung noch bedeutungslos war) nicht eingeschoßige, sondern breitgelagerte Kniestockbauten mit Außenwandsäulen, die über Erdgeschoß und Kniestock durchgingen. Sie lassen sich im Altmühlgebiet seit dem frühen 15. Jahrhundert mehrfach nachweisen. Die eingehängte Balkenlage ist dabei in den Außenwandsäulen in Form der durchgesteckten Zapfen bzw. der Zapfenohren sichtbar. Dieses auffallende Konstruktionsdetail ist in Süddeutschland sehr ungewöhnlich, während es in Nord- und Westdeutschland häufiger vorkommt und als ein Kennzeichen der sog. Ankerbalkengerüste gilt.

Firstständerbauten im äußersten Westen

Die geschilderte Innengerüstbauweise unterscheidet sich deutlich von einer anderen traditionellen bäuerlichen Hausform, dem sog. Firstsäulenbau bzw. Firstständerbau. Anstelle des zweireihigen Innengerüsts haben wir hier ein dachtragendes Firstsäulengerüst vor uns, d. h. in der Hausmitte stützen vom Erdboden bzw. der Schwelle bis zum First durchgehende Holzsäulen das Dach; eventuell notwendige Nebensäulen gehen ebenfalls vom Boden bis zum Dach durch. Das Hauptverbreitungsgebiet dieser bis in die Frühe Neuzeit nachweisbaren Bauweise liegt außerhalb Bayerns.

Die ältere Forschung ging davon aus, dass auch in Mittelfranken und der Oberpfalz im Spätmittelalter Firstsäulenbauten üblich waren. Dies könnte nach neuestem Forschungsstand nur für noch wesentlich ältere, vor dem 14. Jahrhundert liegende Zeiten zutreffen, wie die Indizien aus Matting nahelegen. Firstsäulenbauten im Bestand gibt es nur im westlichsten Teil Frankens, die dort eng mit der Verbreitung im nördlichen Baden-Württemberg zusammenhängen. Es sind relativ kleine Häuser, meist dreizonig und - entsprechend den in der Hausmitte stehenden Firstsäulen - zweischiffig. Der Eingang ist durchweg auf der Traufseite. Das bekannteste, aber auch umstrittendste Beispiel stand in Watterbach im Odenwald (Gde. Kirchzell, Lkr. Miltenberg) und steht jetzt nach zweimaligem Umsetzen im Nachbarort Preunschen (Gde. Kirchzell, Lkr. Miltenberg). Es dürfte um 1470 (d) erbaut worden sein. Besser zu beurteilen ist ein im Kern aus dem Jahr 1450 (d) erhaltenes Haus in Dertingen bei Wertheim (Main-Tauber-Kreis, Baden-Württemberg), knapp außerhalb des heutigen Bayern. Auf einem hohen gemauerten und unterkellerten Untergeschoß sitzt ein dreizoniger Fachwerkbau mit steilem Satteldach, das von (einst) vier Firstsäulen direkt getragen wurde. Die beiden inneren Querwände sind bis unter den First mit Lehmwänden ausgefacht und stark rußgeschwärzt. Offenbar diente die mittlere Hauszone, in die auch der seitliche Eingang führt, als bis unter das Dach offener Feuerraum. Die letzten Firstsäulenbauten wurden in der Mitte des 16. Jahrhunderts im bayerischen Odenwald gebaut.

Bestimmte Merkmale des Firstsäulenbaus lebten offenbar noch länger weiter: einmal in der Konstruktion des Dachstuhls mit Firstpfette, die beibehalten wurde, auch wenn die sie tragenden Stuhlsäulen nur noch im Dachraum oder gar im obersten Dachgeschoß vorhanden waren, also nicht mehr bis zum Erdgeschoß durchgingen (sog. Firstpfettendächer); zum anderen in der deutlichen Zweiteilung genau in der Mitte längs durch das Haus. Der Wohnbereich enthält am Giebel zwei etwa gleich große und gleich belichtete Räume (ähnlich dem Grundriss der Mattinger Steinbauten). Nach diesen Merkmalen kann man die einstige Verbreitung der Firstsäulenbauweise in etwa abschätzen. Sie erstreckte sich vom Odenwald bis in den östlich anschließenden unteren Taubergrund und das Gebiet zwischen Würzburg und Spessart.

Ständergeschoßbau und Stockwerksbau

Die bisher bekannt gewordenen Firstsäulenbauten decken längst nicht das ganze fränkische und schwäbische Fachwerkgebiet außerhalb der Verbreitung der zweireihigen Innengerüstbauten ab. Welche bäuerlichen Bauweisen im 14./15. Jahrhundert im übrigen Unterfranken, in Oberfranken und im nördlichen Schwaben galten, ist bisher kaum erfasst. Einige erhaltene ländliche Fachwerkbauten nach 1450 und vor etwa 1550 deuten eine enge Verwandtschaft zum Bürgerhaus der Gegend an, wie die Vorliebe für zweigeschoßige Bauweise und die Abzimmerung als Ständergeschoßbau und Stockwerksbau belegt, was bei der engen Bauweise in geschlossenen, stadtähnlichen Dörfern nicht verwundert. Eine solche Bauweise mit über zwei Geschoße laufenden hohen Außenwandsäulen ist im nordschwäbischen Raum noch für das 16. Jahrhundert belegt und dürfte dort daher auch für das spätere 15. Jahrhundert vorausgesetzt werden. Aber auch in Mittelfranken sind bei bedeutenderen ländlichen Anwesen (Mühlen, Pfarrhäusern, Wirtshäusern) spätestens ab dem 15. Jahrhundert zweistöckige Fachwerkbauten durchaus die Regel. Das Erdgeschoß war manchmal gemauert. Die Bauten lassen sich in ihrer grundsätzlichen Anlage kaum von jüngeren unterscheiden.

Wie eine Übergangsform vom ein- zum zweigeschoßigen Fachwerkbau wirken die "einhüftigen" Fachwerkbauten, ein Bau mit unterschiedlichen Dachhöhen: Die Hauptseite ist zweistöckig; an der rückwärtigen Seite ist das Dach auf das Erdgeschoß herabgezogen. Diese in der Hausforschung auch als eineinhalbgädig oder als Frackdach bezeichnete Bauform finden wir erstmals 1421 (d) an einem kleinen Taglöhnerhaus in (Bad) Windsheim - zwar in der Stadt, aber in einem nahezu wie eine Dorfgasse wirkenden Bebauungszusammenhang am Stadtrand; weitere Häuser dieser Art gab es in den Dörfern der näheren Umgebung. Die nachmittelalterliche Verbreitung von sog. Frackdächern etwa im Gebiet der "Stauden" (westlich von Augsburg) legt nahe, dass die Verbreitung dieses einhüftigen Haustyps im Spätmittelalter schon weit verbreitet war.

Spätmittelalterlicher Blockbau

Blockbau ist eine elementare Holzbauweise und zeichnet sich durch die Wandbildung aus übereinandergelegten, verdübelten und an den Ecken überkämmten Hölzern aus. Lange hatte es den Anschein, als hätten sich in Bayern, ganz im Unterschied zur Innerschweiz (dort sind die ältesten aufrecht stehenden Blockbauten für das späte 12. Jahrhundert nachgewiesen) keine Bauernhäuser in Blockbauweise aus der Zeit vor 1500 erhalten. In Südbayern setzt der sehr ansehnliche Bestand in der Hauptsache erst im frühen 16. Jahrhundert ein. In jüngster Zeit sind dank intensiver Bauforschung und begleitender Dendrochronologie endlich Blockbauten bzw. Blockbaureste aus der Zeit vor 1500 gefunden worden, wie etwa ein großer zweigeschoßiger Blockbau in Peißenberg (Lkr. Weilheim-Schongau). Weitere bemerkenswerte Befunde sind aus Ostbayern nördlich der Donau aufgetaucht, die erkennen lassen, dass die Blockbautechnik - insbesondere die wandbündige Verkämmung mit Schwalbenschwanz an den Ecken - hier schon voll entwickelt war, wie in Teisnach (Lkr. Regen) im Bayerischen Wald 1422 (d). Dort und bei weiteren Beispielen beschränkte sich der Blockbau offenbar auf die Stube, die als Kubus in ein größeres Hausgerüst eingestellt erscheint. Ähnliche Befunde sind - neben Regensburg und Nürnberg - vor allem aus dem spätmittelalterlichen Burgen- und Bürgerhausbau in Thüringen, Sachsen und Böhmen bekannt. Die Verbreitung des Blockbaus im späten Mittelalter ist anhand der konkreten Sachbelege bisher nicht sicher zu ermitteln, doch deutet alles darauf hin, dass sie der im Nachmittelalter weitgehend entsprochen haben dürfte. Das trifft wohl auch für Fichtelgebirge und Frankenwald zu, obwohl dort der geringe erhaltene Bestand kaum in die Zeit vor 1700 zurückreicht.

Liste fest datierter ländlich-bäuerlicher Häuser in Bayern vor 1500 (Auswahl, Stand 2008)

d=dendrochronologisch, i = inschriftlich

  1. 1299 d Matting an der Donau, Wolfgangstraße 13, Steinbau/Bohlenstube, flachgeneigtes Dach, abgebrochen
  2. 1340 d Dollnstein (Lkr. Eichstätt), Pappenheimer Straße 8, zweireihiger Innengerüstbau, Kalkplattendach
  3. 1355 d Oberndorf an der Donau, Donaustraße 56, Steinbau, flachgeneigtes Dach
  4. 1367 d Höfstetten, jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim, zweireihiges hohes Innengerüst, Vollwalm, Stube
  5. 1367 d Marienstein (Lkr. Eichstätt), jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim, zweireihiges Innengrüst, Kalkplattendach
  6. vor 1410 d Matting an der Donau, Wolfgangstraße 9, jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim, Steinbau/Bohlenstube
  7. 1422 d Teisnach, Zum Hochfeld 1, Blockbau, Stube
  8. 1437 d Wasserzell (Lkr. Eichstätt), Altmühlstraße 17, zweireihiges Innengerüst, Kalkplattendach
  9. 1454 d Ochsenfeld (Lkr. Eichstätt), Am Weiher 23, jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim, Kalkplattendach
  10. 1455 d Loifling (Gde. Traitsching, Lkr. Cham), Seefeldweg 13, Blockbau, Stube
  11. 1456 d Peißenberg, Ludwigstraße 15, Blockbau
  12. 1457 d Hüttenheim (Gde. Willanzheim, Lkr. Kitzingen), Hs. Nr. 129, Fachwerk: Stockwerksbau "Frackdach"
  13. 1467 d Bamberg, Mittelstraße 72, Gärtnerhaus, Fachwerk
  14. 1467 d Schernfeld, Eichstätter Straße 9, zweireihiger Innengerüstbau, Kalkplattendach
  15. 1473 d Stöckach (Gde. Roßtal, Lkr. Fürth), jetzt Freilandmuseum Bad Windsheim, Hofhäuslein, Fachwerk
  16. um 1474 d (?) Watterbach, jetzt Preunschen im Odenwald, Fachwerk: Firstsäulenbau
  17. 1478 d Kleinlangheim (Lkr. Kitzingen), Wiesenbronner Straße 2, Fachwerk: Stockwerksbau
  18. 1484 d Bettwar (Gde. Steinsfeld, Lkr. Ansbach), Hs. Nr. 4, zweigeschoßiger Steinbau/Fachwerkbau
  19. 1488 d Machtilshausen (Gde. Elfershausen, Lkr. Bad Kissingen), Wasserloser Straße 6, Fachwerk: Stockwerksbau
  20. 1497 i Hoppelmühle (Gde. Ederheim, Lkr. Donau-Ries) bei Nördlingen (Lkr. Donau-Ries), Backsteinbau

Literatur

  • Bauernhäuser in Bayern: Mittelfranken, hg. von Helmut Gebhard/Konrad Bedal, München 1994 (Dokumentation, Band 1); Oberfranken, hg. von Helmut Gebhard/Bertram Popp, München 1995 (Dokumentation, Band 2); Unterfranken, hg. von Helmut Gebhard/Konrad Bedal/Albrecht Wald, München 1996 (Dokumentation, Band 3); Oberpfalz, hg. von Helmut Gebhard/Paul Unterkircher, München 1995 (Dokumentation, Band 4); Niederbayern, hg. von Helmut Gebhard/Georg Baumgartner, München 1995 (Dokumentation, Band 5); Oberbayern 1, hg. von Helmut Gebhard/Konrad Bedal, München 1998 (Dokumentation, Band 6/1); Oberbayern 2, hg. von Helmut Gebhard/Helmut Keim, München 1998 (Dokumentation, Band 6/2); Schwaben, hg. von Helmut Gebhard/Hans Frei/Otto Kettemann, München 1999 (Dokumentation, Band 7).
  • Karl Baumgarten, Das deutsche Bauernhaus. Eine Einführung in seine Geschichte vom 9. bis zum 19. Jahrhundert, Berlin 2. Auflage 1985.
  • Konrad Bedal, Bauernhäuser aus dem Mittelalter. Ein Handbuch zur Baugruppe Mittelalter im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim (Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums), Bad Windsheim 1997.
  • Konrad Bedal/Herbert May, Unter Dach und Fach. Häuserbauen in Franken vom 14. bis ins 20. Jahrhundert, Bad Windsheim 2002.
  • Konrad Bedal, Vielfältig und vielräumig. Bemerkungen zum spätmittelalterlichen bäuerlichen Hausbau in Nordbayern - Bestand, Formen, Befunde, in: Konrad Bedal/Sabine Fechter/Hermann Heidruch (Hg.), Haus und Kultur im Spätmittelalter. Berichte der Tagung "Ländliche Volkskultur im Spätmittelalter in neuer Sicht" des Fränkischen Freilandmuseums vom 24. bis 26. April 1996, Bad Windsheim 1998, 75-128.
  • Torsten Gebhard, Ein spätgotischer Bauernhaustyp aus der Oberpfalz, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1952, 19-24.
  • Rudolf Helm, Das Bauernhaus im Gebiet der freien Reichsstadt Nürnberg, Berlin 1940, Neuauflage unter dem Titel: Das Bauernhaus im Alt-Nürnberger Gebiet, Nürnberg 1979.
  • Walter und Wolfgang Kirchner, Frühe ländliche Gerüstformen unter dem Legschieferdach, in: Herbert May/Kilian Kreilinger (Hg.), Alles unter einem Dach – Häuser, Menschen, Dinge. Festschrift für Konrad Bedal zum 60. Geburtstag (Quellen und Materialien zur Hausforschung in Bayern 12), Petersberg 2004, 245-254.
  • Walter und Wolfgang Kirchner, Mittelalterlicher Hausbau in Matting, in: Konrad Bedal/Sabine Fechter/Hermann Heidrich (Hg.), Haus und Kultur im Spätmittelalter. Berichte der Tagung "Ländliche Volkskultur im Spätmittelalter in neuer Sicht" des Fränkischen Freilandmuseums vom 24. bis 26. April 1996, Bad Windsheim 1998, 163-192.
  • Walter und Wolfgang Kirchner, Spätmittelalterliche Bauernhäuser im Bereich von Altmühl und Donau, in: Hausbau im Mittelalter 1 (Jahrbuch für Hausforschung 33/1), Sobernheim/Bad Windsheim 1983, 319-376.
  • Karl Schnieringer, Bauernhäuser des 15. Jahrhunderts im Bayerischen Wald. Neue Entdeckungen der Bauforschung, in: Denkmalpflege-Informationen 136 (2007), 26-28.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Wohnhäuser auf dem Land (Spätmittelalter), Ländliche Wohnverhältnisse (Spätmittelalter)

Empfohlene Zitierweise

Konrad Bedal, Bauernhäuser (Spätmittelalter), publiziert am 18.07.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bauernhäuser (Spätmittelalter)> (13.11.2018)