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Ungarisches Königtum Ottos III. von Niederbayern, 1305-1307

Darstellung Ottos III. von Niederbayern als König von Ungarn in der Chronica Hungarorum, nach 1490. (Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. Germ. 156, fol. 82r lizensiert durch CC-BY-SA 3.0 DE)

von Sarah Hadry

Herzog Otto von Niederbayern (1261-1312, reg. 1290-1312, ungarischer König von Dez. 1305- ca. März 1307), Sohn einer Árpádin, war seit 1301 von Teilen des ungarischen Adels die ungarische Königskrone angetragen worden. 1305 ließ er sich zu Otto I. von Ungarn krönen - als Gegenkönig zu Karl Robert von Anjou (1288-1342, 1301-1342 ungarischer König). Der Wittelsbacher konnte gegen seinen Rivalen, der über päpstliche und habsburgische Unterstützung verfügte, jedoch nicht die Oberhand gewinnen. Ottos Versuch, seine Position durch eine Annäherung an den Woiwoden von Siebenbürgen zu stärken, endete mit seiner Gefangenschaft auf einer transsilvanischen Karpatenburg. Während sich Karl Robert von Anjou als Herrscher der Magyaren durchsetzte und eine Periode der inneren Konsolidierung Ungarns einleitete, kehrte Otto Anfang 1308 nach Bayern zurück. Über seine Aktivitäten als König ist kaum etwas bekannt.

Ausgangslage

a) Das Ende des árpádischen Hauses, 1301

Das Königreich Ungarn, das Herzogtum Bayern und die deutschen Siedlungsgebiete in Ungarn im Spätmittelalter. (© Haus der Bayerischen Geschichte; Entwurf: Wolfgang Petz; Kartographie Ch. Peh & G. Schefcik, Eppelheim. Die Karten unterliegen dem Urheberschutz.)

Zu Jahresbeginn 1301 starb mit dem ungarischen König Andreas (Endre) III. (1265-1301, reg. 1290-1301) der letzte männliche Vertreter des seit 1001 regierenden Árpádengeschlechts. Nach Auffassung der ungarischen Stände kam ihnen das Recht zu, unter den Nachfahren Stephans des Heiligen, und zwar auch jenen des weiblichen Zweigs, den König wählen zu dürfen. Erbberechtigt über ihre ungarischen Mütter waren der Neapolitaner Karl Martell von Anjou (1271-1295), König Wenzel II. von Böhmen (1271-1305, reg. 1278-1305) sowie Herzog Otto von Niederbayern (1261-1312, reg. 1290-1312). In den von 1301 bis 1307 anhaltenden Thronwirren behauptete sich letztlich Karl Robert von Anjou, Sohn Karl Martells (1288-1342, reg. 1301-1342).

b) Die Schwäche des ungarischen Königtums um 1300

Generell gilt das anbrechende 14. Jahrhundert für Ungarn als ein von Gewalt und Rechtsunsicherheit geprägter Zeitabschnitt. Otto von Niederbayern traf auf eine prekäre Situation, als er 1305 seine Regierung antrat:

Das ungarische Königtum hatte noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine dominierende Stellung gegenüber den adeligen Familien besessen. In den folgenden Jahrzehnten vergaben die Könige jedoch immens viel Grundbesitz an Adel und Kirche. Beschleunigt durch die große Tartareninvasion von 1241 und dramatische árpádische Familien- und Erbstreitigkeiten erfuhr die Königsmacht im Laufe des 13. Jahrhunderts eine deutliche Schwächung.

Die Jahrzehnte um 1300 gelten der ungarischen Historiographie als Epoche der "Territorialherren": Ausgestattet mit Grundbesitz und königlichen Ämtern erreichten etwa ein Dutzend Familien fürstenähnliche Positionen (Burgenbau, Hofhaltung, Unterhalt eigener Heere, Aufbau von Klientelverbänden nach Art westeuropäischer Lehensverbände). Demgegenüber standen die Interessen des Königtums, des zunehmend in Abhängigkeiten gezwungenen Kleinadels und der unter den häufig gewaltsam vorgebrachten Machtansprüchen der Oligarchen leidenden Kirche.

Zusätzliche Instabilität brachten die ethnischen Gegensätze, die aus den Zuwanderungen des 12. (deutsche Siedler) und 13. Jahrhunderts (Bulgaren, Petschenegen, Kumanen) resultierten.

Die drei Thronprätendenten: Neapel/Anjou, Böhmen und Bayern

a) Die Krönung Karl Roberts von Anjou, 1301

Karl von Anjou in der Brünner Ausgabe der Chronica Hungarorum von Johannes Thurocz. (Bayerische Staatsbibliothek, Inc.c.a. 2125, fol. 56v)

Bereits im Frühjahr 1300 und damit noch zu Lebzeiten Königs Andreas’ III. riefen Teile des ungarischen Adels den damals zwölfjährigen Karl Robert von Anjou, Enkelsohn der Árpádin Maria von Ungarn (ca. 1255-1323), zum Thronfolger aus. Die Anjou regierten das Königreich Neapel, das ein päpstliches Lehen war. Sie hatten daher eine enge Verbindung nach Rom. Die päpstliche Kurie, welche sich Einflussmöglichkeiten auf Ungarn versprach, unterstützte die Kandidatur Karl Roberts massiv. In Ungarn selbst stand die Anjou-Partei unter der Führung dalmatisch-kroatischer und bosnischer Großgrundbesitzer.

König Andreas verstarb im Januar 1301. Kurz darauf wurde Karl Robert in Gran (dt.)/Esztergom (ungar.) durch den dortigen Erzbischof und in Anwesenheit seiner Anhänger gekrönt. Jedoch fehlte dem Krönungsakt sowohl die Legitimationskraft der Stephanskrone als auch die Anwesenheit weiter Teile des Adels und des hohen Klerus; zudem war die Wahl des krönenden Erzbischofs unter angreifbaren Umständen erfolgt. Die Mehrheit der ungarischen Stände sah Karl Robert daher als unrechtmäßig von Papst Bonifaz VIII. (um 1235-1303, Papst seit 1294) eingesetzten Kandidaten an und verweigerte ihm ihre Anerkennung.

b) Das Gegenkönigtum der Přemysliden, 1301-1305

König Wenzel II. von Böhmen in der Brünner Ausgabe der Chronica Hungarorum von Johannes Thurocz. (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Inc.c.a. 2125, fol. 54v)

Die Brüder Otto III. (1261-1312, reg. 1290-1312, ungarischer König von Dez. 1305- ca. März 1307) und Stephan I. von Niederbayern (1271-1310, reg. ab 1294) hatten Anfang 1301 die ihnen angebotene Stephanskrone abgelehnt. Danach wandten sich die ungarischen Gegner des Anjou-Königs an Wenzel II. von Böhmen-Polen. Dieser nahm die Krone für seinen kleinen Sohn Wenzel III. (1289-1306, reg. als König von Böhmen-Polen 1305-1306) an. Im Frühjahr 1301 wurde der zwölfjährige Wenzel zum Gegenkönig gewählt. Ende August 1301 erfolgte in Stuhlweißenburg (dt.)/Székesfehérvár (ungar.) seine Krönung durch den – an sich nicht zuständigen – Erzbischof von Kalocsa. Anders als bei Karl Roberts Krönung kam diesmal die Stephanskrone zum Einsatz. Wenzel nahm den Königsnamen Laszló (Ladislaus) an und betonte dadurch seine blutsmäßige Verbundenheit mit dem Haus Árpád.

Der junge König konnte seine anfänglich große, auch die Mehrheit des Klerus umfassende Anhängerschaft nicht lange gegen die vom Papst unterstützte Anjou-Partei bewahren. Zugleich gelang dem Rivalen Karl Robert ein Bündnis mit Rudolf von Österreich (1282-1307, als Rudolf I. 1306-1307 König von Böhmen-Polen). Aus habsburgischer Sicht war eine Erweiterung der böhmisch-mährisch-polnischen Herrschaft der Přemysliden auf Ungarn keinesfalls hinnehmbar. Als sich die Lage zuspitzte, holte König Wenzel II. seinen Sohn Wenzel/Ladislaus 1304 nach Böhmen zurück und führte dabei die ungarischen Kroninsignien mit sich.

c) Otto von Niederbayern als Kandidat der ungarischen Magnaten

König Otto. Illustrierter Holzschnitt aus der Brünner Ausgabe der Chronica Hungarorum von Johannes Thurocz (gest. 1490). (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Inc.c.a. 2125, fol. 56r)

Otto regierte seit 1290 das Herzogtum Niederbayern, seit 1294 gemeinsam mit seinen Brüdern Ludwig III. (1269-1296) und Stephan I. Außenpolitisch verfolgte Otto eine auf territoriale Expansion (Steiermark, unterer Inn) angelegte und somit antihabsburgische Politik. Folgerichtig unterstützte er im deutschen Thronstreit König Adolf von Nassau (um 1255-1298, dt. König 1292-1298), söhnte sich aber nach dessen Tod mit Albrecht von Habsburg (1255-1308, dt. König 1298-1308) aus (formelle Versöhnung 1300). Nach einer Phase als habsburgischer Bündnispartner gegen Böhmen (1302-1304) stellte Otto sich durch seine ungarische Thronkandidatur 1305 wieder frontal gegen Österreich.

Als thronfähig galt Herzog Otto III. von Niederbayern wegen seiner Mutter Elisabeth von Ungarn (1236–1271). Er war ein Enkel König Bélas IV. von Ungarn (1206-1270, reg. 1235-1270). Otto hatte noch 1301 ein entsprechendes Angebot abgelehnt, erklärte sich aber im Frühjahr 1305 gegen die Empfehlung seiner Räte bereit, sich auf das pannonische Abenteuer einzulassen. Inwieweit der damals 45-jährige Otto über die schwierigen Verhältnisse in Ungarn im Bilde war, ist unklar. Familiäre Beziehungen bestanden zu Stephan Ákos, einem ungarischen Großgrundbesitzer, der eine bayerische Schwiegertochter hatte.

Otto reiste im September 1305 an den Brünner Hof König Wenzels II. Wenzel verzichtete am 9. Oktober in Anwesenheit der böhmischen Stände auf den ungarischen Thron und übergab Otto die Reichsinsignien samt Stephanskrone. Ursache dieses böhmisch-bayerischen Schulterschlusses war die gemeinsame Opposition gegen Habsburg, die durch den zuvor (1304) durch Bayern vollzogenen Bündnisbruch mit Österreich eingeleitet worden war. Für Böhmen erschien ein wittelsbachisch regiertes Ungarn gegenüber einer Herrschaft des habsburgtreuen Anjou als das kleinere Übel.

Ottos Königtum

a) Ottos Ankunft in Ungarn

Nach einer Inkognito-Reise durch Niederösterreich traf der Wittelsbacher im November 1305 in Ödenburg (dt.)/Sopron (ungar.) ein. Um Martini (11. November) herum betrat er Ofen (dt.)/Buda (ungar.), wo er die Huldigung der – mehrheitlich deutschen - Bürger entgegennahm. Ottos Krönung ging ein "Rumpfreichstag" (Hóman) voran, auf dem ein Teil des ungarischen Hochadels, dessen Gefolgschaft aus dem mittleren und niederen Adel sowie Gesandte der Siebenbürger Sachsen vertreten waren.

b) Ottos Parteigänger

Zu Ottos Anhängerschaft zählten:

  • Der Adel Westungarns/Transdanubiens
  • Die Magnatenfamilie Németujvár und der unter ihrem Einfluss stehende Adel in der Tiefebene zwischen Donau und Theiß
  • Die Familie Köszeg (deutsch: Güssinger), die ihr Zentrum in Westungarn hatte
  • Magnaten und Landadlige im heutigen Nordostungarn
  • Die Familie Borsa in Ostungarn
  • Die Familie Akos in Nordungarn
  • Die Städte Gran (dt.)/Esztergom (ungar.), Ofen (dt.)/Buda (ungar.) und Stuhlweißenburg (dt.)/Székesfehérvár (ungar.) (historische Königssitze)
  • Die in Transsilvanien beheimateten, deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen
  • Ein kleiner Teil der Bischöfe und des Klerus
  • König Wenzel II. von Böhmen

Als bayerische Begleiter Ottos werden in den Osterhofener Annalen die Grafen Albrecht von Hals sowie Hartlieb von Buchenberg genannt. Beide sollen 1306 oder 1307 auf Betreiben der Ungarn von Otto zurück nach Bayern geschickt worden sein.

c) Ottos Krönung, 6. Dezember 1305

"Herzog Otto III. von Niederbayern wird 1305 zum Könige von Ungarn gekrönt." Wandbild im Gebäude des 1867 eröffneten Bayerischen Nationalmuseums (heute: Museum Fünf Kontinente). (aus: Karl von Spruner Die Wandbilder des Bayerischen National-Museums. 1. Band, München, 1868, Tafel 21. Abbildung aus dem Exemplar, das König Ludwig II. der Bayerischen Staatsbibliothek schenkte. (Bayerische Staatsbibliothek, Rar. 106))

Die Mehrheit der kirchlichen Würdenträger sowie der zu Königskrönungen allein legitimierte Erzbischof von Gran waren zum Zeitpunkt von Ottos Ankunft Anhänger des Anjou. Otto wurde daher am Nikolaustag 1305 zwar mit der Stephanskrone, aber durch die "falschen" Bischöfe (Suffragane von Weißenburg [dt.]/Veszprém [ungar.] und Csanád) gekrönt. Krönungsort war Stuhlweißenburg (dt.)/Székesfehérvár (ungar.). Es folgte ein feierlicher Zug nach Ofen (dt.)/Buda (ungar.) mit Umritt in der Stadt. Otto trug dabei die Stephanskrone und das rituelle königliche Prachtgewand. Er soll insbesondere von der deutschsprachigen Stadtbevölkerung begeistert empfangen worden sein.

d) Erfolge der Anjou-Partei, 1306/07

Die Anjou-Partei bot unmittelbar nach Ottos Krönung einen einjährigen Waffenstillstand an. Während dieser Zeit sammelten Ottos Gegner mit Hilfe kirchlicher Unterstützung störungsfrei mehr und mehr Anhänger um sich. Von Otto sind aus dem Jahr 1306 lediglich einige Urkunden überliefert, die vor allem Güterübertragungen an Parteigänger bezeugen.

Nach Ablauf des Waffenstillstandes erneuerte der Graner Erzbischof den bereits unter König Wenzel/Ladislaus gegen die Feinde Karl Roberts verhängten Kirchenbann. Viele der früheren Wenzel-Anhänger wandten sich nun dem Favoriten des Papstes zu, dem es Anfang 1307 (?) gelang, Ofen und Gran zu erobern. Papst Clemens V. (1305-1314) verbot Otto, den Königstitel zu führen und berief den bei Ottos Krönung involvierten Csanader Bischof zur Bestrafung nach Rom. Die ständige und vehemente Parteinahme von Papst und Kirche (Bann-Androhungen für Ottos Anhänger) weichten die Front von Ottos Anhängerschaft immer weiter auf; seine Situation wurde zunehmend prekär.

e) Ottos transsilvanische Gefangenschaft und Abdankung, 1307

Um 1300 gab es in Ungarn elf Magnaten, die eine fürstengleiche Stellung besaßen. Einer davon war László (Ladislaus) Kán (gest. 1314/15), Woiwode von Siebenbürgen, mit Hofhaltung in Deva (rumän.)/Déva (ung.)/Diemrich (dt.). Otto, der seine Unterstützer vor allem im Westen und Norden Ungarns hatte, versprach sich offenbar Vorteile aus einer Annäherung an den Herrn des Südostens, da er im Frühjahr 1307 nach Siebenbürgen reiste. Im März 1307 wurde er in Bistritz (dt.)/Bistriţa (rumän.) (Rumänien) von den dort lebenden Siebenbürger Sachsen empfangen und von ihnen nach Hermannstadt eingeladen.

Die steirische Reimchronik berichtet über Ottos Ankunft in Hermannstadt (Semüller, Reimchronik II, 1145): "grozlich erten si in mit freuden, mit schalle freuten si sich alle, daz in got bi irem leben einen tiutschen kunic hete geben ..."

Angeblich hatte der Oligarch László Kán König Otto die Hand seiner Tochter angeboten. Otto hätte seine Stellung durch die Vermählung mit einer Landestochter stärken können, während der Woiwode als königlicher Schwiegervater seine Machtfülle weiter gemehrt hätte. Jedoch nahm der Siebenbürger den Wittelsbacher bei dessen Ankunft gefangen und setzte ihn für mehrere Monate auf einer seiner Burgen fest. László Káns Seitenwechsel wird dem zwischenzeitlich weiter angewachsenen Einfluss der Anjou-Partei sowie entsprechenden Aktivitäten der Habsburger zugeschrieben.

f) Rückkehr ins Herzogtum Niederbayern, 1307/08

Otto dankte nach einigen Monaten Gefangenschaft ab und wurde daraufhin an den Anjou-Parteigänger Ugrin Csák übergeben, um anschließend gegen ein hohes Lösegeld freigelassen und aus Ungarn vertrieben zu werden. Otto kehrte über Galizien und Schlesien zurück. Während seines Aufenthalts bei Herzog Heinrich von Schlesien-Glogau (reg. 1274–1309) verlobte er sich mit dessen Tochter Agnes (nach 1292-1361). Da Papst Clemens V. am 10. August 1307 Karl Robert erneut als König von Ungarn bestätigte, könnten Ottos Abdankung und Rückreise zu diesem Zeitpunkt vollzogen gewesen sein.

Nach seiner Rückkehr nach Bayern (Februar 1308) heiratete er am 18. Mai in Straubing die Schlesierin Agnes.

Nachwirkung im Haus Wittelsbach

Das ungarische Thronabenteuer hatte erhebliche finanzielle Lasten verursacht. Otto musste daher in der Ottonischen Handveste 1311 den Ständen wichtige Zugeständnisse machen.

Nach seiner Rückkehr nahm Otto das Patriarchenkreuz (seit König Bela IV. Wappenbild der ungarischen Könige) in sein Siegel und Wappen auf. Den ungarischen Königstitel führten Otto und Agnes von Niederbayern Zeit ihres Lebens. Für eine Aufrechterhaltung des Thronanspruchs über diese symbolischen Handlungen hinaus gibt es keine Hinweise.

Die Erinnerung an die dynastische Verbindung zwischen Bayern und dem ungarischen Königshaus blieb jedoch erhalten. Das bezeugt der wittelsbachische Leitname Stephan, der auf Stephan den Heiligen, den ersten König Ungarns, verweist, und den erstmals Stephan I. von Niederbayern, der Bruder Ottos und jüngste Sohn Elisabeths von Ungarn, trug.

Ansprüche auf den ungarischen Thron formulierte sowohl die spätmittelalterliche bayerische Landeshistoriographie als auch der "Mundus Christiano-Bavaro-Politicus", eine um 1711 verfasste politische und staatstheoretische Schrift des kurbayerischen Hofrats Franz Kaspar von Schmid (1658-1721). Konkrete politische Aktivitäten zur Forcierung dieser Ansprüche blieben indes aus. Jedoch fand die bayerische Beteiligung an den Türkenkriegen zeitweise (ca. 1687-1740) in der Hoffnung statt, die ungarische Krone zu erben, falls das Haus Habsburg in männlicher Linie erlöschen würde.

Zu Forschungsstand und Quellenlage

Ottos ungarisches Königtum berücksichtigt in der deutschsprachigen Historiographie nur die Landesgeschichte und diese wiederum lediglich ganz am Rande. Der einzige Aufsatz zum Thema wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst (Widemann). Die ungarischen Mediävisten behandeln das Thema als chaotische Zwischenphase nach dem Ende der Árpádenherrschaft und vor dem Beginn des ungarischen Königtums der Anjou. Die böhmische und österreichische Forschung konzentriert sich vor allem auf die erfolglose ungarische Kandidatur Wenzels II., während die siebenbürgisch-sächsische Geschichtsschreibung die Parteinahme der Deutschen für König Otto betont. Die rumänische Geschichtsschreibung wäre noch zu überprüfen. Um zu einer über die Ereignisgeschichte hinausreichenden, neueren Darstellung von Ottos Königtum zu gelangen, müsste wohl vorab zunächst einmal eine Auswertung der verschiedenen nationalen Historigraphien erfolgen.

Unter den chronikalischen Quellen kommt aus bayerischer Sicht besonders der zeitgenössischen steirischen Chronik Ottokars aus der Gaal (ca. 1265-nach 1317) Bedeutung zu. Aus Ottos Königszeit sind insgesamt acht von ihm selbst ausgestellte Urkunden bekannt. Ein um 1900 durch Josef Widemann (1870-1962) begonnenes Regestenwerk zu Ottos Herzogs- und Königsurkunden kam bislang nicht zum Abschluss.

Die Urkunden König Ottos II. von Ungarn (nach: Gyula u. a. [Bearb.], Documenta; Widemann, Regesten)
Datum Ausstellungsort Inhalt
1306 April 10 Hermannstadt (dt.)/Sibu (rumän.)/Nagyszében (ungar.) in Rumänien, Kreis Sibiu König Otto bestätigt dem Zisterzienserkloster Kerz (dt.)/Kerc (ungar.)/Cârţa (rumän.) Privilegien der Könige Stephan V. (reg. 1270-1272) und Andreas III. (1265-1301, reg. 1290-1301)
1306 Juli 28 - - König Otto überträgt dem Bischof Benedikt von Veszprém Gerichtsrechte über die Orte Neueg-Szentjakab, Herend und Thogyon.
1306 September 8 Surt (Lokalisierung unklar) Heinrich Herzog von Kärnten [später König von Böhmen, reg. 1307-1310] schließt ein Bündnis mit seinem Verwandten, König Otto und dessen Bruder Stephan, Herzog von Niederbayern. Nicht wirksam ist das Bündnis gegen die folgenden Personen: Den deutschen König, dessen Verwandte, die Herzöge Rudolf und Friedrich von Österreich (reg. als deutscher König ab 1314); die Herzöge Ludwig und Stephan von Oberbayern sowie Otto, Hermann und Waldemar, Markgrafen von Brandenburg. (Heinrich von Kärnten, Gemahl Annas von Böhmen, kämpfte seit 1306/07 gegen Rudolf von Habsburg [Sohn König Albrechts] um die Erbfolge im Königreich Böhmen.)
1306 September 13 Pest (Ungarn, Komitat Budapest) König Otto bestätigt eine Urkunde, die sein "magister tavernicorum" (Schatzmeister und Aufseher über die königlichen Städte) mit Namen Heinrich am 13. Januar 1306 für einen Ofener Bürger namens Endre ausgestellt hat.
1306 Oktober oder November - - König Otto bestätigt drei Dienern seines "magister tavernicorum" namens Dominicus eine Privileg des Königs Wenzel/Ladislaus von 1302 über die Schenkung des Gutes Gyala.
1306, vor dem 6. Oktober - - König Otto übergibt dem Magister Paul die Orte Hurth, Heten und Urs - nachdem der Magister Myko, der diese Güter zuvor käuflich erworben hatte, ohne Erben verstorben war.
1306 Oktober 6 Komárom (ungar.)/Komorn (dt.)/Komárno (slowak.) in Nordwestungarn, Komitat Komárom-Esztergom König Otto übergibt dem Magister Paul aus Komárom zusätzlich zu den Orten Hurth, Heten und Urs [siehe oben] einen Ort Tata (gelegen nahe des Gewässers Goron). Anlass ist Pauls Hochzeit mit der Tochter von Miklós, dem Sohn von Lőrinc aus Bana.
1307 Februar 8 Großwardein (dt.)/Nagyvárad (ungar.)/Oradea (rumän.) im Nordwesten Rumäniens, Kreis Bihor König Otto setzt Stephan, Sohn des Grafen Michael, wieder in Besitz von Gütern, die ihm in den Komitaten Szabolcs und Szatmar entrissen worden sind.
1307 März 4 - - Otto schenkt Dousa (Sohn des Grafen Andreas, Vetter des Palatins Kupaz sowie des Beke und des Ladislaus, Söhne des Thomas, seiner Getreuen) für seine Verdienste das Gut Elep.

Dokumente

Literatur

  • Karl Bosl, Die Geschichte der Repräsentation in Bayern. Landständische Bewegung, landständische Verfassung, Landesausschuß und altständische Gesellschaft (Repräsentation und Parlamentarismus in Bayern vom 13. bis zum 20. Jahrhundert 1), 1974, 38-44.
  • Josef Deér, Die heilige Krone Ungarns (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Denkschriften 91), Wien u. a. 1966.
  • Bálint Hóman, Geschichte des ungarischen Mittelalters. 2. Band: Vom Ende des 12. Jahrhunderts bis zu den Anfängen des Hauses Anjou, Berlin 1943 (Übersetzung: Hildegard von Roosz/Max Pfotenhauer).
  • Gyula Kristó, Die Macht der Territorialherren in Ungarn am Anfang des 14. Jahrhunderts, in: Etudes historiques Hongroises 1985 publiées à l’occasion du XVIe Congrès International des Sciences Historiques par le Comité National des Historiens Hongrois. 1. Band, Budapest 1985, 597-614.
  • Gyula Kristó, Geschichte des frühen Siebenbürgens (895-1324) (Studien zur Geschichte Ungarns 7), Herne 2005 (Originalausgabe: A korai Erdély [895-1324], Szeged 2002).
  • Ferenc Majaros/Bernd Rill, Bayern und die Magyaren. Die Geschichte einer elfhundertjährigen Beziehung, Regensburg 1991. (Majaros referiert betr. Ottos Königtum im Wesentlichen aus Spindlers Darstellung)
  • Martin C. Rady, Nobility, land and service in medieval Hungary (Studies in Russia and East Europe), Basingstoke u. a. 2000.
  • Alois Schmid, Das Kurfürstentum Bayern und Ungarn, in: Ungarn-Jahrbuch. Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie 27 (2004), 305-319. (Informationen zur Aufrechterhaltung des ungarischenThronanspruchs in der Kurfürstenzeit)
  • Ludwig Schnurrer, Urkundenwesen, Kanzlei und Regierungssystem der Herzöge von Niederbayern 1255-1340 (Münchner historische Studien. Abt. Geschichtliche Hilfswissenschaften 8), Kallmünz 1972.
  • Gerhard Schwertl, Otto III., Herzog von (Nieder)Bayern (1290-1312), König von Ungarn (1305-1307), in: Lexikon des Mittelalters. 6. Band, München/Zürich 1996, 1573.
  • Max Spindler/Andreas Kraus, Das ungarische Königtum Herzog Ottos von Niederbayern (1305-1307), in: Ders./Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 2. Band: Das alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 2. Auflage 1988, 117-125. (Betrachtung aus der Perspektive eines grundsätzlichen habsburgisch-wittelsbachischen Konfliktes)
  • Wilhelm Volkert, Die Bilder in den Wappen der Wittelsbacher, in: Hubert Glaser (Hg.), Wittelsbach und Bayern. 1. Band, 1. Teil: Die Zeit der frühen Herzöge. Von Otto I. zu Ludwig dem Bayern, München/Zürich 1980, 13-28 (hier v. a. 17).
  • Josef Widemann, König Otto von Ungarn aus dem Hause Wittelsbach, in: Forschungen zur Geschichte Bayerns 13 (1905), 20-40, und 15 (1907), 71-78. (sehr anekdotenhaft, aber in Teilen mangels Alternativen immer noch gültig)

Quellen

  • Karl-Ludwig Ay, Altbayern von 1180-1550 (Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern 2), München 1977, Nr. 76-78, 403, 404.
  • Elisabeth Galántai/Julius Kristó/Elemér Mályusz (Bearb.), Johannes de Thurocz. Chronica Hungarorum (Bibliotheka Scriptorum Medii Recentisque 7-9). 2 Bände in 3 Teilen, Budapest 1985-1988 (hier: Band 1 [Text], Nr. 114-116 und Band 2/2 [Kommentar], 37-42, 46-47, 99).
  • Kristó Gyula u. a. (Hg.), Documenta res Hungaricas tempore regum Andegavensium illustrantia, 1301-1387. 2. Band: 1306-1310, Budapest/Szeged 1992.
  • Imre Szentpétery (Bearb.), Scriptores rerum hungaricarum tempore ducum regumque stirpis Arpadianae gestarum. 1. Band, Budapest 1937.
  • Josef Widemann, Regesten Herzog Ottos III. von Niederbayern, ms. o. O. o. J. (einsehbar bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften)

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Sarah Hadry, Ungarisches Königtum Ottos III. von Niederbayern, 1305-1307, publiziert am 12.10.2009; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ungarisches_Königtum_Ottos_III._von_Niederbayern,_1305-1307> (18.10.2018)