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Schlacht von Gammelsdorf, 1313

Das 1842 errichtete Denkmal bei Gammelsdorf. Initiator war der örtliche Pfarrer Franz Anton Gottstein (1790-1858), finanziert wurde das Denkmal durch Spenden aus Landshut, Straubing, Ingolstadt und Moosburg. (Foto: Zena Stöckl, Gammelsdorf)
Herzog Ludwig's Sieg bei Gammelsdorf über die Oesterreicher und Niederbayern am 9. November 1313. Wandbild im Gebäude des 1867 eröffneten Bayerischen Nationalmuseums (heute: Museum Fünf Kontinente). (aus: Karl von Spruner Die Wandbilder des Bayerischen National-Museums. Band I, München, 1868, Tafel 22. Abbildung aus dem Exemplar, das König Ludwig II. der Bayerischen Staatsbibliothek schenkte. [BSB Rar. 106])

von Karl Borromäus Murr

In der am 9. November 1313 geschlagenen Schlacht siegte der oberbayerische Herzog Ludwig (reg. 1294-1347) bei Gammelsdorf (Lkr. Freising) in der Nähe von Moosburg an der Isar über das österreichische Heer. Erst kurz zuvor hatte er selbst seine habsburgfreundliche Haltung aufgegeben, da sie zur akuten politischen Gefahr geworden war. Sein Sieg entzog das reiche Niederbayern den habsburgischen Begehrlichkeiten und markierte die Festigung seiner Herrschaft in Bayern. Angesichts seines späteren Aufstiegs zur Königs- und Kaiserwürde (König ab 1314, Kaiser ab 1328) begann schon die zeitgenössische Historiographie, allen voran der Verfasser der Fürstenfelder Chronik, die Schlacht, die in Wirklichkeit nur ein kleineres Scharmützel dargestellt hatte, als ein für Ludwig zukunftsweisendes Gefecht zu deuten, womit sich der oberbayerische Herzog überhaupt erst für die Reichspolitik empfohlen hätte. Die Schlacht bei Gammelsdorf ist daher von mehreren mythischen Schichten überlagert und lässt sich als historisches Ereignis im Detail kaum mehr rekonstruieren.

Quellenlage und Forschungsstand

Anders als bei der Mühldorfer Schlacht von 1322 fließen die Quellen bei der Schlacht bei Gammelsdorf (Lkr. Freising) eher spärlich. Die reichsgeschichtlich relevante Chronistik eines Matthias von Neuenburg (ca. 1295-ca. 1364) oder eines Heinrich Taube von Selbach (gest. 1364) geht, wenn überhaupt, nur sehr kurz auf die Gammelsdorfer Schlacht ein. Auskunftsfreudiger sind dagegen drei bayerische Chroniken, die ganz für den Wittelsbacher Herzog Ludwig der Bayer (reg. 1294-1347, König ab 1314) eingenommen sind. Der ausführlichste Bericht über die Schlacht findet sich in der "Fürstenfelder Chronik von den Taten der Fürsten" (Chronica de gestis principum), die etwa 1330 entstanden ist. Die pathetisch-religiös durchwirkte "Chronik Kaiser Ludwigs IV." steuert dagegen wenige konkrete Erkenntnisse zur Schlacht bei, nennt lediglich ein paar der von Ludwig gefangen genommenen Gegner und eingenommenen Burgen. Einen weiteren Abriss der Schlacht liefert die "Chronik von den Herzögen Bayerns", die allerdings erst in einem zeitlichen Abstand von knapp 60 Jahren (1371/72) nach dem eigentlichen Ereignis entstanden ist. Der Böhme Peter von Zittau (gest. 1339) (Chronicon Aulae Regiae) erkannte in dem Treffen von Gammelsdorf eine durchaus bedeutende Schlacht. Der Partei der Habsburger näher stand Johannes Viktring (gest. 1347), der Abt des Zisterzienserklosters Viktring in Kärnten, der in seinem 1340/41 begonnenen Hauptwerk "Buch gewisser Geschichten" (Liber certarum historiarum) kurz von der Schlacht von 1313 berichtet.

Der Quellenwert der genannten chronikalischen Überlieferungen wird allerdings dadurch getrübt, dass sie sämtlich nicht aus der Zeit der Schlacht selbst stammen. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass beispielsweise der Fürstenfelder Chronist oder auch Johannes Viktring bereits mit dem Wissen um den 1322 bei Mühldorf von Ludwig dem Bayern erfochtenen Sieg über Friedrich den Schönen (reg. 1308-1330 in Österreich, 1314 Gegenkönig) der Gammelsdorfer Schlacht von 1313 zukunftsweisende Bedeutung zumessen wollten.

Je nachdem, wie der Quellenwert der genannten Chronisten eingeschätzt wird, hat die mediävistische Historiographie der Gammelsdorfer Schlacht mehr oder weniger Bedeutung zuerkannt. Während Sigmund von Riezler (1843-1927) 1880, Alphons Lhotsky (1903-1968) 1967 und tendenziell auch Max Spindler (1894-1986) und Andreas Kraus (1922-2012) (1969/1988) sich gegen eine Unterbewertung der Schlacht wandten, relativierten Friedrich Bock (1890-1963) 1944 und zuletzt 1993 sehr pointiert Heinz Thomas (geb. 1935) die Bedeutung der Schlacht. Letzterer spricht gar nur noch von einem "Scharmützel". Die kriegsgeschichtliche Studie von Wilhelm Hofmann (Gammelsdorf 1313) schließlich hält moderner Quellenkritik indes nicht stand.

Der historische Hintergrund

Der Aufstieg des 1281/82 geborenen Herzogs Ludwig war geprägt von den steten Auseinandersetzungen mit seinem älteren Bruder Herzog Rudolf (reg. 1294-1317). Obgleich herrschaftlich gleichberechtigt, missachtete Rudolf beständig die Ansprüche des minderjährigen Bruders. Nachdem Rudolf sich König Adolf von Nassau (reg. 1292-1298) annährte, ergriff die habsburgische Mutter Mathilde (1251-1304) - eine Schwester König Albrechts I. (reg. 1289-1308), von dem sie sich politisch instrumentalisieren ließ - die Partei Ludwigs. Sie schickte diesen deshalb zur Erziehung an den Wiener Hof, wo der junge Wittelsbacher zusammen mit seinen Vettern Friedrich dem Schönen und Leopold (reg. 1308-1326) erzogen wurde. Mit Hilfe Albrechts I. gelang es Ludwig, 1301 als Mitregent Rudolfs anerkannt zu werden. Gleichwohl kam es zum Bruch der beiden Brüder, der mit der oberbayerischen Landesteilung von 1310 besiegelt wurde.

Bald überlagerte die weiter schwelenden Zwistigkeiten zwischen den Brüdern ein neuer Konflikt, der um das reiche und für Österreich strategisch günstig gelegene Niederbayern entbrannte – ein Konflikt, den der um Anerkennung ringende Ludwig politisch für sich zu nutzen verstand.

Anlass für das politische Eingreifen in Niederbayern bot Ludwig der Tod seines Vetters Stephan I. (reg. 1290-1310), nachdem er zusammen mit dem noch lebenden niederbayerischen Vetter Otto III. (reg. 1290-1312, als König von Ungarn 1305-1312) ab Ende 1310 die Vormundschaft über Stephans Söhne wahrnahm. Bevor auch Otto III. am 9. September 1312 verstarb, hatte er unter Einbeziehung der Städte Landshut und Straubing Ludwig zum Vormund auch über seinen eigenen Sohn bestimmt. Unverhofft fiel dem jungen oberbayerischen Herzog dadurch die Regentschaft über ganz Niederbayern in die Hände. Dies stieß allerdings auf den Widerspruch der Herzoginnen Judith (ca. 1280-1320) und Agnes (ca. 1280-1361), den Witwen von Stephan I. und Otto III. die – wie auch ein Teil des niederbayerischen Adels – die wittelsbachischen Prinzen lieber der Obhut Habsburgs überantworten wollten. Ludwig verständigte sich zunächst mit den ihm nahe stehenden Herzögen von Österreich, die durchaus Begehrlichkeiten gegenüber Niederbayern hegten. Als jedoch die niederbayerischen Städte Landshut und Straubing bei Herzog Rudolf um Hilfe gegen den österreichfreundlichen Kurs von Ludwigs niederbayerischer Regentschaft nachsuchten, sah sich Letzterer zu neuem Handeln gezwungen.

Um das Heft des Handelns wieder an sich zu reißen, vollführte Ludwig eine radikale Kehrtwende seiner bisherigen Politik. Den Anfang bildete die Versöhnung mit seinem Bruder Rudolf. Der Hausvertrag vom 21. Juni 1313 (Münchner Frieden) machte die oberbayerische Landesteilung von 1310 rückgängig und setzte eine gemeinsame Landesverwaltung in Kraft. Diese Einigung mit Rudolf war zugleich die Voraussetzung dafür, dass Ludwig als langjähriger Parteigänger Österreichs von nun an als entschiedener Gegner der Habsburger Ansprüche auftrat. Eifrig sammelte Ludwig seine Anhänger, um sich gegen Österreich zu wappnen. Daraufhin übertrugen die österreichfreundlichen Witwen Stephans I. und Ottos III. die Vormundschaft über ihre Kinder und damit die Landesregierung im Herzogtum Niederbayern dem österreichischen Herzog Friedrich dem Schönen. Die Mehrheit der niederbayerischen Ritterschaft stand zusammen mit dem niederbayerischen herzoglichen Rat auf der Seite Friedrichs und unterstützte diesen, indem sie ihm ihre Burgen überantwortete. In dieser Situation mussten die Waffen entscheiden.

Die Schlacht

Das österreichische Heer machte sich von Osten her in Richtung Oberbayern auf den Weg. Dass allerdings die Habsburger in der anstehenden militärischen Auseinandersetzung nicht alles auf eine Karte setzten, belegt die Tatsache, dass weder Friedrich der Schöne noch sein Bruder Leopold persönlich an dem Kriegszug gegen Bayern teilnahmen. Das österreichische Aufgebot bestand vor allem aus dem mit den Habsburgern verbündeten hohen niederbayerischen Adel, der von einigen österreichischen und steirischen Herren unterstützt wurde. Auf der Gegenseite fehlte Rudolf im Gefolge Ludwigs, dessen Aufgebot hauptsächlich aus oberbayerischen Adeligen und niederbayerischen Stadtbürgern bestand.

Am 9. November 1313 fand die militärische Auseinandersetzung in der Nähe von Moosburg bzw. von Gammelsdorf (Lkr. Freising) statt. Tatkräftig unterstützt von den zu Fuß kämpfenden stadtbürgerlichen Truppen, errang Ludwig nach nur kurzem Gefecht einen Sieg auf ganzer Linie. Die meisten der bezwungenen Gegner gerieten in bayerische Gefangenschaft. Namhafte Tote sind nicht überliefert. Vermutlich war Ludwig darum bemüht, die niedergerungenen niederbayerischen Adeligen zu schonen. Sie mussten allerdings Ludwig ihre Burgen öffnen. Mehr noch als der niederbayerische Adel dürften die österreichischen Gefangenen zu Lösegeldzahlungen verpflichtet worden sein.

Die Folgen der Schlacht

Mit dem Sieg Ludwigs war den österreichischen Herrschaftsambitionen in Niederbayern ein Ende gesetzt. Ludwig, der den Sieg ohne aktive Beteiligung seines Bruders Rudolf erkämpft hatte, stellte in der Schlacht seine militärische bzw. politische Handlungsfähigkeit unter Beweis und konsolidierte vor allem seine eigene Herrschaft über Oberbayern hinaus. Am 17. April 1314 schloss er mit Friedrich dem Schönen in Salzburg einen Vertrag, der unter die bei Gammelsdorf ausgetragene Fehde um die Herrschaft in Niederbayern einen Schlussstrich zog.

Die Mythologisierung der Schlacht

Die Mythenbildung um die Schlacht setzte schon mit den zeitgenössischen bayerischen Chronisten ein und wirkte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Die Fürstenfelder Chronik wie auch die Chronik Kaiser Ludwigs IV. stilisierten im Sinne der Heerkaiserideologie das Gammelsdorfer Treffen zu einem militärischen Gründungsmythos für die Herrschaft Ludwigs des Bayern, dessen großer politischer Aufstieg seinen Ausgang von der Schlacht von 1313 genommen hätte.

Eine weitere – sehr wirkmächtige – Mythologisierung der Gammelsdorfer Schlacht ging von der Stadt Landshut aus, die in der Frühen Neuzeit begann, ihr Stadtwappen mit den drei Helmen als Dankesgabe von Ludwig dem Bayern für ihre militärische Unterstützung in der Schlacht zu begründen. Im 19. Jahrhundert übertrug sich diese Wappensage in ähnlicher Weise auch auf die Städte Straubing, Ingolstadt, Moosburg, München und Erding, die allesamt davon ausgingen, ihre Stadtwappen als Dank für die Unterstützung 1313 von Ludwig dem Bayern als Privilegierung erhalten zu haben. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wies die heraldische Forschung diese Vorstellung endgültig in das Reich der Geschichtslegenden.

Die Wiederkehr der Schlacht von 1313 wird in neuester Zeit in Gammelsdorf selbst auch staatlicherseits feierlich begangen: 1913 im Beisein des am 5. November 1913 eben erst zum König proklamierten Ludwig III. (1845-1921, Prinzregent 1912-1913, König 1913-1918) und 1963 unter Beteiligung des bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU, 1905-1991, Ministerpräsident 1962-1978). 1974 initiierte der Schauspieler und Autor Georg Lohmeier (1926-2015) die seither fast jedes Jahr im Januar in Gammelsdorf stattfindenden Patriotentreffen, in denen ein gemäßigter Monarchismus volkstümlich nostalgischer Prägung seinen Ausdruck findet.

Literatur

  • Urban Bassi/Margit Kamptner, Studien zur Geschichtsschreibung Johanns von Viktring, Klagenfurt 1997, 84-88.
  • Friedrich Bock, Reichsidee und Nationalstaaten. Vom Untergang des alten Reiches bis zur Kündigung des deutsch-englischen Bündnisses im Jahre 1341, München [1944], 155.
  • Claudia Brinker-von der Heyde, Von manigen helden gute tat. Geschichte als Exempel bei Peter Suchenwirt, Bern u. a. 1987, 157.
  • Wilhelm Hofmann, Gammelsdorf 1313. Eine kriegsgeschichtliche Studie, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern 73 (1940), 67-84.
  • Alphons Lhotsky, Geschichte Österreichs seit der Mitte des 13. Jahrhunderts (1281-1358) (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte Österreichs 1), Wien 1967, 221-223.
  • Bernhard Lübbers, Briga enim principum, que ex nulla causa sumpsit exordium… Die Schlacht bei Gammelsdorf am 9. November 1313. Historisches Geschehen und Nachwirken, in: Hubertus Seibert (Hg.), Ludwig der Bayer (1314–1347). Reich und Herrschaft im Wandel, Regensburg 2014, 205–236.
  • Karl Borromäus Murr, Das Mittelalter in der Moderne. Die öffentliche Erinnerung an Kaiser Ludwig den Bayern im Königreich Bayern, München 2008, 363-423, 493-496.
  • Sigmund von Riezler, Geschichte Baierns. 2. Band, Gotha 1880, 298-301.
  • Max Spindler/Andreas Kraus, Der Aufstieg Herzog Ludwigs IV., in: Dies. (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 2. Band: Das alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 2. Auflage 1988, 139-145.
  • Heinz Strehler u. a., Gammelsdorf: Die Schlacht, das Denkmal und das Patriotentreffen, hg. vom Förderkreis, Gammelsdorf 1999.
  • Heinz Thomas, Ludwig der Bayer (1282-1347). Kaiser und Ketzer, Regensburg 1993, 39-42.

Quellen

  • Walter Friedensburg (Übers.), Quellen zur Geschichte Kaiser Ludwig's des Baiern. 1. Hälfte (Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. 14. Jahrhundert 3), Leipzig 1883, 42-50 (Die Fürstenfelder Chronik von den Thaten der Fürsten), 90-92 (Chronik von den Herzögen von Baiern), 104-107 (Das Leben Kaiser Ludwig's).
  • Fedor Schneider (Bearb.), Johann von Viktring, Liber certarum historiarum. 2. Band (Scriptores rerum Germanicarum in Usum Scholarum ex Monumentis Germaniae Historicis Seperatim Editi), Hannover/Leipzig 1910, 27-28.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Karl Borromäus Murr, Schlacht von Gammelsdorf, 1313, publiziert am 18.10.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Schlacht von Gammelsdorf, 1313> (13.12.2018)