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Mensuralcodex St. Emmeram

Dreistimmiges "Ave verum corpus" eines unbekannten Komponisten, kopiert und rubriziert von Hermann Pötzlinger. Zu sehen sind alle drei Stimmen: Discantus, Tenor und Triplum. (BSB Clm 14274, fol. 29 v)
Discantus und Beginn des Tenors eines Credo von Johannes Brassart (15. Jh.), geschrieben durch Schreiber C. (BSB Clm 14274, fol. 83v)
"Discantus und Beginn des Tenors einer Vertonung der Sequenz 'Lauda Sion' von Hermann Edlerawer. Kopist war Wolfgang Chranekker. (BSB Clm 14274, fol. 155v)"

von Ian Rumbold

Der Mensuralcodex St. Emmeram ist eine der wichtigsten Quellen für mehrstimmige Musik im spätmittelalterlichen Mitteleuropa. Der Codex enthält die Musiksammlung des Weltpriesters Hermann Pötzlinger (gest. 1469), der u. a. als Lehrer an der Schule des Regensburger Benediktinerklosters St. Emmeram wirkte. Als dort im Zuge der Melker Reform mehrstimmige Musik verboten wurde, ließ Pötzlinger die ursprünglich aus einzelnen Bögen bestehende Sammlung binden. Der Codex kam dann als Bestandteil der Büchersammlung, die Pötzlinger dem Kloster vermacht hatte, in die Bibliothek von St. Emmeram. Im Zuge der Säkularisation gelangte er 1811/12 in den Besitz der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek.

Der Codex und sein Inhalt

Der Mensuralcodex St. Emmeram (München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14274) ist eines der wichtigsten Zeugnisse für die Präsenz und die Pflege der mehrstimmigen Musik in Mitteleuropa während des späten Mittelalters. Die Handschrift verdankt ihren geläufigen Namen zwei Tatsachen: Zum einen wurde diese Musik – im Gegensatz zum gregorianischen Choral – in der sogenannten Mensuralnotation niedergeschrieben wurde, einer Notenschrift, die die Wechselwirkung der verschiedenen zusammenklingenden Stimmen rhythmisch kontrolliert. Andererseits entdeckte sie in den 1920er Jahren der Musikwissenschaftler Karl Dèzes (1892-1968) in den Bibliotheksbeständen des ehemaligen Benediktinerklosters St. Emmeram zu Regensburg, die 1811/12 in die nachmalige Bayerische Staatsbibliothek gekommen waren.

Die Papierhandschrift umfasst 158 Blätter. Sie enthält fast 250 verschiedene Stücke, die von vielen relativ einfachen Fauxbourdonsätzen bis zu vereinzelten Beispielen höchst komplexer Motetten der Epoche reichen.

Einige wurden von den international berühmtesten Künstlern der Zeit, z. B. John Dunstaple (gest. 1453), Gilles Binchois (gest. 1460) und Guillaume Du Fay (gest. 1474), komponiert. Andere stammen aber von Klerikern und Gelehrten, die als Komponisten nur lokale Bedeutung besaßen und auch anderen Tätigkeiten nachgingen, u. a. Hermann Edlerawer, der sowohl 1439–1444 als Kantor der Stiftskirche St. Stephan in Wien als auch als Bediensteter verschiedener österreichischer Adliger und der Stadt Wien tätig war, oder auch Rudolf Volkhart von Häringen (gest. 1465), Kanoniker der Stephanskirche und Professor an der Universität Wien, der auch Dekan der Alten Kapelle in Regensburg, Generalvikar des Bistums Regensburg sowie Pfarrer und Dekan von St. Peter in München war. Mehr als die Hälfte der Musik dieser Handschrift ist jedoch anonym überliefert.

Die Kirchenmusik überwiegt. Die anderen Stücke (u. a. französische Chansons) wurden entweder ohne Text (manchmal aber mit identifizierenden Incipits) oder mit alternativen lateinischen Texten im Mensuralcodex niedergeschrieben.

Die Entstehung der Handschrift steht mit den Mönchen und der Liturgie des Klosters St. Emmeram nicht in Zusammenhang. Sie gehörte ursprünglich dem Priester Hermann Pötzlinger. Pötzlinger war Nachkomme eines oberfränkischen Niederadelsgeschlechts. Er wurde in oder bei Bayreuth geboren. 1436–1439 studierte er an der Universität Wien und ließ sich 1448 oder früher in Regensburg nieder. Er ist als Inhaber der Pfarreien Auerbach in der Oberpfalz, Erbendorf, Neuhausen bei Landshut und Gebenbach, als auch als Kanoniker der Stiftskirche in Essing im Altmühltal nachweisbar, wobei er sich vor Ort wohl vertreten ließ und nur das Pfründeneinkommen nutzte. Um 1450 war er Rektor der Schule zu St. Emmeram. Um 1456–1458 studierte er weiter an der Universität Leipzig. Im Jahre 1459 trat er in Regensburg in den Ruhestand.

Pötzlingers Bibliothek umfasste ungefähr 100 Bände, die er dem Kloster St. Emmeram vermachte, vermutlich gegen ein lebenslanges Wohnrecht und eine Altersversorgung. Nach seinem Tode am 30. März 1469 wurden seine Bücher in die Klosterbibliothek aufgenommen und können, zum Teil dank der Bibliothekskataloge des Bibliothekars Dionysius Menger (1465–1530), noch heute in der Bayerischen Staatsbibliothek identifiziert werden. Wahrscheinlich hatte Pötzlinger den Mensuralcodex nicht zusammen mit seinen anderen Büchern aufbewahrt, sondern eher in der Klosterschule oder der Sakristei; jedenfalls kam diese Handschrift erst später als die anderen in die Klosterbibliothek und wurde zum ersten Mal 1748 von Johann Baptist Kraus (1700-1762) in seinem Katalog der Klosterbibliothek beschrieben.

Entstehung und praktische Verwendung

Der Mensuralcodex wurde (wie viele andere Handschriften Pötzlingers) hauptsächlich von ihm selbst geschrieben. Laut Inhalt, Wasserzeichen etc. stammt der Codex aus den Jahren 1439–1443/4 – wo und in welcher Funktion Pötzlinger damals tätig war, ist bislang unklar. Beim Erstellen der ersten beiden der drei Hauptteile der Handschrift wurde Pötzlinger von anderen, unbekannten Schreibern unterstützt. Den letzten Hauptteil jedoch fügte ein professioneller Musiker, Wolfgang Chranekker, der als Organist in St. Wolfgang am Abersee (Oberösterreich) 1441 und als Altarist der Dompfarrkirche St. Ulrich in Regensburg 1448 urkundlich belegt ist, hinzu. Ob der Mensuralcodex, wie auch zehn bis zwölf andere Handschriften von Pötzlinger, die aus demselben Zeitraum stammen, in Wien, Regensburg oder anderswo geschrieben wurde, lässt sich noch nicht genau sagen. Wahrscheinlich spiegelt er etwas von der musikalischen Praxis an der Universität Wien wider.

Es ist möglich, dass Pötzlinger die losen Lagen seiner Musiksammlung in der Schule zu St. Emmeram benutzt hat, um Kinder das Singen der Oberstimme der Musik zu lehren, während er selbst und sein Assistent den Tenor bzw. den Contratenor gesungen haben. Die Musik könnte auch in der Klosterkirche oder in der benachbarten Pfarrkirche St. Ruprecht gesungen worden sein. 1452 aber verbot die Melker Reform mehrstimmige Musik im Kloster. Wahrscheinlich erst in diesem Jahr ließ Pötzlinger die einzelnen Lagen zum Mensuralcodex in seiner heutigen Form zusammenbinden, wohl mit dem Ziel, die Handschrift im Regal zu verwahren, und in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich nie wieder für Aufführungszwecke benutzt werden würde.

Literatur

  • Bernhold Schmid, Das Alle dei filius aus dem Mensural-Codex St. Emmeram der Bayerischen Staatsbibliothek München "Clm 14274" und sein Umfeld, in: Musik in Bayern 42 (1991), 17-50.
  • Bernhold Schmid, Notationseigenheiten im Mensural-Codex St. Emmeram "Clm 14274" und Organistenpraxis, in: Musik in Bayern 43 (1991), 47-72.
  • Bernhold Schmid, Zur Edition des Mensural-Codex St. Emmeram der Bayerischen Staatsbibliothek München, in: Musik in Bayern 47 (1993), 47-56.
  • Tom R. Ward, A Central European Repertory in Munich, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14274, in: Early Music History 1 (1981), 325-343.
  • Dagmar Braunschweig-Pauli, Studien zum sog. Cod. St. Emmeram, Entstehung, Datierung und Besitzer der Handschrift, in: Kirchenmusik Jahrbuch 66 (1982), 1-47.
  • Ian Rumbold, The Compilation and Ownership of the „St Emmeram“ Codex (Munich, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14274), in: Early Music History 2 (1982), 161-235.
  • Ian Rumbold, The Library of Hermann Pötzlinger (ca. 1415–1469), Rector Scolarium at the Monastery of St Emmeram, Regensburg, in: Gutenberg-Jahrbuch 60 (1985), 329-340.
  • Dagmar Braunschweig-Pauli, Sankt-Emmeram-Kodex, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil. 8. Band, Kassel u. a. 1998, Sp. 943-946.
  • SACD-Aufnahme: Stimmwerck, The St Emmeram Codex. Aeolus AE-10023, 2008.
  • Ian Rumbold unter Mitarbeit von Peter Wright, Hermann Pötzlinger’s Music Book. The St Emmeram Codex and its Contexts (Studies in Medieval and Renaissance Music 8) Woodbridge 2009.
  • Peter Wright, The Contribution and Identity of Scribe D of the "St Emmeram Codex", in: Walter Frobenius/Rainer Kleinertz (Hg.), Musik des Mittelalters und der Renaissance. Festschrift Klaus-Jürgen Sachs zum 80. Geburtstag (Veröffentlichungen des Staatlichen Instituts für Musikforschung 18, Studien zur Geschichte der Musiktheorie 8), Hildesheim 2010, 283-316.

Quellen

  • Der Mensuralcodex St. Emmeram. Faksimile der Handschrift Clm 14274 der Bayerischen Staatsbibliothek München. Kommentar und Inventar von Ian Rumbold unter Mitarbeit von Peter Wright. Einführung von Martin Staehelin. Herausgegeben von der Bayerischen Staatsbibliothek und Lorenz Welker, 2 Bände, Wiesbaden 2006.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Ian Rumbold, Mensuralcodex St. Emmeram, publiziert am 01.03.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Mensuralcodex St. Emmeram> (17.11.2018)